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Skeptizismus und Moderne - Zur Rezeption der Moralphilosophie David Humes in den Federalist Papers

Eine Untersuchung zum Verhältnis von Tugend und Institutionen

Skeptizismus und Moderne - Zur Rezeption der Moralphilosophie David Humes in den Federalist Papers
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Franziska Drews
  • Abgabedatum: Dezember 1998
  • Umfang: 103 Seiten
  • Dateigröße: 878,1 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Technische Universität Dresden Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-1621-8
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-1621-8 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-1621-8 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Drews, Franziska Dezember 1998: Skeptizismus und Moderne - Zur Rezeption der Moralphilosophie David Humes in den Federalist Papers, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: David Hume, Skepsis, Federalist, Institutionalisierung, Tugend

Magisterarbeit von Franziska Drews

Einleitung:

Was ist Tugend? Der Gegenbegriff zu Laster. Dieser moralische Sinn wurde dem Wort aber erst unter dem Einfluss des christlichen Weltbildes beigelegt. Ursprünglich, und das ist für das deutsche Wort Tugend der westgermanische Sprachraum, bedeutete es "Tauglichkeit, Kraft, Vortrefflichkeit". Die gleiche Bedeutung hatten die Wörter arete und virtus, wobei sich von letzterem sowohl der unpolitische "Virtuose" als auch das politische "Triumvirat" herleiten. Virtus wiederum ist von vir (= der Mann) abgeleitet, so dass ein Triumvirat nur das politische Bündnis dreier vortrefflicher Männer sein kann.

Im heutigen englischen Wort virtue ist die ursprüngliche Bedeutung teils konserviert, jedoch angereichert um die sexuelle Konnotation "Keuschheit", was auf einen tiefgreifenden Wandel des Tugendbegriffes verweist. Es wird aber auch deutlich, dass weder das Wort selbst noch seine ursprüngliche Bedeutung aufgegeben wurden. Es wurde nur modifiziert und in die jeweilige gesellschaftliche Wirklichkeit - des Mittelalters, der Neuzeit etc. - übersetzt.

Noch in der englischen Restaurationsphase nach der Glorious Revolution sowie in der amerikanischen Verfassungsdebatte am Ende des 18. Jahrhunderts wurde virtue ganz selbstverständlich als politischer Begriff gebraucht.

Am Ende des 20. Jahrhunderts hat das Wort Tugend einen eigentümlich alteuropäischen Klang. Tugend gilt nicht mehr als politischer Begriff, Keuschheit ist als "Wert an sich" weitgehend aus der Mode gekommen, und auch die preußischen Sekundärtugenden sind vor dem Hintergrund der jüngsten Geschichte eher suspekt geworden. Nur von moralphilosophischer Seite wird konstatiert, dass die "moralische Krise der Gegenwart" auf den "Verlust der Tugend" zurückzuführen sei.

Schon diese wenigen Sätze verdeutlichen sowohl das ehrwürdige Alter als auch das Schillernde dieses Begriffes sowie die Tatsache, dass Begriffe dank ihrer stetigen Übersetzung sehr viel länger in Gebrauch sind als die historische und politische Konstellation dauert, in der sie entstehen. Das schlagende Beispiel in dieser Hinsicht ist natürlich die aristotelische Begriffssprache, "die nie darin aufging, eine jeweils einmalige Wirklichkeit widerzuspiegeln. Kraft ihrer elastischen Binnensystematik, die unterschiedlichste Aspekte freigibt, diente sie in Wiederholung und Anpassung, Wirklichkeitsbefunde zu erheben, kritisch zu sichten und rechtlich zu ordnen, immer dabei Macht und Einfluss der sozial verschieden situierten Menschen im Auge behaltend". Allein der Sprachgebrauch legt also historische Kontinuitäten nahe, wo möglicherweise lediglich strukturelle Gemeinsamkeiten bestehen, und Verluste da, wo es sich möglicherweise nur um den unvermeidlichen Wandel "in der Zeit" handelt. Das liegt - wie im obigen Zitat bereits angedeutet - nicht zuletzt an der Verbindung von Sprachgebrauch und Macht. Dies ist gerade auch bei philosophischen Grundbegriffen der Fall, obwohl sie auf den ersten Blick eher unpolitischen, ja geradezu ahistorischen Charakter zu haben scheinen. Analysiert man philosophische Begriffe jedoch kontextuell, d. h. im Hinblick auf ihren Status innerhalb eines ganzen Begriffsnetzes, zeigen sich Denkstrukturen, die ihrerseits Weltbilder gerieren oder, um mit Heidegger zu sprechen, die Frage nach dem Sinn von Sein aufwerfen (und beantworten sollen).

Die vorliegende Magisterarbeit ist ein Versuch, den Tugendbegriff solchermaßen kontextuell zu untersuchen und zwar unter der leitenden Fragestellung, weshalb dieser aus der griechischen Philosophie stammende Begriff, der über Jahrhunderte als Bindeglied bei der Verknüpfung von Seins- und Wertfrage fungiert hatte, in der Neuzeit dieser Bindegliedfunktion nicht länger gerecht wurde, sich in der Philosophie der Aufklärung endgültig in einen öffentlichen - das public good betreffenden - und in einen privaten Aspekt spaltete und in seiner Bedeutung als politischer Begriff allmählich ausgehöhlt wurde.

Diesen Vorgang, der sich aus vielen, zum Teil sehr verwickelten Theoriesträngen zusammensetzt, sehe ich jedoch nicht als "Verlustgeschichte", sondern eingebettet in eine allmähliche Verschiebung eines ganzen Begriffsnetzes, die die Struktur eines Paradigmenwechsels hat. Folgt man Kondylis, handelt es sich dabei um die "Rehabilitation der Sinnlichkeit" in Form der Entdeckung des Menschen als Naturwesen und der ontologischen Aufwertung der Natur als dem Menschen würdiger Erkenntnisgegenstand. Damit löste der Naturbegriff Gott als summum bonum ab, was im Zusammenhang mit dem sog. Verlust der Transzendenz zu sehen ist, den man kurz gefaßt als Verlust der Heilsgewissheit, der certitudo salutis, im Gefolge der Reformation und als Verlust der Wahrheitsgewissheit als Folge der Begründung des heliozentrischen Weltbildes charakterisieren kann und der den Beginn der Neuzeit markiert.

Natürlich ist es im Rahmen einer Magisterarbeit nicht möglich, eine Kontextanalyse zu leisten, die zumindest alle wichtigen philosophischen Theorien der Neuzeit hinsichtlich des Status ihrer jeweiligen Tugendbegriffe innerhalb der Theorie zu untersuchen hätte, um die Strukturen des o. g. Paradigmenwechsels aufzuzeigen. Vielmehr kann nur ein kleiner Ausschnitt dieses umfassenden Vorganges untersucht werden. Die Grundlage hierfür sollen folgende Thesen bilden:

1. Tugendbegriffe erfüllen ihre Funktion als Bindeglied bei der Verflechtung von Seins- und Wertfrage, solange sie die Verbindung zwischen dem jeweiligen Menschenbild - der Anthropologie - und der Ontologie herstellen, so daß hieraus Normen abgeleitet werden können. Sie haben den Charakter von Leitideen, aus denen Handlungsanweisungen (beispielsweise in Form der vier Kardinaltugenden) für ein gelingendes - eben tugendhaftes -Leben abgeleitet werden. Daher müssen Tugendbegriffe in beiden Sphären verortet sein, im Sein und im Sollen.

2. Ändert sich der Inhalt der Ontologie (wie es zu Beginn der Neuzeit geschah) oder trennt man Sein und Sollen - wie David Hume es in seiner Philosophie tat und damit dem Skeptizismus der Moderne die theoretische Basis schuf -, "hängt" der Tugendbegriff mit einem Ende quasi in der Luft und muß neu verortet werden, soll er seiner Bindegliedfunktion weiterhin gerecht werden. Dies kann bedeuten, dass der Tugendbegriff sich inhaltlich wandelt, jedoch strukturell, in seiner Funktion als Leitidee beibehalten wird. Dies geschah in der Philosophie der Aufklärung, in die Humes Werk gehört, indem Tugend nicht mehr im Intellekt, sondern in den Sinnen - den passions - fundiert wird. Es ist aber auch möglich, daß der Tugendbegriff seine Bindegliedfunktion verliert und inhaltlich ausgehöhlt wird. In diesem Fall wird er von neuen Leitbegriffen abgelöst und verschwindet allmählich aus dem Sprachgebrauch, auch wenn er als Wort erhalten bleibt.

3. Die Rehabilitation der Sinnlichkeit ermöglichte diese Neufundierung der Tugend zwar; dies führte jedoch dazu, dass der Mensch als Naturwesen im Theoriegefüge nunmehr eine logisch zweideutige Stellung einnahm: Sinnlich war er Teil der Natur, geistig stand er über der Natur. Ausgehend von diesem logischen Zwiespalt, der sich - jedenfalls formallogisch - als tatsächlich unüberbrückbar erweisen sollte, trennten sich die Wege von Rationalismus und Empirismus. Die Philosophie David Humes, der den Empirismus erkenntnistheoretisch begründete, ist deshalb so interessant für die Frage nach den Konsequenzen dieses logischen Zwiespaltes für den Tugendbegriff, weil er den neuzeitlichen Primat der Anthropologie vor der Ontologie konsequent zu Ende dachte und die erste Moralphilosophie entwickelte, die auf eine metaphysische Rückbindung von Ethik und Politik gänzlich verzichtet und die, indem sie Sein und Sollen strikt trennt, eine spezifisch moderne konventionalistische Ethik begründet. Seine Tugendlehre wurde von den Federalists rezipiert, die auf dieser Basis eine ganz neue politisch-institutionelle Lösung des Tugendproblems entwickelten.

4. Der Tugendbegriff spaltete sich jedoch nicht allein aus logischen Gründen, sondern vor allem auch, weil die neuzeitliche Trennung von Staat und Religion dazu führte, dass er als politischer Begriff spätestens im 17. Jahrhundert an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit kam. Obwohl die amerikanische Verfassungsdebatte den Charakter eines Tugend-Diskurses hatte, gingen sowohl Federalists als auch Anti-Federalists implizit bereits von einem gespaltenen Tugendbegriff aus, da sich am Ende des 18. Jahrhunderts die spezifisch bürgerliche Trennung in staatliche (öffentliche) und gesellschaftliche (private) Sphäre und, damit einhergehend, die begriffliche Unterscheidung von public good und private interest weitgehend durchgesetzt hatte. Der auch in Amerika rezipierte, aus der Philosophie der Antike stammende, Tugendbegriff wird zumindest auf Seiten der Federalists oft nur rhetorisch verwendet, was darauf hindeutet, daß der klassisch-republikanische Tugendbegriff allmählich vom neuen Leitbegriff des Interesses verdrängt wird.

Um die o. g. Thesen zu erhärten, muss beim Tugendbegriff der griechischen Philosophie angesetzt werden, da alle späteren Tugendlehren im Rekurs auf diesen formuliert wurden. Deshalb sollen hier exemplarisch der aristotelische Tugendbegriff und die Stoa einbezogen werden. Die neuzeitliche Trennung von Staat und Religion ist die entscheidende Zäsur bezüglich der politisch-theoretischen Analyse des Tugendbegriffes - politische Macht musste auf säkularer Basis neu begründet werden. Exemplarisch hierfür soll Hobbes' Vertragstheorie stehen, weil sie sowohl für die britische als auch für die amerikanische politische Theoriebildung, die ja das Thema der vorliegenden Arbeit ist, von besonderer Wichtigkeit war. Für die philosophische Analyse neuzeitlicher Tugendbegriffe ist hingegen der Wandel des summum bonum bzw. die Bestimmung des Menschen als Naturwesen und die hieraus resultierenden logischen Probleme bezüglich der Neuverknüpfung von Seins- und Wertfrage maßgeblich. Um die Strukturen dieses oben als Paradigmenwechsel beschriebenen Vorganges wenigstens punktuell zu erfassen, wird daher im ersten, dem theoretischen Teil der Arbeit - welchem die These von der "Rehabilitation der Sinnlichkeit" zu Grunde liegt - auf den Wandel einiger wichtiger philosophischer Grundbegriffe eingegangen.

Auf dieser Grundlage wird im zweiten Teil der Arbeit die Philosophie David Humes untersucht, wobei es nicht darum gehen kann, Humes Gesamtwerk gerecht zu werden. Mein hauptsächliches Interesse gilt seiner Tugendlehre, die im Sinne der obigen Thesen im Zusammenhang mit seinem Naturbegriff und seinem Vernunftbegriff untersucht werden soll. Die Basis für seine Tugendlehre bilden nach Humes eigenem Bekunden die Analyse der Affekte und die Analyse der Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Daher wird neben der Affektenlehre seine Erkenntnistheorie hier insoweit einbezogen, wie es sich um Schlüsselbegriffe und -analysen handelt, die für das Verständnis seiner empirischen Methode und deren Konsequenzen für seine Moralphilosophie unverzichtbar sind. Anschließend wird Humes politische Philosophie anhand einiger ausgewählter Essays exemplarisch dargestellt. Deren Fragestellungen wurden für die im dritten Teil der Arbeit behandelte Rezeption der Humeschen Philosophie durch die Federalists wichtig.

Inhaltsverzeichnis:

Einführung 1
1. Die Rehabilitation der Sinnlichkeit und die Tugend 6
1.1 Zu Kontext und Struktur von Normbegründung in der abendländischen philosophischen Tradition 6
1.2 Eudaimonia oder Apatheia? - Tugendlehren der Antike 7
1.2.1 Aristoteles 7
1.2.2 Die Stoa 12
1.3 Neostoizismus, Rationalismus und Aufklärung 19
1.3.1 Zur Bedeutung des Neostoizismus für den neuzeitlichen Tugendbegriff 19
1.3.2 Natur und Naturmodell 21
1.3.3 Vernunft als Funktion 23
1.3.4 Die Theorie des modernen Staates und die Institutionalisierung der Tugend 27
2. Glück oder Tugend - die moralphilosophische Frage 32
2.1 Zum historischen Kontext der Philosophie David Humes 32
2.1.1 Religiöse und politische Konfliktlinien in Schottland nach der Glorious Revolution 32
2.1.2 Die finanzielle Revolution und der britische Tugend-Diskurs an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert 34
2.2 Zur Moralphilosophie David Humes 37
2.2.1 Humes philosophischer Ausgangspunkt 37
2.2.2 Erkenntnistheoretische Grundbegriffe - perceptions, impressions und ideas 39
2.2.3 Kausalität als Gewohnheit 41
2.2.4 Naturwissenschaft als Metaphysik 43
2.2.5 Of the passions - eine Theorie der Gefühle 46
2.2.6 Egoismus und Sympathie 48
2.2.7 Tatsachen und Werte - die Sein-Sollen-Dichotomie 53
2.2.8 Natürliche und künstliche Tugenden 56
2.2.9 Tugend und Interessen 58
2.3 Zur politischen Philosophie David Humes 61
2.3.1 Ursprünge in Wäldern und Wüsten - Gesellschaft als Prozess 61
2.3.2 Das Spannungsverhältnis von Autorität und Freiheit 66
2.3.3 Die Idee einer vollkommenen Republik 67
3. Tugend und Institutionalisierung - zur Rezeption der Philosophie David Humes in den Federalist Papers 70
3.1 Pursuit of happiness und der Ort der Tugend 70
3.2 Politische Klugheit als Prämisse - factions, refinement und die Frage nach der "richtigen" Größe der neuen Republik 72
3.3 Novus ordo saeclorum - eine Gründung vor aller Augen 78
Zusammenfassung 84
Abkürzungsverzeichnis 89
Literaturverzeichnis 90

Automatisiert erstellter Textauszug:

Bevor auf das Verhältnis von Egoismus und Sympathie eingegangen werden kann, soll zunächst Humes Begriff der sympathy vom deutschen Wort „Sympathie“ abgegrenzt werden, das den Inhalt von Humes sympathy-Begriff nur sehr ungenau wiedergibt: Hume fasst sympathy funktional auf, als inhaltlich wertneutrale Mitteilung von Affekten zwischen Lebewesen, d. h. sie findet „bei Tieren ebenso gut statt, wie bei Menschen“ (Hume THN II, zit. n. Streminger, 1995a, 190). Die sympathy ist selbst kein Affekt, sondern der von Hume gesuchte psychische Mechanismus zur Übertragung von Affekten: „Keine Eigenschaft der menschlichen Natur ist, sowohl an sich als auch in ihren Folgen, bedeutsamer als die uns eigentümliche Neigung, mit anderen zu sympathisieren, und auf dem Wege der Mitteilung deren Neigungen und Gefühle, auch wenn sie von den unseren noch so verschieden, ja denselben entgegengesetzt sind, in uns aufzunehmen. So teilt ein gutmütiger Mensch sofort die Stimmung seiner Umgebung; und selbst die Stolzesten und Grämlichsten werden in diesem Punkte einigermaßen durch ihre Landsleute und Bekannten beeinflusst. Ein fröhliches Gesicht versetzt mein Gemüt in fühlbare Freude und Heiterkeit; ein ärgerliches oder betrübtes wirft einen plötzlichen Schatten darauf. Hass, Groll, Achtung, Liebe, Mut, Fröhlichkeit und Schwermut, alle diese Affekte bewegen uns mehr auf Grund des Mitgefühls als auf Grund unserer eigenen Stimmung und Temperamentsbeschaffenheit“ (Hume THN II, zit. n. Streminger, 1995a, 189f). [...]

Nachdem sich in Humes Erkenntnistheorie der eher untergeordnete Stellenwert des menschlichen Intellektes herauskristallisiert hatte und die Verbindung von Intellekt und Außenwelt sogar in den Verdacht der Kontingenz geraten war, wandte er sich den Affekten als den eigentlichen Antrieben der menschlichen Natur zu. Diese Wendung ist einerseits typisch für die Philosophie der Aufklärung, andererseits ist sie die Konsequenz aus Humes oben umrissener empiristischer Erkenntnistheorie, der zufolge die sinnliche Wahrnehmung der Ursprung aller Erkenntnis ist. In den Büchern II und III des Treatise und auch später in seiner Enquiry concerning the Principles of Morals (EPM) und in seinen politischen und ökonomischen Essays wandte er seine erkenntnistheoretischen Einsichten auf psychologische, politische und moralphilosophische Fragestellungen an. Die Philosophie der Aufklärung ging bekanntlich erstmals über die europäische Tradition der negativen Bewertung der Sinnlichkeit hinaus und sah in den Affekten nicht mehr lediglich perturbationes animi. Sie sind vielmehr „die lebendigen Impulse, die das seelische Geschehen als Ganzes erst anregen und in Gang halten“ (Streminger, 1995a, 184). Diesem antistoizistischen und insbesondere anticartesianischen Ansatz teilt auch Hume, wenn er im zweiten Buch des Treatise – Of the passions – die Entstehung und das Zusammenspiel der passions untersucht. Seine Analyse der Affekte ist das zweite unverzichtbare Element für seine Begründung einer aufgeklärten Moralphilosophie, denn die darin enthaltene Umkehrung des Verhältnisses von Vernunft und Leidenschaften ist die Voraussetzung für die Neufundierung des neuzeitlichen, aus der Philosophie der Antike übernommenen Tugendbegriffs. Mit dem Begriff passions bezeichnet Hume alle Triebe, Affekte oder Emotionen, „die ihren Ursprung in natürlichen Instinkten (natural impulse or instinct) der Menschen haben“ (Hume THN II, zit. n. Rohbeck, 1978, 137). Die passions sollen nicht mehr überwunden, sondern müssen im Gegenteil gestärkt werden, da sie die eigentliche Basis tugendhaften Handelns sind. In seiner Affektenlehre nimmt sich Hume deshalb vor zu zeigen, „dass der Entstehung und Veränderung von Affekten ein Mechanismus zugrunde liegt, der so sorgfältig wie bei physikalischen Gegenständen untersucht werden kann“ (Streminger, 1995a, 186). Auch hier wird wiederum deutlich, dass ihm Newtons Mechanik als Leitbild dient, wenn es darum geht, die Natur des Menschen zu erforschen. [...]

In seiner Kausalitätsanalyse wendet Hume das empiristische Sinnkriterium auf den Begriff der notwendigen Verknüpfung von Ursache und Wirkung an, indem er fragt, ob sich eine impression aufzeigen lässt, die uns zu der Vorstellung (idea) berechtigt, dass ein bestimmtes Ereignis in der Realität notwendigerweise die Ursache oder die Wirkung eines anderen beobachteten Ereignisses ist. Diese Frage ist sehr weitreichend, beruhen doch alle Prognosen auf der Vorstellung von kausalen Zusammenhängen und „neben Tatsachenfeststellungen ist das Wissen um kausale Beziehungen das Fundament jeder Wissenschaft“ (Streminger, 1995a, 163). Ein Wahrheitswert käme dem Begriff der Kausalität demnach nur zu, wenn sich eine solche impression aufzeigen ließe, denn nur in diesem Fall wäre das Kriterium der Notwendigkeit erfüllt. Wie Hume in seinem berühmten Billardkugel-Beispiel zeigt, findet sich eine solche impression in der äußeren Wahrnehmung nicht. Wir nehmen nur ein zeitliches Nach- [...]

Arbeit zitieren:
Drews, Franziska Dezember 1998: Skeptizismus und Moderne - Zur Rezeption der Moralphilosophie David Humes in den Federalist Papers, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
David Hume, Skepsis, Federalist, Institutionalisierung, Tugend

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