Sizilien im Film
Die Darstellung von Sizilien in den Filmen von Luchino Visconti, Francesco Rosi und Pietro Germi
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Carmen Hasenbein
- Abgabedatum: September 2001
- Umfang: 136 Seiten
- Dateigröße: 2,1 MB
- Note: 1,1
- Institution / Hochschule: Universität der Künste Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-5569-9
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-5569-9 P - ISBN (CD) :978-3-8324-5569-9 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Hasenbein, Carmen September 2001: Sizilien im Film, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Risorgimento, Mafia, Neorealismus, Italien, Salvatore Giuliana
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Diplomarbeit von Carmen Hasenbein
Einleitung:
Der Bildungstourist Goethe bereiste im Jahre 1787 Italien mit der Postkutsche und stellte fest: „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele. Hier ist erst der Schlüssel zu allem.“ Der deutsche Schriftsteller Johann Gottfried Seume unternahm zwei Jahrzehnte später von Leipzig aus einen Spaziergang nach Syrakus in Sizilien und entdeckte den „bestialischen Makkaronenfraß“ des gemeinen Sizilianers. Aber welches Bild weckt Sizilien? Selbst wer noch nie in Sizilien, diesem oft vergessenen Anhängsel von Italien, gewesen ist, hat bestimmte Vorstellungen von der Insel – nicht zuletzt durch die vielen Filme, die in und über Sizilien entstehen. Angefangen bei den Klassikern wie Stromboli über Giuseppe Tornatores Nuovo Cinema Paradiso bis hin zu der Serie Allein gegen die Mafia kam Sizilien in jedes Wohnzimmer, oft voller Klischees und Stereotypen:
rauchende Schrotflinten und die Mafia, wüstenähnliche Landstriche, archaischer Ehrbegriff, dornige Kaktusfeigen.
In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, wie Sizilien im Film dargestellt wird. Um den Umfang dieser Arbeit nicht zu sprengen und die einzelnen Filme ausreichend analysieren zu können, möchte ich mich auf drei Regisseure beschränken: Luchino Visconti, Francesco Rosi und Pietro Germi.
Die sechs von mir ausgewählten Filme sind in den Jahren von 1948 bis 1976 entstanden, so dass aufgrund des zeitlichen Spektrums auch darauf eingegangen werden kann, ob eine Entwicklung in der filmischen Darstellung stattgefunden hat.
Zunächst möchte ich kurz die Vorgehensweise für diese Arbeit und die Kriterien, nach denen ich die Filme der drei Regisseure ausgewählt habe, erläutern.
Folgende Filme habe ich für die Untersuchung ausgewählt:
1. La terra trema (1948) dt. Titel: Die Erde bebt von Luchino Visconti.
2. Il Gattopardo (1962) dt. Titel: Der Leopard von Luchino Visconti.
3. In nome della legge (1948) dt. Titel: Im Namen des Gesetzes von Pietro Germi.
4. Divorzio all’italiana (1961) dt. Titel: Scheidung auf italienisch von Pietro Germi.
5. Salvatore Giuliano (1961) dt. Titel: Wer erschoss Salvatore G.? von Francesco Rosi.
6. Cadaveri eccellenti (1976) dt. Titel: Die Macht und ihr Preis von Francesco Rosi.
In dieser Auflistung habe ich auch die deutschen Verleihtitel der Filme vermerkt, im weiteren Verlauf werde ich die Originaltitel verwenden.
La terra trema ist einer der ersten auch international beachteten Filme, dessen Thema Sizilien ist – er soll für die vorliegende Arbeit den Anfangspunkt darstellen und der 1976 entstandene Filme Cadaveri eccellenti von Francesco Rosi den zeitlichen Schlusspunkt.
Natürlich kann die Auswahl der Filme nur subjektiv sein. Für diese Arbeit gelten jedoch einige grundsätzliche Kriterien, die die Auswahl von vornherein beschränken: Um sicherzustellen, dass es sich bei dem Blick auf das Land nicht um einen „fremden“ Blick handelt, habe ich nur Filme von italienischen Regisseuren ausgewählt. Um die Filme miteinander vergleichen zu können, ist es weiterhin wichtig, dass alle Filme ihre Handlung in Sizilien haben und die Protagonisten vornehmlich Sizilianer sind. Im Laufe der Recherche habe ich festgestellt, dass Sizilien zwar sehr oft zum Thema eines Films gemacht wurde, es gibt allerdings nicht sehr viele – besonders ältere – Filme, auf die alle genannten Kriterien zutreffen.
Um herauszufinden, wie die Regisseure Sizilien darstellen, möchte ich den jeweiligen Film in dominierende Themen unterteilen, die mir beim Ansehen als erste aufgefallen sind. Da jeder Film eigenständig behandelt werden muss, können durch die Unterschiedlichkeit der Produktionen jeweils völlig andere Themen in den Vordergrund rücken. Auf diese Weise ist es möglich, herauszufinden, ob es bestimmte Muster oder Umstände gibt, die in den einzelnen Filmen immer wieder auftauchen und somit das Bild von Sizilien bestimmen.
Vor dem Einstieg in die Analyse der oben genannten Werke möchte ich im folgenden Kapitel auf die Anfänge des Kinos in Sizilien sowie auf Sizilien in früheren Filmen eingehen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 4 |
| 2. | Vorgehensweise und Auswahl der Filme | 5 |
| 3. | Kino in Sizilien – Sizilien im Kino | 8 |
| 4. | Neorealismus | 14 |
| 5. | Luchino Visconti | 17 |
| 5.1 | La terra trema (1948) | 18 |
| 5.1.1 | Fabula | 19 |
| 5.1.2 | Themenkomplexe | 19 |
| 5.1.2.1 | Die Familie Valastro | 20 |
| 5.1.2.2 | Der Bezug der Menschen zu ihrer Umwelt | 22 |
| 5.1.2.3 | Sprache | 23 |
| 5.1.2.4 | Liebe, Erotik und die allgegenwärtige Ehre | 24 |
| 5.1.2.5 | Religion versus Familienbund | 26 |
| 5.1.2.6 | Hoffnung | 27 |
| 5.1.3 | La terra trema und die Zeit seiner Entstehung | 28 |
| 5.2 | Il Gattopardo (1962) | 30 |
| 5.2.1 | Italien zur Zeit des Risorgimento | 32 |
| 5.2.2 | Fabula | 34 |
| 5.2.3 | Themenkomplexe | 35 |
| 5.2.3.1 | Don Fabrizio und seine Untertanen | 36 |
| 5.2.3.2 | Landschaft | 39 |
| 5.2.3.3 | Religion, Liebe und Erotik | 41 |
| 5.2.3.4 | Schauriges – und göttliches Sizilien | 42 |
| 5.2.3.5 | Leitmotiv und Dominante | 43 |
| 5.3 | Luchino Viscontis Sizilien | 45 |
| 6. | Pietro Germi | 48 |
| 6.1 | In nome della legge (1948) | 49 |
| 6.1.1 | Die Mafia | 49 |
| 6.1.2 | Fabula | 53 |
| 6.1.3 | Themenkomplexe | 54 |
| 6.1.3.1 | Guido Schiavi und die Mafia | 55 |
| 6.1.3.2 | Inszenierung der Landschaft und ihrer Bewohner | 60 |
| 6.1.3.3 | Das Gesetz des Schweigens: omertà | 62 |
| 6.1.3.4 | Unerlaubte Liebe und die Ehre | 64 |
| 6.2 | Divorzio all’italiana (1961) | 65 |
| 6.2.1 | Fabula | 66 |
| 6.2.2 | Themenkomplexe | 67 |
| 6.2.2.1 | Der Baron Cefalù und seine Ehefrau | 67 |
| 6.2.2.2 | Fefés Ehre steht auf dem Spiel | 70 |
| 6.2.2.3 | Sexualität: Die Natur des wahren Mannes | 72 |
| 6.3 | Pietro Germis Sizilien | 74 |
| 7. | Francesco Rosi | 78 |
| 7.1 | Salvatore Giuliano (1961) | 80 |
| 7.1.1 | Historischer Kontext | 81 |
| 7.1.2 | Struktur des Films | 88 |
| 7.1.3 | Themenkomplexe | 91 |
| 7.1.3.1 | Salvatore Giuliano | 92 |
| 7.1.3.2 | Die Banditen um Salvatore Giuliano | 94 |
| 7.1.3.3 | Die Landbevölkerung | 96 |
| 7.1.3.4 | Die Frauen und die Liebe | 98 |
| 7.1.3.5 | Aristokraten, Staatsmacht und die Mafia | 101 |
| 7.1.3.6 | Das „wirkliche Thema“ | 104 |
| 7.2 | Cadaveri eccellenti (1976) | 106 |
| 7.2.1 | Fabula | 107 |
| 7.2.2 | Themenkomplexe | 108 |
| 7.2.2.1 | Inspektor Rogas | 108 |
| 7.2.2.2 | Die Vertreter der Justiz | 110 |
| 7.2.2.3 | Die Polizei und die politischen Gruppierungen | 114 |
| 7.2.2.4 | Landschaft und Bevölkerung | 115 |
| 7.2.2.5 | Abwesenheit der Frauen und der Liebe | 117 |
| 7.2.2.6 | Nord-Süd-Konflikt | 118 |
| 7.2.2.7 | Die Mafia | 118 |
| 7.2.3 | Der historische Kontext | 120 |
| 7.3 | Francesco Rosis Sizilien | 121 |
| 8. | Schluss | 124 |
| 9. | Abspann | 127 |
Das Bild des Barons Cefalù stimmt hier also überein mit den Äußerungen Sciascias. Fefé ist von seiner Frau gelangweilt und möchte sie nur möglichst schnell und elegant loswerden. Seine sicher vor der Hochzeit zur Schau gestellte Mannbarkeit braucht er hier nicht mehr zu beweisen, schließlich sind sie ja jetzt miteinander verheiratet. Sein Werben gilt nun den anderen Frauen. Auch sein eigener Vater verhält sich nicht anders. Auch er hat schon den Aussichtspunkt im Badezimmer entdeckt, von dem aus er Angela beobachtet. Ungeniert berührt er das Hinterteil des Dienstmädchens und flüstert ihr an dem Abend, als er ins Kino geht, um La dolce vita zu sehen, noch zu „Lass’ die Tür auf heut’ Nacht, ich erzähle dir vom Film ...“ Auch Carmelo, der verheiratet ist und Vater dreier Kinder, macht nicht nur Rosalia den Hof, sondern stellt bei der ersten sich bietenden Gelegenheit auch dem Dienstmädchen nach – im Grunde ist er hier der „wahre Mann“. Wie viele dieser Vorhaben allerdings in die Tat umgesetzt werden, ist fraglich. Vorerst scheinen sich die Männer mit der Demonstration ihrer Virilität zufriedenzugeben. Hier möchte ich noch einmal Leonardo Sciascia zitieren: „Der Sizilianer ist überzeugt, der ‚Beste’ in der Liebe und Sex zu sein, schlauer, abgebrühter, wacher und aktiver als jeder andere und dass die Sizilianer Frauen besser als alle anderen lieben und befriedigen. Das passiert aus dem einzigen Wunsch heraus, sich seinen guten Ruf als wahrer Mann zu bewahren.”111 Und den Frauen bleibt die passive Rolle zugeschrieben – sie müssen keusch auf ihre Ehre achten. Unkeusche Frauen werden nur als Prostituierte begehrt, und das ist nun wahrlich kein ehrenhafter Beruf. Verheiratete Frauen müssen ihren Männern treu sein, während ihre Männer zwanghaft nach anderen Frauen Ausschau halten, und diese Frauen müssen wiederum züchtig ihre Annäherungsversuche abwehren, um ihren Ruf zu wahren. Dass Sciascia als profunder Kenner seiner Landsleute den Begriff des „großen sizilianischen Wahnsinns“ für die komplizierten Beziehungen von Mann und Frau verwendet, kann daher nicht verwundern. Germis Film enthält einige schöne ironische Anspielungen auf die Einstellungen der Geschlechter zueinander, so weist ein [...]
Diese Fähigkeiten kann er vor der Ehe allerdings nur bedingt unter Beweis stellen, da vorehelicher Sex im katholischen Sizilien ein Tabu ist. Ist er verlobt, aber noch nicht verheiratet, darf er seine Freundin in den 1960er Jahren wohl auch nur heimlich küssen. Fefés Schwester Agnese und ihr Verlobter Rosario werden mehrmals von Fefé erwischt, während sie in stillen Ecken und Zimmern alleine miteinander sind. Jedes Mal fahren sie erschreckt auseinander und während Agnese verschämt ihre Brille wieder aufsetzt, versäumt Rosario nicht, sofort zu beteuern, dass er Agnese so bald wie möglich heiraten wird. Im Moment ist ihm das noch nicht möglich, da das Trauerjahr für seinen verstorbenen Großvater noch nicht abgelaufen ist, er will aber sicher sein, dass Fefé an seinen ernsten Absichten nicht zu zweifeln braucht. Eine bereits begonnene Beziehung verlangt demnach die unbedingte Besiegelung durch die Ehe – in der Hoffnung, dass sie anders als diejenige von Ferdinando und Rosalia verlaufen wird. War es im Gattopardo noch die tiefe Religiosität der Ehefrau, die die Erotik zwischen (dem durchaus gewillten) Don Fabrizio und seiner Frau zunichte machte, ist laut Leonardo Sciascia die Ehe selbst der Grund dafür. Er behauptet, dass der Sizilianer jede Frau begehrt, so lange es sich um eine andere als die eigene handelt. Ist sie ihm erst [...]
„Ein großer Teil der Träume der Sizilianer bezieht sich weiterhin auf Frauen. Ein bestimmtes Verhalten Frauen gegenüber ist ein Muss: wer ein richtiger Sizilianer ist, hat Frauen, ist von ihnen besessen, weil das die wahre Natur des Mannes ist.“ (Leonardo Sciascia)109 Das tägliche Leben in Sizilien wird stark von den Regeln, die die Wahrung der Ehre betreffen, beeinflusst. Dabei sind die Verhaltensrichtlinien vor allem im Hinblick auf die Liebe für Männer und Frauen unterschiedlich: Die Frau hat möglichst keusch und „anständig“ zu sein, während von dem Mann geradezu erwartet wird, seine Ehre und Männlichkeit offen zur Schau zu stellen. Im Italienischen gibt es dafür das wunderbare Wort gallismo. Abgeleitet von gallo (Hahn), der in der bäuerlichen Welt das Tier mit der „perfekten“ Sexualität repräsentiert, da es unersättlich und immer bereit ist, alle Bedürfnisse zu befriedigen, bezeichnet gallismo treffend das stolze Imponiergehabe des Mannes, der von seinen sexuellen Fähigkeiten überzeugt ist. [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832455699
Arbeit zitieren:
Hasenbein, Carmen September 2001: Sizilien im Film, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Risorgimento, Mafia, Neorealismus, Italien, Salvatore Giuliana



