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Die Situation von Sehgeschädigten in der Gesellschaft aus sozialpädagogischer Sicht

Integration - Wunschtraum oder Wirklichkeit

Die Situation von Sehgeschädigten in der Gesellschaft aus sozialpädagogischer Sicht
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Anette Lürding
  • Abgabedatum: Februar 1996
  • Umfang: 92 Seiten
  • Dateigröße: 643,2 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Fulda Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-6545-2
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-6545-2 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-6545-2 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Lürding, Anette Februar 1996: Die Situation von Sehgeschädigten in der Gesellschaft aus sozialpädagogischer Sicht, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Blind, Sehbehindert, Medien, Ausbildung, Film

Diplomarbeit von Anette Lürding

Einleitung:

Eine Diplomarbeit über die gesellschaftliche Situation Blinder zu schreiben, bedeutet, sich auf ein bislang doch sehr vernachlässigtes und sozialwissenschaftlich lückenhaft Erforschtes Gebiet zu begeben. Ein Großteil der verfügbaren Literatur aus dem Bereich der Blindenpädagogik befasst sich primär mit Kindern und Jugendlichen und hier wiederum vor allem mit deren Erziehung und Unterrichtung. Sicherlich ist diese Altersgruppe nicht zu vernachlässigen, jedoch werden dadurch Problematiken Blinder in anderen Lebensphasen vernachlässigt.

Was geschieht mit ihnen nach der Schulentlassung? Ist ihre Rehabilitation und ihre Integration mit der Entlassung oder dem Eintritt ins Berufsleben beendet?

Analysen über die soziale Lage Sehgeschädigter fehlen weitgehend. Überwiegend wird von „dem Blinden“ gesprochen. Selten findet man von Betroffenen selbst geschriebene Literatur. Wenn, so findet man zumeist sehr subjektive Schilderungen. Oftmals können selbst andere Sehgeschädigte bestimmte Aussagen nicht nachvollziehen. Auch in meiner Arbeit sind die getroffenen Aussagen selbstverständlich nicht objektiv. Letztlich kann ich nur Ausschnitte aus alltäglichen Situationen, die ich selbst oder mir bekannte Personen erlebt haben, als Beispiel anführen.

Manchmal kann man über einige teilweise absurde und dennoch realistische Vorkommnisse in unserer Gesellschaft sogar schmunzeln. Dies halte ich sogar für äußerst sinnvoll, denn Humor sollte stets ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens sein!

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Frage nach dem Bild „des Blinden“ in der Gesellschaft. Wie werden wir gemeinhin gesehen und „behandelt“? Was ist bei uns anders als bei Sehenden? Werden wir oftmals nicht erst durch die Behandlung Anderer zu „Behinderten“ gemacht? Was können Blinde überhaupt „leisten“ (inwieweit werden wir eingeschränkt)? Wie wird die Arbeit Sehgeschädigter bewertet und inwieweit sind oder werden wir in der Ausübung unserer Arbeit gehindert? Wie gehen Sehgeschädigte mit dieser Problematik und der sich daraus ergebenden gesellschaftlichen und sozialen Diskriminierung um? Die wichtigste Frage jedoch wird von den wenigsten Autoren behandelt: Woher resultiert dieses Bild in der Gesellschaft, wie und wodurch entstehen die gängigen Vorurteile?

Gang der Untersuchung:

Im ersten, theoretischen Teil, möchte ich allgemeine Definitionen und statistische Daten liefern. In der Literatur und auch im täglichen Leben ist die Situation Sehgeschädigter kein Thema, das im besonderen Interesse der Gesellschaft steht. Es ist schwierig, umfassende und aktuelle Daten zur Lage Sehgeschädigter in der Bundesrepublik zu beschaffen. In der Regel muss man sich hier mit den Angaben begnügen, die durch die Blindenverbände selbst erhoben wurden. Diese sind jedoch meistens wenig detailliert. Die letzte mir bekannte umfassendere Erhebung stammt von Infratest aus dem Jahre 1980 (soviel zum allgemeinen Interesse).

Generell sind in der Fachliteratur nur wenige konkrete statistische Angaben und einige Definitionen über Blindheit an sich zu finden. Die Aussagen und Angaben weichen oftmals, wenn auch nur geringfügig, voneinander ab.

Interessant erscheint mir auch, auf die historische Entwicklung im Blindenwesen einzugehen. Mir selbst wirkt hier manches zum Status „des Blinden“ doch sehr kurios, jedoch für die jeweilige Epoche charakteristisch. Denn nur so kann man die doch positive Entwicklung nachvollziehen und registrieren, dass sich - zwar schleppend, aber immerhin - diesbezüglich etwas getan hat.

Die Berufstätigkeit von Blinden und deren Status erläutere ich ebenfalls anhand von statistischen Daten und mündlich weitergegebenen Informationen. Nach wie vor gibt es „blindenuntypische“ Berufe, die aufgrund eines speziellen Talents auch von Blinden ausgewählt und praktiziert werden. Hinweise auf deren Eignung für Sehgeschädigte sucht man jedoch z.B. in den Informationsschriften der Bundesanstalt für Arbeit vergeblich (etwa das Berufsbild der Erzieherin...).

Im zweiten Teil möchte ich auf theoretische und praktische Auswirkungen von Vorurteilen und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Stellung der Sehgeschädigten eingehen.

Vorurteile können in besonderem Maße durch die modernen audiovisuellen Massenmedien gebildet werden, da sie auf das menschliche Empfinden oftmals viel subtiler wirken als geschriebene Informationen. Durch ein Seminar „Zwischen Alltagsbewältigung und Wunderheilung - Blindheit im Film“, welches ich im Oktober 1994 besuchte, habe ich Anregungen zu diesem doch sehr vernachlässigten und dabei so bedeutsamen Thema erhalten.

Denn gerade in den Medien, die in welcher Form auch immer, auf jeden Menschen einwirken und stets zugänglich sind, liegen die Ursachen für das „Bild des Blinden“; oftmals Muster, nach denen man die Person als Objekt, nicht aber als Individuum betrachtet und „behandelt“. Diese negative Lobby ist bezeichnend auch für die doch relativ negative berufliche Integration von Sehgeschädigten.

Die Bereitschaft, einen blinden Mitarbeiter einzustellen, ist relativ gering. Da zahlen die Arbeitgeber doch lieber die ohnehin gering bemessene Ausgleichsabgabe... (vgl. Kapitel 1.5.2) Im dritten Teil möchte ich auf rein praktische, alltägliche Erlebnisse von Betroffen eingehen. Die teilweise skurrilen Schilderungen erscheinen einem Außenstehenden oftmals unglaubwürdig, wüßte ich nicht selbst aus eigener Erfahrung, daß solche Vorkommnisse durchaus realistisch sind.

Die geschilderten Begebenheiten an sich sind zwar traurig, jedoch empfinde ich (wohl auch aus dem entfernteren Blickwinkel eines „Beobachters“) einige Episoden als äußerst amüsant.

Deutlich zum Ausdruck bringen möchte ich in diesem Teil das permanente Anrennen gegen bestehende Normen und Vorurteile. Besonders letzteres erfordert von den Betroffenen ein hohes Maß an Energie, so daß Aufklärungsarbeit fast eine Leistung ist, die nur beiläufig erbracht werden kann, da sie sich ja stets an andere Adressaten richtet und sich damit ständig wiederholt. Der Alltag raubt gelegentlich die Kraft und den Ideenreichtum, um „mithalten“ zu können.

Dieser Druck wird nicht von jedem Einzeln als so massiv empfunden. Oftmals haben Betroffene Mechanismen und Verhaltensweisen herausgebildet, um den Druck zu umgehen, sich den Erwartungen der Umwelt anzupassen oder unangenehmen Situationen auszuweichen. Sie vermeiden dann, um ein konkretes Beispiel aus meinem Umfeld zu nennen, das für Blinde schwierige Essen von Geflügel mit Messer und Gabel in der Öffentlichkeit und verzichten, trotz Appetits, lieber ganz darauf, anstatt es in die Hand zu nehmen.

Inhaltsverzeichnis:

Eigene Motivation zu dieser Arbeit 1
Methodische und theoretische Vorüberlegungen 2
1. Blindheit ein Beispiel für die Abweichung von der Norm 6
1.1 Begriffsbestimmung Blindheit Verschiedene Definitionen für „Blindheit“ aus der Sicht unterschiedlicher Wissenschaften 7
1.2 Zeitpunkt des Eintritts der Sehschädigung 10
1.3 Auswirkungen von Blindheit auf den Körper und die Psyche 14
1.4 Zur Geschichte des Umgangs mit Blinden 19
1.5 Ausbildung, Rehabilitation und Berufschancen 22
1.6 Einige Daten zur Lage Sehgeschädigter in der Bundesrepublik 26
2. Das Bild der Gesellschaft vom Sehgeschädigten 31
2.1 Vorurteile, Einstellungen, stereotype Zuschreibungen Untersuchungen zum Blindheitsstereotyp 31
2.2 Der Blinde in Massenmedien 38
2.3 Kritikansatz 52
3. Beispiele aus alltäglichen Lebenssituationen 55
3.1 Blickkontakt, das Problem der Kontaktaufnahme 55
3.2 Partnersuche/Partnerwahl 57
3.3 Das „Problem“ der Liebe, Ehe, Sexualität Ein typisches Beispiel aus der Fachliteratur 59
3.4 Fallbeispiele aus alltäglichen Lebenssituationen Vorurteile, Diskriminierung und humorvolle Ereignisse 61
Resümee 71

Automatisiert erstellter Textauszug:

2.2.3. Das Sehgeschädigten-Stereotyp in Film und Fernsehen Beispiele aus zwei Extremen: Darstellung als "Übermensch" und "Trottel" im Film Nachdem in Kapitel 2.1 dargelegt wurde, welches Bild vom sehgeschädigten Menschen in der Gesellschaft durch Untersuchungen aufgedeckt werden konnte, soll es im folgenden darum gehen, darzustellen, ob und auf welche Weise diese Einstellungen der Gesellschaft durch sehende Filmregisseure in deren Filmen aufgegriffen wurden und so eine weitere Verstärkung bewirken. Bereits Max Schöffler beklagte im Jahre 1956: "Auf alle Fälle sind es sehende Autoren, die das Phänomen der Blindheit nicht gründlich genug studiert und sich nicht die Mühe genommen haben, die Auswirkungen die- [...]

2.2.2. Die besonderen Wirkungen des Massenmediums "Film" Die Filmbranche boomt: Der gesamtdeutsche Branchenumsatz überstieg im Jahre 1993 mit DM 1.170,0 Millionen erstmals die Milliardengrenze.88 Es darf ferner nicht außer Acht gelassen werden, daß Filme, die einst im Kino liefen, nach einiger Zeit auch im Fernsehen gezeigt werden, was die Zugangsmöglichkeiten zu diesen Kinofilmen beträchtlich erweitert. Das Fernsehen wiederum führt in den 80er und 90er Jahren die Rangliste der häufigsten Freizeitbeschäftigungen aller Altersklassen an. 89 Zusätzlich zu betrachten sind hier die Ausleihe in Videotheken und der Kauf von Videofilmen. Der Film kann durch Befriedigung des Bedarfs an Informationen, Meinungen und Vorstellungen Normen und Verhaltensweisen - speziell für außergewöhnliche Situationen - erfahrbar machen. So z.B. für die nicht alltägliche Konfrontation mit Blinden. "Man handelt und fühlt mit, ohne das Handeln und seine Gefühle verantworten zu müssen, da sie in der Tat keine real zu verantwortenden Handlungen sind." 90 38 [...]

Wenn Radio mit seinen vergleichsweise begrenzten Möglichkeiten derartige Effekte erzielen kann, um wieviel mehr müssen dann die sogenannten "Bildmedien" wirken? Gesicherte, unumstrittene wissenschaftliche Untersuchungen, die einen konkreten Einfluß der Massenmedien belegen könnten, gibt es bislang nicht. Einer der bedeutendsten Medien-Wirkungsforscher, Prof. Dr. Kurt Lüscher faßt den Stand der Forschung wie folgt zusammen: "Verhaltensweisen, die häufig im Fernsehen vorkommen, werden von Kindern und - in geringerem Maße - von Erwachsenen gelernt." 85 Der Medienforscher Prof. Lewis A. Friedland macht deutlich, daß in den USA "die meisten Amerikaner ihre Informationen über das Fernsehen beziehen" 86 und davon auszugehen sei, "daß sich der bereits abzeichnende Schwund bei den Lesern traditioneller Zeitungen weiter anhalten wird." 87 Besonders im Hinblick auf das frühe und ungefilterte Übernehmen von Verhaltens- und Denkweisen im Kindesalter und der damit verbundenen Verinnerlichung möchte ich schwerpunktmäßig die Darstellung Sehgeschädigter in den neuen Medien, in Film und Fernsehen, betrachten. [...]

Arbeit zitieren:
Lürding, Anette Februar 1996: Die Situation von Sehgeschädigten in der Gesellschaft aus sozialpädagogischer Sicht, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Blind, Sehbehindert, Medien, Ausbildung, Film

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