Bachelor + Master Publishing
811 Bachelorarbeiten, 533 Masterarbeiten, 10.103 Diplomarbeiten

Die Seymour-Gestalt im Werk J. D. Salingers

Projektion und Vision der Künstlerexistenz

Die Seymour-Gestalt im Werk J. D. Salingers
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Volker Schmiddem
  • Abgabedatum: Oktober 1990
  • Umfang: 201 Seiten
  • Dateigröße: 11,4 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
  • Bibliografie: ca. 147
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2776-4
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schmiddem, Volker Oktober 1990: Die Seymour-Gestalt im Werk J. D. Salingers, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Jerome David Salinger, Nine Stories, Seymour Glass, Künstlerexistenz, Projektion

Magisterarbeit von Volker Schmiddem

Einleitung:

Salingers 53-jährige Schaffensperiode präsentiert sich mit dreißig Kurzgeschichten, fünf Novelettes und einem Roman in einem relativ bescheidenen Gesamtwerk. Sein Debut gab Salinger 1940 mit einer Kurzgeschichte in Whit und Hallie Burnett's Magazin Story; bis 1948 erschienen achtzehn weitere Kurzgeschichten in verschiedenen Zeitungen und Magazinen. Mit A Perfect Day for Bananafish gelang Salinger der erste größere Erfolg, in dessen Kielwasser er sich beim The New Yorker in der Weise etablieren konnte, als daß bis auf den Roman The Catcher in the Rye und zwei Kurzgeschichten alle weiteren Erstveröffentlichungen in dieser Zeitschrift erfolgten.

Seine frühen Kurzgeschichten belegte Salinger mit einem Verbot zur Wiederveröffentlichung, seitdem sich öffentliches und wissenschaftliches Interesse an ihnen herausgebildet hatte. Nur jene, in den bekanntesten Magazinen veröffentlichte „stories“ sind heute noch zugänglich, während die in den weniger bedeutenden „slicks“ erschienenen Kurzgeschichten kaum archiviert wurden und als antiquarische Raritäten selbst in den USA kaum noch auffindbar sind. Mit Ausnahme des 'jüngsten' Werkes, Hapworth 16, 1924, liegen die weiteren Veröffentlichungen jedoch in Buchform vor: der Kurzgeschichtenband Nine Stories, Franny and Zooey und Raise High the Roof Beam, Carpenters, and Seymour: An Introduction.

Auf diesem relativ schmalen Primärwerk aufbauend, türmt sich ein kaum mehr übersehbarer Berg von Sekundärliteratur. Mehrere Kritik-Anthologien, Zeitschriften-Sondernummern und ausfüh6rliche Bibliographien zu Salinger und seinem Werk liegen vor; sie illustrieren auf eindrucksvolle Weise, daß hier eine ergiebige und bedeutungsstarke Primärliteratur vorliegt, und sie spiegeln Ausmaß und Vielfalt der Rezeption. Leicht läßt hier eine schnelle Sichtung schon erahnen, was die direkte Lektüre dann faktisch auch bestätigt: die starke innere Verwobenheit der Sekundärliteratur, die ihren Betrachtungsgegenstand mit einem unentwirrbaren Netz von Thesen, Deutungen und Schlußfolgerungen umspannt - zu Ungunsten des Werkes selbst, das seine ursprüngliche Wirkung dann kaum noch ausstrahlen kann. Mit gleichlautenden Befürchtungen beschloß schon 1962 Grunwald das Vorwort zu seiner Salinger-Anthologie:

„This great variety of meaning the critics find in Salinger illustrates his power to compel our imagination, but it also means that we may idolize him to death. The peril is just as great as the possibility that we will footnote him to death“.

Die Mehrzahl der Veröffentlichungen zu Salinger bilden Studien zu Einzelwerken; Untersuchungen zum Gesamtwerk sind verschwindend gering, da einige der frühen Primärtexte praktisch unauffindbar sind. In den monographischen Abhandlungen werden zumeist Teile aus dem Gesamtwerk isoliert, die unter einem bestimmten Aspekt wie z.B. dem Genre (Kurzgeschichte, Novelette, Roman), der schriftstellerischen Reife („apprentice period“, „classical period“) oder ihrer Thematik („Glass-stories“, „artist-stories“) zusammengefaßt und behandelt werden. Für eine spezielle Fragestellung mag eine solche Sektionierung von Vorteil sein; doch ist die Kehrseite des Verfahrens ebenso evident: Das Gesamtwerk, insbesondere aber der 'Werkkorpus' (den Salinger mittels der Publikationssperre komponiert hat und der in erster Linie Gegenstand sowohl jener als auch der vorliegenden Untersuchung ist) wird in seiner eigentümlichen Form und 'Ganzheit', in seiner Gesamtaussage nicht mehr wahrgenommen, da andere Aspekte aus der Untersuchung ausgeschlossen bzw. unter separaten Vorzeichen betrachtet werden.

Doch eine Lektüre des Werkes (womit fürderhin stets der 'Werkkorpus' gemeint ist) in seiner chronologischer Abfolge kann die Existenz thematischer Schwerpunkte nicht leugnen, die als Leitfäden das Werk durchziehen und Interdependenzen zwischen den einzelnen Erzählungen erzeugen. Insbesondere die überragende Position der Gestalt Seymour Glass - die indessen bloß in der ersten und den letzten vier Erzählungen 'präsent' ist - fordert eine übergreifende Textanalyse, die nicht nur Seymours Präsenz sondern auch seine Abwesenheit während des 'Interim' (also den zwischenzeitlich veröffentlichten Erzählungen) in die Untersuchung integriert.

Eine jedwede Sektionierung des Werkkorpus' wird ferner kaum in der Lage sein, der offensichtlichen Bindung der Individualität des Autors an Hauptfiguren seines Werkes gebührend Rechnung zu tragen. Salingers stetig an Intensität und Ausdruck gewinnende 'Präsenz' in seinem Werk mündet schließlich in einer vollständigen Identifizierung mit der Figur des Buddy Glass, d.h. in einer Fusion von Fiktion und Realität. Um Verlauf und Entwicklung dieses charakteristischen Akzentes der Salinger-Prosa zu beleuchten, bedarf es ebenfalls einer übergreifenden Textanalyse, die das Werk per se und die Integration des Autors als einander unterstützende, sich ergänzende Quellen begreift und durch eine kombinierte Betrachtung neue Verständniswege zu beiden sucht.

Die Salinger-Rezeption tut sich in diesem Punkt schwer, obgleich das Spätwerk, die Glass-Geschichten, zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für eine solche Sichtweise der Literaturbetrachtung auswächst. Doch um die Botschaft in diesem Sinne zu erfassen und sie reflexiv als Parameter der Textdeutung anzuwenden, muß der Stimme des Autors im Werk gebührend Gehör - und vor allem: Interesse - geschenkt werden. Das Spätwerk, ob zum Wohl- oder Mißfallen des Lesers, entzieht sich dem Zugriff einer Exegese mit konventionellem Instrumentarium. Im „credo“, der (An-)Klageschrift in Seymour: An Introduction, verwirft und verspottet Buddy- Salinger - in der Nachfolge Seymours - die tradierten Formen des Erzählens und offeriert sein eigenes Schaffensmodell in anschaulicher Weise, nämlich indem er den um Verständnis bemühten Leser zur Teilnahme am schöpferischen Prozeß einlädt. Doch nur jenem Leser, der seine Wahrnehmungs- und Deutungsgewohnheiten in der von Buddy-Salinger vorgeschlagenen Weise zu modifizieren bereit ist, geben sich die späten Erzählungen als ein (erneuter) Versuch des Autors zu erkennen, sich seinem eigenen literarischen Kredo zu nähern und sind nicht etwa „langweilige“ Reflexionen eines verblassenden Sterns am Literaturhimmel. Hier, am Ende eines langen Prozesses schriftstellerischer Selbstfindung, wo die Stimmen von Autor und Erzähler miteinander verschmelzen, wird ersichtlich, daß eine Untersuchung der Prosa Salingers auf die Einbeziehung des Autors und seines Selbstverständnisses als Künstler nicht verzichten kann.

Vor diesem Hintergrund konstituiert sich die Aufgabenstellung der vorliegenden Untersuchung, deren Ziel es ist, die literarisch-biographische Verflechtung im Werk Salingers auf der Basis der nachfolgend skizzierten Hypothese zu belegen: Die Gestalt des Seymour Glass ist für Salinger der zentrale Projektions- und Orientierungspunkt, deren 'Tod' und 'Auferstehung' (innerhalb des Werkkorpus') mit Salingers Entwicklung als Schriftsteller korrespondiert und ihm darüber hinaus zugleich als Verkörperung und Sprachrohr zur Formulierung seines philosophisch-literarischen Welt- und Selbstverständnisses dient. Der Selbstmord des gleichsam messianischen Seymours (in A Perfect Day for Bananafish) markiert Salingers (vorläufige und mithin vermeintliche) Abkehr von einem idealistischen schriftstellerischen Selbstverständnis und einer eigenwilligen literarischen Praxis hin zu der 'perfekten', professionellen Kurzprosa (der Nine Stories), die nicht zuletzt seine Reputation als Autor begründete. Salingers Schreiben wider seine Ideale - die Zeit ohne Seymour - spiegelt sich im durchgängig pessimistischen Tenor der Nine Stories; erst nach erreichter künstlerischer Anerkennung, kommerziellen Erfolgs und damit einhergehender materieller Sicherheit setzt eine erneute, sich stetig vertiefende Hinwendung zur idealistischen Kunst- und Lebensphilosophie Seymours ein (der durch die erzählerische Mittlerfunktion Buddys gleichsam zum Leben wiedererweckt wird).

Die Triade Salinger-Buddy-Seymour wird soweit vorangetrieben, daß Salinger - insbesondere in Seymour: An Introduction - sein Alter ego nicht nur als literarisch-programmatisches Sprachrohr benutzt, sondern mit dem Text diese Programmatik gleichzeitig bereits einlöst, literarische Theorie und Praxis also ineinander verschmelzen. In ihrer Orientierung an Seymour gehen Buddy und Salinger gemeinsame Wege: der erstere als Projektion des letzteren und Seymour als Personifizierung der gemeinsamen Vision einer 'erleuchteten' (Künstler-)Existenz sowie eines Literaturideals, dessen Verwirklichung - oder zumindest Annäherung - Salingers letztes (veröffentlichtes) Werk signalisiert.

Ziel der Arbeit ist es, auf der Basis eines erweiterten Deutungsansatzes über die Analyse der Einzelwerke zu einer umfassenden Einschätzung des Gesamtwerkes zu gelangen und mit parallel vorgenommenen Überlegungen zur Werkgenese die schöpferische Entwicklung Salingers zu rekonstruieren. Die konventionelle Fragestellung nach Aussage und Bedeutung wird hier um die Ebene ergänzt, die nach den möglichen Motiven zur Entstehung eines einzelnen Prosastückes innerhalb eines bestimmten Zeit- und Werkkontextes fragt.

Nach der konventionellen Methode, d.h. der analytischen und komparativen Sichtung von Manuskript- und Primärtexten ist eine Untersuchung zur Werkgenese nicht möglich: Die Manuskripttexte sind nicht verfügbar, und selbst verläßliche Angaben zur Persönlichkeit des Autors, die für das Werk relevant sein könnten, sind nur rar, sondern auch schwer von dem blühenden, von Gerüchten und Legenden umrankten Salinger-'Mythos' zu trennen. Faktisch verbleiben als Gegenstand der Untersuchung lediglich die Primärtexte, die nicht mit dem Verbot zur Wiederveröffentlichung belegt oder dennoch zugänglich sind, also in der Hauptsache ein vom Autor ausgewählter, der breiten Öffentlichkeit zugänglicher Werkkorpus, sowie einige wenige Interviews nebst vereinzelter „dust-cover notes“ zu den ersten Buchausgaben. Salingers einziger Roman The Catcher in The Rye wird aufgrund des besonderen Genres, der thematischen Geschlossenheit und der Sonderstellung im Gesamtwerk aus der Untersuchung ausgeschlossen.

Derart spärlich gepflastert, soll der Weg zur Werkgenese über eine axiomatische Brücke führen, die das Schweigen des Autors und die Sprache seines Werkes verbindet und als Sprache des Autors durch sein Werk übersetzt.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einführung 5
1.1 Hypothese 5
1.2 Folge für den Aufbau der Untersuchung 11
1.3 Anmerkungen zum 'Salinger-Mythos' 14
2. Ausgangssituation: Der Tod der Künstlergestalt - motivische Grundlage des Folgewerkes 21
2.1 A Perfect Day for Bananafish 21
2.1.1 Erster Akt 22
2.1.1.1 Die Welt der „advertising men“ 23
2.1.1.2 Seymour und der „great poet“ 26
2.1.2 Zweiter Akt 29
2.1.2.1 Funktion und Bedeutung der Kindgestalten 29
2.1.3 Dritter Akt 34
2.1.3.1 Der genarrte Leser: Seymours Tod als absurdes dénouement 35
2.1.4 Zusammenfassung 41
2.2. Seymour als Verkörperung des Salingerschen Künstlerideals: Übergreifende Deutungsansätze 44
2.2.1 Seymour Glass - ein desillusionierter Raymond Ford? 44
2.2.2 Pragmatischer Professionalismus: Salingers literarischer Aufstieg zum TheNewYorker 48
2.2.3 Deutungen zur Namenssymbolik: „Seymour“ und „Glass“ 55
2.2.4 Zusammenfassung 59
3. Interim: Die Zeit ohne Seymour 61
3.1. Die pessimistische Weltsicht der Nine Stories 61
3.1.1 Uncle Wiggily in Connecticut 62
3.1.2 Just Before the War with the Eskimos 64
3.1.3 The Laughing Man 66
3.1.4 Down at the Dinghy 68
3.1.5 For Esmé - with Love and Squalor 70
3.1.6 Pretty Mouth and Green My Eyes 73
3.1.7 De Daumier-Smith´s Blue Period und Teddy 76
3.1.8 Zusammenfassung 81
3.2. Literarische Anerkennung und kommerzieller Erfolg 84
3.3. Franny 87
3.3.1 Franny in wasteland 88
3.3.2 Variierung und Pointierung der Nine Stories 92
3.3.3 „A Transitional Story“ - Zur Position im Gesamtwerk 94
3.3.4 Zusammenfassung 96
4. Schlußphase: Seymours Wiederkehr - Salingers Annäherung an sein philosophisch-literarisches Ideal 98
4.1. Die Glass-Serie 98
4.1.1 Die Chronik der Glass-Familie 100
4.1.2 Konzeption der Familie und ihre Funktion im Gesamtwerk 102
4.1.3 Das Vaudeville-Erbe als Motiv künstlerischer Entfremdung 110
4.1.4 Zusammenfassung 114
4.2 Raise High the Roof Beam, Carpenters 115
4.2.1 Buddys Doppelfunktion 117
4.2.2 Seymours Wiederkehr: Motiv und Verlauf 121
4.2.3 Die Philosophie der „indiscrimination“ 127
4.2.4 Zusammenfassung 131
4.3 Zooey 133
4.3.1 Seymours Philosophie auf dem Prüfstand: Franny und Zooey 133
4.3.2 Die „Fat Lady“-Metapher 140
4.3.3 Experimentelle Annäherung an eine individuell-genuine Erzählform 144
4.3.4 Zusammenfassung 149
4.4 Seymour: An Introduction 151
4.4.1 Buddys literarisch-programmatisches Kredo 152
4.4.2 Buddys schriftstellerische Individuation 159
4.4.3 Das Davega-Rad als Symbol für Buddys Einswerdung mit Seymour 168
4.5 Resümee: Die Salinger-Buddy-Seymour-Triade 177
4.6 Epilog: Hapworth 16, 1924 183
Bibliographie 194

Eine Textprobe schicken wir Ihnen unter Angabe der Studiennummer 12776 gerne zu.

Arbeit zitieren:
Schmiddem, Volker Oktober 1990: Die Seymour-Gestalt im Werk J. D. Salingers, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Jerome David Salinger, Nine Stories, Seymour Glass, Künstlerexistenz, Projektion

Entdecken Sie mehr zum Thema

diplom.de
Bachelor + Master Publishing

Hermannstal 119 k
22119 Hamburg

Fon: +49 (0) 40 655992-0
Fax: +49 (0) 40 655992-22

Service-Telefon

Rufen Sie uns an:
+49 (0) 40 655992-0

Mo-Fr
09.00-16.00 Uhr

diplom.de in den Medien

Folgen Sie uns bei Twitter & werden Sie diplom.de-Fan bei Facebook!
Schreibtipps unserer Lektoren, Neuigkeiten aus dem Verlagsalltag und das Expertenwissen unserer Autoren als Tweet & Post!
Wir freuen uns auf Sie!

diplom.de BACHELOR + MASTER PUBLISHING

Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Magisterarbeiten, Dissertationen und andere Abschlussarbeiten aus allen Fachbereichen und Hochschulen können Sie bei uns als eBook sofort per Download beziehen oder sich auf CD oder als Buch zusenden lassen. Seit mehr als 15 Jahren ist diplom.de der seriöse, professionelle und erfolgreiche Partner für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Abschlussarbeiten.

© Diplomica Verlag GmbH 1996-2011, AG Hamburg HRB 80293 - GF Björn Bedey, USt-IdNr.: DE214910002 - Verkehrsnummer: 12285 - Impressum
Index der Arbeiten - Index der Autoren