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Sexueller Kindesmissbrauch in der Familie

Auswirkungen sowie Präventions- und Interventionsmöglichkeiten, auch anhand von Erfahrungsberichten betroffener Frauen

Sexueller Kindesmissbrauch in der Familie
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Tanja Jung
  • Abgabedatum: September 2000
  • Umfang: 129 Seiten
  • Dateigröße: 774,5 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Koblenz Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-5968-0
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-5968-0 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-5968-0 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Jung, Tanja September 2000: Sexueller Kindesmissbrauch in der Familie, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Überlebende, Vertrauensverlust, Grenzverletzung, Therapie, Schamgefühle

Diplomarbeit von Tanja Jung

Einleitung:

Sexueller Missbrauch ist ein Thema, das für viele Menschen ein Tabu darstellt; doch nicht der Missbrauch an sich unterliegt diesem Tabu, sondern das Sprechen darüber. So findet sexuelle Ausbeutung auch nicht erst seit heute statt, sondern hat eine jahrhundertealte Tradition. Doch erst zu Beginn der 80er Jahre rückte das Thema immer mehr in den Vordergrund. Dies ist ein Verdienst der Frauenbewegung, denn zu dieser Zeit gingen erstmals betroffene Frauen an die Öffentlichkeit und berichteten von ihren schrecklichen Kindheitserfahrungen.

Der sexuelle Missbrauch findet in überwiegender Zahl in der eigenen Familie statt und kann für die Opfer eine Vielzahl von Folgen in den verschiedensten Lebensbereichen mit sich bringen.

Ich begann mich zum ersten Mal näher mit diesem Thema auseinanderzusetzen, als ich die gravierenden Auswirkungen des Missbrauchs bei einer Freundin „miterleben“ durfte und daraufhin beschloss, mir im Rahmen meiner Diplomarbeit weitere Informationen darüber zu erarbeiten.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die große Bandbreite der Auswirkungen und Folgen des Missbrauchs für die Betroffenen herauszustellen. Es soll aufgezeigt werden, was dieses Trauma für die Opfer bedeuten kann, auch wenn es sich jeweils um individuell unterschiedliche Auswirkungen und Schweregrade der Folgen handelt.

Des Weiteren zielt sie darauf ab, Möglichkeiten der Prävention und Intervention aufzuzeigen, welche dazu beitragen, dieses Verbrechen zu verhindern bzw. frühzeitig zu beenden, um die gravierenden Folgen für die Opfer zu minimieren.

Die vorliegenden Ausarbeitungen geben vorab einen Überblick über das Thema des sexuellen Missbrauchs, indem zunächst eine Definition sowie die begriffliche Abgrenzung zu anderen, in der Literatur verwendeten Begriffen erfolgt und verschiedene Formen des Missbrauchs erläutert werden. Ebenso werden die Phasen, nach denen der Missbrauch in den überwiegenden Fällen verläuft, geschildert und die Machtstellung des Täters wird näher erläutert, um zu verdeutlichen, um welche Art von Vergehen es sich handelt.

Gang der Untersuchung:

Der Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit den Folgen des sexuellen Missbrauchs für die Opfer, sowie den Präventions-, Interventions- und Hilfemöglichkeiten, welche zur Verfügung stehen, um dem Missbrauch vorzubeugen bzw. den Betroffenen Unterstützung anzubieten.

JÖNSSON (1997) unterscheidet in Bezug auf die Auswirkungen der sexuellen Übergriffe, zwischen dem direkten Erleben des Missbrauchs sowie dessen kurz- und langfristigen Folgen. So wird auch in den folgenden Ausarbeitungen eine Unterteilung vorgenommen, welche sich zum einen auf die Psychodynamik des Opfers und zum anderen auf die Folgen des Missbrauchs bezieht, denn um verstehen zu können, wie die zum Teil schwerwiegenden Folgen zustande kommen, muss zunächst eine Betrachtung des direkten Erlebens der Missbrauchssituation aus der Sicht des Opfers erfolgen.

Aufgrund der gravierenden Folgen für eine Vielzahl der Opfer ist es meines Erachtens nach wichtig, Hilfemöglichkeiten aufzuzeigen, welche sich zunächst auf die Prävention des Missbrauchs konzentrieren, um die Zahl der Übergriffe zu minimieren. Des Weiteren sollten sie, in Form von Intervention, auf eine frühzeitige Beendigung der Missbrauchssituation abzielen. Wenn ein Missbrauch bereits über Jahre hinweg stattgefunden hat, ist es meiner Ansicht nach ebenso wichtig, den Betroffenen adäquate Hilfemöglichkeiten zur Verarbeitung und Heilung des Traumas zukommen zu lassen.

Um den Ausarbeitungen einen praktischen Anteil zu verleihen, wurde ein Fragebogen erstellt, welchen fünf betroffene Frauen im Alter von 40-50 Jahren ausfüllten. Sie berichten über ihre Erfahrungen im Kindesalter, in Bezug auf die Folgen des Missbrauchs und die ihnen zur Verfügung stehenden Hilfemöglichkeiten. Die Erfahrungsberichte werden an geeigneten Stellen, überwiegend in den Bereichen der Folgen und der Hilfemöglichkeiten, in diese Arbeit miteinfließen, um die theoretischen Ausführungen zu veranschaulichen.

Bei der Erörterung des einführenden Teils werden beide Geschlechter gleichermaßen berücksichtigt, um einen allgemeinen Überblick zu geben. Die Bearbeitung des Hauptteils bezieht sich jedoch überwiegend auf Mädchen und Frauen, welche zu einem wesentlich höheren Prozentsatz von sexuellem Missbrauch betroffen sind. Außerdem besteht der praktische Anteil ausschließlich aus Erfahrungsberichten betroffener Frauen.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG 3
2. EINFÜHRUNG IN DIE PROBLEMATIK 6
2.1 DEFINITION VON SEXUELLEM MISSBRAUCH 6
2.2 FORMEN VON SEXUELLEM MISSBRAUCH 7
2.3 BEGRIFFLICHE ABGRENZUNG 8
2.4 TÄTER 9
2.5 OPFER 11
2.6 AUSMAß & DUNKELZIFFER 13
2.7 PHASEN DES MISSBRAUCHS 14
2.8 MACHTSTELLUNG DES TÄTERS 17
3. DARSTELLUNG VON ERFAHRUNGSBERICHTEN 19
4. PSYCHODYNAMIK DER OPFER 22
4.1 VERTRAUENSVERLUST & GRENZVERLETZUNG 22
4.2 WAHRNEHMUNGSZWEIFEL & SPRACHLOSIGKEIT 24
4.3 SCHULD- & SCHAMGEFÜHLE 25
4.4 OHNMACHT & ANGST 26
4.5 DAUERSTRESS 28
4.6 ABHÄNGIGKEIT & IDENTIFIKATION MIT DEM TÄTER 29
4.7 BEZIEHUNGSFALLE 30
4.8 ÜBERLEBENSSTRATEGIEN & KOMPETENZEN DER OPFER 30
5. FOLGEN DES MISSBRAUCHS 32
5.1 MODELL DER FOLGEN VON FINKELHOR & BROWNE 34
5.2 POSTTRAUMATISCHE BELASTUNGSSTÖRUNG 37
5.3 KÖRPERLICHE & PSYCHOSOMATISCHE BESCHWERDEN 39
5.4 EMOTIONALE REAKTIONEN & SELBSTWERTGEFÜHL 41
5.5 SOZIALE AUFFÄLLIGKEITEN & SOZIALVERHALTEN 43
5.6 PSYCHISCHE PROBLEME & PSYCHOSEN 44
5.7 SOZIALE BEZIEHUNGEN 46
5.8 SEXUALITÄT & PARTNERSCHAFT 48
6. PRÄVENTIONSMÖGLICHKEITEN 52
6.1 PRÄVENTION IN GESELLSCHAFT UND POLITIK 52
6.2 ELTERNARBEIT 54
6.3 SEXUALERZIEHUNG 59
6.4 PRÄVENTIONSARBEIT MIT KINDERN 63
6.5 PRÄVENTIONSPROGRAMM CAPP 70
6.6 GRENZEN DER PRÄVENTION 73
7. INTERVENTIONSMÖGLICHKEITEN 78
7.1 ERKENNEN DES MISSBRAUCHS 78
7.2 INTERVENTIONSSCHRITTE 81
7.3 GESPRÄCHE BEI VERDACHT 87
7.4 KONFLIKTE IM HELFERSYSTEM 90
7.5 PARTEILICHE ANSÄTZE 92
7.6 FAMILIENTHERAPEUTISCHE INTERVENTION 94
8. HILFEMÖGLICHKEITEN NACH SEXUELLEM MISSBRAUCH 97
8.1 THERAPIEMÖGLICHKEITEN 98
8.2 SELBSTHILFEGRUPPEN 108
8.3 SELBSTHEILUNG MIT HILFE VON FACHLITERATUR 111
8.4 SELBSTHILFE DURCH SOZIALE UNTERSTÜTZUNG 115
9. SCHLUSSBEMERKUNG 117
10. LITERATURVERZEICHNIS 119
11. QUELLENVERZEICHNIS 126

Automatisiert erstellter Textauszug:

Im Anschluss werden mögliche Folgen genannt, die bei einer fehlenden Sexualaufklärung oder Vorsorgeerziehung auftreten können. Kinder, die keine Sexualaufklärung erfahren haben, erhalten ein unvollständiges Weltbild von der Entstehung menschlichen Lebens. Sie haben gegenüber aufgeklärten Kindern weniger Wissen und sind dadurch verunsichert. Meist werden sie durch aufgeklärte Kinder gehänselt, wenn diese von deren Unwissenheit zum Thema „Sexualität“ erfahren. Wenn in einer Familie nicht offen über Sexualität geredet wird, können sich Beziehungsbereiche wie Ehrlichkeit, Vertrauen, offene Haltung zu allem Lebensbereichen, ungebremste Neugierde und ein klares Gefühl für angenehme körperliche und sexuelle Empfindungen nicht adäquat entwickeln. Unaufgeklärte Kinder fühlen sich gegenüber anderen in einer schwachen Position und versuchen dies durch Machtgehabe, Angriffe oder herablassende Bemerkungen zu kompensieren. Ein Kind, das in der Familie keine Sexualaufklärung erfahren hat, erhält leicht den Eindruck, Sexualität sei etwas unanständiges. Wenn nun ein Erwachsener das Kind mit sexuellen Forderungen unter Druck setzt, wird es nicht in der Lage sein, sich jemandem anzuvertrauen. Es hat erfahren, dass man nicht darüber spricht und hat somit Angst vor Schuldzuweisungen. Ebenso fehlt ihm das nötige Wissen in diesem Bereich und es hat nicht gelernt, wie es sich in Bezug auf sexuelle Dinge ausdrücken kann. Somit wird es dem Täter erleichtert, den Missbrauch ungehindert fortzusetzen. Daher bedeutet eine angemessene Sexualaufklärung immer einen gewissen Schutz vor sexuellen Übergriffen.132 [...]

HANE (1996) unterteilt die Ziele der Sexualaufklärung in Kindergarten und Schule in Grob- und Feinziele. Das Grobziel besteht darin, Kindern und Jugendlichen zu einem selbstverantwortlichen Sexualverhalten zu verhelfen. Die Teilziele sind auf die Verhaltensprägung, die Entwicklung eines gesunden Schamgefühls, den Erwerb von sexuellen Informationen und das Erlernen der sexuellen Erlebnisfähigkeit ausgerichtet. Zur Umsetzung einer kind- und altersgemäßen Sexualerziehung sind verschiedene Zielvorstellungen zu beachten. So ist Sexualerziehung Liebeserziehung. Sie darf nicht aus dem Gesamtlebenszusammenhang gerissen und von Wertfragen losgelöst sein. Sie ist überall dort zu betreiben, wo Erziehungsarbeit geleistet wird; jedoch kommt der Familie in dieser Hinsicht eine herausragende Position zu. Eine angemessene Sexualerziehung ist von Anfang an eingebettet in Zärtlichkeit, gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Verantwortung. Sie möchte dem Kind helfen, ein offenes, akzeptierendes und befriedigendes Verhältnis zum eigenen Körper zu bekommen und zum Aufbau von Selbstbewusstsein und Eigenidentität beizutragen, um somit sexuellen Missbrauch zu verhindern. Ebenso versucht Sexualerziehung eingeprägte und falsche Rollenklischees zu überwinden und Alternativen für flexibles Rollenverhalten anzubieten.130 Bei der Sexualerziehung treten jedoch häufig einige Hindernisse auf. Erwachsene tun sich aufgrund der eigenen Scham, Unsicherheit mit dem Thema und der Wahl des richtigen Zeitpunktes, Mangel des eigenen Wissens und der Unwissenheit darüber, welche Folgen die fehlenden Informationen bei Kindern haben können schwer, mit ihren Kindern über das Thema offen und unbefangen zu reden. Hier gibt es einige Möglichkeiten, wie man Eltern dieses Problem erleichtern kann. FREI (1993) empfiehlt, den Kindern schon im Kindergartenalter ein entsprechendes Buch zu schenken, welches sie anregt, Fragen zum Thema zu stellen. Dadurch wird es den Eltern leichter fallen, auf die Fragen ihrer Kinder einzugehen und das Wissen zu vertiefen. Außerdem wird der Zeitpunkt der Aufklärung nicht unnötig lange hinausgeschoben.131 [...]

Ebenso ist eine Sexualaufklärung wichtig, damit Kinder einen freien, lustvollen und selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Sexualität erlernen.127 In der Familie geht es aber nicht nur darum, ständig Aufklärungsgespräche zu führen und ein mehr oder weniger gründliches Wissen zu vermitteln, sondern es geht um eine Erziehung, die sich als Verhaltensprägung versteht. Das heißt, die Sexualerziehung sollte zum Alltag gehören und in das tägliche Erziehungsverhalten integriert werden.128 Dem Kind sollte in der Familie Raum und Zeit gegeben werden, Zärtlichkeiten und eine selbstbestimmte kindliche Sexualität zu erfahren. Dadurch wird der verantwortungsvolle Umgang mit dem eigenen Körper gefördert und damit das Unrechtempfinden und die Abwehrbereitschaft bei körperlichen oder sexuellen Übergriffen gestärkt. Wenn Kinder die Möglichkeit haben, ihren Körper lustvoll zu bejahen, sind sie auch in der Lage, „Nein“ zu sagen, wenn ihre Grenzen überschritten werden. Ganz im Gegensatz zu einer rigiden, körperfeindlichen Erziehung, die das Vertrauen in die Wahrnehmung des eigenen Körpers verhindert und dadurch sexuelle Übergriffe begünstigt. Es ist allerdings zu beachten, dass Kinder ihr Selbstbestimmungsrecht über ihren eigenen Körper nur ganzheitlich wahrnehmen können, wenn sie diesen in seiner Gesamtheit kennen gelernt haben und ihnen Informationen darüber vermittelt wurden. Wenn eine solche Erziehung in der Familie nicht erfolgt, wird die Sexualaufklärung in der Schule oft die einzige Möglichkeit für die Kinder sein, Informationen über den Intimbereich und deren Bedeutung für den Menschen zu erhalten. Ebenso fällt es in der Schule meist leichter, im Zusammenhang mit der Sexualerziehung konkrete Informationen über den sexuellen Missbrauch zu geben, da diese Informationen den Schülerinnen und Schülern gleichzeitig die Besonderheit ihres Intimbereiches und das Recht auf dessen Verteidigung verdeutlicht. 129 [...]

Arbeit zitieren:
Jung, Tanja September 2000: Sexueller Kindesmissbrauch in der Familie, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Überlebende, Vertrauensverlust, Grenzverletzung, Therapie, Schamgefühle

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