Sexuell aggressive Verhaltensweisen bei Jungen ab 12 Jahren
Entwicklung eines stationären Behandlungskonzeptes
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Markus Wieck
- Abgabedatum: Juni 2005
- Umfang: 126 Seiten
- Dateigröße: 495,5 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8921-2
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8921-2 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8921-2 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Wieck, Markus Juni 2005: Sexuell aggressive Verhaltensweisen bei Jungen ab 12 Jahren, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: sexueller Missbrauch, Täter, Sexualstraftäter, Tätertherapie, Kindesmissbrauch
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Diplomarbeit von Markus Wieck
Problemstellung:
Vor ca. 14 Jahren habe ich im Bereich der stationären Jugendhilfe mein Berufspraktikum als Erzieher gemacht. In diesem Jahr machte ich meine erste Erfahrung mit sexueller Aggression: In einer Austauschrunde mit dem Heimleiter beschrieb die Berufspraktikantin einer anderen Gruppe, wie ein 15jähriger Junge sich auf ein 8jähriges Mädchen legte und mit seinen Bewegungen einen Geschlechtsverkehr nachahmte. Die Berufspraktikantin war insbesondere dadurch geschockt, dass es ihr nicht gelang, den Jungen von dem Mädchen herunter zu bekommen. Der Heimleiter sagte, dass dies sicherlich eine schlimme Erfahrung für eine Berufsanfängerin sei. Man müsse sich aber vor Augen malen, dass das Mädchen in der Heimgruppe regelmäßige Malzeiten bekomme und sicher versorgt werde, dies sei im Vergleich zu der Herkunftsfamilie oft schon viel. Nach dieser Situation war ich betroffen, verwirrt und verunsichert.
Seit ca. 13 Jahren arbeite ich in einer Heimgruppe mit Jungen ab 12 Jahren. Immer wieder war und bin ich dort mit sexuellen Handlungen konfrontiert, die eine Stellungnahme fordern: Beschreibungen sexueller Auffälligkeiten in den Berichten zur Aufnahmeanfrage, interne Wechsel Jugendlicher in unsere Gruppe da diese mit sexuellen Handlungen in ihrer Gruppen aufgefallen waren, verbale sexuelle Redensarten, sexuelle Handlungen der Jugendlichen untereinander, Beschreibungen von Missbrauchserfahrungen der Jugendlichen, Bekanntwerden von Missbrauch durch die Jugendlichen, ... .
Es dauerte eine Weile, bis uns als Team der Handlungsbedarf in Bezug auf sexuell aggressives Verhalten bewusster wurde. Dann reagierten wir, indem wir Jugendliche mit sexuell aggressiven Verhaltensweisen stationär oder ambulant in der Psychiatrie behandeln ließen. Wenn uns „der Fall“ zu brisant wurde, vermittelten wir den Jugendlichen in eine auf die Thematik spezialisierte Einrichtung. Nachdem wir uns einmal auf die Auseinandersetzung mit der Thematik sexuell aggressiver Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen eingelassen hatten, wurde uns schnell deutlich, dass es nicht ausreicht, Jugendlichen eine externe Behandlung zu vermitteln. Wir sahen und sehen uns gefordert, ein eigenes Verständnis für die Thematik zu entwickeln und aus diesem Handlungskonzepte für den Gruppenalltag abzuleiten. In Folge haben wir uns im Rahmen von Fortbildung, Fallsupervision, Fachtagen, Literaturarbeit und Hospitationen intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt. Manche Fragen sind beantwortet worden, andere sind unbeantwortet geblieben, neue Fragen haben sich entwickelt:
- Wo beginnt sexuell aggressives Verhalten und wie ist dieses zu bewerten?
- Was ist eigentlich normales sexuelles Verhalten von Kindern und Jugendlichen?
- Warum zeigen Kinder und Jugendliche sexuell aggressives Verhalten?
- Gibt es einen Unterschied zwischen sexuellen Aggressionen von Erwachsenen und Jugendlichen?
- Ist ein Kind / Jugendlicher mit sexuell aggressivem Verhalten ein Täter oder ein Opfer?
- Welche Hilfe brauchen Kinder / Jugendliche mit sexuell aggressivem Verhalten?
- Was macht man mit sexuell aggressiven Kindern und Jugendlichen, die aufgrund ihrer Intelligenzminderung oder einer unklaren Diagnose nicht in einer spezialisierten Betreuungsform unterkommen?
- Welche unterschiedlichen Behandlungsansätze gibt es?
- Welche Kriterien sind für die Wahl der Behandlungsform ausschlaggebend (z.B. ambulante oder eine stationäre Betreuungsform)?
- In welcher Art und Weise kann ich in meiner beruflichen Praxis mit sexuell aggressiven Kindern und Jugendlichen arbeiten?
- Wo sind meine Grenzen in der Arbeit mit sexuell aggressiven Kindern und Jugendlichen?
Vermutlich laufen uns regelmäßig Sexualtäter über den Weg, von denen wir es nicht wissen. Von den Kindern und Jugendlichen, denen ich diese Arbeit widme, wissen wir, dass sie durch sexuell aggressives Verhalten andere Kinder zu Opfern gemacht haben. Hieraus wächst unsere Verantwortung zum Handeln.
Gang der Untersuchung:
Abgeleitet von diesen Fragestellungen lassen sich drei Zielkategorien für die Diplomarbeit beschreiben:
Theoriebildung:
In einem Theorieteil werde ich den aktuellen wissenschaftlichen Stand in Bezug auf das Thema sexuell aggressiver Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen darstellen und diskutieren. Aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit mit Jungen werde ich die Arbeit auf sexuell aggressives Verhalten von männlichen Minderjährigen beschränken. Methodisch wird sich der Theorieteil im Wesentlichen auf Literaturforschung konzentrieren.
Entwicklung eines Konzeptes:
Im zweiten Teil der Diplomarbeit entwickele ich ein Konzept für die stationäre Behandlung von sexuell aggressiven Jungen im Rahmen der Jugendhilfe. Der Konzeptentwicklung geht die Bildung einer sicheren eigenen Haltung zur Thematik voraus. Da sich diese in dem Konzept spiegelt und sich an demselben erläutern läßt, stelle ich das Konzept im zweiten Teil, vor der eigenen Haltung, dar.
Bildung einer sicheren eigenen Haltung zu der Thematik Die gewonnene theoretische Bildung werde ich in Bezug zu meinen Praxiserfahrungen setzten. Durch die theoretische Auseinandersetzung sowie die genannte kritische Verbindung von Theorie und Praxiserfahrung werde ich im Verlauf der Diplomarbeit meine eigene Haltung zur Thematik festigen. Im dritten Teil der Diplomarbeit werde ich die der Konzeption zugrunde liegenden, persönlichen und fachlichen Haltungen darstellen und begründen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Wozu diese Diplomarbeit? / Einleitung | 4 |
| 1.1 | persönliche Widmung | 4 |
| 1.2 | Problemstellung, Fragestellungen | 5 |
| 1.3 | Aufbau und Vorgehensweise, Ziele | 7 |
| 2. | Was ist sexuell aggressives Verhalten? | 8 |
| 2.1 | Begrifflichkeiten | 8 |
| 2.2 | Definitionen | 10 |
| 2.2.1 | Kategorisierung der Definitionen | 10 |
| 2.2.2 | Kritische Diskussion der Definitionskriterien zur Bestimmung von sexuell aggressivem Verhalten | 18 |
| 2.3 | Abgrenzung: normale - abweichend - sexuell aggressiv | 23 |
| 3. | Quantitative Bedeutung der sexuellen Aggressivität von Kindern und Jugendlichen | 26 |
| 4. | Wie stellt sich sexuelle Aggression als Verhalten dar? | 29 |
| 4.1 | Was tun Minderjährige, wenn sie sich sexuell aggressiv verhalten? | 29 |
| 4.2 | Typologien | 31 |
| 4.3 | Der Missbrauchszyklus | 37 |
| 5. | Warum verhalten sich Minderjährige sexuell aggressiv? | 40 |
| 5.1 | Skizzierung der Erklärungsansätze für sexuell aggressives Verhalten | 40 |
| 5.2 | Darstellung der Entwicklungsdynamik sexueller Gewalt in Mehrfaktorenmodellen | 47 |
| 6. | Welche Behandlungsmöglichkeiten sexuell aggressiven Verhaltens gibt es? | 54 |
| 6.1 | Skizzierung der Behandlungsansätze | 54 |
| 6.2 | Formale Aspekte der Behandlungsangebote | 57 |
| 6.3 | Skizzierung des kognitiv-behavioralen Behandlungsansatzes | 60 |
| 7. | Darstellung der Konzeption | 62 |
| 7.1 | Ausgangssituation / Rahmenbedingungen für die Konzeptentwicklung | 62 |
| 7.2 | Darstellung der Konzeption | 64 |
| 8. | Darstellung und Diskussion der eigenen Haltung | 78 |
| 8.1 | Mein Grundverständnisses zur Problematik sexuell aggressiver Kinder und Jugendlicher | 78 |
| 8.2 | Darstellung und Diskussion zentraler struktureller und methodischer Grundsatzentscheidungen | 81 |
| 8.2.1 | Spezialisierter Ansatz versus integrierendem Ansatz | 81 |
| 8.2.2 | Verhältnis von Zwang und Freiwilligkeit | 85 |
| 8.2.3 | Verhältnis von Therapie und Pädagogik | 94 |
| 8.2.4 | Opferarbeit als inhaltlicher Bestandteil der Behandlung | 109 |
| 8.2.5 | Behandlungsstruktur und Wirkungsgrad der Behandlung | 111 |
| 9. | Perspektive | 116 |
| Literaturangaben | 117 | |
| Erklärung | 122 |
Beziehungsangebot, das die Bereitschaft zur offenen Auseinandersetzung mit der Problematik einschließt, können Eltern eine wichtige Unterstützung im Behandlungsprozess sein (vergl. Eiben 2002). Eine medikamentöse Unterstützung der Behandlung hat bei erwachsenen Sexualstraftätern gute Effekte erzielt (vergl. Lösel 1999, S. 288). Zu unterscheiden sind im Wesentlichen Präparate, die auf eine Veränderung der Stimmung abzielen und Präparate, die eine direkte Wirkung auf die Sexualhormone haben. Letztere spielen bei der Behandlung Minderjähriger keine Rolle. Diese Medikamente sind bei Jugendlichen nicht erprobt. Von ihrem Einsatz wird aufgrund zu erwartender Nebenwirkungen wie z.B. Störung des physischen und psychischen Entwicklungsprozesses und Spätfolgen abgeraten. Dagegen kann eine Medikation, die die Stimmung des Jugendlichen beeinflusst, im Einzelfall eine sinnvolle Unterstützung der psychotherapeutischen Behandlung darstellen. Beispielsweise kann eine Medikation bei "stark gehemmten Missbrauchern mit depressiver Grundstimmung" stimmungsaufhellend, bei "schnell gereizten, impulsiven Vergewaltigern" dämpfend wirken (vergl. Preuss 2002). [...]
der von Vertrauen geprägten therapeutischen Beziehung kann der Minderjährige mit sexuell aggressiven Verhaltensweisen eine Problemeinsicht entwickeln, korrigierende Beziehungserfahrungen machen, neue Bewältigungsstrategien entwickeln und verschiedene Persönlichkeitsanteile integrieren (vergl. Nowara u.a. 1998). Deegener betont die Bedeutung des tiefenpsychologischen Ansatzes als Ergänzung zu kognitiv-behavioralen Methoden (vergl. Deegener 1995, S. 58ff; siehe auch '7.2.4 Verhältnis von Therapie und Pädagogik'). Rein tiefenpsychologische Behandlungsansätze kommen in der Behandlung sexuell aggressiven Verhaltens kaum noch zur Geltung. Die zentrale Kritik an tiefenpsychologischen Behandlungsansätzen bezieht sich auf die Neigung, in dem sexuell aggressiven Minderjährigen in erster Linie die Opfer- und Vernachlässigungsseite zu sehen und darüber die Täterseite zu vernachlässigen (vergl. Schmelzle 2002, S.22). Weitere Nachteile liegen in der Langwierigkeit und der unzureichenden Überprüfbarkeit des Behandlungserfolges. Im Gegensatz dazu können bei kognitiv-behavioralen Methoden die Behandlungsschritte gut überprüft und dokumentiert werden. Techniken der Selbstkontrolle greifen bereits nach kurzer Behandlungsdauer (vergl. Bintig 2002). Ähnlich wie tiefenpsychologische Ansätze, finden auch psychoanalytische Aspekte heute nur noch in ergänzender Weise Eingang in die Behandlung sexuell aggressiven Verhaltens (vergl. Wößner 2002, S.43). Bei Minderjährigen ist dies in besonderer Weise dann der Fall, wenn deren sexuell aggressive Verhaltensweisen noch nicht eigenständig, sondern nur in Zusammenhang mit der Reinszenierung eigener Opfererfahrungen zu verstehen sind. Opfererfahrungen sind in die Behandlung des sexuell aggressiven Verhaltens einzubeziehen (siehe 7.2.5 Opferarbeit als inhaltlicher Bestandteil der Behandlung). Keine Rolle mehr spielen familientherapeutische Behandlungen, bei der die ganze Familie gemeinsam behandelt wird. Da unterschiedliche Machtverhältnisse eine offene Auseinandersetzung erschweren, sollte der sexuell aggressive Jugendliche getrennt von der Familie behandelt werden (vergl. Eitel u.a. 1998, S.107). Trotzdem sollten systemische Aspekte insbesondere in die Behandlung sexuell aggressiver Minderjähriger [...]
Behandlungsansätze etabliert. Diese erzielen in Wirkungsstudien neben medikamentösen Interventionen eine überdurchschnittliche Wirkung (vergl. Lösel 1999, S. 286f). Sexuell aggressive Verhaltensweisen werden beim kognitiv-behavioralen Ansatz als erworbene Verhaltensbereitschaft angesehen. Diese haben sich vor dem Hintergrund ebenfalls erworbener, unangemessener Denkstrukturen entwickelt. Kernpunkte der kognitivbehavioralen Behandlung sind fast immer: die Bearbeitung von Defiziten bei sozialen Fähigkeiten, der Aufbau von Empathie vor allem für das potentielle Opfer, Ärgermanagement, die Bearbeitung kognitiver Verzerrungen, die Arbeit am Misshandlungszyklus mit dem Ziel des Aufbaus von Selbstkontrollmechanismen sowie die Behandlung von impulsiven und dissozialen Verhaltensanteilen (vergl. Wößner 2002, S. 41f). Aufgrund der Bedeutung kognitiv-behavioraler Konzepte habe ich diese unter 6.3 separat erläutert. Im Gegensatz zu den kognitiv-behavioralen Ansätzen erzielen rein behaviorale Methoden langfristig keine bzw. eine negative Wirkung. Die Idee dieser Ansätze liegt darin, mit operanten Methoden wie z.B. der Verbindung von pädophilen Phantasien und Elektroreizen oder Ammoniak eine Verhaltensmodifikation zu erzielen (vergl. Nowara u.a. 1998). Gerade in diesen aversiven Methoden sieht Lösel die Ursache dafür, dass entsprechende Ansätze der Verhaltensmodifikation keine stabile Selbstkontrolle aufbauen (vergl. Lösel 1999, S. 288). Tiefenpsychologisch orientierte Verfahren arbeiten mit dem Ziel des Bewusstwerdens und der Bearbeitung psychischer Konflikte. Hierbei wird der Beziehung zum Therapeuten eine wichtige Rolle zugeschrieben. Im Rahmen [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832489212
Arbeit zitieren:
Wieck, Markus Juni 2005: Sexuell aggressive Verhaltensweisen bei Jungen ab 12 Jahren, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
sexueller Missbrauch, Täter, Sexualstraftäter, Tätertherapie, Kindesmissbrauch



