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Sexualität im Fernsehen als Überforderung des Rezipienten

Zum Strukturwandel von Zivilisation und Öffentlichkeit

Sexualität im Fernsehen als Überforderung des Rezipienten
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: André Pischker
  • Abgabedatum: Januar 1999
  • Umfang: 124 Seiten
  • Dateigröße: 606,5 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Universität Bielefeld Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-4317-7
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-4317-7 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-4317-7 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Pischker, André Januar 1999: Sexualität im Fernsehen als Überforderung des Rezipienten, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Kognition, Medien, Öffentlichkeit, Rezeption, Sexualität

Diplomarbeit von André Pischker

Einleitung:

Unter der Überschrift EROTIK IM FERNSEHEN – DIE GROßE SEXLÜGE erschien im Dezember 1998 ein Artikel in einer Fernsehzeitschrift, der die Unterzeile trug: „Beim Thema Sexualität heucheln die Sender, was das Zeug hält – und die Zuschauer wollen’s nicht anders“. Hauptkritikpunkt des Autors ist die ewige Wiederholung alter Beiträge in Erotikmagazinen wie WA(H)RE LIEBE, PEEP!, u.ä. Damit, so seine These, würde weder ein authentisches Bild des Sexualverhaltens der Gesellschaft erzeugt, noch wäre die Offenheit und Ehrlichkeit dieser Sendungen real. Der Autor schreibt:

„Denn nicht Offenheit, sondern Verklemmtheit ist auch im Zeitalter von Viagra die Realität. WA(H)RE LIEBE flüchtet sich deshalb in Ironie und PEEP! in Belanglosigkeit.“ Etwas später heißt es dann:

„Ehrlich wären Erotikmagazine, wenn sie ihre Beiträge als das verkauften, was sie sind: Anschauungsmaterial.“ Den Abschluß bildet ein vernichtendes Urteil:

„Wer also nach Erotik im Fernsehen fragt, stößt auf Sexreportagen, die keine sind, Pornosender ohne Pornographie, Flunkereien bei Umfragen, trügerische Vorurteile über vermeintliche Schmuddelsender und zweifelhafte Selbstbekenntnisse in Talkshows. Kurzum: eine Sammlung an Unwahrheiten.“ Ist dies tatsächlich die Realität ? Ein nach mehr Informationen über sein Lieblingsthema Sexualität dürstender Fernsehzuschauer, dessen Wünsche und Bedürfnisse aber nicht gestillt werden können, da das Medium Fernsehen keinen wirklichen Einblick nimmt in das Sexualverhalten seiner Umwelt und statt dessen ein durch Wiederholungen und alte, zusammengeschnittene Beiträge verzerrtes Bild der Wirklichkeit liefert ?

Oder ist nicht das Fernsehen als eine Art Gegenöffentlichkeit zur Alltagswelt des Rezipienten zu betrachten, die ihre eigenen Gesetze im Bereich der Sexualität besitzt ? Dann aber würde sich die Frage ergeben, ob sich hier nicht zwei differente Wirklichkeiten begegnen, die hinsichtlich ihrer Norm- und Wertvorstellungen unterschiedliche Bezugssysteme benutzen und die dem Rezipienten eine kompetente Syntheseleistung abverlangen.

Um dieser Frage nachzugehen, ist die folgende Arbeit in zwei Bereiche unterteilt. Der Teil A geht grundsätzlich zunächst einmal davon aus, daß der Fernsehzuschauer, verhaftet in seiner eigenen kleinen Alltagswelt, sich der medialen Gegenöffentlichkeit des Fernsehens AUSSETZT. D.h., aufgrund einer historisch entwickelten Tabuisierung von Sexualität und allem körperlichen scheint es so, als sei er mit den medialen Inhalten allein gelassen, da es ihm eben aufgrund dieser gesellschaftlich tabuisierten Einstellung zur Sexualität nicht möglich ist, sich in der Öffentlichkeit über dieses Thema auszutauschen. Dazu ist in Kapitel 1 zunächst zu klären, was unter ÖFFENTLICH und PRIVAT zu verstehen ist, denn sicherlich, so ein berechtigter Einwand, können zwei Menschen innerhalb einer Liebesbeziehung sanktionslos über sexuelle Themen sprechen. Doch läßt sich in dieser intimen Zweierbeziehung kein objektives Urteil bilden über die Relevanz der medial präsentierten Sexualität der Gesellschaft im alltäglichen Leben. Anders ausgedrückt: Wer mag aufgrund der Bilder des Fernsehens beurteilen, ob das abgebildete Sexualverhalten ein fester Bestandteil im Liebesspiel seiner Nachbarn, Arbeitskollegen, der Mitglieder seines Kegelclubs, etc. ist, oder ob es sich vielleicht doch nur um eine eher ungewöhnliche und seltene Variante Einzelner handelt?

Kapitel 2 beschäftigt sich ausführlicher mit der möglichen Differenz im Sexualverhalten verschiedener Menschen und dem medial vermittelten Habitus.

Um zu verdeutlichen, daß diese Entscheidungen jedoch nur im kommunikativen Austausch mit anderen vorzunehmen sind und ein ausschließliches Lernen durch Fernsehen nicht möglich ist, bietet sich die strukturale Methode an. Der Strukturalismus versucht in der Theorie Jean Piagets zu erklären, wie der Mensch in seiner Entwicklung vom Neugeborenen zum erwachsenen Individuum lernt, sich die Welt anzueignen, indem er die Phänomene der Welt in sprachliche Strukturen faßt. Diese kognitiven Strukturen jedoch bedürfen eines ständigen Komplements in der Realität, an der sie sich überprüfen lassen. Gerade dieses Gegenstück aber wird vom Fernsehen nicht geliefert, da es seine eigenen physikalischen und zeitlichen Gesetze hat, um Wirklichkeit abzubilden, wie in Kapitel 3 dargestellt wird.

Daß aber diese Verbindung von Realität und kognitiver Struktur im kommunikativen Austausch durch Sprache erfolgt, ist nicht nur eine Prämisse der strukturalen Methode. Auch Leon Festinger und andere Wissenschaftler haben sich im Zuge der Entwicklung einer Balance-Theorie damit auseinandergesetzt. Kapitel 4 stellt diese Theorie vor und versucht zu verdeutlichen, wie es zu einer Überforderung des Rezipienten durch die Diskrepanz von medialer und subjektiv erfahrbarer Realität kommen kann. Überforderung wird dabei verstanden als kognitives Ungleichgewicht zwischen den Wert- und Normhaltungen des Rezipienten einerseits und den Aussagen des Fernsehens sowie seiner ihn sozialisierenden (und bei Fehlverhalten sanktionierenden) Umwelt andererseits.

Nach dieser Darstellung eines eher passiv ausgelieferten Rezipienten, wird versucht, in Teil B das Bild eines aktiven Fernsehzuschauers zu kreieren, der das Medium im Sinne seiner Bedürfnisse nutzt (Kapitel 2 und 3). Dabei ist es wichtig, daß ihm die Synthese von medialer und subjektiver Realität gelingt, auch und gerade weil er bei dem Thema Sexualität nicht auf einen kommunikativen Austausch innerhalb seiner sozialen und außerhalb seiner intimen Beziehungen hoffen kann. Das Schlagwort dazu ist MEDIENKOMPETENZ, die in ihren einzelnen Aspekten in Kapitel 4 untersucht wird, wobei das skizzierte Beispiel nur eine mögliche denkbare Form der kritischen Mediennutzung darstellt und weitere Anwendungsarten und –bereiche denkbar sind.

Der letzte Punkt (Kapitel 5) beschäftigt sich abschließend mit der gestalterischen Komponente von Medienkompetenz. Neben einer begrifflich determinierten Verwendung von Medien zum Zwecke der Eigengestaltung soll dem ein neuer Gedanke hinzugefügt werden. Ein gestalterischer Umgang mit Medien – so die These – kann auch schöpferisch-kreativ außerhalb der elektronischen Medien sein, z.B. durch die Übertragung von Medieninhalten auf andere Bereiche, wie z.B. das Spiel der Kinder oder auch ein Spiel der Erwachsenen: die Sexualität.

Angemerkt sei noch, daß lediglich zum Zwecke der Übersichtlichkeit ausschließlich die männliche Personalform Verwendung findet. Wichtige Ausnahmen sind entsprechend formuliert.

Inhaltsverzeichnis:

EINLEITUNG 3
A. WAS MACHT DAS MEDIUM FERNSEHEN MIT DEM REZIPIENTEN.? 7
1. ZUM WANDEL DES ÖFFENTLICHKEITSBEGRIFFS 7
1.1 Entstehung und Wandel der Begriffe PRIVAT und ÖFFENTLICHKEIT 8
1.2 Konsumhaltung der Öffentlichkeit 14
2. TABUISIERUNG VON SEXUALITÄT IN DER GESELLSCHAFT 18
2.1 Sexualität von der Antike bis zur Gegenwart: ein Überblick 18
2.2 Tabuisierung von Sexualität als Zivilisationsprozeß 23
2.3 Darstellung von Sexualität im Fernsehen am Beispiel von LIEBE SÜNDE
2.4 Sexuelle Praktiken in der Intimsphäre und Öffentlichkeit 30
3. VON DER ORALEN STAMMESKULTUR ZU MULTIMEDIA 38
3.1 Von der Oralität zur Liberalität 38
3.2 Das elektronische Medium Fernsehen 41
3.3 Die Beta-Welt 46
3.3.1 Die relative UNWIDERLEGBARKEIT des Fernsehens 47
3.3.2 Die Beta-Welt und der Strukturalismus 52
4. KOGNITIVE DISSONANZ ALS ÜBERFORDERUNG 65
4.1 Sprache als Sozialisationsinstanz 69
4.2 Balance-Theorie 76
4.2.1 Einstellungsdifferenzen zwischen Medium und Rezipient 76
4.2.2 Kognitive Balance-Theorie 80
B. WAS MACHT DER REZIPIENT MIT DEM MEDIUM FERNSEHEN.? 89
1. MEDIALE UND SUBJEKTIVE WIRKLICHKEIT 89
2. DIE FUNKTION MEDIALER SEXUALITÄT IM ALLTAG DES REZIPIENTEN
3. LEISTUNGEN DES FERNSEHENS 97
4. MEDIENKOMPETENZ UND SEXUALITÄT: EIN PRAXISBEISPIEL 100
4.1 Gefühle, Vorstellungen, Verhaltensorientierungen 105
4.2 Besonderheiten und Bewertung medialer Gestaltung 107
4.3 Nutzung und Funktion spezieller Medienangebote 109
4.4 Mediale Produkte und ihr gesellschaftlicher Kontext 112
5. MEDIENGESTALTUNG UND KRITISCHER AUSBLICK 114
LITERATURVERZEICHNIS: 119

Automatisiert erstellter Textauszug:

Neben der globalen Mediatisierung, ausgelöst durch zunächst und vor allem wirtschaftliche Interessen, ist eine Mediatisierung der Gesellschaft im Privaten und im Freizeitbereich entstanden, die Medienwelten zum festen Bestandteil von Kinderund Jugendwelten, zunehmend aber auch von Lebenswelten Erwachsener werden läßt. Ebenso wie das Fernsehen das Bewußtsein der Menschen, ihre Kommunikation, aber auch ihre Bewertung gesellschaftlicher Prozesse beeinflußt hat, geschieht dies seit einigen Jahren in immer größerem Umfang durch die Computertechnologie14. Nun erscheint es aber um so wichtiger, und dies soll als Schlußfolgerung der bisherigen Überlegungen dienen, Medienwelten an der eigenen Lebenswelt und ihren Möglichkeiten der subjektiven Erfahrungen zu validieren. Die Beta-Welt der Medien erscheint ausschließlich dann als sinnvolle Ergänzung, wenn ihr sozialer Zusammenhang in Bezug auf die eigene Realität gelingt. Während die intensive Nutzung medialer Angebote zwar zu einer temporären Befriedigung von Bedürfnissen führen mag, bleibt sie letztlich aber doch immer nur gestaltlos; ein zumeist elektronischer Kommunikation entsprungener Ausdruck schlechthin. Die Konsumierung medialer Produkte allein macht daher nicht handlungsfähig. Dahingegen stellt sich nun die Frage, ob ein kreativer und vor allem ein produktiver Umgang mit Medien dieses Problem zu lösen hilft. Speziell für den Bereich der medialen Sexualität erscheint es schwierig, eine Verbindung zwischen reinem Konsum und einer kreativen Herstellung eigener Medienprodukte zu finden. Gerade Ernest Borneman zieht hier ein sehr negatives Resümee für den passiven Konsum von Medien: [...]

Sexualität in den Massenmedien folgt geradewegs diesem Phänomen. Erinnern wir uns an das obige Dilemma der inszenierten Öffentlichkeit und beachten wir bei einem medialen Beitrag die stets subjektiv gefärbte Intention, so entsteht wiederum eine Diskrepanz zwischen subjektiv-erfahrbarer Alltagswelt und medialer Realität, dessen Lösung Ziel von Medienpädagogik sein muß. Öffentliche Meinung im Sinne einer von vielen Menschen vertretenden Meinung muß nicht zwangsläufig die objektiv richtige sein, vor allem dann nicht, wenn sie keine Bestätigung durch eigene Erfahrungen erfährt. Hierin ähneln sich Politik und Sexualität im hohen Maße, zumindest dann, wenn sie ihre Eindrücke vor allem aus der Berichterstattung elektronischer Vermittler beziehen. Genau darauf zielen auch Dröge / Göbbel u.a. ab, wenn sie schreiben: [...]

Da sich, anders als in anderen Genres, im Bereich der medialen Sexualität diese stets als inszeniert erweist, stellt sich die Frage nach der Intention ihrer Inszenierung. Es entsteht ein Dilemma durch den Versuch, sie publik zu machen, obwohl sie gerade in der Öffentlichkeit mit einem Tabu belegt ist. Es wird also unmöglich, sie aus ihrer Intimität heraus als authentische Abbildung zu veröffentlichen. Statt dessen wird sie in spielfilmartige Handlungen verpackt oder inszeniert sich quasi selbst, wie in der Berichterstattung von Swinger-Clubs, Rotlichtvierteln der Großstädte, Pornocastings, u.a. Fernsehen erschafft hiermit ein Pseudoereignis, um überhaupt Material zum Thema Sexualität zur Verfügung zu haben. Bei der Einordnung des Gesehenen in einen gesellschaftlichen Zusammenhang fällt nun all das zusammen, was im vorhinein bereits gesagt wurde: Durch die Unfähigkeit des Einzelnen sich angemessen über die Fernsehinhalte mit seiner Umwelt auszutauschen und der gleichzeitigen Verbreitung dieser Inhalte in quasi jeden Haushalt, mit der Tabuisierung alles Sexuellen schon im Erziehungs- und Sozialisationsprozeß der Kinder und der daraus sich entwickelnden Neugierde als auch des natürlichen Bedürfnisses nach Information, wird das zur objektiven respektive öffentlichen Meinung, was am lautesten propagiert wird: das ist die Meinung der Massenmedien, zumindest im Themenfeld Sexualität, wo alle anderen schweigen. Elisabeth Noelle-Neumann untersuchte dieses Phänomen bereits in den 60er und 70er Jahren anhand des politischen Klimas in Deutschland und des entsprechenden Wählerverhaltens. Ihre These lautet zusammengefaßt: „Reden und Schweigen entscheidet über Meinungsklima“ (Noelle-Neumann, S. 17). Differenzierter heißt das, daß zwei oder mehr differente Standpunkte von gleichviel Menschen vertreten werden können, in der Öffentlichkeit aber die Meinung als die stärkere, bzw. eher zutreffendere aufgefaßt wird, die häufiger oder mit mehr Enthusiasmus geäußert wird. In dem einsetzenden Prozeß der sogenannten SCHWEIGESPIRALE entwickelt sich die Tendenz, die häufig vertretende Meinung einer Fraktion anzuerkennen und die der anderen Fraktion trotz der gleich großen Anhängerschaft weniger zu beachten. Noelle-Neumann faßt dies für die politische Meinungsbildung wie folgt zusammen: [...]

Arbeit zitieren:
Pischker, André Januar 1999: Sexualität im Fernsehen als Überforderung des Rezipienten, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Kognition, Medien, Öffentlichkeit, Rezeption, Sexualität

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