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Familie und Lebensformen in moderner und postmoderner Gesellschaft

Familie und Lebensformen in moderner und postmoderner Gesellschaft
Über dieses Buch
  • Art: Seminararbeit
  • Autor: Mireille Bertram
  • Abgabedatum: Mai 1998
  • Umfang: 151 Seiten
  • Dateigröße: 790,1 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Koblenz-Landau, Abt. Koblenz Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-7643-4
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-7643-4 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-7643-4 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Bertram, Mireille Mai 1998: Familie und Lebensformen in moderner und postmoderner Gesellschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Popularisierung, funktionale Ausdifferenzierung, commuter-Beziehungen, Sozialisation, living-apart-together

Seminararbeit von Mireille Bertram

Einleitung:

Die Wahl, Familie im Hinblick auf die spezifischen Wandlungsprozesse, denen sie im Zuge der Modernisierung unterliegt, sowie die Frage nach ihrer Eingliederung in den Prozeß des gesellschaftlichen Übergangs zur Postmoderne zu untersuchen, zum Gegenstand meiner Arbeit zu machen, ist in erster Linie bedingt durch mein Interesse an familiensoziologischen Fragestellungen allgemein.

Als ich mit Herrn Dr. phil. Stein das Themengebiet auf die Analyse der Familie sowie der Pluralität familialer Lebensformen in der modernen und in der postmodernen Gesellschaft eingrenzte, dachte ich, es stellt sicherlich die interessante Anforderung, Familie einmal in einem ganz speziellen Zusammenhang zu untersuchen.

Ich muß gestehen, als ich anfing, mich in das Themengebiet einzulesen, erfaßte mich augenblicklich eine Begeisterung, die sich auf meine gesamte Beschäftigung mit der Analyse der Familie an sich aber auch in Zusammenhang mit ihrem Einfluß auf die Gesellschaft, sowie der These, sie befände sich in einer anhaltenden Krise, die oftmals, meiner Ansicht nach fälschlicherweise, als ein Strukturverfall der Familie angesehen wird, niederschlug.

In nahezu allen Publikationen über Familie seit den sechziger Jahren taucht diese These über den Strukturverfall der Familie und damit zusammenhängend die Frage auf, ob sich die Familie seit Beginn des gesellschaftlichen Wandels hin zur Moderne in einer stetigen Krise befindet.

Ich habe mich bei der eingehenden Beschäftigung mit diesem Thema davon überzeugen können, daß gerade durch die veränderten Bedingungen, die die Umstrukturierung der Gesellschaft hin zur Moderne mit sich gebracht hat, die Familie tatsächlich einem enormen Wandlungsprozeß unterliegt. Dieser resultiert wohl in erster Linie aus der heutigen Pluralisierung der Lebensformen und damit einhergehend den erschwerten Definitionsbedingungen einer spezifischen, übergeordnet geltenden Familienform (vgl. S. 14 f). Neben der zweifelsfrei definierten Kernfamilie reicht das Spektrum heutiger familialer Lebensformen von „nichtehelichen Lebensgemeinschaften“ über „Commuter-Ehen“ und „living-apart-together“-Beziehungen bis hin zu „kinderlosen Ehen“ und „Fortsetzungsfamilien“.

Sicherlich haben die bedeutsamen, modernisierungsspezifisch bedingten Veränder-ungen innerhalb der Familie diese wiederum in eine nicht zu unterschätzende Krise gestürzt, die sich in einer gewissen Desorganisation ihrer Binnenstruktur äußert.

Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß die Struktur der Familie seit den sechziger Jahren einen enormen Stabilitätsverlust erlitten hat. Die bedingenden Faktoren sind vielfältig, zu ihnen zählt unter anderem der Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit, die Verbesserung des Ausbildungs- und Berufssystems und nicht zuletzt das gesellschaftsspezifische, moderne Phänomen der sogenannten „peer-groups“. Die Gruppe der Gleichaltrigen spielt eine tragende Rolle im Entfremdungs- und Herauslösungsprozeß der Jugendlichen aus dem engen Familienverband.

Ich vertrete aber die These, daß angesichts des Wandlungsprozesses dem die Familie heute unterliegt, in dem Sinne nicht von einem Strukturverfall die Rede sein kann.

Meiner Ansicht nach erweist sich die Familie eher als eine der stabilsten und zeitüberdauerndsten Institution der Gesellschaft. Wie sonst ist es möglich, daß sie sich über Jahrhunderte hinweg in ihrer Beständigkeit bewährt hat?

Diese konstante Erscheinungsform der Familie wird um so bedeutender, wenn man sich vor Augen hält, daß sie sich auch innerhalb einer Phase, in der die Gesellschaft großen strukturellen Umwälzungen in allen Teilbereichen unterliegt, dennoch als eine weitgehend beständige Institution etabliert hat. Zwar kann sie sich den Einflüssen der gesellschaftlichen Umstrukturierungen nicht entziehen, wie man z.B. an der Pluralisierung ihrer äußeren Lebensformen erkennen kann, aber in diesem Zusammenhang von einem totalen Strukturverfall zu sprechen, erscheint mir nicht gerechtfertigt.

Im ersten Teil dieser Arbeit beschäftige ich mich vordergründig mit den Problembereichen der Familiensoziologie in der modernen Gesellschaft. Dies scheint mir unerläßlich im Hinblick auf das Beschäftigungsfeld mit Familie als Teilsystem der Gesellschaft zu sein, da gerade die Familiensoziologie sie primär als „Keimzelle der Gesellschaft“ ansieht. An ihr richtet sich alles weitere Leben aus und sie ist es primär, die das Individuum durch den spezifischen Prozeß der frühkindlichen Sozialisation in seinem gesamten späteren Wertempfinden und seinen Verhaltensorientierungen prägt. Sie gewährt uns das, was wir in keinem anderen Teilbereich der Gesellschaft finden können: Intimität, Wärme, Geborgenheit und die Chance zur individuellen Ausprägung der eigenen Persönlichkeit.

Natürlich sind in diesem Zusammenhang auch die spezifischen Auswirkungen auf die Familiensoziologie, die die Umstrukturierung der Gesellschaft hinsichtlich der Moderne nach sich zieht, von großer Bedeutsamkeit. Ihre Möglichkeiten zur Analyse der Familie erscheinen mir im Hinblick auf die Pluralität der familialen Lebenswelten und den damit einhergehenden erschwerten Definitionsbedingungen zunehmend geschwächt. Daraus ergibt sich wiederum eine weitere Schwierigkeit für die Familiensoziologie: das primäre Ziel der Einordnung familialer Lebensstrukturen in den gesamtgesellschaftlichen Kontext und die Auswirkungen ihrer Strukturbeschaffenheit, zum einen auf die Gesellschaft und zum anderen auch auf die Familie selber, zu analysieren. (vgl. S. 14 f) Weiterhin beschäftige ich mich in diesem Zusammenhang mit dem Phänomen der Moderne und den sie bedingenden gesellschaftlichen Wandlungsprozessen. Ihr spezifisches Merkmal ist in der Pluralisierung der Lebenswelten zu sehen, die ihrerseits, auch im Zuge des Individualisierungsprozesses, wiederum mit einer Vervielfältigung der individuellen Handlungsperspektiven einhergeht.

Allerdings ergeben sich aus dieser Zunahme der Wahlmöglichkeiten auch unbestreitbare Folgen für die Gesellschaft und für das Individuum, die sich zum großen Teil in einer Destabilisierung bisher verbindlicher Normen und Werte äußert und somit ebenso Raum für eine Pluralisierung der Wertsysteme schafft.

Die negativen Auswirkungen der Moderne zeigen sich in diesem Sinne in einer Desorientierung des einzelnen innerhalb der Gesellschaft, hinsichtlich der augenscheinlich außer Kraft gesetzten, vorgegebenen Normorientierungen und Handlungsperspektiven. Die Möglichkeit, sich individuell zu entscheiden, wandelt sich unter dem Aspekt der Befreiung des Individuums im Zuge des Modernisierungsprozesses in einen Zwang, sich entscheiden zu müssen. Daraus resultieren oftmals Verhaltensunsicherheiten und Ängste in bezug auf den Lebensverlauf hinsichtlich der Zukunftsperspektive. (vgl. S. 19 f) Schließlich beschäftige ich mich in diesem Teil mit der heute zunehmend diskutierten Frage, ob sich die moderne Gesellschaft bereits in einem Übergangsstadium hin zu einer postmodernen Gesellschaft befindet.

Aufgrund der Vielfalt familialer Lebensformen, auch im Hinblick auf die Pluralisierung ihrer Bezeichnungen, und dem Fortschreiten des Individualisierungsprozesses wird heute vielfach die These vertreten, daß dem so ist.

Allerdings drängt sich wiederum die Frage auf, ob man im Verlaufe einer modernen Gesellschaft davon sprechen kann, man befinde sich in einem Entwicklungsstadium hin zu einer Gesellschaft, die moderner als modern sei. Was ist in diesem Sinne moderner als die Organisationsstruktur, die unsere Gesellschaft heute kennzeichnet?

Kann man in diesem Sinne überhaupt schon sicher von einer Entwicklung sprechen, die eigentlich noch in der Zukunft liegt?

Im zweiten Teil dieser Arbeit beschäftige ich mich ausschließlich mit den Auswirkungen des Modernisierungsprozesses auf die Binnenstruktur der Familie.

In diesem Zusammenhang erscheint es mir wichtig, die komplexen Teilsysteme, die die Familie bedingen, hinsichtlich der veränderten Bedingungen im Zuge der Modernisierung zu untersuchen. Dazu zählt zum einen die Institution der Ehe und die Partnerschaft, sowie die neu entstandenen vielfältigen Lebensformen in diesen Bereichen; weiterhin die Neustrukturierung der sozialen Beziehungen innerhalb der Familie, die veränderte Einstellung zu Kindern, die Bedeutung von Erziehung und Sozialisation als bedeutsame Aufgaben der Familie und auch der Wandel im Hinblick auf die Geburtenentwicklung seit Beginn der sechziger Jahre.

Vertritt man die These, die Familie befände sich in einem Stadium zunehmenden Strukturverfalls, dann müssen ihre, soeben beschriebenen, spezifischen Teilsysteme im Hinblick auf die Wandlungsprozesse, die sich in ihnen im Zuge der Modernisierung vollzogen haben, zunächst unabhängig voneinander analysiert werden. Nur auf diese Weise kann man einen übergreifenden Zusammenhang zwischen den spezifischen Entwicklungen einerseits, und ihren Auswirkungen auf die Familienstruktur in ihrer Ganzheit herstellen.

Die Auswirkungen dieser veränderten Bedingungen innerhalb der einzelnen, die Familie bedingenden, Teilsysteme führen heute soweit, daß zunehmend die These vertreten wird, die Familie befände sich in dem krisenhaften Prozeß einer Deinstitutionalisierung, in dessen Verlauf sie ihre überragende Monopolstellung in der Gesellschaft einbüße. Dies gilt gleichermaßen für die Institution der Ehe als primäres Leitbild einer funktionierenden Paarbeziehung.

Auch die These von einer möglichen Deinstitutionalisierung werde ich im Hinblick auf die, sie bedingenden, modernisierungsspezifischen Faktoren und ihre Auswirkungen auf die Stellung von Familie und Ehe in der modernen Gesellschaft analysieren.

Abschließend werde ich untersuchen, inwiefern die moderne Familie in bezug auf den Diskurs der Umstrukturierungen der Gegenwartsgesellschaft hin zur Post-moderne gleichermaßen mit dem Präfix „post“ versehen werden kann.

Da aber allein die Existenz einer postmodernen Lebensform vielfach in Frage gestellt wird und in diesem Zusammenhang, daraus resultierend, nur unzureichende Definitionen hinsichtlich der Postmoderne auftreten, gestaltet sich die Aufgabe der Eingliederung der modernen Familie in den gesamtgesellschaftlichen Wandlungsprozeß schwierig.

Was sind diesbezüglich die Charaktersitika, die uns von einer möglichen „postmodernen“ Familie sprechen lassen und unter welchem Gesichtspunkt muß in diesem Zusammenhang die bestehende Familienstruktur betrachtet werden?

All dies sind Fragen, die meiner Ansicht nach in der familiensoziologischen Literatur noch weitaus intensiver behandelt werden müssen.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 1
Teil I
1. Die Beschäftigungsfelder der Familiensoziologie 6
1.1 Spezifische Aufgabenstellungen an die Familiensoziologie 9
1.2 Funktionsverlust und Auflösungserscheinungen der Familie 11
2. Die Moderne im Problemfeld der Familiensoziologie 14
2.1 Pluralität und Pluralisierung der Lebenswelten als kennzeichnendes Merkmal der modernen Gesellschaft 16
2.2 Die Folgen der Moderne 19
2.2.1 Das Risiko der modernen Abstraktheit 22
2.2.2 Das Risiko von Individualisierung, Pluralisierung und Anomie 24
2.2.3 Das Risiko des veränderten Zeithorizonts 25
3. Die Postmoderne in Abgrenzung zur modernen Gesellschaft 27
3.1 Das Merkmal der konsequenten Semiotik 28
3.2 Das Merkmal der Pluralisierung im Kontext der Postmoderne 30
3.3 Das Merkmal von Individualisierung und Identität 32
Teil II
4. Die Familie in der modernen Gesellschaft 35
4.1 Die Neustrukturierung der Funktionen der modernen Familie 39
4.2 Die Bedeutung verwandtschaftlicher Beziehungen für die moderne Familie in bezug auf die „funktionale Ausdifferenzierung“ 44
4.3 Die Pluralisierung familialer Lebensformen als spezifisches Merkmal der modernen Familie 46
4.4 Familie und Ehe im Prozeß der Deinstitutionalisierung 52
5. Die Bedeutung der Ehe in der modernen Gesellschaft 57
5.1 Ehescheidungen 61
5.2 Das Phänomen der „sukzessiven Ehe“ als Lebensform der modernen Gesellschaft 65
5. 3 Das Phänomen der „kinderlosen Ehe“ als Lebensform der modernen Gesellschaft 68
6. Die Bedeutung der Partnerschaft in der Moderne 74
6.1 Die „nichteheliche Lebensgemeinschaft“ als alternative Lebensform zur institutionellen Ehe 76
6.2 Das Konzept des „living-apart-together“ 81
6.3 „Commuter-Beziehungen“ - eine moderne familiale Lebensform? 83
7. Die Bedeutung der sozialen Beziehungen in der modernen Familie 86
7.1 Die soziale Struktur der Eltern-Kind-Beziehung 89
7.2 Die strukturelle Ausprägung der Mutter-Kind-Beziehung in Abhängigkeit von mütterlicher Erwerbstätigkeit bzw. Nichterwerbstätigkeit 92
7.3 Die soziale Beziehung unter Geschwistern und deren Einflußnahme auf die strukturelle Ausprägung der Eltern-Kind-Beziehung 98
8. Die Grundsteinlegung der Erziehung in der modernen Familie: „Das Jahrhundert des Kindes“ - Kritik am Erziehungssystem des ausgehenden 19. Jahrhunderts durch Ellen Key 101
8.1 Der Prozeß der familialen Sozialisation in Anlehnung an ein verändertes Erziehungsverhalten in der modernen Familie 105
8.2 Familienspezifische Voraussetzungen für den Prozeß der Sozialisation 107
8.3 Familienspezifisch erschwerende Bedingungen für den Prozeß der Sozialisation 110
Teil III
9. Die Familie im Diskurs der Postmoderne 115
9.1 Die Pluralität familialer Lebensformen als demographische Vielfalt und als Vielfalt der Bezeichnungen – Erklärungsmodell zum Übergang zur Postmoderne 119
9.2 Das Konzept der Aleatorik im Diskurs der postmodernen Familie 122
9.2.1 Deutungsversuch der Entstehung von Partnerschaften mittels des Konzeptes der Aleatorik 124
9.2.2 Die Ursachen für Ehescheidungen im Deutungsmuster der Postmoderne 127
9.2.3 Veränderte Eltern-Kind-Beziehung im Übergang zur Postmoderne 131
Zusammenfassende Betrachtung 135
Quellenverzeichnis 139

Automatisiert erstellter Textauszug:

halt gründen wollen oder ob sie zunächst lieber weiter allein leben wollen. Die Frage der Rolle. Die allgemeine Überzeugung von der Notwendigkeit der Ehe scheint in ihrer Schwächung als ein charakteristisches Merkmal der modernen Gesellschaft zu gelten. Waren demnach im Jahre 1963 noch annähernd 90% der 14- bis 29jährigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Meinung, die Ehe sei „grundsätzlich notwendig“, galt dies 1978 dagegen nur noch für 40% dieser Altersgruppe. 148 Bertram verbindet diesen grundlegenden „Wandel der Einstellungen und Orientierungsmuster“ hinsichtlich der Ehe mit dem, in der modernen Gesellschaft vordergründigen, Phänomen der „Individualisierung als Form der Verwirklichung persönlicher Lebensziele“. 149 Dazu zählen sicherlich auch die heute erhöhten Ansprüche an eine Partnerschaft. Heute nimmt die Suche nach dem ewigen Glück und einer Partnerschaft, die auf der Basis „wahrer Liebe“ besteht, einen besonderen Stellenwert in unserem Leben ein. Deshalb ist man nicht bereit, sich schon frühzeitig fest zu binden. Eheschließung erlangt erst im späteren Zusammenhang mit der Familiengründung an Bedeutung oder sie spielt weiterhin nur eine unbedeutende [...]

sinkt auch gleichermaßen der Druck zur Eheschließung. Der Geburtenrückgang wiederum hat Ursachen, die großen Einfluß auf die Rückläufigkeit der Heiratsneigung nehmen. Dies gilt vor allem für das ansteigende Bildungsniveau und die zunehmende qualifizierte Erwerbtätigkeit von Frauen. Das allgemein enorm angestiegene Bildungsniveau führte dazu, daß die Ausbildungszeit und gleichermaßen auch die Zeitspanne vom Auszug aus dem Elternhaus bis zur Gründung eines eigenen Familienhaushalts immer länger wurde. Man wollte nicht mehr zu Hause leben, wollte aber auch nicht gleich eine Familie gründen. Das führte dazu, das vor allem Studenten und andere junge Erwachsene zwei neue Lebens- und Wohnformen entwickelt bzw. wiederentdeckt haben: die Wohngemeinschaft und die nichteheliche Lebensgemeinschaft. 145 Was die qualifizierte Erwerbstätigkeit von Frauen anbelangt, trifft es heute zu, daß sich insbesondere für junge Frauen, aufgrund der steigenden Attraktivität im Hinblick auf Ausbildungs- und Berufschancen in größerem Maße Alternativen zur „traditionellen Orientierung auf Ehe und Familie“ ergeben. 146 Peuckert hat in bezug auf den Verlust der Attraktivität der Ehe folgenden Ursachenkatalog zusammengestellt, in dem er die heutigen Ursachen mit „historisch-sozialen Wandlungsprozessen“ in Verbindung setzt: Durch die Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen vergrößert sich gleichermaßen deren Unabhängigkeit. Als Folge der veränderten Sexualmoral unterliegt das unverheiratete Zusammenleben heute einem großen Maß an kultureller Akzeptanz. Die nachlassende Diskriminierung lediger Mütter mit Kindern trägt zu einer erleichterten Elternschaft ohne die Verbindung mit einer Ehe bei. Das ansteigende Erfordernis nach Mobilität in unserer Gesellschaft erschwert zunehmend die Festlegung auf einen bestimmten Partner. 147 In Anbetracht dieser Entwicklung erscheint die wichtigste Entscheidung jüngerer Paare heute diejenige zu sein, ob sie zusammenziehen und einen gemeinsamen Haus- [...]

Der angesprochene Wandel zeigt sich heute unter anderem in einem rapiden Rückgang der Eheschließungsquoten. Diese erreichten 1978 mit 5,4 Ehen pro 1000 Einwohner ihren niedrigsten Stand. Somit sank die Eheschließungsquote lediger Frauen im Zeitraum von 1965 bis 1981 um 43%. Allgemein zu verzeichnen ist ein Rückgang der Heiratsneigung bei Männern und Frauen innerhalb der letzten 10 Jahre. Von den 20-25jährigen (25-30jährigen) Männern waren 1975 noch 22% (60%) verheiratet, von den gleichaltrigen Frauen 51% (80%). 1985 waren von den Männern dagegen nurmehr 10% (41%) und von den Frauen 26% (62%) verheiratet. 141 Auch im Bereich der Wiederverheiratungen zeichnet sich ein zunehmend rückläufiger Trend ab. „Während in den 60er Jahren noch rund drei Viertel aller Geschiedenen eine neue Ehe eingingen, waren es 1983 weniger als zwei Drittel.“ 142 Aus dieser gesamten modernisierungsspezifischen Entwicklung im Bereich der institutionalisierten Ehe ergibt sich eine zunehmend schwerwiegende Folge in bezug auf die individuellen Einstellungen zur Ehe, die heute vordergründig zu verzeichnen sind. Dies betrifft vor allem die bis dato unanfechtbare Monopolstellung der Institution Ehe, die infolge ihres heutigen Attraktivitätsverlustes zunehmend an Einbußen erleidet. Demnach scheint auch ihr allgemeines Ansehen als „besonders großer Einfluß auf das individuelle Glück“ 143 in der modernen Gesellschaft, mit derem vielfältigen Angebot an alternativen Lebensformen zur Ehe, in außerordentlichem Maße angegriffen zu sein. Die Gründe, warum sich heute immer mehr junge Leute von der Ehe abwenden, sind vielfach belegt. „Die Frauen können heute auch als Dreißigjährige problemlos ledig sein. Die Paare können problemlos unverheiratet zusammenleben; befriedigende Sexualität ist nicht mehr auf die Ehe angewiesen.“ 144 Ein weiterer Grund für den Attraktivitätsverlust der Ehe ist sicherlich der Geburtenrückgang, denn mit zunehmend schwindender Selbstverständlichkeit der Elternschaft [...]

Arbeit zitieren:
Bertram, Mireille Mai 1998: Familie und Lebensformen in moderner und postmoderner Gesellschaft, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Popularisierung, funktionale Ausdifferenzierung, commuter-Beziehungen, Sozialisation, living-apart-together

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