Der Begriff des "Habitus" bei Pierre Bourdieu
- Art: Seminararbeit
- Autor: Heike Albrecht
- Abgabedatum: September 1997
- Umfang: 39 Seiten
- Dateigröße: 706,2 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Kassel Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-5563-7
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Albrecht, Heike September 1997: Der Begriff des "Habitus" bei Pierre Bourdieu, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Gesellschaft, Kapital, Sozialisation, soziale Ungerechtigkeit, Lebensstil
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Seminararbeit von Heike Albrecht
Einleitung:
Habitat, Habit, Habitus. Drei ähnlich klingende Begriffe, die auf die Persönlichkeit eines Menschen bezogen werden können. Geht man quasi von außen nach innen, steht als erstes die nähere räumliche Umgebung. Das ist bei den meisten Personen die Wohnung, das Habitat.
Ein Habitat ist ein Bereich der Menschen Wohnung bietet. Eine Wohnstätte ist die künstliche, äußere „Haut“ einer Person. Dort läßt er nicht jeden hinein. In seiner Wohnung kann jeder Mensch bestimmen, was er dort tut, wie er diese Umgebung nutzt. Eine Umgebung, die ein Mensch nach seinem eigenen Willen und Wünschen gestalten kann. Zeig mir deine Wohnung und ich weiß, wer du bist. Dem einen ist es egal, ob er jahrelang aus Pappkartons lebt und der andere braucht es absolut ordentlich und gediegen in seiner Wohnung, sonst fühlt er sich nicht wohl. Es gibt Menschen, die würden in einer Großstadt einfach durchdrehen und andere brauchen den Trubel, um überhaupt in die Gänge zu kommen. Soweit möglich versucht sich jeder Mensch an einem Ort einzurichten, der seinen Bedürfnissen entgegenkommt.
„Habit ist Kleidung, die einer beruflichen Stellung, einer bestimmten Gelegenheit oder Umgebung entspricht.“ Als Habit wird das Gewand bezeichnet, das ein Ordensmann oder ein Richter trägt. Es ist die letzte künstlich hergestellte Grenze zwischen einer Person, bzw. ihrem Körper und der Umwelt.
Der Habit zeigt aber auch der Umwelt, was das für eine Person ist, die in dieser Kleidung steckt. Ein Arzt in seinem weißen Kittel, ein Bankdirektor mit Schlips und Anzug, ein Künstler in schwarz, ein Wohnungsloser in abgetragenen Kleidern, ein Gangmitglied in seiner Kluft. Jeder der Genannten hat seinen ganz speziellen Habit.
In mittelalterlichen Städten wurden durch ständische Regeln oder anderen gesetzgebenden Organen festgelegt, daß bestimmte Gewerbe oder Stände nur bestimmte Farben tragen durften. Ein Beispiel dafür ist, daß Prostituierte ein rotes Kopftuch tragen mußten, um sie von ehrbaren Bürgersfrauen unterscheiden zu können.
Heutzutage ist es nicht mehr ganz so einfach, anhand der Kleidung zu erkennen, an welcher Stelle jemand in der Gesellschaft steht. Das beste Beispiel dafür ist der hochbetitelte Universitätsprofessor, der in Jeans, selbstgestricktem Pullover und „Jesuslatschen“ zum Empfang des Bürgermeisters kommt und nicht vorgelassen wird. Trotzdem wird Kleidung als Anhaltspunkt genommen, um die Gruppenzugehörigkeit herauszufinden, genauso aber auch, um sie zu dokumentieren.
Habitus ist das, was eine Person ausmacht. Ihr Innenleben, ihre Vorlieben und Abneigungen, Benehmen, Geschmack, Auftreten u.v.m.. Unseren Habitus haben wir quasi mit der Muttermilch aufgesogen. In der Phase der Sozialisation erworben. Er ist uns antrainiert worden, manchmal ganz bewußt und mit Absicht und ein anderes Mal, „weil man es einfach so macht“. Er ist ein Teil unserer Person geworden und wird selten hinterfragt.
Der Habitus eines Menschen bestimmt, wie er lebt und wohnt, welche Grenzen er hat, in welchem Beruf er arbeitet, was er gerne ißt, trinkt, anzieht usw..
Was der von dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu besetzte Begriff des Habitus alles beinhaltet, was er noch außer Kleidung und Wohnung damit in Verbindung bringt, soll in der folgenden Untersuchung dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 5 | |
| Begriffsdefinition „Habitus“ | 6 | |
| Alltägliches Verständnis des „Habitus“ | 6 | |
| Der „Habitus“ bei Bourdieu | 8 | |
| Erläuterung von Begriffen, die den „Habitus“ beeinflussen | 9 | |
| 1. | „Kapital“ | 9 |
| 1.1 | „ökonomisches Kapital“ | 10 |
| 1.2 | „kulturelles Kapital“ | 10 |
| 1.3 | „soziales Kapital“ | 12 |
| 1.4 | „symbolisches Kapital“ | 12 |
| 2. | „Feld“ | 13 |
| 3. | Klasse bzw. sozialer Raum | 15 |
| „Habitus“- Erläuterungen und Beispiele | 17 | |
| Wie entsteht ein „Habitus“? | 25 | |
| Auf welche Theorietradition baut Bourdieu auf? | 27 | |
| Kritik | 31 | |
| Fazit | 34 | |
| Quellenverzeichnis | 36 |
Konditionierungsprozesse das Verhältnis zur sozialen Welt in ein dauerhaftes und allgemeines Verhältnis zum eigenen Leib festschreiben - in eine ganz bestimmte Weise, seinen Körper zu halten und zu bewegen, ihn vorzuzeigen, ihm Platz zu schaffen, kurz: ihm soziales Profil zu verleihen.“58 Wie sehr das Agieren und das Ansehen, selbst die Körperhaltung einer Person innerhalb einer Gesellschaft von den ihr zugeordneten Gegebenheiten und Pflichten abhängig ist, erläutert Bourdieu in seinem Buch „Sozialer Sinn“: Er beschreibt dort die Aufgabenverteilung bei der Olivenernte zwischen Mann und Frau in der kabylischen Gesellschaft: „die Frau hebt auf, was der Mann zu Boden wirft“59 Da in dieser Gemeinschaft die Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern ziemlich stringent erscheint, ist mit dem eben zitierten Satz auch der Status von Mann und Frau dargestellt. „Der Leib glaubt, was er spielt“60. Der Mann steht über der Frau bei den Kabylen. „Weil die Ordnungsschemata, mit denen der Leib praktisch erfaßt und bewertet wird, immer doppelt begründet sind, in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und in der geschlechtlichen, wird das Verhältnis zum Leib je nach Geschlecht und nach der Form näher bestimmt, die die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern je nach ihrer Stellung in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung annimmt. ... Der solcherart näher bestimmte Gegensatz wird seinerseits je nach Klasse mit verschiedenen Werten besetzt,...“61 Der Habitus „gewährleistet die aktive Präsenz früherer Erfahrungen, die sich in jedem Organismus in Gestalt [...]
Befragten, über Stil und Zustand von Kleidung und Haaren53. Außerdem soll auf die Sprache und auf den Akzent geachtet werden. Damit sind natürlich nicht alle Daten erfaßt, die den Habitus einer Person ausmachen. Sie bieten aber einen ersten Ansatz, um den Begriff genauer zu beleuchten. Danach sind z.B. Dinge wie Kleidung, durch die eine Person sich optisch darstellt, Gruppenzugehörigkeit signalisiert, Teil des Habitus dieser Person und auch eine Ausprägung des Habitus der Gruppe der sie angehört.. Gewohnheiten prägen den Geschmack54, Vertrautes wirkt nie völlig abstoßend. Fremdes trifft dagegen oft nicht den persönlichen Gusto, man „kann sich nicht damit anfreunden“. Jeder hat einen persönlichen Stil, einen „Lebensstil“55. Eine Volksweisheit sagt nicht umsonst: „Kleider machen Leute“. Man braucht sich nur vorzustellen, man solle auf einmal völlig andere Kleidung tragen, wenn möglich noch aus einer anderen Kultur. Davon abgesehen, daß es sein kann, daß sie nicht zum herrschenden Klima, zum Milieu paßt, wird man sich ziemlich seltsam und fremd vorkommen, evtl. ergeben sich auch Schwierigkeiten beim Anlegen der Kleidung56. Sie ist eben ungewohnt. Der Habitus einer Person wird ihr von der Umgebung in der sie lebt vermittelt oder andersherum gesehen: ein Mensch nimmt den Habitus seiner Umgebung an. Er ist so etwas wie ein gemeinsamer Code, der die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe signalisiert. Ein „Zugezogener“ oder ein „Neureicher“ wird diesen Code nie vollständig beherrschen. Er kann sich Wissen aneignen über Kunst, Musik oder den örtlichen Fußballverein. Er kann auch seine Manieren, seine Kleidung oder sein Verhältnis zur Gartenarbeit ändern, aber es wird ihm immer ein „fremder Geruch“ anhaften. Die Dinge werden bei ihm nie so selbstverständlich erscheinen, nie so selbstverständlich sein, wie bei einer Person, die in dieser Umgebung, bzw. in diesem Feld aufgewachsen ist. Bourdieu begreift den Habitus als „die zur zweiten Natur gewordene, in motorische als [...]
Die Schwierigkeit, den Begriff des Habitus, wie Bourdieu ihn besetzt und verwendet , zu erläutern, besteht darin, daß er ihn nicht eindeutig definiert hat. Es sind keine Textstellen zu finden in denen Bourdieu explizit darlegt, was er mit seinem Habitus- Begriff genau meint. In dem Buch von Markus Schwingel „Bourdieu zur Einführung“49finden sich Erläuterungen, warum dies so ist: „hier sei .. darauf hingewiesen, daß das Habituskonzept von Bourdieu ursprünglich nicht als theoretischer Lösungsvorschlag allgemeinsoziologischer Problemstellung intendiert war ..., sondern sich aus empirischen Forschungsfragen heraus entwickelt hat. Aus diesem Grund ist die Habitustheorie von Bourdieu als relativ offenes Konzept angelegt und kann auch, je nach Forschungs- und Argumentationszusammenhang, unterschiedliche Akzente haben.“50 Sieht man also Bourdieus Habitusbegriff als empirisches Werkzeug, um gesellschaftliche Gruppierungen genauer fassen, bzw. beschreiben zu können, ist es sinnvoll sich den Fragebogen51, der die Grundlage für „Die feinen Unterschiede“ bildet, genauer anzusehen. Auch der Beobachtungsplan52 ist in Ergänzung dazu interessant. Nach dem Abfragen persönlicher Daten folgen Fragen zu allen möglichen Lebensbereichen. Woher die Möbel sind, welchen Hobbys man nachgeht, welche Filme und Musikstücke man mag oder kennt, welche Sorte Bilder als schön empfunden werden und welches Essen man am liebsten Gästen serviert. In diesem Fragebogen macht Bourdieu den Habitus eines Probanden nicht nur an „normalen“ statistischen Daten, wie Alter, Geschlecht, Familienstand, Beruf, Einkommen fest, sondern er fragt nach dem Geschmack und den Kenntnissen der Leute hinsichtlich Essen, Kleidung, Musik, Film, Wohnungseinrichtung, welche Eigenschaften bei anderen Personen geschätzt werden usw.. Im Beobachtungsplan werden Daten vermerkt über die Wohnverhältnisse des [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832455637
Arbeit zitieren:
Albrecht, Heike September 1997: Der Begriff des "Habitus" bei Pierre Bourdieu, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Gesellschaft, Kapital, Sozialisation, soziale Ungerechtigkeit, Lebensstil



