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Selbsthilfe per Internet

Funktionen von Selbsthilfe-Internetplattformen für deren Nutzer am Beispiel eines Angebotes für Menschen mit Essstörungen

Selbsthilfe per Internet
Über dieses Buch

Diplomarbeit von Helen Hertzsch

Einleitung:

Seit Ende der 1990er Jahre existieren im Internet Plattformen mit umfassenden Informations- und Kommunikationsangeboten für Menschen mit seelischen oder körperlichen Erkrankungen. Sie liefern umfangreiche Informationen über ihren Themenbereich, bieten einen geschützten Raum zum Austausch zwischen Betroffenen und verstehen sich als seriöses Sprachrohr ihrer Interessengruppe gegenüber der Öffentlichkeit. Dabei leben sie neben dem Austausch der Betroffenen untereinander vom Engagement ehrenamtlicher Mitarbeiter und verzeichnen einen ansteigenden Zulauf. Obwohl oder gerade weil die wachsende Bedeutung dieser virtuellen Angebote unumstritten ist, wird ihre Funktion immer wieder ambivalent diskutiert.

Die vorliegende Studie analysiert und vergleicht die Erwartungen und den erlebten Nutzen der User solcher Selbsthilfeplattformen am Beispiel einer Plattform zum Thema Essstörungen und identifiziert mögliche Einflussfaktoren. Im Rahmen einer Online-Befragung wurden Daten von 230 Usern der Internetplattform wwwmagersuchtde erhoben. Als Grundlage dienten modifizierte Skalen allgemeiner Internetnutzungsmotive. Grundlegender theoretischer Bezugsrahmen war der Uses-and-Gratifications-Ansatz in Form des Transaktionalen Nutzen- und Belohnungsmodells von McLeod & Becker (1981), das für die eigenen Forschungsfragen entsprechend modifiziert wurde. Das resultierende Modell berücksichtigt Einflüsse durch den persönlichen sozialen Hintergrund der Nutzer, die Intensität der Zuwendung zum Medium sowie die Verfügbarkeit und Nutzung von alternativen (nicht-medialen) Hilfsangeboten.

Als zentraler Faktor konnte für die Erwartungen und den erlebten Nutzen jeweils die soziale Nützlichkeit i.S.v. gegenseitiger sozialer Unterstützung extrahiert werden. Daneben spielte der Genesungswille eine entscheidende Rolle als Motivfaktor und die bequeme Informationsgewinnung als Faktor für den erlebten Nutzen. Als bedeutende Einflussfaktoren auf die Nutzungserwartungen kristallisierten sich der Leidensdruck der User sowie das Alter und die Dauer der Erkrankung heraus. Die Nutzungseffekte wurden insbesondere durch die Intensität der Zuwendung zu den Angeboten und die Nutzung nicht-medialer Alternativen (u.a. Psychotherapie) beeinflusst.

Die Ergebnisse untermauern Hinweise auf Gründe für die Nutzung internetbasierter Selbsthilfe aus früheren Untersuchungen und konkretisieren sie durch die Herausarbeitung expliziter Erwartungs- und Nutzenfaktoren. Indem ein erster Versuch unternommen wurde, die Nutzung internetbasierter Selbsthilfe auf eine modelltheoretische Basis im Rahmen der medienpsychologischen Forschung zu stellen, konnten darüber hinaus Einflüsse identifiziert werden, die Auswirkungen auf die Nutzungserwartungen und den tatsächlichen Nutzen für die User haben.

Die Untersuchung liefert zudem empirisch gestützte Hinweise auf die Funktion von internetbasierter Selbsthilfe. Die Untersuchungsergebnisse sprechen in erster Linie für eine Einordnung internetbasierter Selbsthilfe als Einstiegs- und Begleitmedium neben professionellen Interventionsangeboten (insbesondere Psychotherapie) und bestätigen damit den wissenschaftlichen Konsens, der bislang in konzeptionellen Beiträgen zum Thema klinisch-psychologische Intervention herrscht. Die Ergebnisse deuten aber ebenfalls darauf hin, dass Selbsthilfe-Internetplattformen von den Usern durchaus auch als Ersatz für fehlende reale Ansprechpartner oder professionelle Hilfe betrachtet werden.

Es ist deutlich geworden, dass für die Nutzung des Internet zu Selbsthilfezwecken zwar ebenso wie für die allgemeine Internetnutzung das Anbieten und Suchen von Information eine wichtige Rolle spielt, dass hier aber für die Nutzer die soziale Nutzbarmachung des Mediums an erster Stelle steht. Das Internet ist für die Initiatoren und Nutzer von Selbsthilfe-Internetplattformen in erster Linie aufgrund seiner Interaktivität interessant. Das Motiv der Informationssuche und -vermittlung fügt sich dann in den Rahmen eines interaktiven Angebots ein.

Inhaltsverzeichnis:

ABBILDUNGSVERZEICHNIS IV
TABELLENVERZEICHNIS V
VORWORT 1
1. EINLEITUNG 2
2. EINFÜHRUNG IN DIE THEMATIK 5
2.1 ESSSTÖRUNGEN – EIN ÜBERBLICK 5
2.1.1 DEFINITIONEN 6
2.1.2 EPIDEMIOLOGIE 11
2.1.3 URSACHEN 12
2.1.4 KRANKHEITSVERLAUF 13
2.2 TRADITIONELLE FORMEN PSYCHOLOGISCHER UNTERSTÜTZUNG 14
2.2.1 PSYCHOTHERAPIE UND BERATUNG 14
2.2.2 SELBSTHILFEGRUPPEN 15
2.3 PSYCHOLOGISCHE UNTERSTÜTZUNG ONLINE 20
2.3.1 PSYCHOTHERAPIE IM INTERNET 23
2.3.2 PSYCHOLOGISCHE BERATUNG IM INTERNET 26
2.3.3 SELBSTHILFE IM INTERNET 30
3. DER NUTZEN- UND BELOHNUNGSANSATZ (USES AND GRATIFICATIONS APPROACH) 38
3.1 GRUNDLAGEN 38
3.2 AUSDIFFERENZIERUNGEN 41
3.3 KRITIK 46
3.4 DAS INTERNET UND DER USES-AND-GRATIFICATIONS-ANSATZ 48
3.5 MOTIVE DER INTERNETNUTZUNG 49
4. FORSCHUNGSARBEITEN UND EMPIRISCHE ERKENNTNISSE 52
4.1 ÜBERBLICK ZUM AKTUELLEN FORSCHUNGSSTAND 52
4.2 EINIGE AUSGEWÄHLTE EMPIRISCHE FORSCHUNGSERGEBNISSE 53
5. EIGENE FRAGESTELLUNG UND HYPOTHESEN 56
5.1 AUSWAHL DES FORSCHUNGSPROBLEMS 56
5.2 SPEZIFIZIERUNG DER UNTERSUCHUNGSFRAGEN VOR DEM HINTERGRUND DER THEORETISCHEN AUSGANGSLAGE 58
6. METHODIK UND UNTERSUCHUNGSDESIGN 63
6.1 ERHEBUNGSVERFAHREN 63
6.2 FRAGEBOGENENTWICKLUNG UND VARIABLEN-OPERATIONALISIERUNG 65
6.2.1 BESCHREIBUNG UND OPERATIONALISIERUNG DER VARIABLEN 65
6.2.2 FRAGEBOGENENTWICKLUNG 82
6.3 UNTERSUCHUNGSDURCHFÜHRUNG 85
7. DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE 89
7.1 STICHPROBENBESCHREIBUNG 89
7.2 PERSÖNLICHER HINTERGRUND DER UNTERSUCHUNGSTEILNEHMER 92
7.2.1 BEZUG ZUM THEMA ES 92
7.2.2 ART DER ESSSTÖRUNG 93
7.2.3 STADIUM UND LEIDENSDRUCK 94
7.2.4 DER ERSTE KONTAKT MIT MAGERSUCHT.DE 97
7.3 GESUCHTE GRATIFIKATIONEN 98
7.3.1 HÄUFIGKEITEN DER GS 99
7.3.2 FAKTOREN DER GS 105
7.4 ZUWENDUNG ZU MAGERSUCHT.DE 110
7.4.1 NUTZUNGSDAUER UND –FREQUENZ 110
7.4.2 NUTZUNG DER EINZELNEN ANGEBOTE (AUCH SITUATIONEN) 113
7.5 DIE NUTZUNG IM KONTEXT VON ALTERNATIVANGEBOTEN 115
7.5.1 VERFÜGBARKEIT UND NUTZUNG VON NICHT-MEDIALEN ALTERNATIVEN 116
7.5.2 BEURTEILUNG DER MITTEL ZUR BEDÜRFNISBEFRIEDIGUNG 117
7.6 EFFEKTE DER NUTZUNG 119
7.6.1 ERHALTENE GRATIFIKATIONEN (GO) 119
7.6.2 OBJEKTIVE EFFEKTE 127
7.6.3 UNINTENDIERTE FOLGEN 128
7.6.4 GESAMTBEURTEILUNG 130
7.7 HYPOTHESENPRÜFUNG 131
7.7.1 GRATIFIKATIONSSUCHE UND PERSÖNLICHER HINTERGRUND 131
7.7.2 GRATIFIKATIONSERHALT IN ABHÄNGIGKEIT VOM NUTZUNGSVERHALTEN 135
7.7.3 DER EINFLUSS VERFÜGBARER ALTERNATIVEN 138
8. ZUSAMMENFASSUNG UND DISKUSSION DER ERGEBNISSE 140
8.1 GESAMTKONTEXT DER ARBEIT UND WESENTLICHE ERGEBNISSE 140
8.2 FAZIT UND AUSBLICK 159
LITERATURVERZEICHNIS 161
ANHANG 1 BEFRAGUNGSINSTRUMENT 169
ANHANG 2 TABELLEN UND ABBILDUNGEN 178

Automatisiert erstellter Textauszug:

weil es unterhaltsam ist weil es mir Spaß macht ...um neben allem anderen auch Spaß zu haben weil es mir hilft, mich im Alltag zurecht zu finden weil ich dabei viel über andere Menschen erfahren und mich daran orientieren kann Ich nutze das Internet, um etwas über andere Menschen zu erfahren und mich an ihnen orientieren zu können. ...um mich an anderen Betroffene bzw. Angehörige zu orientieren. Ich nutze das Internet, um meine Bedürfnisse zu befriedigen, wenn es außer dem Internet gerade keine andere Möglichkeit gibt. Ich nutze das Internet, um etwas zu suchen, dass mir Freude machen könnte, wenn ich in einer schwierigen Situation bin. ...als Ersatz für eine Psychotherapie * [...]

Ich nutze das Internet, um neue Leute kennen zu lernen. ...um zu Leuten mit ähnlichen Problemen Netzkontakte zu knüpfen ...um Leute aus meiner näheren Umgebung kennen zu lernen und mich mit ihnen dann zu treffen to participate in discussions enjoy answering questions I wonder what other people said um Leute kennen zu lernen. um mit jemandem über meine Probleme zu reden ...um mich mit Anderen über meine Erfahrungen auszutauschen um festzustellen, dass andere Leute ähnliche Probleme haben damit ich sehe, dass andere Leute die selben Probleme haben. to belong to a group ...um die Erfahrung zu machen, dass ich mit meinen Problemen nicht allein dastehe * ...um zu einer Gruppe zu gehören, in der ich mich geborgen fühle It is cheaper Easier to e-mail than tell people People don`t have to be there to receive e-mail To communicate with friends, family ...um möglichst schnell Hilfe zu bekommen * ...um möglichst kostengünstig Hilfe zu bekommen * ...um mit möglichst wenig Aufwand Hilfe zu bekommen * Ich nutze das Internet, um mir die Zeit zu vertreiben, wenn es mir langweilig ist. um mir die Zeit zu vertreiben [...]

Papacharissi / Rubin (2000) to help others to show others encouragement to express myself freely I want someone to do something for me I can talk about my concerns with the members of… I believe the members of…understand my concerns. I trust the advice I receive from the members of I feel supported by the members of… ... um im Kampf gegen die Essstörung unterstützt zu werden * ...um getröstet zu werden * ...um über meine Probleme schreiben zu können* ...um in Krisensituationen (z.B. bei Selbstmordgedanken) unterstützt zu werden * ...um bei Anderen Verständnis für meine Situation zu finden * ...um Anderen bei ähnlichen Problemen mit meinen Erfahrungen zu helfen to get more points of view to give my input Ich nutze das Internet, um mir Rat zu holen, wenn ich ein Problem habe. ...um Rat zu bekommen * to meet new people [...]

Arbeit zitieren:
Hertzsch, Helen Mai 2004: Selbsthilfe per Internet, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gesundheitskommunikation, Internet-Nutzungsmotive, Internet-Kommunikation, internetbasierte Selbsthilfe-Gruppen, Uses-and-Gratifications Approach

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