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Die Schweiz in der internationalen Kapitalismusforschung

Ansätze und Modellcharakter

Die Schweiz in der internationalen Kapitalismusforschung
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Ingo Muschick
  • Abgabedatum: Oktober 2001
  • Umfang: 99 Seiten
  • Dateigröße: 1,4 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Wirtschaftsuniversität Wien Österreich
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-4822-6
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-4822-6 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-4822-6 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Muschick, Ingo Oktober 2001: Die Schweiz in der internationalen Kapitalismusforschung, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Varieties of Capitalism, Arbeitsmarkt, makroökonomische Performanz, Korporatismus, Handlungsempfehlungen

Diplomarbeit von Ingo Muschick

Einleitung:

Die Schweiz - geographisch mitten in Europa, jedoch politisch nicht in Europa - ist ein Sonderfall. Ausgestattet mit wenig natürlichen Ressourcen und einer infrastrukturell anspruchsvollen Landschaft entwickelte sich die Schweiz zu einer Industriegesellschaft mit hervorragenden makroökonomischen Ergebnissen. Die Arbeitslosenquote lag im Jahresdurchschnitt 2000 bei 2,0% bei einer gleichzeitig niedrigen Teuerungsrate. Das Erreichen einer solchen Performanz ist das erklärte Ziel in nahezu allen europäischen Volkswirtschaften und der Europäischen Union.

Auch in der internationalen Kapitalismusforschung wird die Schweiz als Sonderfall betrachtet. Die verschiedenen Ansätze klassifizieren die Schweiz jeweils unterschiedlich und oft ist sie Grenzfall und Ausnahme.

Gang der Untersuchung:

Im ersten Teil dieser Arbeit werden die einzelnen Ansätze der internationalen Kapitalismusforschung vorgestellt und deren jeweilige ökonomische Herleitung sowie die soziologischen und politischen Aspekte verdeutlicht.

Im zweiten Teil steht die Positionierung der Schweiz in den einzelnen Ansätzen im Vordergrund. Dort, wo im Ansatz die Schweiz eingeordnet wird, soll dieser Versuch argumentativ für die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts wiederholt werden, verbunden mit der Analyse, ob sich Änderungen ergeben. Ist die Schweiz nicht Teil der angeführten Länder, so wird der Versuch unternommen, mit der Logik des Ansatzes eine Einordnung der Schweiz vorzunehmen.

Der dritte Teil der Arbeit umfasst die Entwicklung eines ökonomischen und politischen Modellcharakters der Schweiz anhand verschiedener Dimensionen und analog zu bestehenden Modellen in der Literatur. Das Modell schliesst Besonderheiten im politischen System, wie das Spektrum der regierenden Parteien, das Gesetzgebungsverfahren und das besondere Abstimmungsprozedere, sowie Eigenarten im Arbeitsmarktsystem, ein.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 7
2. Ansätze der internationalen Kapitalismusforschung 8
2.1 Blyth - Responsive Bargaining 8
2.1.1 Grundlagen des Ansatzes 8
2.1.2 Politikbereiche des Responsive Bargaining 8
2.1.3 Verfahren und Strukturen eines Responsive Bargaining 10
2.1.4 Empfehlung für die institutionelle Ausgestaltung 12
2.2 Bruno und Sachs – Corporatism 13
2.2.1 Grundlagen des Ansatzes 13
2.2.2 Strukturunterschiede in den Arbeitsmärkten 13
2.2.3 Korporatismus 14
2.2.4 Reagibilität des Nominallohns 16
2.3 Calmfors und Driffill - Hump-shape Curve 17
2.3.1 Grundlagen des Ansatzes 17
2.3.2 Hump-shape Kurve 19
2.3.3 Alternative Verläufe der Hump-shape Kurve 21
2.3.4 Dimensionen von Dezentralisierung 23
2.4 Cameron - Labour Quiescence 25
2.4.1 Grundlagen des Ansatzes 25
2.4.2 Ursachen von Inflation und Arbeitslosigkeit 26
2.4.3 Sozialdemokratie und makroökonomische Performanz 28
2.4.4 Empfehlung für die institutionelle Ausgestaltung 29
2.5 Schmitter - Societal Corporatism 30
2.5.1 Grundlagen des Ansatzes 30
2.5.2 Korporatismus und politische Prozesse 31
2.5.3 Problem der Nichtregierbarkeit 32
2.5.4 Empfehlung für die institutionelle Ausgestaltung 32
2.6 Tarantelli – Neocorporatismo 33
2.6.1 Grundlagen des Ansatzes 33
2.6.2 Dimensionen der Zentralisierung 35
2.6.3 Bestimmung des Neokorporatismus 36
2.6.4 Empfehlung für die institutionelle Ausgestaltung 37
3. Ansatzweise Einordnung der Schweiz 38
3.1 Blyth 38
3.1.1 Zentralisierung und Verhandlungsebenen 38
3.1.2 Lohnrunden und Lohnspiralen 39
3.1.3 Beschäftigung im öffentlichen Sektor 41
3.2 Bruno und Sachs 43
3.2.1 Institutionen 43
3.2.2 Korporatismus 45
3.2.3 Reagibilität des Nominallohns 47
3.3 Calmfors und Driffill 49
3.3.1 Hump-shape Kurve und die Position der Schweiz 49
3.3.2 Determinanten der Position der Schweiz 53
3.4 Cameron 57
3.4.1 Makroökonomische Performanz der Schweiz 57
3.4.2 Bestimmung der Organizational Power in der Schweiz 61
3.5 Schmitter 64
3.5.1 Position der Schweiz 64
3.5.2 Problem der Nichtregierbarkeit und makroökonomische Performanz 66
3.6 Tarantelli 69
3.6.1 Abschätzung des Neokorporatismus in der Schweiz 69
3.6.2 Modellcharakter anderer Staaten 72
4. Modellcharakter der Schweiz 74
4.1 Politisches System 74
4.1.1 Grundlagen des Systems 74
4.1.2 Politisches Spektrum 76
4.1.3 Gesetzgebungsverfahren 78
4.2 System Arbeitsmarkt 81
4.2.1 Erster Arbeitsmarkt 81
4.2.2 Zweiter Arbeitsmarkt 85
4.2.3 Probleme und Herausforderungen 89
5. Zusammenfassung 92
6. Literaturverzeichnis 94

Automatisiert erstellter Textauszug:

Österreich besteht dagegen eine geringe Autonomie und Macht der Gewerkschaften auf Betriebsebene. Da eine solche Macht wohl mit der Gefahr von unkoordinierten Streiks und Arbeitskampfmassnahmen verbunden ist, sollte die schweizerische Position klarer werden. Die Streikhäufigkeit in der Schweiz ist äusserst gering, da sich seit 1937 eine teils absolute und teils relative Friedenspflicht in den Gesamtarbeitsverträgen durchsetzte, die ihren Ursprung in der Metall- und Uhrenindustrie fand (Katzenstein 1984: 129). Diese Besonderheit wird in nachfolgenden Abschnitten noch vertieft werden. Die Lohnindexierung ist nach Bruno und Sachs (1985) aus den im Abschnitt 2.2.2. beschriebenen Gründen unvorteilhaft. Eine automatische Anpassung der Löhne an die Inflation existiert in der Schweiz nicht mehr so ausgeprägt, die Anpassung wird über die Lohnüberprüfungsklauseln und Neuverhandlungen abgewickelt (OECD 1996: 42). Gegensätzlich dazu besitzt die Schweiz wie auch Österreich und Deutschland in diesem Ansatz keine Lohnindexierungsklauseln (Bruno/Sachs 1985: 238). Die Anforderung, durch unregelmässige Kollektivverhandlungen moderate Lohnabschlüsse zu erreichen, wird in der Schweiz bedingt erfüllt. Bedingt deswegen, da die einzelnen Kollektivverträge nach Ablauf ihrer Gültigkeit enden und neue Verhandlungen beginnen. Demnach kann von einer Regelmässigkeit die Rede sein, jedoch sind derart viele Verträge mit unterschiedlichen Laufzeiten in Kraft, dass ein hoher Grad an Fragmentisierung erreicht wird. Bruno und Sachs (1985) positionieren die Schweiz bei den Ländern, welche eher längere Vertragslaufzeiten vorweisen, Österreich und Deutschland eher mit kürzeren Gültigkeiten unter einem Jahr und einer somit ausgeprägten Regelmässigkeit. Im Falle von dezentralen Lohnverhandlungssystemen empfehlen die Autoren dieses Ansatzes, asynchrone Verhandlungen in den Branchen und Regionen zu führen (Bruno/Sachs 1985: 222). Diese Asynchronität wie auch die vorherige Unregelmässigkeit kann mit einer grossen Menge von Verträgen mit langer Laufzeit erreicht werden. Und analog fällt die Schweiz in die Ländergruppe ohne Synchronisierung, Deutschland und Österreich in die Gruppe mit Synchronisierung durch die zentralen und nationalen Lohnverhandlungen (Bruno/Sachs 1985: 238). [...]

Im Zentrum der Erkenntnis von Bruno und Sachs steht die durch Reallohnzurückhaltung erreichte bessere makroökonomische Performanz und wie ein moderates Reallohnwachstum durch Institutionen gewährleistet werden kann. Die institutionellen Strukturen aus Abschnitt 2.2.2., die in dieser Art Angebotsschocks besser verarbeiten können, werden im folgenden für die Schweiz diskutiert. Zentrale Lohnverhandlungen und Lohnabschlüsse sind, wie schon im Ansatz Blyths erwähnt, in der Schweiz nicht auffindbar. Ganz im Gegenteil prägt Dezentralität die schweizerischen Verhältnisse. Bruno und Sachs bewerten die Schweiz in diesem Sinne - "in Switzerland the unions are substantially weaker, and are not well organized at the national level" (Bruno/Sachs 1985: 227). Die Vergleichsländer Deutschland und Österreich werden eindeutig einem hohen Grad an Zentralisierung der Gewerkschaftsbewegung zugeordnet (Bruno/Sachs 1985: 226-227). Verbunden mit der nicht vorhandenen Zentralität ist es nicht mehr relevant zu untersuchen, ob die gesamte Mitgliedschaft der Gewerkschaft abstimmt, ob Abschlüsse ratifiziert werden sollen oder nicht. Diese von Bruno und Sachs (1985) angeführte Nebenbedingung bezieht sich auf die Dämpfung des angenommenen Vorteils zentraler Verhandlungen. Die Seite der Arbeitgeber besitzt in der Schweiz eine Koordinierung auf höchster Ebene. Diese Ebene wird durch den Zentralverband Schweizerischer Arbeitgeberorganisationen (ZSAO) repräsentiert, der jedoch nicht selbst in Lohnverhandlungen tritt, aber koordinierende Funktionen übernimmt. Ebenso zentral und eng mit dem ZSAO verbunden ist der Dachverband der Schweizer Wirtschaft, Economie Suisse (ehemals Vorort), dem nachgesagt wird, er sei "the strongest unofficial political force in Switzerland, and one which calls into question the whole working of Swiss democracy" (Wehrli 1970: 34 zitiert bei Katzenstein 1984: 112). Bruno und Sachs (1985) erkennen diese Koordinierung der Arbeitgeber in der Schweiz, wie auch in Österreich und Deutschland. Die Präsenz der Gewerkschaften in den Betrieben wird von Bruno und Sachs (1985) hinsichtlich der Reallohnzurückhaltung als nicht förderlich angesehen. Die Position der Schweiz ist nicht klar auszumachen (Bruno/Sachs 1985: 226), in Deutschland und [...]

Bestehen einer Milizarmee abgeleitet werden, die wohl weniger hauptberuflich im Militär Beschäftigte und Entlohnte ausweist, als Staaten mit einer grossen Berufsarmee. Diese erwähnten Charakteristika der Schweiz lassen die Schlussfolgerung zu, dass dem öffentlichen Sektor nicht die Bedeutung beigemessen werden kann, wie in anderen Industrieländern. Der Hebel, welcher von Blyth (1979) durch den Trade-off zwischen niedrigen und hohen Lohnzuwachsraten verbunden mit den fiskalischen und inflationären Konsequenzen beschrieben wird, ist so weniger ausgeprägt und die Gefahr des Leapfrogging besteht nicht. Die von Blyth (1979) empfohlene institutionelle Ausgestaltung um ein Responsive Bargaining zu erreichen, wird in der Schweiz nur bedingt erreicht. Einerseits fehlt es an zentralen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Strukturen und konzentrierten Lohnrunden, anderseits kann man feststellen, dass aufgrund der Konkordanzdemokratie und dem breiten Konsens die wirtschaftspolitischen Ziele von Vollbeschäftigung und Preisstabilität keiner Verletzung ausgesetzt sind, da, insgesamt ohne die empfohlenen Strukturen, reagibel im Sinne der Gesamtwirtschaft verhandelt wird. Die Periode, welche diesem Ansatz der internationalen Kapitalismusforschung zugrunde liegt, ist in gewissen Teilen nicht mehr mit der heutigen Situation vergleichbar. Die 1970er Jahre standen nicht wie heute unter dem Eindruck neoliberaler Wirtschaftspolitik, mit der Betonung der Marktkräfte und weitgehenden Privatisierungen. So sind beispielsweise viele ehemals staatlichen Grossunternehmen privatisiert und die Bestimmung der Entlohnung der dort Beschäftigten funktioniert jetzt anders. Die schweizerischen Verhältnisse waren auch nicht der Ausgangspunkt für die Erkenntnisse Blyths, vielmehr standen skandinavische und ähnliche Strukturen im Vordergrund, die in der Periode die exogenen Schocks der steigenden Rohölpreise gut verarbeiten konnten. Aus deren Erfahrung leiten sich die Empfehlungen für die Institutionen ab. [...]

Arbeit zitieren:
Muschick, Ingo Oktober 2001: Die Schweiz in der internationalen Kapitalismusforschung, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Varieties of Capitalism, Arbeitsmarkt, makroökonomische Performanz, Korporatismus, Handlungsempfehlungen

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