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Schulverweigerung

Möglichkeiten und Hintergründe pädagogischer Intervention als Schulsozialarbeiter

Schulverweigerung
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Tobias Engel
  • Abgabedatum: Juni 2004
  • Umfang: 80 Seiten
  • Dateigröße: 754,3 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Hochschule Neubrandenburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 175
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0674-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Engel, Tobias Juni 2004: Schulverweigerung, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Schule, Schulsozialarbeit, Lehrer, Schwänzen, Intervention

Diplomarbeit von Tobias Engel

Einleitung:

Kinder und Jugendliche, die unwillig sind in die Schule zu gehen und den Unterricht einfach schwänzen - dieses Phänomen ist wohl so alt wie die Schule selbst. Doch was sind die Hintergründe für solch ein Verhalten? Liegt es wirklich daran, dass Schüler einfach nur keine Lust haben? Sind die Ursachen in der Gestaltung des Unterrichts und damit in der Schule selbst zu suchen? Oder bringen Schüler ihre Probleme womöglich von zu Hause mit in die Schule? Und: Wie kann auf Ursachen angemessen eingegangen werden? Muss Schule neu reformiert werden oder "reicht" die Installation von Schulsozialarbeit aus? Dass dieser Bereich längst kein "Aschenputtel im Schulalltag" mehr ist, wie Grossmann seinerzeit titelte, dürfte hinreichend bekannt sein.

Initiiert durch Erfahrungen während eines halbjährigen Praktikum in einem Kinder- und Jugendwohnheim, entwickelte sich bei mir ein Erkenntnisinteresse hinsichtlich des Themas dieser Arbeit: "Schulverweigerung – Möglichkeiten und Hintergründe pädagogischer Intervention als Schulsozialarbeiter". Inmitten meiner Recherchen und Literatursammlung nahm ich eine Stelle als Schulsozialarbeiter in einer Regionalen Schule an, so dass mir das folgende Schreiben an meiner Diplomarbeit auf dem Hintergrund einer eigenen selbständigen Tätigkeit in eben jenem Bereich noch einmal eine neue Dimension eröffnete.

Neben grundlegenden gesellschaftlichen Betrachtungen im nachfolgenden Kapitel werde ich mich in Kapitel drei und vier mit den beiden Systemen Schule und Jugendhilfe (Schulsozialarbeit) auseinander setzen. Gerade weil Schulsozialarbeit an der häufig zitierten Schnittstelle von Schule und Jugendhilfe liegt, ist es notwendig, wichtige Grundlagen beider Professionen zu kennen und über Arbeitsweisen, Rechtsfragen und Handlungsstrukturen umfassend informiert zu sein. In Kapitel fünf wende ich mich dann dem eigentlichen Thema der Schulverweigerung zu, kläre Begriffe und Häufigkeiten ab, begebe mich auf eine Suche nach möglichen Ursachen und überprüfe Entwicklungsrisiken und einen Zusammenhang mit delinquentem Verhalten. Der sechste Abschnitt enthält dann Chancen und Möglichkeiten der Intervention. Darin eingebunden sind die Bestimmung der drei hauptsächlichen Handlungsoptionen und deren Gefahren sowie eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Bedeutung kooperativer Beziehungen zwischen Schule und Jugendhilfe. Das siebte Kapitel befasst sich schließlich mit einer Reihe von Projekten, Konzeptionen und alternativen Schulformen, die in der Auseinandersetzung mit Schulverweigerung eine wichtige Rolle spielen (können), bevor ich im letzten Abschnitt bedeutende Aussagen dieser Arbeit in kurzer Form zusammen fasse.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 4
2. Veränderte Lebensbedingungen für Jugendliche heute 6
2.1 Bildung – mehr als Schule 6
2.2 Jugendliche in Bildungsprozessen 7
3. Das System Schule 9
3.1 Schulpflicht und Schulzwang 11
3.2 "Wozu ist Schule da?" 13
3.3 Exkurs: Noten abschaffen? 15
3.4 Schule aus unterschiedlicher Perspektive 16
3.5 Unterricht und Disziplinierungsproblematik 19
3.6 Öffnung der Schule nach außen 21
4. Schulsozialarbeit 22
4.1 Zur Geschichte 22
4.2 Definitionsansatz 24
4.3 Rechtliche Einordnung 27
4.4 Organisationsmodelle 27
4.5 Qualitätsstandards und Qualitätssicherung 30
5. Schulverweigerung 33
5.1 Begrifflichkeiten, Phänomen 34
5.2 Ausprägung im Grund- und Sekundarschulbereich 36
5.3 Ursachensuche 39
5.3.1 Innerhalb der Schule 39
5.3.1.1 Umfeld und Rahmenbedingungen 40
5.3.1.2 Ängste 41
5.3.1.3 Lernmotivation: Lust auf Lernen 43
5.3.2 Außerhalb der Schule 44
5.3.2.1 In der Familie 44
5.3.2.2 In der Peer-Group 45
5.4 Zusammenhang zwischen Schulverweigerung und Delinquenz 46
5.5 Entwicklungsrisiken von Schulverweigerung 48
6. Chancen und Möglichkeiten der Intervention 51
6.1 Handlungsoptionen 51
6.1.1 Prävention 51
6.1.2 Intervention 53
6.1.3 Rehabilitation 54
6.2 Kooperation von Schule und Schulsozialarbeit 56
6.2.1 Voraussetzungen/Bedingungen 57
6.2.1.1 "Voneinander-wissen" 57
6.2.1.2 Kooperationsbereitschaft 58
6.2.2 Kooperationsfördernde und -hemmende Faktoren 59
6.3 Möglichkeiten und Gefahren 60
7. Praxisbeispiele 63
7.1 Pädagogische Konzeptionen 63
7.2 Erfahrungen 64
7.3 Projekte 64
7.4 Alternative Schulformen/Schulstationen 68
8. Zusammenfassung 71
Literaturverzeichnis 73

Textprobe:

Kapitel 5., Schulverweigerung:

In den beiden vorangegangenen Kapiteln habe ich die Strukturen von Schule und Schulsozialarbeit näher betrachtet. Dies war notwendig, um auf den nun folgenden Schwerpunkt dieser Arbeit einzugehen. Schulverweigerung hat sich gerade in den letzten Jahren zu einem Gegenstand entwickelt, welcher immer häufiger in der öffentlichen und politischen Diskussion auftaucht. Jedoch möchte ich gleich zu Anfang mit Ehrmann/Rademacker darauf hinweisen, dass nämlich "die Qualität der Debatte um Schulversäumnisse (...) an einem eklatanten Mangel an Erkenntnissen zu ihrem Gegenstand" leidet. Immer wieder taucht die Behauptung auf, dass Schulverweigerung in Deutschland tendenziell zunehme. Jedoch ist bei näherem Hinsehen erkennbar, dass für diese Aussage jedwede empirische Grundlage fehlt. Dazu benötigte vergleichbare Daten, die mindestens zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben worden wären, sind definitiv nicht vorhanden. Doch wo nicht tiefergehend nachgefragt wird, wo stattdessen mit eingestimmt wird in den Kanon der Problematisierung und Skandalisierung von Schulverweigerung, haben pädagogische Interventionen wenig Chancen Gehör zu finden. Unter anderem sind so auch Tendenzen dahingehend zu erklären, heutige Schüler als "besonders schlimm" darzustellen und somit drastische Maßnahmen zu fordern.

Obgleich handfeste empirische Fakten zur Quantität von Schulverweigerern nicht vorliegen, bestimmen immer mal wieder geschätzte Zahlen die Öffentlichkeit. Nachdem das Christliche Jugenddorfwerk (CJD) 1999 noch von geschätzten 70.000 Schulschwänzern bundesweit ausging, erhöhte sich diese Zahl 2001 auf 400.000. Demgegenüber schätzte der Deutsche Lehrerverband 2002 die Zahl derer, die täglich die Schule schwänzen auf 100.000. Die Bertelsmann-Stiftung wiederum gelangte 2003 auf den bisherigen Höchstwert von geschätzten 500.000 Schülern, die täglich nicht Ehrmann, Christoph und Herrmann Rademacker: Schulschwänzer. Aprilscherze statt seriöser Untersuchungen.

Kapitel 5.1, Begrifflichkeiten:

Mit Schulverweigerung ist, einfach formuliert, das systematische Fernbleiben vom Unterricht gemeint. Festgehalten werden kann, dass Schulverweigerung kein Phänomen der Moderne ist, sondern sich parallel zur Einführung der allgemeinen Schulpflicht entwickelt hat. Wichtig ist hierbei, Schulverweigerung nicht mit Schulpflichtverletzung oder Schulversagen gleichzusetzen. Erst die Umkehrbarkeit, Häufigkeit und Dauer sind entscheidende Größen, will man bestimmen, wann aus Schwänzen und Stören Unterrichts- oder Schulverweigerung wird.

Während in früherer Zeit Kinder und Jugendliche durch ihre Eltern von der Schule abgehalten wurden (beispielsweise, um arbeiten gehen zu können), sind sie es heute selber, die sich dem Schulbesuch entziehen bzw. vor selbigem flüchten. Jedoch sind die negativen Konsequenzen einer Verweigerung und somit eines möglichen fehlenden Schulabschlusses durchaus höher und vor allem gravierender als noch vor einigen Jahrzehnten, denkt man nur an die niedrigen beruflichen Chancen ohne Abschluss eine berufliche Ausbildung beginnen zu können.

Als einer der Ersten definierte Kaiser den Begriff Schulversäumnis als "Oberbegriff für verschiedene Formen des (unerlaubten) Fernbleibens". Die zahlreichen verschiedenen Formulierungen, die neben dem Begriff Schulverweigerung in der Literatur kursieren, bringen ebenso viele unterschiedliche Definitionen mit sich. Gemein ist den meisten der Ansatz, dass sich Kinder und Jugendliche dem Unterricht bzw. der Schule in unterschiedlichem Ausmaß und auf unterschiedliche Weise entziehen. Entscheidend ist bei vielen Begriffen die Intensität der Verweigerung:

1. Schulschwänzen: Initiative des Schülers, sich angenehmer zu beschäftigen.

2. Schulverweigerung: internalisierte emotionale Störung, Ursache sind massive Ängste.

3. Zurückhalten: Verhaltensweisen der Eltern oder Ausbilder, die den Schüler vom Schulbesuch zurück halten.

Müller hingegen stuft wie folgt ein:

1. Schulschwänzen: ohne Wissen der Eltern, Ausweichen vor unangenehmen Situationen.

2. Schulverweigerung: Eltern wissen meist, können es jedoch nicht ändern.

3. Schulphobie: klinische Sonderform der Schulverweigerung. Schulze/Wittrock gehen vom Begriff des schulaversiven Verhaltens aus und untergliedern in 1. Schulabsentismus: Schulschwänzen, Schulverweigerung, Zurückgehaltenwerden 2. Unterrichtsabsentismus: Schüler verweilen noch in der Schule 3. Unterrichtsverweigerung: Schüler sind im Unterricht anwesend, verweigern jedoch die Teilnahme.

Wie schon erkennbar ist, bringen die unterschiedlichen Herangehensweisen viele Überschneidungen der einzelnen Begriffe mit sich. Nach Schreiber-Kittl/Schröpfer differenzieren die meisten Autoren bei den verschiedenen Stufen der Verweigerung in "aktive" und "passive" Schulverweigerung. Zur Gruppe der aktiven Schulverweigerer gehören Schüler, die nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, den schulischen Anforderungen nachzukommen. Ihr Verhalten soll 80 Vgl. Ricking, Heinrich: Schulische Handlungsstrategien bei Schulabsentismus.

Dabei unterscheiden sie sich noch in Schüler, die für die Lösung ihrer Probleme das Fernbleiben vom Unterricht gewählt haben und in solche, die weiter zum Unterricht gehen und ihre Ablehnung dort aktiv zum Ausdruck bringen. Die Gruppe der passiven Schulverweigerer meint Schüler, die im Unterricht zwar anwesend sind, sich jedoch den Anforderungen geistig entziehen (z.B. durch träumen, sich ausklinken). Dies geschieht eher unauffällig, sie schwänzen sozusagen verdeckt.

Am überzeugendsten erscheint mir die Festlegung Thimms. Dieser unterscheidet zwischen - passiver Schulablehnung (alle Formen des inneren Ausstiegs aus dem Unterricht, z.B. Inaktivität, Abschalten, Träumen):

- dauerhafter Schulabwesenheit (schwer umkehrbar; auf Grund von prägenden Erfahrungen in Schule bzw. Familie; mit weitreichenden Folgen).

- Aktionsorientierter Schulverweigerung (destruktives Verhalten im Unterricht, z.B. permanentes Stören, anhaltende Nichterfüllung von Aufgaben oder Beleidigung der Lehrer).

Arbeit zitieren:
Engel, Tobias Juni 2004: Schulverweigerung, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Schule, Schulsozialarbeit, Lehrer, Schwänzen, Intervention

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