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Schulische Integration

Im Fokus: Menschen mit autistischer Wahrnehmung

Schulische Integration
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Lisa Schrei
  • Abgabedatum: Mai 2009
  • Umfang: 111 Seiten
  • Dateigröße: 1,2 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Erfurt Deutschland
  • Bibliografie: ca. 47
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1093-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schrei, Lisa Mai 2009: Schulische Integration, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Schule, Integration, Autismus, ASS, Selektion

Diplomarbeit von Lisa Schrei

Einleitung:

‘Manche Autisten verleben still, in sich gekehrt, ihre Tage, andere toben herum, weil ihnen die Welt durch den Kopf rennt. Manche Autisten lernen nie, sich richtig zu bedanken, anderen kommen diese Floskeln so trefflich über die Lippen, dass der Eindruck entsteht, sie verstünden, was ihnen da herausrutscht. Manche Autisten lachen gern und plappern viel, andere sind eher sachlich und einsilbig. Manche Autisten verzweifeln an trübsinnigen Gedanken, andere haben ihre Zelte auf der heiteren Seite des Lebens aufgeschlagen’.

Treffender als mit diesem Zitat von Axel Brauns, Autor mit autistischer Wahrnehmung, ist die Individualität eines jeden Menschen wohl kaum zu beschreiben. Seit einigen Jahren wächst das Interesse an Menschen mit autistischer Wahrnehmung und der Autismus-Spektrum-Störung stetig und gerät immer wieder in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit und Wissenschaft. Der Einfluss der Medien, wie die zahlreich literarischen Publikationen und die Veröffentlichung einer Vielzahl von Filmen, ist an der Zunahme des Bekanntheitsgrades nicht unbeteiligt. Trotz allem oder gerade deswegen bestehen noch immer große Diskrepanzen im Verständnis innerhalb des Spektrums selbst. Vor allem im Bezug auf Schule und Menschen mit autistischer Wahrnehmung herrscht Uneinigkeit. Auch das System Schule und unser Bildungssystem stehen anlässlich der aktuellen Debatte um Integration und Inklusion, einer Schule für alle oder dem Festhalten an der Gliedrigkeit wieder mehr und mehr in den Schlagzeilen.

‘Integration ist kein Gnadenakt, der großzügig gewährt oder auch rechtens verweigert werden könnte; sie ist eine humane und demokratische Verpflichtung, die uns alle angeht.’.

In der vorliegenden Arbeit habe ich mich mit der Problematik der ‚schulischen Integration‘ von Schülern mit ‚sonderpädagogischem Förderbedarf‘ beschäftigt. Im Fokus stehen ‚Schüler mit autistischer Wahrnehmung‘. Im Kontext einer gemeinsamen Unterrichtung von Schülern mit und ohne Beeinträchtigung, habe ich mich mit der Notwendigkeit von integrativem Unterricht auseinandergesetzt, um die aktuelle Situation von Integration im System Schule darzustellen. Der Ausgangspunkt dieser Thematik ist die gegenwärtige Diskussion. Da in Schule und Gesellschaft noch immer eine zum Teil sehr kritikwürdige Anschauung, sowie eine allgemeine Verunsicherung innerhalb dieses Sachverhaltes besteht und die individuelle Entwicklung Einfluss darauf nimmt, bin ich bestrebt, einen Beitrag in Richtung Aufklärungs- und Optimierungsarbeit zu leisten.

Im Schwerpunkt umfasst die gewählte Thematik zunächst einmal die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmungsstörung Autismus, sowie deren begrifflicher Wandel in der Wissenschaft, um ein grundlegendes Verständnis für die Problematik schulische Integration und Autismus zu schaffen.

Dafür notwendige Begriffsklärungen geben einen Überblick über den Wandel der Begrifflichkeiten, die Integration aus unterschiedlichen Gesichtspunkten und über neue Ansätze wissenschaftstheoretischer Sichtweisen. Die Thematik wird aus interdisziplinärer Sicht und unter Anwendung relevanter Fachliteratur betrachtet. Wichtig ist zunächst ein einheitliches Verständnis des Begriffs: ‚Menschen mit autistischer Wahrnehmung‘.

So sind hiermit all jene Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung - dem Frühkindlichen Autismus, dem Asperger-Syndrom, dem High-functioning-Autismus und dem Atypischen Autismus - gemeint. Wobei Menschen mit Begleiterkrankungen nicht ausgeschlossen sind. Wenn von einer Förderung der Kinder und Jugendlichen gesprochen wird, so ist hiermit die Förderung und Entwicklung der Kognition, des Sozialverhaltens, der Kommunikation und der Integration gemeint.

Integration muss grundlegend betrachtet, in einem größeren Kontext wahrgenommen werden, um sie allumfassend erleben und gestalten zu können. Sie spielt sich in vielen unterschiedlichen Bereichen des Lebens ab. Was bedeutet eigentlich Integration im schulischen Kontext und was hat es mit der Begrifflichkeit ‚Inklusion‘ auf sich? Es sind pädagogische Fragestellungen im Bezug auf den gemeinsamen Unterricht für Kinder und Jugendliche mit und ohne autistische Wahrnehmung entstanden.

Den Leitgedanken dieser Arbeit bildet die grundlegende Fragestellung: was kann die schulische Integration leisten, damit ein Mensch mit autistischer Wahrnehmung auch auf die Integration in die Gesellschaft vorbereitet werden kann?

Dass zum Gelingen eines integrativen Unterrichts für Menschen mit autistischer Wahrnehmung auch aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Notwendigkeit einer integrativen Förderung eingegangen werden muss, macht die Klärung der Rahmenbedingungen und der besonderen Anforderungen an Schule, Lehrkräfte und Schüler deutlich. Verbesserungsfähige Rahmenbedingungen gewinnen durch Sichtweisen unterschiedlich involvierter Personen an Bedeutung und werden im Laufe der Arbeit immer wieder ersichtlich.

Konflikte finden ihren Herd nicht selten in der Gesetzgebung. Auf die rechtliche Lage von Menschen mit autistischer Wahrnehmung wird mittels der gesetzlichen Grundlagen und der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung eingegangen. Es gibt einen internationalen Einblick in die aktuelle Situation von schulischer Integration, um grundlegende Gegensätze internationaler Integrationspraxis darstellen zu können.

Die theoretischen Ausführungen werden mit Ergebnissen und Berichten aus der Praxis, sowie Interviewsequenzen aus Funk und Fernsehen ergänzt. Im praktischen Teil der Arbeit wird ein offenes Interview, geführt mit dem Referatsleiter für Grund- und Förderschulen des Regionalschulamtes Leipzig, der Integrationsbeauftragten des Stadtschulamtes Wien und einer Fürsprecherin der Integration, herangezogen, um an objektiven Eindrücken zu gewinnen. Um die verschiedenen Vorstellungen von Integration zu erfassen, dürfen die unterschiedlichen Gedanken zu pädagogischen Notwendigkeiten nicht nur aus einem Blickwinkel betrachtet werden.

Natürlich ist auch die Familie ein wichtiges Glied in der Kette der schulischen Integration, jedoch ein schwer zu beeinflussendes und ein im geschützten Rahmen lebendes Ganzes. Auch oder gerade die Familie hat eine wichtige Funktion in der Praxis der Integration. Sie wirkt in erster Linie unterstützend. Da die Familie in dieser Arbeit jedoch nur eine Nebenrolle spielt, soll immer wieder an sie erinnert und auf sie verwiesen werden. Sie soll als wichtige Schnittstelle in der Arbeit mit Menschen mit autistischer Wahrnehmung im Gedächtnis bleiben.

Im Ausblick wird eine kompakte Schlussbetrachtung, hinführend zu klaren Perspektiven und Voraussetzungen für das Gelingen von schulischer Integration, als auch einer effektiven Vernetzung der beteiligten Institutionen beschrieben.

Im Text wird darauf verzichtet, neben der männlichen Form auch immer die weibliche Form zu nennen. Jedoch ist gewiss, dass bei jeglicher Nennung der männlichen Form, die weibliche Form mit bedacht und gedanklich eingeschlossen ist. Inhaltlich ist die Arbeit in Kapitel gegliedert, die zwar unabhängig von einander gelesen werden können, sich aber im Wesentlichen ergänzen.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 4
2. Autismus im Wandel der Begrifflichkeit 8
2.1 Spezifik des Autismus 11
2.2 Rechtliche Grundlage 14
3. UN-Konvention 18
3.1 Inhalte 19
3.2 Artikel 24 – Das Recht auf Bildung 20
4. Aktuelle Situation schulischer Integration 25
4.1 Inklusion versus Integration 25
4.1.1 Inklusion 26
4.1.2 Integration 28
4.2 Schulische Integration versus schulische Selektion 30
4.2.1 Schulische Integration 30
4.2.2 Schulische Selektion 31
4.3 Fazit 33
4.4 Schulische Integration im internationalen Vergleich 35
5. Autismus und Schule 45
5.1 Gründe pro Integration 46
5.2 Beschluss der Kultusministerkonferenz 49
5.3 Förderbedarf 51
5.3.1 Besonderer Förderbedarf 51
5.3.2 Sonderpädagogischer Förderbedarf 52
5.4 Beeinflussende Faktoren 54
5.4.1 Faktor Wahrnehmung 55
5.4.2 Individuelle Faktoren 57
5.4.3 Unterrichtsbedingte Faktoren 60
5.5 Notwendige Rahmenbedingungen 61
5.5.1 Bildungspolitische Vorgaben 62
5.5.2 Anforderungen an die Schule 62
5.5.3 Anforderungen an den Lehrer 64
5.5.4 Anforderungen an räumliche und sächliche Voraussetzungen 65
5.6 Fazit 66
6. Eigene Untersuchung 68
6.1 Leitgedanken und Fragestellung 68
6.2 Methodik und Datenerhebung 70
6.3 Interviewpartner 70
6.4 Auswertung der Interviews 72
6.5 Fazit 95
7. Ausblick 100
Quellenverzeichnis 103
Abbildungsverzeichnis 109
Anhang 110

Textprobe:

Kapitel 4.2.2, Schulische Selektion:

Schlägt man den Begriff ‚Selektion‘ im Wörterbuch nach, so stößt man auf den lateinischen Ursprung ‚lego‘, was in der Übersetzung soviel bedeutet wie ‚sammeln‘ ‚auslesen‘ oder ‚auswählen‘. Im Fremdwörterduden wird angeführt, dass das Selektieren der Wortbedeutung nach aus dem Heraussuchen von bestimmten Individuen aus einer Gruppe, deren Eigenschaften für gewisse Zwecke besonders gut passen, besteht.

Unter schulischer Selektion soll, so Wößmann, die Auslese und Zuweisung der Schüler in verschiedene Schulformen verstanden werden. Schulische Selektion stellt das Gegenstück zur schulischen Integration dar und fällt im internationalen Vergleich besonders in Deutschland und Österreich auf. Kein anderes Land teilt die Schüler zu so einem frühen Zeitpunkt in unterschiedliche Schultypen auf, wie Deutschland und Österreich. Damit liegen sie an erster Stelle im ‚internationalen Selektionsranking‘. Im Glauben, homogene Lerngruppen anhand unterschiedlich erreichter Leistungsniveaus zu schaffen, werden Schüler aussortiert und mehr oder weniger gezielt wieder einsortiert.

Schilmöller führt in einem Vortrag an, dass die Hauptkriterien, nach denen im System Schule selektiert wird, die Leistungen der jeweiligen Schüler sind. Dementsprechend stehen das Prinzip der Leistung und die Funktion der Selektion in engem Zusammenhang.

In diesem Kontext führt er wesentliche Punkte schulischer Selektion an, die immer wieder immense Schwierigkeiten und Konflikte in der gesellschaftlichen Denkweise nach sich ziehen. Kritisch betrachtet, beschreibt er jedoch, dass schulische Selektion als zeitgemäß und notwendig gesehen werden sollte. Schilmöller fasst zusammen, dass die schulische Selektion aus seiner Sicht eine wichtige und sogar erforderliche Komponente unserer leistungsorientierten Gesellschaft darstellt und die Schule diese Aufgabe besser als andere gesellschaftliche Institutionen umzusetzen vermag. Er verweist darauf, dass ‘[…] diese Aufgabe mit dem pädagogischen Auftrag der Schule vereinbar ist, Förderung und Auslese also kein Widerspruch sind und eine pädagogisch begründete Kritik daher nicht greift […]’ und dass gerade die Selektion im Bereich der Schule, einen Akt der Stellungnahme zu Schülerleistungen darstelle und aus diesem Grund konstitutiv sei.

Sünker hingegen resümiert in einem Artikel der Zeitschrift ‚Erziehung und Unterricht‘, dass sich gerade in den Aussagen der deutschen PISA-Studie eine scharfe soziale Selektivität herauskristallisiert. Als einen der gesellschaftlich skandalösesten Sätze der Studie bezeichnet und zitiert er den folgenden:

‘Kulturelles Engagement und kulturelle Entfaltung, Wertorientierung und politische Partizipation kovariieren über die gesamte Lebensspanne systematisch mit dem erreichten Bildungsniveau.’.

Er fasst zusammen, dass mit diesen Worten eine klare Stellung zu Bildung und Aussonderung bezogen wird. Wenn die Chance auf umfassende Bildung verwehrt wird, so werden diesen Menschen auch die vielen anderen und zudem lebensgeschichtlich übergreifenden Möglichkeiten, wie ein kulturelles und politisches Bewusstsein zu erlangen oder Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zu erfahren, unvermeidlich genommen.

Demzufolge ist es notwendig, sich mit der Frage nach den gesellschaftlichen Grundlagen und der Debatte um Bildung genau auseinanderzusetzen. Denn anhand dieses angeführten PISA-Ergebnisses ist zu erkennen, so Sünker, dass grundlegende Prinzipien der Demokratie, im Sinne der Chancengleichheit verletzt werden.

Arbeit zitieren:
Schrei, Lisa Mai 2009: Schulische Integration, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Schule, Integration, Autismus, ASS, Selektion

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