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Der Schiedsrichter

Mächtig in seinen Entscheidungen. Einflüssen ohnmächtig ausgesetzt?

Der Schiedsrichter
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Robert Feiner
  • Abgabedatum: Oktober 2009
  • Umfang: 113 Seiten
  • Dateigröße: 1,6 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Technische Universität München Deutschland
  • Bibliografie: ca. 108
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4521-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Feiner, Robert Oktober 2009: Der Schiedsrichter, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Schiedsrichter, Fußball, Einfluss, Erwartung, Entscheidung

Diplomarbeit von Robert Feiner

Einleitung:

‘Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt’. So hieß es schon im Jahre 1974, als der Deutsche Fußball-Bund anlässlich der Weltmeisterschaft im eigenen Lande eine Schallplatte aufnehmen ließ. Bis heute hat die Sportart nichts von ihrer Faszination verloren. Wenn man sich die Zuschauerentwicklungen sowie die Ausgaben für Übertragungsrechte ansieht, ist die Begeisterung sogar erheblich angestiegen.

Allein in Deutschland wird Fußball von über sechs Millionen Aktiven in 26.000 Fußballvereinen ausgeübt. Die 306 Spiele der Fußball-Bundesliga-Saison 2008/09 wurden von rund 12,8 Millionen Zuschauern besucht, im Durchschnitt sind das knapp 42.000 Zuschauer pro Partie. Damit verzeichnete der deutsche Profifußball zum achten Mal in Folge eine Zuschauersteigerung. Diese Kennzahlen verdeutlichen seine Relevanz für einen Großteil der Bevölkerung.

Fußball ist jedoch längst nicht mehr nur des Deutschen liebstes Hobby. Ganze Wirtschaftszweige haben sich rund um diesen Mannschaftssport entwickelt. Alleine die Fußball-Bundesliga erhält jährlich 412 Millionen Euro für die TV-Rechte im Inland. Durch Abstiege sind Angestellte im Umfeld der betroffenen Vereine in ihrer Existenz gefährdet.

Die Tragweite, die dabei Schiedsrichter-Entscheidungen spielen können, wurde in der Vergangenheit des Öfteren deutlich: Als Beispiel soll an dieser Stelle das so genannte Phantomtor von Thomas Helmer vom 23. April 1994 angeführt werden, welches über Umwege zum Abstieg des 1. FC Nürnberg in die Zweite Bundesliga führte. Aus einer undurchsichtigen Situation heraus beförderte der damalige Spieler des FC Bayern München den Ball Richtung Nürnberger Tor. Er verfehlte dies und der Ball rollte links am linken Pfosten vorbei über die Torauslinie. Der Schiedsrichter-Assistent hingegen hatte, zur Verwunderung aller, ein Tor gesehen und signalisierte dies dem Schiedsrichter, der den Treffer anerkannte. Bayern gewann dadurch mit 2:1. Ein Unentschieden hätte den Franken am Ende der Saison zum Nichtabstieg gereicht. Da jedoch auch das Wiederholungsspiel verloren ging, war der Abstieg besiegelt.

Auch Franz Beckenbauer, der ehemalige Profi-Fußballspieler und aktuelle Präsident des FC Bayern München belegt mit seiner Aussage – ‘Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift’ – die enorme Macht der Unparteiischen. Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter schaffen mit ihren Entscheidungen Tatsachen. Diese sind laut Regel V der offiziellen Fußballregeln endgültig. Alleine durch diese ihm zugestandene Autorität erlangt der Schiedsrichter eine große Macht im Fußball.

Wie aber kommen fehlerhafte Urteile der Fußball-Referees zu Stande? Forschungen, die Einflussfaktoren auf Schiedsrichterentscheidungen nachweisen, existieren bereits. So konnten Oudejans, Verheijen, Bakker, Gerrits, Steinbrücker und Beek im Jahre 2000 beispielsweise zeigen, dass die Fehler bei Abseitsentscheidungen durch Linienrichter häufig auf die gewählte Position hinter dem letzten Verteidiger zurückzuführen sind (vgl. Kapitel 3.1.1). Die damit verbundene relative Blickperspektive auf die Angreifer und Verteidiger führte in vielen Spielsituationen zwangsläufig zur fehlerhaften Wahrnehmung von Abseitsstellungen. Ein Experiment von Frank und Gilovich ergab, dass das Verhalten von Mannschaften in schwarzen Trikots eher als regelwidrig gewertet wurde, als jenes von Teams in weißer Sportbekleidung (vgl. Kapitel 3.1.2). Diese Erkenntnis wurde in Bezug auf die Sportart Football gewonnen. Weitere Untersuchungen belegen zudem die Existenz von Konzessionsentscheidungen bei gegebenen Strafstößen sowie die Wirkung von Fans bei Heimspielen. Beispielsweise pfiffen Schiedsrichter weniger Fouls der Gastmannschaft bei Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit (vgl. Kapitel 5.3). Eine ausführliche Übersicht von Arbeiten zu Urteils- und Entscheidungsprozessen von Fußball-Schiedsrichtern findet sich bei Mascarenhas, O’Hare und Plessner.

Vorliegende Diplomarbeit soll, neben den bereits untersuchten, weitere Einflussfaktoren aufzeigen, denen sich Schiedsrichter ausgesetzt sehen. Des Weiteren ist es erklärtes Ziel, zu ergründen, inwiefern sich diese auf die Entscheidungen der Schiedsrichter auswirken.

Neben den Erwartungshaltungen an den Unparteiischen (vgl. Kapitel 2) werden die Stufen der Entscheidungsfindung in den Fokus gerückt. Verzerrende Probleme, die dabei auftreten können, finden ebenfalls Berücksichtigung (vgl. Kapitel 3).

Empirischer Inhalt der vorliegenden Arbeit ist es, Gespräche mit Schiedsrichtern von der Bundesliga bis zu den untersten Klassen auf den Inhalt möglicher Einflussfaktoren hin zu untersuchen und mittels der Methode der Qualitativen Inhaltsanalyse auszuwerten (vgl. Kapitel 4). Im Anschluss werden die Ergebnisse präsentiert (vgl. Kapitel 5) und auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin untersucht (vgl. Kapitel 6).

Diese empirische Diplomarbeit soll einen Beitrag dazu leisten, für die Rolle des Schiedsrichters erhöhtes Verständnis zu fördern und kann als Anregung verstanden werden, sich in der Ausbildung der Unparteiischen stärker mit Einflussfaktoren zu beschäftigen und die Auszubildenden für dieses Thema zu sensibilisieren.

Inhaltsverzeichnis:

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis 5
1. Einführung sowie Relevanz des Themas 6
2. Erwartungshaltung an den Fußball-Schiedsrichter 9
2.1 Soziale Rollen im Sport 10
2.1.1 Die Rolle des Schiedsrichters 11
2.1.2 Beispiel einer Rollenüberschreitung 13
2.1.3 Rollenkonflikte 15
2.2 Leistungsanforderungen 15
2.2.1 Physische Leistungsfähigkeit 16
2.2.2 Psychische Leistungsfähigkeit 19
3. Schiedsrichterentscheidungen 23
3.1 Die Entscheidungsfindung und damit verbundene Probleme 24
3.1.1 Wahrnehmung 26
3.1.2 Kategorisierung 29
3.1.3 Gedächtnisorganisation 30
3.1.4 Urteilen und Entscheiden 31
3.2 Beeinflussung 32
4. Methodische Vorgehensweise 34
4.1 Datenerhebung 35
4.2 Datenauswertung 37
5. Einflussfaktoren auf den Fußball-Referee - Darstellung der Ergebnisse 41
5.1 Mannschaftsverbund und einzelne Spieler 43
5.2 Trainer sowie Team-Offizielle 49
5.3 Zuschauer 52
5.4 Näheres soziales Umfeld 57
5.5 Schiedsrichter-Beobachter 60
5.6 Medien 62
5.7 Gastgeschenke 65
5.8 Platzverhältnisse 67
5.9 Wetter 70
5.10 Unterbringung 73
5.11 Spielklasse 75
5.12 Einstellungen, Erwartungen und Vorurteile 79
5.13 Heikle Entscheidungen 83
5.14 Stimmungslage 86
5.15 Anreise 88
5.16 Zusammenfassung 89
6. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Ergebnisse 93
6.1 Spielklassenspezifischer Vergleich 96
6.2 Geschlechtsspezifischer Vergleich 98
6.3 Persönlichkeitsspezifischer Vergleich 99
7. Fazit 101
Anhang 104
Literaturverzeichnis 107

Textprobe:

Kapitel 5.2, Trainer sowie Team-Offizielle:

Grundsätzliches:

Das Tätigkeitsprofil eines Trainers verlangt sport- und sportartspezifische Fachkenntnisse nicht nur aus dem engeren trainingswissenschaftlichen Bereich, sondern auch flankierendes Know-how aus anderen Wissenschaftsdisziplinen. Hierzu zählen die Psychologie sowie die Sozial- und Erziehungswissenschaften. Periphere Rollenerwartungen richten sich zudem auch auf seine Sozialkompetenz.

Obwohl die Schiedsrichter umfangreich ausgebildet sind, erlebt man in der Berichterstattung regelmäßig Trainer, die wild gestikulierend auf die Unparteiischen einwirken. In den unteren Spielklassen lässt sich dieses Phänomen verstärkt beobachten. Trainer versuchen, in unterschiedlichem Maße, auf den Schiedsrichter einzuwirken:

‘Der Mensch lebt von Bestätigung, das tut jedem Menschen gut, wenn er Bestätigung bekommt’.

Diese Aussage von Bastian deutet auf eine starke Beeinflussbarkeit seinerseits hin. Bestätigung scheint für ihn eine große Bedeutung zu haben.

Wie Blumer erklärt, handeln Menschen Dingen gegenüber auf der Grundlage der Bedeutungen, die diese Dinge für sie haben. Man könnte also von einer vergleichsweise großen Einwirkung auf Bastian durch Trainer oder andere Personengruppen ausgehen. Allerdings stellt sich hier die Frage, ob andere Dinge nicht noch mehr Bedeutung für ihn haben. Dinge, die ihn für die Einflussnahme der Trainer und Zuschauer resistenter machen. Diese Frage beantwortet Dominik selbst. Wichtiger als die Meinung der Anderen schätzt er die Ansicht des Spielbeobachters ein:

‘Der kommt extra um meine Leistung zu beurteilen und alle anderen sind eigentlich da, sind hauptsächlich da, um ein Spiel zu sehen und dann die Leistung der Spieler zu beurteilen’.

Dominiks oberste Priorität ist also, den Anforderungen des Schiedsrichter-Ethos zu genügen.

Ergebnisse:

Dennoch können deplatzierte Bemerkungen der Akteure in der Technischen Zone sowie die versuchte Einflussnahme ins Spielgeschehen die Anspannung des Unparteiischen erhöhen:

‘Da wird einfach mehr Druck aufgebaut von draußen, und dann kann schon mal ein Fehler mehr passieren’.

Der Referee schließt nicht aus, dass Trainer Einfluss auf ihn ausüben. Er gibt sogar zu, teilweise zu einer anderen Entscheidungsfindung als üblich bewegt zu werden:

‘Ja, das kann schon – also unterbewusst kann das schon passieren. Also ich bin davon überzeugt, dass es solche Sachen wie, dass der Trainer immer kommt: Ja, jetzt mach doch mal Deine Augen auf oder so. Dass man dann schon sagt: Hey, ich mache das schon, denkt man sich dann. Oder: Ich pfeife doch gut. Und dann passiert vielleicht mal ein Bock’.

‘Dass eben [cholerische Trainer; Anmerkung des Verfassers] – es macht eben auch keinen guten Eindruck auf die Schiedsrichter. Vielleicht unterbewusst entscheidet man etwas anders, als man gesagt hätte, wenn die nicht draußen geschrien hätten. Dann hätte man es vielleicht richtig entschieden oder anders. Weil man weiß ja nicht, was immer unterbewusst passiert. Das ist immer das Problem. Man muss da auch immer ein bisschen sachlich – als Trainer. Also mir ist das schon lieber’.

Auch in höheren Spielklassen lässt sich ein Einfluss der Team-Offiziellen auf Schiedsrichterentscheidungen feststellen, auch wenn dies dem Schiedsrichter bewusst ist. So berichtet Bastian, dass er auf die Stimmung von außen reagiert und seine Spielleitung dementsprechend anpasst. Er versucht, die Situation so zu beruhigen:

‘Einfach dann, vielleicht auch mal wenn ein Foul war kann ich pfeifen. Dann unterbreche ich das Spiel kurz, warte eine halbe Minute mit der Ausführung, damit die Gemüter allgemein mal einen Moment Zeit haben, um sich zu beruhigen. Das sind so ein bisschen die Möglichkeiten. Also dass ich dann nicht zwingend schaue: Jetzt schnell weiter, schnell weiter, den nächsten Vorteil geben, sondern dass ich dann schaue, dass ich vielleicht auch mal öfter pfeife. Dass ich einfach schaue, was ist in dem Moment verlangt oder so etwas, einfach wieder das Spiel lesen’.

Bei Dominik ist somit zum Teil eine Beeinflussung durch die Rufe festzustellen. Er beschäftigt sich mit diesen und erfährt auf diese Weise eine Ablenkung von der eigentlichen Spielleitung. Von den befragten Experten ist Dominik der Referee, der in der niedrigsten Spielklasse leitet. Als Schiedsrichter ist er somit alleine unterwegs, ohne die Unterstützung der Assistenten. Betrachtet man seine Aussagen, ist dies sicher ein Grund, der ihn anfälliger für diese Art von Beeinflussung und für Ablenkung vom Spielgeschehen macht. Denn die Beobachtung des Trainerbereichs fällt, im Gegensatz zu den höheren Ligen, in seinen Aufgabenbereich.

Bastians Beispiel zeigt hingegen, dass er weniger anfällig für Botschaften von den Teamchefs aus der Technischen Zone ist. Die Assistenten zeigen sich für diesen Bereich zuständig. Bastian registriert Trainerkommentare kaum:

‘Also es ist schon öfter vorgekommen, dass ein Assistent mir dann gesagt hat: Heute war es aber schwierig mit den Trainern. Ich dann: Wieso? Ich habe gar nichts mitbekommen’.

Bundesliga-Schiedsrichter Alfred bestätigt diese Tendenz. Achim erklärt zusätzlich, dass ihm dadurch der Blick auf das Wesentliche leichter fällt:

‘(…) In der Regel ist es so, dass Du dem Trainer seinen Job lässt und dem Vierten seinen Job lässt, dem Assistenten seinen Job lässt und Du Dich auf das Spiel konzentrierst’.

Außerdem sind sich die befragten Schiedsrichter darüber im Klaren, dass aufgrund ungehaltener Trainer eine angenehme Spielatmosphäre ins Negative kippen kann. Dies würde sich dann wiederum auf den Schiedsrichter auswirken:

‘Oft ist es in einem Spiel selbst ruhig, aber die Trainerbänke sind ungehalten und bringen Stimmung in das Spiel herein, weil sie von ihrer Position aus die Situation anders bewerten als die Spieler innen. Die Spieler innen geben einem Recht, aber von außen geben sie einem Unrecht. Mit der Zeit kann diese Stimmung dann auf die Spieler überschwappen und die Spieler werden dann auch ungehalten gegenüber uns Schiedsrichtern. Nur weil von außen eben die dauernd rein geschrien haben. Insofern muss man das dann auch bedenken oder beachten’.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich Trainer in der Regel angemessen verhalten. Unpassendes Betragen hinterlässt beim Referee einen negativen Eindruck und ruft Unmut hervor. Insbesondere bei falscher Tatsachendarstellung des Trainers fühlt sich der Schiedsrichter angegriffen.

Die Referees gestehen dem Trainer zwar ein gewisses Maß an Emotionalität zu. Wird dieses jedoch überschritten, drohen Konsequenzen und der Trainer wird des Platzes verwiesen. Schiedsrichter sind im hohen Maße darauf bedacht, ihre Autorität nicht zu verlieren. Denn dieser Aspekt ist von immenser Bedeutung für die Unparteiischen.

Arbeit zitieren:
Feiner, Robert Oktober 2009: Der Schiedsrichter, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Schiedsrichter, Fußball, Einfluss, Erwartung, Entscheidung

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