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Schengen und die Osterweiterung der Europäischen Union am Beispiel Kaliningrads

Schengen und die Osterweiterung der Europäischen Union am Beispiel Kaliningrads
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Tobias Semmet
  • Abgabedatum: Mai 2004
  • Umfang: 134 Seiten
  • Dateigröße: 800,9 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8403-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8403-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8403-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Semmet, Tobias Mai 2004: Schengen und die Osterweiterung der Europäischen Union am Beispiel Kaliningrads, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Innere Sicherheit, Schengen-acquis, Grenzschutz, Integration, Osteuropa

Diplomarbeit von Tobias Semmet

Einleitung:

Mit der Erweiterung der Europäischen Union (EU) um zehn neue Mitglieder aus Mittel- und Osteuropa sowie dem Mittelmeerraum wird sich der östliche Abschnitt der EU-Außengrenze um mehr als 700 km nach Osten verschieben. Die erweiterte EU wird dann an Staaten wie Kroatien, Serbien und Montenegro, Rumänien, Russland, Ukraine und Weißrussland angrenzen. Darüber hinaus wird erstmals in der Geschichte des europäischen Integrationsprozesses eine Exklave eines Drittstaates vollständig von EU-Territorium umgeben sein. Denn durch den Beitritt Litauens und Polens wird mit Kaliningrad eine russische Enklave innerhalb der EU entstehen. Die zukünftigen EU-Mitgliedstaaten haben sich im Zuge der Beitrittsverhandlungen dazu verpflichtet, den gemeinschaftlichen Besitzstand (acquis communautaire) der EU vollständig zu übernehmen. Teil des acquis communautaire ist seit der Vertragsreform von Amsterdam auch der Schengen-acquis. Alle Staaten, die eine EU-Mitgliedschaft anstreben, müssen seit Amsterdam den Schengen-acquis spätestens mit dem Datum des Beitritts in nationales Recht übernehmen und uneingeschränkt anwenden. Ausnahme- und Übergangsregelungen, welche den Transfer von einer eher liberalen Praxis der Grenzkontrollen und Visumpolitik in Mittel- und Osteuropa zu den strengen Regelungen des Schengen-acquis erleichtern würden, werden hierbei nicht eingeräumt. Die Beitrittsländer sind also verpflichtet, ihren jeweiligen Abschnitt der zukünftigen EU-Außengrenze gemäß den Bestimmungen des Schengen-acquis zu schützen. Dies bedeutet aber nicht, dass gleichzeitig die Binnengrenzkontrollen zu den derzeitigen EU-Mitgliedsstaaten aufgehoben werden. Die EU behält sich vielmehr das Recht vor, die Binnengrenzkontrollen erst nach einer mehrjährigen Evaluierungsperiode und einem weiteren Beschluss des Ministerrates aufzuheben.

Die mittel- und osteuropäischen Länder (MOEL) befinden sich damit in einer Situation, welche ihnen eine strenge Kontrolle der zukünftigen EU-Ostgrenze abverlangt, ohne dass aber gleichzeitig eine Aufhebung der Binnengrenzkontrollen zwischen alten und neuen EU-Mitgliedern stattfindet. Neben der Arbeitnehmerfreizügigkeit wird den Bürgern der neuen Mitgliedsstaaten dadurch einer der am unmittelbarsten erfahrbaren Vorteile einer EU-Mitgliedschaft mittelfristig vorenthalten. Darüber hinaus wirft die Ausdehnung des Schengen-Raumes eine Reihe weiterer Probleme auf. Zum einen zeichnet sich die Bevölkerungsstruktur in den östlichen Grenzregionen der einzelnen MOEL durch ein hohes Maß an ethnischer Heterogenität aus. Zum anderen entstand aufgrund der hohen Permeabilität der Grenzen in der Region im Laufe des vergangenen Jahrzehnts eine ausgeprägte Ökonomie des grenzüberschreitenden Kleinhandels, welche die Subsistenz vieler hunderttausend Menschen in den Grenzräumen Mittel- und Osteuropas gewährleistet. Darüber hinaus stellt die Implementierung des Schengen-acquis für die MOEL eine hohe finanzielle, administrative und technische Herausforderung dar. Denn an vielen Abschnitten der zukünftigen EU-Ostgrenze ist, wenn überhaupt, nur ein rudimentärer Grenzschutz vorhanden.

Neben dieser Innenwirkung in den MOEL bringt die Expansion Schengens auch negative Auswirkungen auf die östlichen Nachbarstaaten der erweiterten EU mit sich. Allzu deutlich wird dies am Beispiel der russischen Exklave Kaliningrad. Deren Bewohner profitierten in der Vergangenheit in hohem Maße von der Permeabilität der Grenzen in der Region. So konnten sie ohne Visum in die Nachbarstaaten Litauen und Polen reisen. Ein Transit in das russische Kernland über Litauen oder Polen war problemlos möglich. Auch entlang der Grenzen Kaliningrads entstand im Laufe des letzten Jahrzehnts eine ausgeprägte Ökonomie des grenzüberschreitenden Kleinhandels. Mit der Erweiterung der EU wird sich dies schlagartig ändern. Bewohner Kaliningrads werden in Zukunft für die Einreise nach Litauen und Polen sowie den Landtransit ins russische Kernland Schengen-Visa benötigen. Es ist zu erwarten, dass die Verschärfung der Kontrollen an der zukünftigen EU-Ostgrenze sowie die Einführung der Visumpflicht den lebensnotwendigen grenzüberschreitenden Kleinhandel in den Grenzräumen Kaliningrads nahezu lahm legen wird.

Die Ausdehnung des Schengen-Raumes im Rahmen der Osterweiterung der EU lässt sich daher als ein durchaus problem- und konfliktbehafteter Prozess charakterisieren. Dieser Prozess soll im Rahmen der Arbeit am Beispiel der MOEL sowie der russischen Exklave Kaliningrad untersucht werden. Dabei werden folgende zentrale Forschungsfragen zu Grunde gelegt: Ist die Erweiterungsstrategie der EU, welche eine frühestmögliche effektive Implementierung des Schengen-acquis durch die MOEL verlangt, adäquat und praktikabel angesichts der komplexen sozialen, ökonomischen und ethnischen Verhältnisse in den Grenzräumen entlang der zukünftigen EU-Ostgrenze? Weshalb nimmt Schengen in der aktuellen Erweiterungsrunde eine so prominente Stellung ein. Warum erlaubt die EU keine Flexibilisierung und Abstufung bei der Implementierung des Schengen-acquis durch die zukünftigen EU-Mitgliedsstaaten zu? Warum verfolgt die EU eine Politik, welche weder den Verhältnissen in den zukünftigen EU-Mitgliedsstaaten gerecht wird, noch die weitere Isolation der KO innerhalb einer erweiterten EU stoppt? Ergebnis der Arbeit wird sein, dass die repressive Stoßrichtung der Politik der inneren Sicherheit der EU flexible und differenzierte Lösungen bei der Ausdehnung des Schengen-Raumes weitgehend ausschließt. Trotz alledem stellt sich eine berechtigte, wenn auch weitgehend theoretische Frage: Sind Modelle flexibler Integration in Zukunft nicht angebrachter, um der zunehmenden Heterogenität in einer sich fortlaufend erweiternden EU gerecht zu werden?

Die Ausdehnung des Schengen-Raumes im Rahmen der EU-Osterweiterung wird auf der Basis von Primär- und Sekundärquellen untersucht und bewertet. Die Grundlage hierfür bilden offizielle Dokumente der EU-Institutionen, Rechtsquellen wie das SDÜ oder die europäischen Verträge. Hinzukommen die Ergebnisse der verschiedensten politikwissenschaftlichen Arbeiten und Studien zu diesem Thema. Eine Aufgabe dieser Arbeit besteht darin, die bestehenden Ansätze und Ergebnisse der politikwissenschaftlichen Arbeiten und Studien zusammenzuführen, aufzuarbeiten und anhand des rechtlichen Rahmens zu bewerten.

Inhaltsverzeichnis:

A. Einleitung 1
I. Schengen im Rahmen der Osterweiterung als Untersuchungsgegenstand 1
II. Forschungsstand 4
III. Herangehensweise und Gliederung der Arbeit 5
B. Hauptteil 8
I. Die Politik der inneren Sicherheit der EU im Erweiterungsprozess – Erklärungsmodelle 8
1. Die Zwei-Stufen Strategie der Europäischen Union 8
2. Die Gewährleistung von Sicherheit als zentrales Staatsziel - Konsequenzen für die europäische Integration 11
3. Securitization im Politikfeld innere Sicherheit 15
4. Soft Security – Ein erweitertes Verständnis von Sicherheit in Europa 18
5. Schengen und das Konzept der positiven und negativen Integration 20
II. Schengen im Erweiterungsprozess 24
1. Die Entwicklung des Schengen-Regimes bis zum Vertrag von Amsterdam 24
2. Die Bestimmungen des Schengen-acquis und die gemeinsame Visumpolitik der EU 30
3. Stabilitätsexport im Rahmen der EU-Osterweiterung 37
4. Der Schengen-acquis im Erweiterungsprozess: Herausforderungen für die EU und die mittel- und osteuropäischen Staaten 41
a. Herausforderungen für die Europäische Union 43
b. Die Komplexität der ethnischen und ökonomischen Verhältnisse entlang der zukünftigen Ostgrenze der EU 52
c. Die Implementierung des Schengen-acquis: Herausforderungen für die mittel- und osteuropäischen Staaten 55
III. Die Fallstudie Kaliningrad: Eine russische Exklave im Schengen-Raum 66
1. Aufbau der Fallstudie 66
2. Multiple Peripherie innerhalb und außerhalb der erweiterten EU 67
3. Kaliningrad, der Schengen-acquis und die gemeinsame Visumpolitik der EU 74
4. Optionen für Kaliningrad innerhalb eines erweiterten Schengen-Raumes 79
5. Die Kaliningrad-Politik der EU 84
6. Russland und Kaliningrad: Spielball in der strategischen Partnerschaft mit der EU 90
7. Der Brüsseler Kompromiss in der Visum- und Transitfrage 95
C. Schluss 99
I. Ergebnis der Arbeit – Schengen und die Notwendigkeit flexibler Integrationsmodelle 99
II. Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 109
D. Anhang 115
I. Abkürzungsverzeichnis 115
II. Literatur- und Quellenverzeichnis 117

Automatisiert erstellter Textauszug:

Auch wenn sich die Herausforderungen für die EU und die MOEL teils komplementär verhalten, so stehen die MOEL doch vor ganz spezifischen Herausforderungen. Für einige MOEL bedeutet die Anpassung des Außengrenzschutzes an Schengener Standards und die Übernahme der EU-Visumpolitik einen regelrechten Paradigmenwechsel in der Organisation des Grenzschutzes und der Einreisepolitik. Dabei gleicht die Position vieler MOEL einem politischen Spagat, wenn sie wie im Falle der polnischen Regierung einerseits betonen, gegenüber ihren östlichen Nachbarn keine neuen „Barrieren“ aufbauen zu wollen, aber andererseits klarstellen, dass eine „dichte“ Grenze auch im eigenen Interesse liege. Zur Vermeidung politischer Dissonanzen wird dabei stets die Brückenfunktion hervorgehoben, welche Polen im Verhältnis der EU zur Ukraine wahrnehmen könne (Bort 1999: 81). Diese Aussagen sind meist darauf ausgerichtet, die negativen Externalisierungen der Übernahme des Schengen-acquis zumindest in ihrer Rhetorik zu minimieren und gleichzeitig die Erwartungen der EU zu befriedigen. Schengen wird von den MOEL vielfach als ein „imposed system“ wahrgenommen - ein System, oktroyiert, um die Interessen der bestehenden Mitgliedsstaaten zu schützen, jedoch blind gegenüber den spezifischen Verhältnissen in Mittel- und Osteuropa sowie der Notwendigkeit stabiler bilateraler Beziehungen mit Drittstaaten in der Region (Amato/Batt 1999: 56). Trotz dieser deutlichen Interessensasymmetrie ist innerhalb der MOEL die Bereitschaft groß, diesen politischen Spagat zu wagen. Obwohl die MOEL die Hauptverantwortung und enormen Kosten für den Schutz der zukünftigen EU-Ostgrenze größtenteils selbst schultern müssen (Amato/Batt 1999: 56) und mittelfristig keinen Einfluss auf die Ausgestaltung des Schengen-acquis haben werden, scheint die Kosten-Nutzen-Kalkulation der politischen Eliten in den MOEL doch eindeutig für einen EU-Beitritt zu sprechen.68 Global betrachtet mag der Nutzen einer EUMitgliedschaft die Kosten eines verschärften Grenzregimes überwiegen. Doch der Rechtfertigungsdruck, dem sich die politischen Eliten in den MOEL bezüglich der Personenfreizügigkeit in einer erweiterten EU ausgesetzt sind, ist enorm. Wie Knelangen (2002: 37f) treffend resümiert, müssen die Regierungen der MOEL einerseits [...]

Beiderseits der polnischen Ostgrenze gewährleistet das Shuttle trading die Subsistenz vieler Bewohner der Grenzregion (Ludwig 2003). Grajewski (1999: 161) verdeutlicht anschaulich, welche Bedeutung dem grenzüberschreitenden Kleinhandel im Falle Polens zukommt. So besuchten vor 1997 jährlich etwa 3,2 Millionen Ukrainer, 2,4 Millionen Weißrussen und 2,4 Millionen Russen Polen zum Zwecke des kleineren und mittleren Handels. Der durchschnittliche „Handelstourist“ gab dabei ca. 480 EUR pro Tag aus. Zum Vergleich: ein deutscher Tourist gab dagegen durchschnittlich nur 18 EUR aus. Durch den Handelstourismus entstand in Polen in den 90er Jahren ein buntes Basarsystem, dessen Kunden zu 90% aus den GUS-Staaten stammen. Bemerkenswert ist, dass sich viele dieser Basare auch in West- und Mittelpolen befinden. Die 15 größten Basare erzielten 1996 einen Umsatz von etwa 1,89 Mrd. EUR. Diese Zahlen belegen die nicht zu unterschätzende Bedeutung des Kleinhandels für die Handelsbeziehungen Polens zu seinen östlichen Nachbarn und die beiderseits der polnischen Ostgrenze lebenden Menschen. Seit 1997 im Rahmen des Beitrittsvorbereitungen Polens zur EU eine erste Verschärfung der Einreisebestimmungen stattfand, ist der grenzüberschreitende Kleinhandel merklich zurückgegangen. Der Basarhandel schrumpfte als Folge dieser Verschärfungen um fast 80%. Grajewski (1999: 162) vermutet, dass die Verschärfungen der Einreisebestimmungen die Grundlage der wirtschaftlichen Existenz von mehreren hunderttausend Polen ernsthaft beschädigt hat. Ähnlich massiv dürften die Auswirkungen in den noch strukturschwächeren Grenzregionen der Ukraine und Weißrusslands gewesen sein. Zusätzlich verschärft hat sich diese Situation für Bürger der RF, der Ukraine und Weißrusslands mit der zum 1. Oktober 2003 erfolgten Einführung der Visumpflicht bei der Einreise nach Polen (Europäische Kommission 2003: 61). Mittelfristig könnten die Übernahme des Schengen-acquis und der EU-Visumpolitik durch Polen mehrere hunderttausend Existenzen beiderseits der polnischen Ostgrenze zerstören und damit das soziale, politische und ökonomische Klima innerhalb dieses Grenzraumes belasten. Schätzungen gehen davon aus, dass allein in der Ukraine 700.000 Haushalte durch die Einführung der Visumpflicht ihr Einkommen verlieren werden (Krenzler/Wolczuk 2001: 17). Dies wiederum könnte negative Auswirkungen auf die bilateralen Beziehungen Polens zu seinen östlichen Nachbarn haben. So galten die polnisch-ukrainischen Beziehungen bisher als „allgemein sehr gut“ (Grajewski 1999: 150). Daher hat Polen die gemeinsame Visumpolitik der EU nur widerwillig implementiert. Denn man befürchtete, dass dies negativen Einfluss auf die nachbarschaftlichen Beziehungen zur Ukraine haben und die grenzüberschreitende Kooperation behindern könnte (Piorko/Wolczuk 2001). Die Gewährleistung einer ausreichenden Permeabilität der zukünftigen EU-Ostgrenze wird daher für die bilateralen Beziehungen in der Region und die Subsistenz vieler hunderttausender Menschen beiderseits der Grenze von vitaler Bedeutung sein. Darüber hinaus bleibt abzuwarten, ob die prognostizierten makroökonomischen bzw. volkswirtschaftlichen Vorteile einer EU-Mitgliedschaft die Nachteile eines erstickten grenzüber54 [...]

(Magyaren) in den Nachbarstaaten, davon 1,62 Millionen in Rumänien (7,1%),63 343.400 in Serbien und Montenegro (3,3%), 557.000 in der Slowakei (9,7%), 194.000 in der Ukraine (0,4%) sowie kleinere Minderheiten in Kroatien und Slowenien. Dies ist beträchtlich angesichts einer Wohnbevölkerung Ungarns von 10 Millionen Menschen (Grabbe 2000: 531). Während sich die Minderheitenfrage in der Slowakei und Slowenien durch deren EU-Beitritt mittelfristig entspannen wird, kann sie im Falle von Serbien und Montenegro und der Ukraine durchaus problematischer werden. Die Bevölkerungsstruktur Polens ist mit 98,7% ethnischen Polen vergleichsweise homogen.64 Nichtsdestotrotz beträgt der absolute Anteil ethnischer Ukrainer immerhin 300.000 (0,78%) und ethnischer Weißrussen 200.000 (0,52%). Gleichzeitig leben 402.000 Polen (4%) in Weißrussland und 194.000 (0,4%) in der Ukraine.65 Durch die Verschärfung der Grenzkontrollen und die Einführung des Visumzwangs werden sich intra-ethnische grenzüberschreitende Interaktionen sowie wirtschaftliche Transaktionen für die jeweiligen Minderheiten beiderseits der zukünftigen EU-Außengrenzen schwieriger gestalten. Unbestreitbar ist daher, dass die Ausdehnung des Schengen-Raums negative Auswirkungen auf grenzüberschreitende soziale und ökonomische Prozesse haben werden. Hiervon betroffen sein wird hauptsächlich der kleine Grenzverkehr entlang der zukünftigen EU-Ostgrenze. Ihre aus der Erweiterung resultierende „nationalitätendifferenzierende Permeabilität“ wird den „lokalen Handel in den östlichen Regionen der mittel- und osteuropäischen Staaten“ negativ beeinflussen (Rabenschlag 2003: 207). Nach Busch (2002: 8) wird dadurch „der informelle kleine Grenzverkehr mit den östlichen Nachbarn abgeschnitten und auch die darauf beruhende Grenzökonomie zerschlagen“.66 Mit dem Ende der Blockkonfrontation und der damit einhergehenden Öffnung der Staatsgrenzen in Mittel- und Osteuropa und der ehemaligen SU entstand entlang dieser nun weitgehend offenen Grenzen eine intensiver Kleinhandel mit vielerlei Konsumgütern. Von Bedeutung ist hier vor allem das sogenannte „shuttle trading“ (Valuev 2002: 70), auch „Ameisenhandel“ (Schreiber 2001) genannt. Hierbei überschreiten Kleinhändler mehrmals am Tag die Grenze, um legal und illegal Waren wie Alkohol, Zigaretten, Kraftstoff und Konsumgüter über die Grenze zu transferieren. Dabei werden teilweise durch minimalste Preisunterschiede beiderseits der Grenze Profite erwirtschaftet (Valuev 2002: 71).67 [...]

Arbeit zitieren:
Semmet, Tobias Mai 2004: Schengen und die Osterweiterung der Europäischen Union am Beispiel Kaliningrads, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Innere Sicherheit, Schengen-acquis, Grenzschutz, Integration, Osteuropa

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