Schauspielpädagogik im Wettkampfsport
Ansätze zur Leistungsoptimierung und Persönlichkeitsentwicklung anhand der Praxisbeispiele Fußball und Boxen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Benjamin Stoll
- Abgabedatum: September 2010
- Umfang: 100 Seiten
- Dateigröße: 3,2 MB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Universität Potsdam Deutschland
- Bibliografie: ca. 160
- ISBN (eBook): 978-3-8428-0884-3
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Stoll, Benjamin September 2010: Schauspielpädagogik im Wettkampfsport, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Spitzensport, Theater, Verhaltenspsychologie, Medien, Temperament
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Diplomarbeit von Benjamin Stoll
Einleitung:
Zuerst einmal stellt sich die Frage, ob zwei sich in kaum einer Weise nahe stehende Wissenschaften wie die Sportpädagogik und die Schauspielpädagogik überhaupt gegenüberstellen lassen. Betrachten wir jedoch die jeweilige Praxis, die beiden Wissenschaften zugrunde liegt, so finden sich doch einige Parallelen.
Gerade der Hochleistungssport lebt vom Publikum. Der Zuschauer leistet mentale Unterstützung, wenn die Fußballmannschaft im eigenen Stadion den Favoriten schlägt, der Boxer in der zehnten Runde neuen Aufwind spürt, weil ihn sein Publikum anfeuert oder der Stabhochspringer die Zuschauer auffordert, ihn durch rhythmisches Klatschen zu unterstützen. Der Zuschauer sorgt aber auch für Einnahmen durch Sponsoring und Werbung.
Umgekehrt sind es die Wirkung der sportlichen Leistung, die Spannung und vielleicht auch zuletzt die Persönlichkeit des Athleten, die den Zuschauer dazu animieren, den Fernseher einzuschalten, ins Stadion zu gehen oder gar seinem sportlichen Idol oder seiner Fußballmannschaft hinterher zu reisen.
Auch im Theater findet eine Wechselbeziehung zwischen Darsteller und Publikum statt – ein direkter Austausch, der beide Seiten beeinflusst und beflügelt. Aber nicht nur das Publikum vereint Theater und Sport, auch andere Ordnungen und Strukturen zeigen Gemeinsamkeiten auf.
Der Sportler wird kaum an seine Höchstleistung kommen ohne einen guten Trainer. Auch der Schauspieler ist nur so gut, wie ihn sein Regisseur führt.
In beiden Situationen sorgt die Bühne im Vorfeld für große Aufregung und Anspannung. Was für den Schauspieler die Bretter sind, die die Welt bedeuten, ist für den Fußballer das Spielfeld, für den Boxer der Ring, für den Leichtathleten das Stadion und für den Schwimmer das Becken. Der Umgang mit Lampenfieber wird in beiden Wissenschaften genauso thematisiert, wie die Freude, die Lust und die Motivation in Bezug auf die Durchführung und den Erfolg auf der jeweiligen ‘Bühne’.
Ein Einwand könnte aber berechtigten Platz finden: der Schauspieler spiele ja nur eine Rolle, während der Sportler auf Höchstleistung seiner Disziplin nachgehe. Umgekehrt könnte aber auch in den Raum geworfen werden, dass der Sportler ebenfalls eine Rolle spiele.
Wenn ein Vitali Klitschko in den Ring steigt und seinen Gegner ohne mit der Wimper zu zucken anvisiert und mit seinen Blicken keine Sekunde von ihm weicht, dann ist das nicht mehr der Vitali Klitschko, der für Fitnessketten oder Süßwaren heiter und fröhlich Werbung macht – oder zumindest Vitali Klitschko in einer anderen Rolle. Wenn ein Tyson Gay vor dem Start zum 100-Meter-Lauf machtkampfartig posiert um als ‘Psychospielchen’ seinen Gegnern schon vorab den Kampf anzusagen, dann ist das eine andere Rolle, als wenn er zu Hause bei seiner Familie weilt. Genauso sorgte die teils bedrohlich wirkende Figur Oliver Kahns im Tor des FC Bayern Münchens für Respekt bei den Gegnern.
Deshalb stellt sich vielmehr die Frage: Hat die Rolle, die Sportler im Wettkampf spielen, durch ihre Wirkung auf den Gegner eine Auswirkung auf die eigene Leistung und gibt es Möglichkeiten und Ansätze zu lernen, eine Erfolg bringende Rolle im Wettkampfsport überzeugend und glaubwürdig – authentisch – rüberzubringen?
Zu bedenken ist auch die Tatsache, dass viele Spitzensportler dem Druck im Rampenlicht nicht gewachsen zu sein scheinen und resigniert aufgeben oder gar in die Depression getrieben werden. Das Schicksal Sebastian Deislers oder der Freitod Robert Enkes lassen die Dunkelziffer nur erahnen und umso mehr die Alarmglocken läuten.
Daher liegt es nahe, einen Vergleich zu wagen und Ansätze aus der Schauspielpädagogik aufzuzeigen und vorzustellen, inwieweit diese auf die Sportpädagogik übertragbar sind und dort Anwendung finden können.
Inhaltsverzeichnis:
| Abkürzungsverzeichnis | 5 | |
| Abbildungsverzeichnis | 6 | |
| 1. | Einführung | 7 |
| 2. | Schauspielpädagogische Aspekte der Persönlichkeit | 9 |
| 2.1 | Status und Rolle | 10 |
| 2.2 | Temperament | 15 |
| 2.3 | Sicherheit und Prinzip der Anonymität | 22 |
| 2.4 | Die vierte Wand und das Lampenfieber | 32 |
| 2.5 | Authentizität | 35 |
| 3. | Schauspielpädagogischer Ansatz im Wettkampfsport | 39 |
| 4. | Bedeutung der schauspielpädagogischen Aspekte für den Fußballsport | 43 |
| 4.1 | Status und Rolle im Fußball | 45 |
| 4.2 | Temperament im Fußball | 53 |
| 4.3 | Sicherheit und Prinzip der Anonymität im Fußball | 54 |
| 4.4 | Die vierte Wand im Fußball | 56 |
| 4.5 | Authentizität im Fußball | 56 |
| 5. | Bedeutung der schauspielpädagogischen Aspekte für den Boxsport | 58 |
| 5.1 | Status und Rolle im Boxen | 58 |
| 5.2 | Temperament im Boxen | 62 |
| 5.3 | Sicherheit und Prinzip der Anonymität im Boxen | 63 |
| 5.4 | Die vierte Wand im Boxen | 63 |
| 5.5 | Authentizität im Boxen | 64 |
| 6. | Praktische Übungen und Methoden und deren Umsetzungsmöglichkeiten im Wettkampfsport | 65 |
| 6.1 | Improvisation | 66 |
| 6.1.1 | Definition | 66 |
| 6.1.2 | Rahmenbedingungen und Regeln | 67 |
| 6.2 | Status-Übungen und Rollenspiel | 68 |
| 6.2.1 | Status wahrnehmen | 68 |
| 6.2.2 | Status spielen | 72 |
| 6.2.3 | Rollenspiel | 76 |
| 6.3 | Übungen zu den Temperamenten | 78 |
| 6.4 | Übungen zur Sicherheit und zum Prinzip der Anonymität | 83 |
| 6.5 | Übung zur ‘vierten Wand’ | 87 |
| 6.6 | Finden einer authentischen Rolle | 87 |
| 7. | Fazit und Ausblick | 90 |
| 8. | Literatur | 92 |
Textprobe:
Kapitel 4.1, Status und Rolle im Fußball:
Wie schon Gebauer beschäftigte sich auch Väth mit der Rolle des Sportlers, insbesondere mit der Rolle des Fußballspielers. Er definierte die Spielerrolle als ‘ein Ergebnis der vom Erfolgsdruck erzwungenen Rationalisierung des Mannschaftsspieles, die in einer effektivitätsbezogenen Positionierung und Spezialisierung der Spieler zum Ausdruck kommt’. So ermögliche die Rolle des Spielers sowohl eine Typisierung als auch eine leichtere Bewertung und Vergleich der Leistung. Sie sei ‘ein wichtiges gestalterisches Element in der Dramaturgie des Wettkampfes’.
Doch gerade im Spitzensport führe das Publikum zum Konflikt für den Sportler. Denn der Zuschauer überforme die Rolle des Fußballers symbolisch und mache ihn zum ‘Gegenstand seiner affektiven Beziehung von Zuneigung und Identifikation, aber auch von Aversion’.
‘Auf der Ebene der Symbolprojektion kann der Spieler zum Publikumsliebling, aber auch zum Buhmann, zur negativ besetzten Reizfigur werden. Im Prozeß der symbolischen Überformung artikulieren sich die Wertvorstellungen, soziale Erfahrungen und unterschwellig auch Ängste und Aggressionen des Publikums.’ Väth unterschied fünf Dimensionen in Bezug auf die Spielweise des Fußballers:
– Physis.
– Technik.
– Spielintelligenz.
– Psyche.
– Leistungspräsentation.
Die ersten vier Dimensionen bezögen sich auf funktionale Anforderungen des Fußballspiels, deren Grad verantwortlich für Funktion und Position des Spielers seien. Darüber hinaus stünde die fünfte Dimension für die im Profifußball bedeutsame Unterhaltung des Publikums und ebenso für die Leistungsbewertung des Spielers selbst. Deshalb müsse er auch ‘die Präsentation seiner Rolle und Leistung sowie extrafunktionale Showelemente beherrschen’. Die Situation fordere vom Fußballspieler große schauspielerische Fähigkeiten, denn ‘um positiv aufzufallen und um die Leistungsbewertungen der Öffentlichkeit günstig zu beeinflussen, muss der Profi seine Spielleistung dramatisch inszenieren’. Dabei sei zwischen der Handlung, die dem Spiel funktional diene, und der Handlung, die der ‘dramaturgischen Ausgestaltung’ diene zu unterscheiden. Dass diese Form der Leistungspräsentation für den Erfolg des Sportlers entscheidend ist, macht Gebauer deutlich:
‘Das Individuum, das gesellschaftliche Anerkennung sucht, muß die Kriterien seiner ‘Leistung’ dramatisch aufführen (…). Die sozial anerkannte ‘Leistung’ involviert aus diesem Grunde immer eine zweite ‘Leistung’, die im Herbeiführen der Anerkennung einer Aktion als ‘Leistung’ besteht. Die Gesellschaft bezeichnet als eine ‘Leistung’ etwas, das – nach dieser Überlegung – aus zwei ‘Leistungen’ besteht: aus einer Aktion, die bestimmte sozial etablierte ‘Leistungskriterien’ aufweist, und aus ihrer Präsentation als einer Aktion, die den ‘Leistungsnormen’ der Gesellschaft entspricht. Eine Aktion, die als ‘Leistung’ sozial anerkannt ist, besteht, wie wir sagen wollen, aus einer ‘Aktionsleistung’ und einer ‘Präsentationsleistung’’.
Gerade im Profifußball sei es daher notwendig für den Spieler, sich verkaufen zu können. Er dürfe sich nicht, so Väth, ‘auf reine Aufgabenerfüllung beschränken’, sondern müsse sein Spiel ‘mit dramaturgischen Elementen anreichern’. Was darüber hinaus auch ganz im Sinne der Vereine ist, die großes wirtschaftliches Interesse am Aufbau von ‘Stars’ haben.
Der Status, den Bisanz und Gerisch bei Fußballspielern als einen von fünf Bestimmungsgrößen der Motivation bezeichnen, ist an dieser Stelle sowohl im engen Zusammenhang der Rolle des Spielers als auch völlig losgelöst und unabhängig von ihr zu betrachten. Auf der einen Seite ist der Status eng verbunden mit dem Erfolg und dem Bekanntheitsgrad des Spielers. Diese wirken sich entsprechend auf das Selbstbewusstsein des Spielers aus, was dieser daraufhin durch bestimmte Statussignale nach außen trägt. Diese Signale werden von Mitspielern, Gegnern und Zuschauern (auch vom Trainer und manchmal auch von dem ein oder anderen Schiedsrichter) durch Anerkennung und vor allem Respekt erwidert, und verschaffen dem Spieler damit einen Vorteil durch erfolgreichere Durchsetzungskraft (denn der Widerstand ist geringer). Umgekehrt wirken sich Misserfolg und Unbekanntheit negativ auf das Selbstbewusstsein aus und lassen den Spieler Tiefstatus-Signale aussenden. Die Statusreflexion von Mitspielern, Gegnern und Zuschauern multiplizieren dann das schlechte Selbstwertgefühl und veranlassen den Spieler zu reduzierter Spielweise gegenüber seinem Potenzial.
Die im Fußball allseits bekannte Anweisung ‘Kopf hoch und breite Brust zeigen’ bewirkt dabei nur den berühmten Tropfen auf den heißen Stein, da sowohl eine breite Brust als auch ein aufrechter Gang nur grobe Anzeichen eines Hochstatus sind. Die vielschichtigen wahren Statussignale aber können darüber hinaus munter weiter gesendet werden und den inszenierten Scheinstatus überdecken. Dadurch findet für den Spieler mit dem tieferen Status keine Veränderung statt und er fühlt sich in seinem wahren Status bestätigt. Die Folge ist eine weitere Verunsicherung und Reduzierung des eigenen Potenzials.
Um den Status des Gegenübers zu erfahren, benötigt man weder eine Schauspielausbildung noch eine grundlegende Einweisung in die Körpersprache. Wie Schmitt und Esser aufzeigen, lesen wir unentwegt den Status unserer Gegenüber aus und teilen ebenso permanent unseren eigenen Status anderen mit. Das erfolgt auf bewusster wie unbewusster Ebene – wobei letztere am schwierigsten zu beeinflussen ist. Wäre der Spieler, der gegenüber seinem Gegner einen tieferen Status einnimmt, aber in der Lage, seinen Status zu heben und damit Paroli zu bieten, würde er den Gegner verunsichern. Denn dieser prüft genauso die eigenen Statussignale und die des anderen und wäre sich dann, wenn dessen innerer Status nicht ganz so hoch ist wie sein äußerer und sein äußerer Status nur Folge äußerer Einflüsse wie Erfolg und Ruhm, seiner eigenen Position nicht mehr ganz so sicher (schließlich erwartet ein erfolgreicher und bekannter Fußballspieler Respekt und in gewissem Sinne auch Untergebenheit der anderen).
Unabhängig davon ist ein Spieler weniger abhängig von äußeren Einflüssen (insbesondere von Statusspielen), wenn er in der Lage ist, Status-Spiele zu beherrschen. Dann kann er sich ungestörter seinem eigenen Leistungspotenzial widmen und es zur Entfaltung bringen.
Darüber hinaus sollen im Folgenden konkrete Situationen während eines Fußballspiels aufgezeigt werden, in denen Status-Spiele eine große Rolle spielen.
In seiner zweiten Januarausgabe 2010 berichtete das Magazin DER SPIEGEL über ein Freistoßtor des portugiesischen Fußballprofis Cristiano Ronaldo beim Championsleague-Spiel Real Madrid gegen Olympique Marseille. Dabei analysierten Wissenschaftler zweier spanischer Universitäten die Flugbahn des Balles, der aus einer Distanz von 35 Metern direkt über die gegnerische Mauer geschossen wurde. Kurz vor dem Tor verließ der Ball aber seine eigentliche Flugbahn und anstatt über das Tor hinaus zu fliegen, landete er im Netz des gegnerischen Tors. Durch eine geschickte Schusstechnik verlieh Cristiano Ronaldo dem Ball ausreichend Effet um diesen Effekt zu erzeugen. Der Freistoß war mit nur 87 Stundenkilometern weder hart noch platziert geschossen (er überquerte in 1,88 Metern die Torlinie). Dennoch konnte Marseilles Torhüter Steve Mandanda, der die Flugbahn völlig falsch einschätzte, dem Ball nur noch hilflos hinterherschauen.
Interessant dabei ist auch die zu verzeichnende Körpersprache Ronaldos vor dem Freistoß. Der SPIEGEL schreibt dazu: ‘Bevor er einen direkten Freistoß schießt, tritt der portugiesische Fußballprofi Cristiano Ronaldo drei, vier Schritte hinter den Ball zurück, baut sich breitbeinig wie ein Westernheld auf und fixiert mit entschlossenem Blick das Tor. Die gegnerische Mauer in 9,15 Meter Entfernung ist in der Regel kein Hindernis für den Stürmer von Real Madrid: Für ihn ist es ein Duell Schütze gegen Torhüter.’
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842808843
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Schlagworte:
Spitzensport, Theater, Verhaltenspsychologie, Medien, Temperament



