Sammeln: Zur Bedeutung eines Kulturmusters
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Martina Brenner
- Abgabedatum: Februar 1991
- Umfang: 106 Seiten
- Dateigröße: 4,0 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Eberhard Karls Universität Tübingen Deutschland
- Bibliografie: ca. 73
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4002-2
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Brenner, Martina Februar 1991: Sammeln: Zur Bedeutung eines Kulturmusters, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Sammler, Dingkultur, Objektbeziehung, Alltagskultur, Sachkultur
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Magisterarbeit von Martina Brenner
Einleitung:
Vor einigen Jahren erhielt eine der größten französischen Kapazitäten der Neurologie, Professor X. den Besuch eines Klienten, dessen soziale Stellung diesen zu einer der wichtigsten Pariser Persönlichkeiten machte.
Wie seine Familie erzählte, litt er an psychischen Störungen, die es ihm zu verbergen gelang, sobald er sich bei einem Spezialisten befand.
Nach einer halben Stunde Befragung, während der sich der Kranke keinerlei Verwirrung anmerken ließ, beglückwünschte er während der Verabschiedung von dem großen Psychiater diesen zu seinem Geschmack und der Qualität der angesammelten Objekte in dem Zimmer.
'Sind Sie selber Sammler?' fragte ihn der Professor.
'Ja, antwortete der Patient, aber ich bin ein Spezialist. Ich habe die größte Croissantsammlung der Welt'.
'Croissants!' sagte der aus der Fassung gebrachte Mediziner.
'Ja, mein lieber Professor, seit meiner frühesten Kindheit häufe ich Croissants aus allen Pâtisserien und Bäckereien der gesamten Welt an. Diese Sammlung ist absolut geheim; sie füllt drei Räume eines Gebäudes an, das ich zu diesem Zweck einrichten und klimatisieren lassen habe. Nach meinem Tod wird sie an den Louvre gehen'.
Diese Anekdote bestätigt im Übermaß die immer noch herrschende Klischeevorstellung vom liebenswert verrückten, vollkommen weltfremden Sammler.
Unbestritten kann diese Leidenschaft krankhafte Züge annehmen. Bei einer näheren Betrachtung der Spezies 'Sammler' kommt allerdings zutage, dass der weitaus größte Teil von ihnen nicht am Rande der Psychiatrie, sondern als mehr oder weniger unauffälliger Mensch mitten im Leben steht.
Ein Ziel dieser Arbeit ist es, die Sammler des ausgehenden 20.Jahrhunderts von ihrer Charakterisierung als Einsiedler, Einzelgänger oder Existenz am Rande der Gesellschaft zu befreien, um sie vielmehr als einen in dieser Gesellschaft lebenden und von ihr geschaffenen Typus zu beschreiben.
Allenthalben tauchen in den Tageszeitungen Berichte über Sammler auf, wobei die Bandbreite der Sammelobjekte von den Klassikern der modernen Malerei bis zu Streichholzschachteletiketten reicht. Eine weite Verbreitung des Sammelns als Hobby ist - unabhängig von meinem selektiven Blick bei den Recherchen zu dieser Arbeit - augenfällig.
Eine kulturwissenschaftliche Untersuchung dieses Phänomens, das nicht nur als ein Bereich des individuellen Freizeitverhaltens, sondern auch als eine gesellschaftlich bedingte Erscheinung zu betrachten ist, liegt also nahe.
Jedem eröffnen sich beim Stichwort 'Sammeln' zahlreiche Assoziationen: Die großen, heute mehr denn je im Blickpunkt öffentlichen Interesses stehenden, sogar von Ministerpräsidenten hofierten Kunstsammler; die scheinbar allen Moden trotzenden Briefmarkensammler, die ihr Hobby mit der Genauigkeit eines Buchhalters betreiben; die schrulligen Käuze vom Typus des 'Croisssantsammlers'; die Jäger und Sammler aus der Vorzeit der Menschheitsgeschichte oder die Sammler im staatlichen Auftrag, die professionell in Museen oder Bibliotheken sammeln. Und Walter Benjamin, selbst Sammler - nicht nur von feinsinnigen Beobachtungen seiner Umwelt, sondern zum Beispiel von Büchern -, war sich der Allgegenwärtigkeit des Sammelns bewusst, als er schrieb: ‘Das Sammeln ist ein Urphänomen des Studiums: der Student sammelt Wissen’.
Annäherung:
Um das weite Feld einzugrenzen, wurde das Sammeln als Hobby herausgegriffen und die Untersuchung weitgehend auf Sammler von Alltagsgegenständen beschränkt, eine spezialisierte und in der Sammelgeschichte noch sehr junge Ausprägung dieser Tätigkeit.
Da viele der früheren Betrachtungen auf das Sammeln von Kunst- und Antiquitäten fixiert sind, werden auch diese in die theoretischen Überlegungen mit einbezogen. Wenn also im Folgenden von Sammlern die Rede ist, so sind Sammler von Alltagsobjekten im Besonderen, von Kunst und Antiquitäten im Allgemeinen gemeint.
Gerade in der Auswahl der Sammelobjekte hat ein aufregender Wandel stattgefunden; alltägliche Gebrauchsgegenstände haben während der vergangenen 30 Jahre eine enorme Aufwertung erfahren, sie sind sammelwürdig geworden.
Am Anfang stand hier wie bei fast allen übrigen Betrachtungen der Sammelleidenschaft das Interesse an den möglichen Motivationen, die zu den einzigartigen, skurrilen oder aber vollkommen banalen Sammlungen angeregt haben mögen bzw. es mehr denn je tun.
Wichtig ist das Sammeln als eine der Möglichkeiten jedes Individuums, sich intensiv mit Dingen auseinanderzusetzen. Inwieweit es sich dabei um eine wirkliche Auseinandersetzung handelt ist eine Frage, die in den Bereich des Umgangs der Sammler mit ihrer Sammlung gehört und von Fall zu Fall verschieden beantwortet werden wird. Aufgabe ist es also, das Verhältnis der Sammler zu ihren Dingen genau zu überprüfen.
Die Notwendigkeit einer solchen Untersuchung wurde nach einiger Zeit der Auseinandersetzung mit dem Thema immer deutlicher, als sich die aktuelle Dimension des Phänomens Sammeln eröffnete. Denn das Sammeln hat seit etwa 20, 30 Jahren einen enormen Aufschwung erfahren. Deshalb wurde bei der Suche nach Erklärungsmustern ein besonderes Augenmerk auf die private Sammeltätigkeit der letzten Jahrzehnte gerichtet, die von zunehmender Popularisierung, Professionalisierung und Kommerzialisierung gekennzeichnet ist.
Das Phänomen des Sammelns ist derart weit gefächert, dass es keine allgemeingültige 'Theorie des Sammelns' gibt. So war es im Vorfeld der Arbeit schwer möglich, Hypothesen aufzustellen. Die intensive Beschäftigung führte letzten Endes doch zu einigen Annahmen, die über die bisherige Motivationsforschung hinausreichen.
In Anbetracht der vielen interessanten und des Nachdenkens werten Aspekte, die in der Auseinandersetzung mit dem Thema auftauchen, wäre es zu einfach, gar kurzsichtig, nur eine Forschungsrichtung einzuschlagen. Dies widerspräche zudem der Tatsache, dass es sich beim Sammeln schließlich um eine menschliche Tätigkeit handelt, die in ihren individuellen Ausformungen vom einen zum anderen Menschen nicht deckungsgleich sein muss, ja sogar Widersprüche aufweisen kann.
In meinen Betrachtungen des Kulturmusters Sammeln wird daher ein kaleidoskopischer Blick auf das Phänomen geworfen, bei dem die vielen Steinchen erst das Ganze ausmachen. Abweichend - um bei dem Modell des Kaleidoskops zu bleiben - ist es bei der inhomogenen Struktur der Sammler allerdings immer möglich, dass das eine oder andere Steinchen aus dem Gesamtbild herausfällt, wenn man den Blick auf ein Individuum lenkt.
Bisherige Forschung:
Die Annäherung an das Thema erwies sich als nicht ganz einfach, da schätzungsweise drei Viertel der Literatur, die unter dem Stichwort 'Sammeln' zu finden ist, eher der un- bzw. vorwissenschaftlichen Kategorie von Sammelbetrachtungen zuzuordnen sind.
Insbesondere die 50er und 60er Jahre können als eine Blütezeit der Werke angesehen werden, die Sammel- und Sammlergeschichten sowie einzelne Sammelbereiche im anekdotischen Stil beschreiben. Nicht selten schwingen sich die Autoren zu Ratgebern für eine 'sinnvolle' Freizeitgestaltung auf, die sie in dem Steckenpferd Sammeln sehen. In den Titeln dieser Bücher und Aufsätze, die in allen denkbaren Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind, klingt der heiter-spielerische Ton an, in dem die Autoren das Thema angegangen sind: ‘Kleine Liebhabereien’, ‘Vom Glück des Sammelns’, ‘Schnickschnack aus dem Souterrain. Vom Lob des Sammelns törichter Dinge’ oder ‘Kleines Lexikon des Sammelns’.
In den 70er Jahren treten dann vermehrt Hobbybücher mit Farbfotos auf, die sich eingehender mit einem speziellen Sammelgebiet befassen und vor allem praktische Tipps zum Erwerb, zur Geschichte, zum Katalogisieren und zur Pflege der Objekte liefern.
Ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Thema Sammeln als Hobby sind, abgesehen von solchen Geschichten des Sammelns, die den Bogen von den Griechen über die mittelalterlichen Kirchenschätze, die Raritäten- und Wunderkammern der Renaissancefürsten bis zu den zeitgenössischen Kunst- und Antiquitätensammlern hohen Ranges spannen, rar. So wird die ‘Psychologie des Kunstsammelns’ von Adolf Donath ihrem Titel in keinster Weise gerecht, da es sich darin nicht um eine Betrachtung der psychologischen Strukturen der Sammler, sondern um deren Geschichte handelt.
Die erste weiterführende Arbeit aus diesem Jahrhundert ist die Dissertation des französischen Arztes Henri Codet, ein ‘Essai sur le collectionnisme’ von 1921. Er konstatierte bei den von ihm untersuchten Sammlern vier psychologische Konstellationen, nämlich das Verlangen nach Besitz, das Bedürfnis nach einer zweckfreien Beschäftigung, den Wettbewerbssinn und den Hang zum Ordnen und Klassifizieren. Zudem betrachtete er das Phänomen in geschichtlichem sowie soziologischem Kontext und unterschied das leidenschaftliche Sammeln, die Sammelmanie und das Sammeln bei psychisch Kranken voneinander.
In den USA entstanden um 1930 Untersuchungen im Bereich der Erziehungspsychologie, die sich allerdings auf das Sammelverhalten bei Kindern beschränken.
1946 erschien eine weitere französische Arbeit von Georges Grappe mit dem Titel ‘Savoir Collectionner’. Dabei handelt es sich aber weniger um einen Ratgeber, wie der Titel vermuten lässt, sondern um die Darstellung der diversen Formen der Leidenschaft und Eigenheiten berühmter Sammler.
Neue Aspekte vermittelte der französische Kunsthistoriker Maurice Rheims in seinem Buch über das ‘Seltsame Leben der Dinge’ von 1959. Er lehnte sich in weiten Teilen an die Thesen Henri Codets an und hat zumeist Kunst- und Antiquitätensammler im Auge. Darüber hinaus betrachtete er den Sammler im gesellschaftlichen Zusammenhang und betonte die Bedeutung des Sammelns im Laufe der kindlichen Entwicklungsphasen, um daraus Rückschlüsse auf die Hintergründe des Sammelns der Erwachsenen zu ziehen.
Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre erschienen an zuerst vollkommen unvermuteter Stelle Abhandlungen über das menschliche Sammelverhalten und die damaligen Sammelmoden. Es handelt sich dabei um die ‘Zeitschrift für Absatzwirtschaft’ und das ‘Jahrbuch für Absatz- und Verbraucherforschung’. Dort wurden die kommerziellen Aspekte des Sammelns erstmals von professioneller Seite untersucht und für Marketingstrategien verfügbar gemacht.
Und endlich begann auch die Volkskunde, sich dem Sammelhobby zuzuwenden: in den ‘Beiträgen zur deutschen Volks- und Altertumskunde’ streifte Herbert Freudenthal 1959 das Thema als eine von vielen Freizeitbeschäftigungen, um sich 1970 näher darauf einzulassen. Susanne Schenda hat 1967 eine damals in Frankreich grassierende Sammelwut untersucht und dabei insbesondere die kommerziellen Aspekte berücksichtigt. Diese Aufsätze widmeten sich jeweils nur Teilbereichen des Phänomens, so dass eine eingehendere Abhandlung des privaten Sammelns unter kulturwissenschaftlichen Aspekten noch immer auf sich warten lässt.
Eine erstmalige große Öffentlichkeit erhielten sowohl anspruchsvolle als auch bescheidene Privatsammlungen bei einer Ausstellung 1974 im Pariser Musée des Arts Décoratifs. ‘Ils collectionnent.’, - sie sammeln -, so der Titel der Ausstellung, war die erste und wegweisende Präsentation von 79 Einzelsammlungen. Im Katalog sind Fotos von den Arrangements der Sammlungen und Kommentare ihrer Besitzer zu den Schätzen enthalten.
Diese erste Zurschaustellung von Privatsammlungen, die aus dem üblichen Dunstkreis von Kunst und Antiquitäten heraustrat, hat in der Bundesrepublik eine ganze Reihe von Folgeausstellungen ausgelöst.
Wie 1974 in Paris so präsentierte auch 1981 in Köln eine etablierte Kunstinstitution, nämlich der Kölner Kunstverein, das Thema Privatsammlungen. Die Ausstellung ‘38 Sammlungen in Köln’, auf der einige der privaten Sammelleidenschaften offenbart wurden, erfuhr ein großes und positives Echo in vielen deutschen Tageszeitungen. Der dazugehörige Katalog ist ein Kuriosum für sich: eine Sammlung von Faltblättern, - für jede Sammlung eines -, ist in einen braunen Pappkarton eingelegt und wird von Bemerkungen zum Sammeln ergänzt.
Ebenfalls 1981 stellte eine Arbeitsgruppe von Volkskundlern der Universität Freiburg ihre Ergebnisse einer Untersuchung von Sammelbildchen in einer Ausstellung vor, und am Hessischen Landesmuseum Darmstadt fand ‘Eine Ausstellung zur Geschichte und den Formen der Sammeltätigkeit’ statt, die von einem kleinen, aber ausführlichen Katalog begleitet wurde.
1984 nahm der Kunstverein Oldenburg das Vorbild der Kölner Ausstellung auf, betonte jedoch im Ausstellungskatalog die Herkunft der Sammelobjekte aus der Alltagskultur.
Der Katalog der Ausstellung ‘Sammeln - Sammelsurium’ aus demselben Jahr in Recklinghausen entbehrt jeder wissenschaftlichen Dokumentation und gehört vielmehr zu den Veröffentlichungen, die zum Sammeln anregen möchten.
Großes Interesse der Öffentlichkeit - zumindest der 'kulturell aktiven' - an Sammlern und ihren oft kuriosen Objekten belegen auch die Zeitungsserien, die seit Beginn der 80er Jahre zahlreich erschienen und z.B. im Schwäbischen Tagblatt, im Berliner Tagesspiegel sowie in der Neuen Züricher Zeitung Sammler von Knöpfen, Weinkorken oder Nikoläusen porträtierten. Auch gegenwärtig werden auf der samstäglichen Freizeit-Hobby-Seite der Stuttgarter Zeitung häufig Sammelgebiete oder Sammlervereinigungen in Kurzform präsentiert.
An der Universität Trier wurde im Wintersemester 1982/83 das Sammeln bei einer Ringvorlesung unter dem Titel: ‘Sammeln - Kulturtat oder Marotte?’ thematisiert und von soziologischer wie philosophischer Seite hinterfragt.
Umfassendere, vor allen Dingen auch empirische Untersuchungen werden seit 1982 wiederum in Frankreich durchgeführt, wo dem Sammeln als einer kulturellen Äußerung aller Volksschichten bisher offensichtlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als in Deutschland. Bestimmt ist dieser Umstand dem in Frankreich populären Begriff der 'Civilisation' zu verdanken, einem erweiterten Kulturbegriff, der nicht nur die kulturellen Objektivationen der künstlerischen und geistigen Elite, sondern auch die Kultur des Volkes, die Alltagskultur, umfasst. Zwar hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch in Deutschland in dieser Hinsicht eine veränderte Auffassung etabliert, die aber noch zu neu ist, um im Bewusstsein breiter Bevölkerungskreise verankert zu sein.
1982 hat das Centre d'ethnologie française auf dem Foire des Collectionneurs, dem großen Pariser Sammlermarkt, eine Umfrage unter dem Publikum gemacht, und im Musée d'ethnographie Neuchâtel fand im selben Jahr eine Ausstellung über das Sammeln statt.
Auch an der Universität Straßburg existiert zurzeit eine Arbeitsgruppe, die sich ebenfalls der starken Ausbreitung des privaten Sammelns in den letzten Jahrzehnten widmet.
In Deutschland wurden bisher keine Anstrengungen zur Erforschung dieses Phänomens von institutioneller Seite unternommen; prinzipiell scheint es dennoch möglich zu sein, die Untersuchungsergebnisse der französischen Forschungen in die Analyse mit einzubeziehen, denn trotz der Andersartigkeit des dort gebräuchlichen Kulturbegriffes unterscheiden sich die gegenwärtigen Motivationen und die ihnen zugrunde liegenden mentalen Strukturen nicht wesentlich von den hier herrschenden.
Damit ist ein Überblick über die zurzeit zugängliche und explizit zum Thema Sammeln ausgewiesene Literatur gegeben. Gewiss müssen darüber hinaus kulturhistorische, soziologische und psychologische Theorien berücksichtigt werden, um zu einer vielseitigen Anschauung des Phänomens zu gelangen.
Quellen:
Neben der Literatur existieren einige vortreffliche Quellen, die dem 'Laien' einen Einblick in die bunte Welt des Sammelns erlauben, zumal wenn er sich von der Seite der Alltagskulturforschung nähert.
Eine davon sind die Fachzeitschriften der Sammlergemeinde - um gleich den dort üblichen Jargon zu gebrauchen - die uns hinter die Kulissen schauen lassen, von Freud und Leid des Sammlers Bericht erstatten, das faszinierende Hobby preisen und nicht zuletzt eine wichtige Informationsquelle für ihre Leser darstellen.
Das in Deutschland bekannteste Magazin dieses Genres, das 'Sammler-Journal', vermittelt einen Einblick auf den derzeitigen Stand der Sammeltätigkeit in der Bundesrepublik Deutschland. Auf der Internationalen Sammler und Antiquitäten Ausstellung (ISA) 1990 in Stuttgart fand ein Gespräch mit den RedakteurInnen dieser Zeitschrift statt, die einen nicht zu übersehenden Einfluss auf die Entwicklung des Sammelns seit Anfang der 70er Jahre ausübt.
Ein weiteres interessantes Feld zur Beobachtung der Sammler sind die Verkaufsausstellungen, auf denen Sammelobjekte angeboten werden. Und was liegt der Untersuchung einer menschlichen Tätigkeit näher, als die Ausführenden einmal selbst zu studieren?
Bei der diesjährigen ISA in Stuttgart wurde deshalb eine Fragebogenerhebung durchgeführt. Wider Erwarten hat schon diese kleine Erhebung Ergebnisse zutage gebracht, die sich mit sehr viel umfangreicheren Studien decken und zur Bestätigung oder Widerlegung einzelner Hypothesen anwenden lassen.
Tieferen Einblick in die Sammlernaturen erlauben qualitative Interviews. Nicht als Schwerpunkt der Arbeit, sondern zur Illustration und Einarbeitung in eigene Überlegungen wurden vier Interviews mit Sammlern gemacht. Auf eine Kleinanzeige, mit der potentielle Interviewpartner angesprochen werden sollten kam nur eine, aber positive Antwort. Die drei weiteren Sammler, die allesamt bereit waren, von ihrem Hobby zu erzählen, konnten aufgrund von Zeitungsartikeln ausfindig gemacht werden. Die Interviews orientierten sich an einem Leitfaden, wobei aber der freie Lauf des Gespräches nicht unterbrochen wurde.
Ohnehin wäre es bei der Auswahl der Interviewpartner nicht möglich gewesen, vergleichbare Gesprächsstrukturen aufzubauen, weil die Voraussetzungen in Bezug auf Alter, Bildungsstand, die Fähigkeit, sich auszudrücken und nicht zuletzt Erwartungen an mich als Forscherin oder gar Besucherin sehr unterschiedlich waren. Da mit den Interviews eben die individuellen Auffassungen vom Sammeln erarbeitet werden sollten, lag es nicht im Forschungsinteresse, auf eine standardisierte Interviewsituation hinzuwirken.
Die Erkenntnis von der Verschiedenartigkeit der Interviewpartner und somit der Sammlertypen war eine Mahnung für den weiteren Verlauf der Arbeit, nicht den Sammler schlechthin zu skizzieren, da sich trotz aller Gemeinsamkeiten recht unterschiedliche Arten des Herangehens an diese Tätigkeit und des Umgangs mit einer Sammlung herausstellten.
Vorgehen:
Das Sammeln wird in dieser Arbeit im Kontext menschlicher Objektaneignungsweisen betrachtet, welche die grundlegenden Voraussetzungen für dieses Phänomen darstellen. Deshalb ist in der Abfolge der Kapitel den Tätigkeiten, Formen und Anlässen des Sammelns ein theoretischer Teil vorangestellt. In Kapitel 2 werden also die grundlegenden Begriffe und Modelle, die das Beziehungsgeflecht zwischen Personen und Objekten bestimmen, ausführlich erläutert. Auf dieser Basis kann ein neuer Blick auf die Tätigkeiten der Sammler geworfen werden.
Im 3.Kapitel folgen auf eine Eingrenzung und Definition des 'Sammelbegriffes' die Beschreibungen und Deutungsansätze der Einzelhandlungen, die unter dieser Definition subsumiert werden.
Daran schließt sich eine Art Soziogramm der Sammler unserer Tage in der BRD an, welches die weite Verbreitung des Sammelns in der Bevölkerung veranschaulichen wird. Der Sammler wird dort sowohl als Einzel- wie auch als Sozialwesen geschildert.
Den Abschluss bilden das Resümee der erarbeiteten Zusammenhänge und Ergebnisse sowie ein Ausblick auf weiterführende Untersuchungen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.1 | Annäherung | 3 |
| 1.2 | Bisherige Forschung | 4 |
| 1.3 | Quellen | 8 |
| 1.4 | Vorgehen | 10 |
| 2. | Sammeln: Beziehungsgeflecht zwischen Personen und Objekten | 11 |
| 2.1 | Voraussetzungen in den Beziehungen zwischen Personen und Objekten | 11 |
| 2.1.1 | Symbolische Handlungen im Rahmen des subjektiv-funktionalen Objektumgangs | 13 |
| 2.1.2 | Objektkultivation als Prozess der Aneignung von Gegenständen | 15 |
| 2.2 | Gegenstandsbeziehungen der Sammler | 24 |
| 2.2.1 | Entwicklung zum Sammler | 25 |
| 2.2.2 | Auslösende Faktoren für das Sammeln | 31 |
| 3. | Sammeln heute | 39 |
| 3.1 | Begriffserklärung | 39 |
| 3.2 | Von den Dingen zur Sammlung | 44 |
| 3.2.1 | Erwerben | 44 |
| 3.2.2 | Sichten | 48 |
| 3.2.3 | Ordnen | 50 |
| 3.2.4 | Anhäufungen, Serien, Variationen | 56 |
| 3.2.5 | Streben nach Vollständigkeit | 59 |
| 3.2.6 | Eigendynamik der Sammlung | 61 |
| 3.2.7 | Zukunft der Sammlung | 62 |
| 4. | Sammler in der BRD heute | 65 |
| 4.1 | Soziogramm | 65 |
| 4.2 | Beziehungen | 72 |
| 5. | Schlussbetrachtungen | 81 |
| 5.1 | Resümee | 81 |
| 5.2 | Ausblick | 83 |
| 6. | Anhang | 85 |
| 6.1 | Kurzporträts der interviewten Sammler | 85 |
| 6.1.1 | Coca-Cola-Sammler: D.E. | 85 |
| 6.1.2 | Waagensammler: C.R. | 87 |
| 6.1.3 | Grammophonnadeldosen- und Zahltellersammler: L.A. | 89 |
| 6.1.4 | Antiquitätensammler: A.U. | 92 |
| 6.2 | Fragebogen der Sammlerumfrage | 96 |
| 6.3 | Literatur | 99 |
Textprobe:
Kapitel 3.2.4, Anhäufungen, Serien, Variationen:
Was macht den Reiz einer Ansammlung von Hunderten von Coca-Cola-Flaschen aus allen Ländern dieser Erde aus? Warum genügen nicht ein paar wenige Exemplare von einem Objekt, an dem man Gefallen findet?
Es ist die Vielfalt im Gleichen, die die Sammler in ihren Bann zieht. Die Buntheit der Welt, die Menge der gestalterischen Möglichkeiten oder der Schöpfungen der Natur spiegeln sich in den Sammelgegenständen.
Ein Mensch kann in seinen Lebensaktivitäten nicht alle denkbaren Variationen -in welchen Bereichen auch immer - ausprobieren, ausschöpfen, realisieren, und wenn er es noch so flexibel zu gestalten versucht. Mit seiner Sammlung kann er sich jedoch am Beispiel eines Gegenstandes alle Spielarten ins Haus holen und sie aneinanderreihen. So steht die Sammlung nicht für die gesamte Welt, aber für die Variationen der Welt 'en miniature'.
Der Soziologe Alois Hahn vergleicht die Sammler in ihrem Wiederholungstrieb sogar mit dem 'Frauensammler' Casanova, da:
‘bei keinem Sammler ein einziges Sammelobjekt seine jeweilige erotische Besetzung zu monopolisieren vermag’.
Dem Nichtsammler - aber auch dem Fetischisten oder Liebhaber - genügt nach dieser Theorie das Singuläre. Sammler sind aber Menschen, die nicht dazu fähig sind, im Mikrokosmos den Makrokosmos zu sehen. Deshalb suchen sie Befriedigung, indem sie immer wieder etwas Neues in Besitz nehmen, oder - wie es Hahn ausdrückt – ‘individuelle Variation(en; d. Verf.) des gleichen Typus als Einheit von Mannigfaltigkeit’.
Den von ihm erwähnten ‘Gratifikationsverfall’ verspüren eben die Sammler, die erzählen, dass ihr Interesse an einem bestimmten Gegenstand nach gelungenem Erwerb nachlässt und sich alsbald auf eine neue Jagd konzentriert.
Seien es nun Eierbecher, Messer oder Jugendstilvasen - offensichtlich erlaubt das Ensemble vieler Exemplare einer Gattung, die sich nur durch Nuancen voneinander unterscheiden, einen völlig neuen Blick auch auf bisher gewohnte, weil vielleicht alltägliche Dinge. Die Auswahl eines Gegenstandes zum Sammelobjekt befreit es von seinen funktionalen Qualitäten und macht verborgene, neue Qualitäten sichtbar:…
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836640022
Arbeit zitieren:
Brenner, Martina Februar 1991: Sammeln: Zur Bedeutung eines Kulturmusters, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Sammler, Dingkultur, Objektbeziehung, Alltagskultur, Sachkultur



