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Säkularisierung und Fundamentalismus

Ursachen und Auswirkungen der Säkularisierung und des Fundamentalismus für Gesellschaft und Politik in unterschiedlichen Kulturkreisen

Säkularisierung und Fundamentalismus
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Siamak Nadjafi
  • Abgabedatum: März 2000
  • Umfang: 185 Seiten
  • Dateigröße: 872,2 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Karl-Franzens-Universität Graz Österreich
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-4386-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-4386-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-4386-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Nadjafi, Siamak März 2000: Säkularisierung und Fundamentalismus, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Fundamentalismus, Islamisierung, Kulturkampf, Rationalisierung, Säkularisierung

Diplomarbeit von Siamak Nadjafi

Zusammenfassung:

M. Nadjafi behandelt in dieser Diplomarbeit die Ursachen und Auswirkungen der Säkularisierung und des Fundamentalismus für Gesellschaft und Politik in unterschiedlichen Kulturkreisen. Dabei geht er von der These aus, dass die Säkularisierung der Welt alle gesellschaftlichen Bereiche und Ebenen durchdringt und dabei ein Vakuum hinterlässt, das nicht sogleich von rationalen Vorstellungen und Idealen ausgefüllt werden kann. Die Rationalisierung der Welt scheitert sehr oft an den emotional-affektiven Komponenten des menschlichen Bewusstsein, die nicht einfach durch ein mittel-zweck-orientiertes Verhalten ersetzt werden können. Der rationale Mensch bleibt daher nur eine Illusion, der man sich in einer säkularisierten und modernisierten Welt gerne hingibt. In Wahrheit betrifft die Rationalisierung der Lebensabläufe nur einen geringen Teil des menschlichen Lebens, wobei dies auch auf den Menschen in der westlichen Welt zutrifft. Technisierung und Modernisierung haben ebenfalls zu keiner vollständigen Säkularisierung geführt, sondern nur andere Flucht- und Verehrungsmöglichkeiten geschaffen, der pseudoreligiöse Handlungen und Riten folgen und als Ersatzreligionen bezeichnet werden können.

Als Folgen der Säkularisierung wird vor allem das Phänomen Fundamentalismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen ausführlich behandelt. Dabei geht es sowohl um die historischen wie auch politischen Wurzeln von islamischen, hinduistischen und protestantischen Fundamentalismus, die an hand von aktuellen Beispielen analysiert werden, wie z.B. an den Entwicklungen in Staaten wie dem Iran, Ägypten, Libanon, Türkei, den USA od. Indien.

Im letzten Teil werden Themen wie Weltenflucht, soziale Marginalisierung und Nationalismus als Folgen der Säkularisierung beschrieben bzw. welchen religiösen Charakter diese besitzen. Die wesentlichen Unterschiede der Säkularisierung im Christentum und Islam werden ebenfalls erörtert, da man über den theologischen Kontext sehr gut auch soziale und kulturelle Aspekte erklären kann.

Das Ergebnis dieser Studie besagt, dass die komplette Säkularisierung der westlichen Gesellschaft nie stattgefunden hat, da sich die Menschen stets Ersatzreligionen geschaffen haben, die das durch die Säkularisierung bewirkte Vakuum ausfüllten. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass religiöse Aspekte und Ideen durchwegs einen positiven Einfluss auf die soziale Struktur einer Gesellschaft haben und im Gegensatz dazu eine zwanghafte und aufoktroyierte Säkularisierung sehr oft zu destruktive Folgen für Kultur und Politik führt.

Inhaltsverzeichnis:

INHALT 1
EINLEITUNG 3
TEIL I: SÄKULARISIERUNG: DIE VIELDEUTIGKEIT EINES BEGRIFFES 8
TEIL II: SÄKULARISIERUNG UND DESSEN FOLGEN IN DEN WESTLICHEN STAATEN 15
1. Auslösende Faktoren im Westen 15
1.1 Rationalisierung der Wissenschaften und des Lebens 15
1.2 Säkularisierung durch Modernisierung und Technisierung 23
1.3 Die Urbanisierung und der Prozess der Individualisierung 27
1.4 Von den Wahlmöglichkeiten in einer pluralistischen Gesellschaft 31
1.5 Trennung von Kirche und Staat 34
1.5.1 Ein kurzer Überriss über die Entwicklung der katholischen Kirche und der Auseinandersetzung zwischen geistlicher und weltlicher Macht 35
1.5.2 Zerfall der religiösen Einheit und der Aufstieg des Staates 38
1.6 Konkurrenz durch weltliche Religionen 41
1.6.1 Nationalismus und Faschismus 41
1.6.2 Marxismus als Gegenmacht 45
2. Auswirkungen der Säkularisierung 49
2.1 Atheismus und Agnostizimus als Erscheinungsformen der Säkularisierung 49
2.2 Privatisierung und De-Institutionalisierung der Religion 53
2.3 Auflösung traditionell-religiöser Wertvorstellungen 56
2.4 Suche nach Sinn und moralischer Erneuerung 60
2.4.1 Religion und Moral 60
2.4.2 Außerkirchliche Sinnangebote 64
3. Protestantischer Fundamentalismus in den USA 67
3.1 Historische Entwicklung und Struktur der Bewegung 67
3.2 Zwischen politischem Engagement und Kommerzialisierung 72
3.3 Kommerzialisierung und Vermarktung der Religion 74
TEIL III: SÄKULARISIERUNG UND DESSEN FOLGEN IM ISLAMISCHEN KULTURKREIS 78
1. Kolonialismus und seine Auswirkungen 78
2. Nationalismus und Säkularisierung innerhalb der islamischen Staaten 83
2.1. Modernisierungsbemühungen in der Türkei und in Ägypten 87
3. Radikalisierung religiöser Bewegungen 90
3.1 Bildung islamischer Gruppierungen in Ägypten und Indien 92
3.2 Islamisierung durch Befreiungsbewegungen am Beispiel Algeriens 96
4. Islamisierung zwischen Revolution und Heiligen Krieg 98
4.1 Djihad und Scharia. Eine Begriffsklärung 982
4.2 Nah-Ost Konflikt zwischen Sezessionsbestrebung und Terrorismus 103
4.3 Die iranische Revolution als ein singuläres Ereignis 107
5. Islamischer Fundamentalismus als kollektive Suche nach Authentizität 112
5.1 Die Religion als einzig gemeinsamer Nenner 113
5.2 Zwischen nationaler Identitätssuche und sozialen Konflikten 117
5.3.1 Kommunalismus als eine Variante des Fundamentalismus. Ein Exkurs über den Hinduismus
5.3.2 Fundamentalismus in Indien 120
Das Aufstreben fundamentalistischer Hindu-Bewegungen 125
6. Die islamische Gesellschaft zwischen Säkularisierung und Kulturkampf 129
6.1 Säkularisierung im Islam 129
6.2 Fundamentalismus und ethnische Konflikte 132
6.3 Kulturkampf und unaufhaltbare Verwestlichung 135
TEIL IV: FUNDAMENTALISMUS UND SÄKULARISIERUNG 138
1. Fundamentalismus als Reaktion auf Säkularisierung 138
1.1 Fundamentalismus als Weltflucht und Weltbeherrschung 140
1.2 Soziale Marginalisierung und persönliche Isolation 144
2. Vorwurf gegen eine vorschnelle Verurteilung des Fundamentalismus 148
3. Fundamentalismus als religiöser Nationalismus 151
4. Wesentliche Unterschiede der Säkularisierung und dessen Folgen im Christentum und Islam 153
5. Säkularisierung zwischen Mythos und Wirklichkeit Eine Schlussfolgerung 163
5.1 Säkularisierung in Abhängigkeit von sozialen und ökonomischen Zuständen 163
5.2 Rationalisierung als unzureichende Erklärung für Säkularisierung 168
5.3 Ist der Weg zu einer säkularisierten Welt richtig? 172
LITERATURVERZEICHNIS 177

Automatisiert erstellter Textauszug:

2.4.2 Außerkirchliche Sinnangebote Modernisierung, Pluralismus und Globalisierung haben es möglich gemacht, daß die etablierten Staats- und Landeskirchen sich einer zunehmenden Konkurrenz von anderen alternativen Sinnangeboten ausgesetzt sehen. Der religiöse Pluralismus, der jedem Menschen erlaubt, sich seine Religion und Religionsgemeinschaft selbst auszusuchen, bedeutet natürlich auch einen Zuwachs an religiösen und spirituellen Gruppen und die Auflösung der traditionellen Bindung an eine einzige Religion. Der moderne Mensch kann nun unter einer Vielzahl von religiösen Angeboten wählen und so die unterschiedlichen moralischen und ethischen Anschauungen miteinander vergleichen. Diese freie Wahl ermöglicht natürlich vielen Sekten, spirituellen oder esoterischen Gruppen, um die Gunst der Gläubigen und Interessierten zu werben und ihre jeweiligen Sinnstiftungsangebote, auch durch ausgeklügelte Marketingkonzepte und unter der Anwendung manipulativer Techniken anzubieten. Diese neue Konkurrenz der etablierten Staatskirchen können entweder östlich orientierte religiöse Vereinigungen, wie etwa die Hare Krishnas ,die Sri Chinmoey oder die Bhagwan-Bewegung sein, oder es sind christlich ausgerichtete Gruppen, wie die Zeugen Jehovas, die Mormonen oder die Moon Sekte, aber es kann sich ebenso gut auch um Psychosekten handeln, wie etwa die Church of Scientology. Viele Vereinigungen versuchen mit allen Mitteln Gläubige zu werben, die spendierfreudig sind und oftmals ihr gesamtes Vermögen der Sekte aushändigen müssen. Dabei schrecken einige Sekten nicht davor zurück auch Psychoterror und Gehirnwäsche anzuwenden, um an ihre zukünftigen Mitglieder heranzukommen oder um sie zu behalten. Ihre Programme richten sich einerseits auf Angebote der Selbstverwirklichung und Selbstfindung des Individuums, der Erlösungs- und Errettungsversprechen, verbunden mit der Verbreitung von Panik durch einen nahenden Weltuntergang (Millenarismus) oder es geht ihnen nur um [...]

Religion erklärt und definiert, nach Berger, das Wesen der Realität, da für ihn jede Debatte über Moral fruchtlos bleibt, wenn keine Einigkeit über die Realität besteht, auf die sich die Moral bezieht: „ In diesem Sinne ist sie kognitiv, denn sie sagt uns, was ist. Aber nicht nur das, ihre Definition von Realität ist auch die weitest mögliche, denn sie schließt alles ein, was ist, natürlich auch die Realität des Alltagslebens“143. Wenn ich also gewisse religiöse Vorstellungen habe, fühle ich auch bestimmte moralische Verpflichtungen, wie wenn ich glaube, daß Gott mich liebt, muß er logischerweise auch meine Mitmenschen lieben und so muß auch ich mich ihnen gegenüber benehmen. So stehen für Berger christlicher Glaube und Moral in einem direkten Zusammenhang, der sich in erster Linie aus der Abhängigkeit der normativen von den kognitiven Definitionen der Realität erklärt.144 Die Menschen sehnen sich aber nach Sinn und Geborgenheit und finden diese oft in der von den Rationalisten bezeichneten „irrationalen Religion“, die ihnen klare Antworten gibt, und auch ein moralisches Gefüge mit Geboten und Verboten anbietet. Der Sinnverlust in einer egozentrisch und individualistisch ausgerichteten Gesellschaft treibt die Menschen wieder in den beschützenden Hafen von Sekten, heilversprechenden Gurus, esoterischen und spirituellen Vereinen und ostasiatischen Religionen. Die Antworten der rationalen Wissenschaften sind ungenügend und unbefriedigend. Sie lassen keinen Raum für die Phantasie und die Imagination, und können das Schutzbedürfnis des Menschen nicht erfüllen. Die Wissenschaft kann den Menschen keinen Sinn bieten, [...]

bei religiösen Zeremonien zum Ausdruck, da bei diesen, dem Einzelnen sein eigenes Ich entzogen wurde, um ihn „ an der Stärke der Gruppe teilhaben“ zu lassen, bzw. ihm „das Gefühl zu geben, daß etwas existiert, das sich nicht mit seinem langsam dahinschleppenden Alltagsleben vergleichen läßt“.140 Erst der Protestantismus hat den kultischen Aspekt der religiösen Zeremonie beseitigt und die Autonomie der Moral eingeleitet. So konnte sich Moralität auch unabhängig von theologischen Meinungen entwickeln. Für ihn war auch der wichtigste Schritt, der die Moral von der Religion trennte, die Bildungsrevolution im 19. Jh., die eine säkulare Moral entstehen ließ. Durkheim fand es auch begrüßungswert, wenn die Moral sich von der Religion trennen würde, da er der Ansicht war, daß rationale Vernunft und wissenschaftliches Denken neue Ideale schaffen konnten und die Menschen nicht mehr auf eine religiöse Moral angewiesen wären.141 Er leugnete, daß eine Gesellschaft ohne Moral auskommen könnte, sondern glaubte nur eine „säkulare Moral“ würde den Problemen und Anforderungen der modernen und industrialisierten Gesellschaft eher genügen. Die Moral des modernen Menschen sei inzwischen säkularisiert und Durkheim meinte, daß die Vermittler nicht mehr Priester sein sollten, sondern Lehrer. Doch wie sollte die säkulare Moral, die nach rational-wissenschaftlichen Kriterien ausgerichtet ist und der Vernunft des Menschen gehorcht, wirklich aussehen? Durkheim glaubte zwar an die Bedeutung des Kollektivs, an die Notwendigkeit der Solidarität, doch er übersah, daß jede Moral, die für eine Gemeinschaft nützlich war, letztendlich sich kaum von der religiösen Moral unterscheiden würde, da ja gerade diese auf Nächstenliebe, Toleranz, Güte, Freundschaft, Versöhnung, Mitleid und Vertrauen basierte. All diese Tugenden beruhen aber nicht auf rational-wissenschaftliche Erkenntnisse und entspringen nicht unbedingt einer logischen Vernunft, sondern müssen anerzogen und vermittelt werden und werden vorwiegend von der Religion gepredigt. Eine säkularisierte Welt, die sich nach den Prinzipien des freien Marktes, des Konkurrenzkampfes und des Individualismus richtet, wird aber diese gemeinschaftsstiftenden Ideale, wie Nächstenliebe, Güte oder Mitleid, nicht akzeptieren können, weil sie gegen ihr Credo ist. So ist Moral auch unverkennbar verknüpft mit gewissen religiösen Vorstellungen und Idealen, wenn nicht sogar ein wichtiger Bestandteil von ihnen. [...]

Arbeit zitieren:
Nadjafi, Siamak März 2000: Säkularisierung und Fundamentalismus, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Fundamentalismus, Islamisierung, Kulturkampf, Rationalisierung, Säkularisierung

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