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Russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler: Deutsche Sprachkompetenz und Integration

Russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler: Deutsche Sprachkompetenz und Integration
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Dmitri Steiz
  • Abgabedatum: Juni 2010
  • Umfang: 106 Seiten
  • Dateigröße: 581,4 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin Deutschland
  • Bibliografie: ca. 120
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-0658-0
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Steiz, Dmitri Juni 2010: Russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler: Deutsche Sprachkompetenz und Integration, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Migration, Einwanderung, Sprache, Jugendliche, Aussiedler

Magisterarbeit von Dmitri Steiz

Einleitung:

Die größte Migrantengruppe in der Bundesrepublik Deutschland am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts bildeten Aussiedler und Spätaussiedler. Allein in den Jahren von 1987 bis 2002 immigrierten nach Deutschland rund drei Millionen (Spät-)Aussiedler, über zwei Drittel von ihnen kamen aus der Sowjetunion resp. aus den Nachfolgestaaten der UdSSR. Die Integration der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler in die bundesdeutsche Lebenswelt wurde allerdings insbesondere in den 1990er-Jahren defizitär. Ein enormes Problem im komplexen Prozess des gesellschaftlichen Hineinfindens der Migranten hierzulande war (und ist) ihre vielfach unzureichende Kompetenz in der deutschen Sprache. Die überaus hohe Quantität der Migration und die durchaus niedrige Qualität der Integration von Aussiedlern stellten erhöhte Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Institutionen, Organisationen und Personen, die sich um die berufliche, soziale und kulturelle Eingliederung der Zuwanderer bemühten. Die Komplexität der Aussiedlerproblematik wurde gleichermaßen zu einer Herausforderung an die Wissenschaften, alle Aspekte des Phänomens der Integration von Aussiedlern tiefgründig zu erforschen.

Mit dem politischen Wandel in der Sowjetunion bzw. in den osteuropäischen Staaten und dem rapiden Anwachsen der Einwanderungszahlen in die Bundesrepublik seit den späten 1980er-Jahren rückte die Aussiedlerproblematik schlagartig in den Blick des Allgemeininteresses. Die Quantität der Beiträge zur Migration und Integration von (Spät-)Aussiedlern in Politik und Medien stieg außerordentlich stark an. Inzwischen ist die Aussiedlerintegration in der bundesdeutschen Öffentlichkeit zu einem allgemein diskutierten Thema von eminenter politischer und sozialer Brisanz geworden. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema der Aussiedler ist seit Beginn der 1990er-Jahre zu einem zentralen Feld der Migrations- und Integrationsforschung in Deutschland geworden. Damals schrieb Walter Althammer: ‘Die Aussiedlerforschung ist ein sehr komplexes und heterogenes Feld: Die Untersuchung der variantenreichen Bedingungen für die Deutschen in den Herkunftsgebieten ist ebenso wichtig wie die Erforschung der vielfältigen Integrationsschwierigkeiten in der Bundesrepublik.’ Mittlerweile genießt die Aussiedlerthematik hohe interdisziplinäre Beachtung; die äußerst breite Spannweite des wissenschaftlichen Engagements reicht von Geschichtswissenschaften, Rechtsforschung und Politologie über Soziologie, Ethnologie und Ökonomie bis hin zu Psychologie und Pädagogik sowie Kultur- und Sprachwissenschaften. Dementsprechend äußert sich der aktuelle Forschungsstand zu Aussiedlern in einer überwältigenden Anzahl von Studien, die theoretisch und empirisch sowohl die historische als auch die gegenwärtige Situation der Migranten analysieren und zu erfassen suchen.

Gleichwohl sind auch kritische Worte zur Erforschung der Zusammenhänge zwischen Sprache, Geschichte, Migration und Integration von Aussiedlern angebracht. So wurden die Interdependenzen zwischen deutscher Sprache und Integration von (Spät-)Aussiedlern in die bundesdeutsche Gesellschaft in der bisherigen Forschung zumeist implizit behandelt, ohne ihre Komplexität befriedigend gelöst zu haben. Dementsprechend stellte der Soziologe Hartmut Esser in einem aktuellen Buch fest: ‘Mindestens kann aber gesagt werden, dass es deutliche Defizite im Wissen über das Zusammenspiel der mit Sprache und Integration verbundenen Prozesse und Bedingungen gibt.’ Zudem gibt es methodische und inhaltliche ‘Spaltungen und Informationslücken’ zwischen einzelnen Fachdisziplinen, die zu schließen es wohl nur multidisziplinär arbeitend möglich ist. Ferner wurden die Sprachkenntnisse der Aussiedler lange Zeit vorwiegend als eine autonome Größe gesehen. Erst in der neuesten Forschung kommt – auch durch die manifesten Integrationsprobleme der jüngeren Migranten – die deutsche Sprachkompetenz als mehrfach abhängige Variable zunehmend in den ‘Fokus der Aufmerksamkeit’.

Inzwischen stimmen politische Parteien, massenmediale Protagonisten, relevante Verbände und interessiertes Publikum des öffentlichen Lebens darin überein, dass Integration irgendwie mit Sprache zusammenhängt. Umso mehr muss mit Erstaunen festgestellt werden, dass die – zugegeben: in einer stilistisch attraktiven Weise formulierten – Erklärungsversuche des lauthals und farbenfroh propagierten Zusammenhanges oft lediglich an der Oberfläche dieses Irgendwie verschwimmen. So wird ganz zu Recht betont, dass die Sprache des Aufnahmelandes im Prozess der Integration eine Schlüsselfunktion besitzt. Damit wird die Funktionalität der Sprache als Voraussetzung für die Eingliederung angedeutet. Die Frage, warum dies so ist, wird jedoch allzu oft nur oberflächlich behandelt und zu selten fundiert begründet. Trotz des breiten Konsenses darüber, dass im Integrationsprozess die Sprache eine enorme Rolle spielt und trotz zahlreich geführter Diskussionen zu diesem Thema sind einige wichtige Fragen (noch immer) nicht geklärt oder aber zumindest nicht weitestgehend beantwortet.

Somit ist es sinnvoll, die deutsche Sprachkompetenz der Aussiedler im Kontext der historischen Lebenssituation und der gegenwärtigen Integrationslage dieser Migrantengruppe näher zu untersuchen. Die vorliegende Studie konzentriert sich auf Russlanddeutsche, die als Aussiedler und Spätaussiedler in den 1990er-Jahren nach Deutschland gekommen sind. Die Themenstellung der vorliegenden Arbeit ist die deutsche Sprachkompetenz, ihre historischen Ursachen, ihr Stellenwert bei der Migration sowie ihre Bedeutung für die Integration von russlanddeutschen (Spät-)Aussiedlern. Die Hypothesen der Arbeit sind u. a.: Spätaussiedler wiesen weitgehend unzureichende Defizite in ihrer deutschen Sprachkompetenz auf. Dass sie die Sprache zum Teil kaum beherrschten, wurde in der Sowjetunion mit verursacht und in Deutschland mit bedingt. Zwischen der deutschen Sprache und der Integration von Zugewanderten gibt es vielfache Interdependenzen. Die mangelhaften Sprachkenntnisse der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler hatten desintegrative Auswirkungen auf deren gesellschaftliches (Hinein-)Leben. Um diese und andere Thesen zu überprüfen, soll mehreren Fragestellungen nachgegangen werden: Wer sind Aussiedler und Spätaussiedler formal und faktisch? Wie kann Integration definiert werden und wo soll dabei die Sprache verortet werden? Welche Ursachen und Gegebenheiten im Herkunftsgebiet und welche Bedingungen und Einflussfaktoren in der Bundesrepublik lassen sich in Bezug auf die deutsche Sprachkompetenz von (Spät-)Aussiedlern identifizieren? Wie sind die deutschen Sprachkenntnisse und deren Erwerb sowie der Sprachgebrauch von Aussiedlern in Deutschland im Speziellen? In welchem Zusammenhang steht die Sprachkompetenz zur Integration im Falle der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler oder plakativ ausgedrückt: Warum ist die Sprache ein Schlüssel zur Integration von Migranten?

Der Aufbau der vorliegenden Studie orientiert sich an dem obersten Ziel: Analyse der Sprachkompetenz von (Spät-)Aussiedlern im Kontext der russlanddeutschen Geschichte und der bundesdeutschen Integration. Die angewandte Methodik ist insofern klassisch, als die geschichtswissenschaftlich traditionelle Trias – Ursachen, Verlauf und Folgen – grundsätzlich beibehalten wird. Es werden Rahmenbedingungen und Verursachungen, Stand und Entwicklung sowie Folgen bzw. Auswirkungen des Erwerbs der deutschen Sprache von Aussiedlern beschrieben. Zugleich wird versucht, das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen einzelnen – die Sprachkompetenz von Migranten betreffenden – Aspekten der Geschichtsentwicklung, des Migrationsverlaufes und des Integrationsprozesses von russlanddeutschen Aussiedlern systematisch zu erklären oder zumindest zu beleuchten.

Zuerst sollen theoretische Grundlagen geboten werden. Einen ersten Schwerpunkt hierbei bilden rechtliche Aufnahmebedingungen der russlanddeutschen Zuwanderer als Aussiedler und Spätaussiedler. Im Speziellen ist u. a. der Zusammenhang zwischen Sprache und Aufenthaltsgenehmigung von Aussiedlern zu klären, da die Gesetzgebung nahe legt, dass deutsche Sprache bereits eine Rolle bei der legislativen Entscheidung spielt, ob eine Person in Deutschland bleiben darf. Definitorisch gestaltet sich (auch) das zweite im Kapitel zur Theorie gelegte Schwergewicht; es dient einer Klärung des – immer noch teilweise kontrovers diskutierten – Begriffes der Integration sowie der anschließenden Einordnung der Sprache in das Integrationskonstrukt.

Ebenso wie eine Studie zu Aussiedlern theoretische Ausführungen erfordert, macht sie auch eine historische Rekonstruktion – wenn auch in anderer Weise – unentbehrlich. Denn die Aussiedlerproblematik – insbesondere im Zusammenhang von Sprache und Integration – steht in einem geschichtlichen Kontext von langer Dauer. In diesem Kapitel sollen soziokulturelle Kontinuitäten bzw. Diskontinuitäten verdeutlicht werden, die das Leben der Deutschen in der Sowjetunion bestimmten. Sozialisierung und Assimilation der Russlanddeutschen sind dabei zentrale Aspekte, da sie zum Verlust der deutschen Sprachkompetenz geführt haben dürften, der wiederum die Integrationsschwierigkeiten von (Spät-)Aussiedlern in Deutschland mit begründet.

Von der Emigration der Russlanddeutschen aus der (ehemaligen) Sowjetunion hin zu ihrer Einwanderung in die Bundesrepublik Deutschland soll der erste Themenschwerpunkt des darauf folgenden Kapitels sein. Die zentralen Fragen dabei sind: Welche Veränderungen bewirkte die Migration der Aussiedler und welche Motive bestimmten die Entscheidung zum Leben in Deutschland? Anschließend werden die formalen und die faktischen Bedingungen der Integration von russlanddeutschen (Spät-)Aussiedlern in der Bundesrepublik behandelt. Mit dem Kapitel soll ein Spagat von den soziokulturellen Aspekten der komplizierten Einwanderungssituation hin zu politisch-rechtlichen Voraussetzungen der problematischen Integrationslage von Aussiedlern gemacht werden.

Dass in der schwierigen Zeit nach der Ankunft in Deutschland viele russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler die deutsche Sprache im Allgemeinen mangelhaft beherrschen, wurde in den Diskursen zu den Migranten zahlreich herausgestellt. Wie ist aber die Sprachsituation der Aussiedler im Speziellen? Im nachfolgenden Kapitel wird dieser Frage nachgegangen und die deutsche Sprachkompetenz der Aussiedler konkret beschrieben. Dabei sind die Sprachkenntnisse nach der Einreise in die Bundesrepublik, der Spracherwerb im Laufe des mehrjährigen Aufenthaltes in Deutschland sowie der Sprachgebrauch während dieser Zeit zu erläutern. Bei eventuellen Veränderungen in der Sprachentwicklung der Aussiedler – sie sind zu erwarten – sind Einflussfaktoren der Sprachkompetenz zu erkennen und darzustellen.

Im anschließenden Teil der Studie stehen Interdependenzen zwischen deutscher Sprachkompetenz und Integration von russlanddeutschen (Spät-)Aussiedlern im Vordergrund. Drei Schwerpunkte sind angesetzt: 1. deutsche Sprache und soziale Integration von Aussiedlern, wobei das Verhältnis zwischen russlanddeutschen (Spät-)Aussiedlern und binnendeutscher Bevölkerung entscheidend ist; 2. das Wirkungsfeld der deutschen Sprachbeherrschung in der bildungsspezifischen Situation von Aussiedlerjugendlichen; 3. die Bedeutung der Kenntnisse des Deutschen für den beruflichen Weg der (Spät-)Aussiedler. Das Ziel des Kapitels ist, die markanten Tendenzen des Eingliederungsprozesses, von dem die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler der turbulenten 1990er-Jahre erfasst wurden, mit Blick auf ihre verbale Interaktivität in der deutschen Sprache als einem entscheidenden Aspekt der Integration darzustellen.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Theoretische Grundlagen: Aussiedler, Integration, Sprache 7
2.1 Aussiedler – Spätaussiedler – Russlanddeutscher: Definition und Aufnahme 7
2.2 Integration – Sprache – Sprachkompetenz: Diskussion und Kontext 10
3. Historischer Überblick: Deutsche im Russischen Reich und in der Sowjetunion 15
3.1 Russlanddeutsche bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 15
3.2 Sowjetuniondeutsche in den (Kriegs-)Jahren von 1941 bis 1955 21
3.3 Deutsche in der Sowjetunion poststalinistischer Zeit 26
4. Von der Migration zu der Integration russlanddeutscher (Spät-)Aussiedler 35
4.1 Liberalisierung und Krise, Aussiedlung und Einwanderung 35
4.2 Bedingte Integration: Eingliederung formal und faktisch 38
5. Deutsche Sprachkompetenz von (Spät-)Aussiedlern 43
5.1 Sprachkompetenz der russlanddeutschen Aussiedler: Vorbemerkungen 43
5.2 Sprachkenntnisse, -erwerb und -gebrauch der erwachsenen Aussiedler 45
5.3 Sprachbeherrschung und -unterhaltung der Aussiedlerjugendlichen 53
5.4 Einflussfaktoren der deutschen Sprachkompetenz von Aussiedlern 57
6. Interdependenzen zwischen Sprachkompetenz und Integration von Aussiedlern 61
6.1 Soziale Integration: zum Verhältnis zwischen Aussiedlern und Binnendeutschen 61
6.2 Deutsche Sprachfähigkeiten und Bildungssituation von Aussiedlerjugendlichen 69
6.3 Deutsche Sprachkompetenz und berufliche Integration von (Spät-)Aussiedlern 78
7. Fazit 86
Literaturverzeichnis 92

Textprobe:

Kapitel 4. 2, Bedingte Integration: Eingliederung formal und faktisch:

Als Bestätigung für das Bekenntnis zum ‘deutschen Volkstum’, und damit für den Aussiedlerstatus, gelten de iure die Merkmale Abstammung, Erziehung, Sprache und Kultur. Mit Ausnahme des erstgenannten Charakteristikums sind Erziehung, Sprache und Kultur als soziologische Phänomene von den jeweiligen politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen und familiär-individuellen Rahmenbedingungen abhängig. Während bis 1989 der große Teil der Aussiedler primär aus Polen und Rumänien – d. h. aus Osteuropa – in die Bundesrepublik kam, so migriert(e) seit Beginn der 1990er-Jahre die überwiegende Zahl der Aussiedler aus der (vormaligen) Sowjetunion, zumeist aus Russland und Kasachstan. Im Endeffekt dieser Verschiebung der Herkunftsgebiete, die eine entscheidende Veränderung des ‘Aussiedler-Typus’ vom ‘osteuropäischen’ hin zum ‘außer-europäischen’ Aussiedler begründet habe, sah Dorothea Brommler die Ursachen der desintegrativen Tendenzen dieser Gruppe: ‘Die Menschen sprechen kaum noch Deutsch, sind fast gar nicht mehr europäisch geprägt, ihre Denk- und Lebensweise unterscheidet sich in vielem von der in Deutschland, und ihre beruflichen Qualifikationsstrukturen sind auf dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt kaum zu verwerten.’ Tatsächlich hat die Mehrheit der – aus den (ehemals) sowjetischen Gebieten emigrierten – Aussiedler ihre Sozialisation unter den Bedingungen eines sich als sozialistisch definierten Systems erhalten, zu dessen Zielen das Einebnen soziokultureller Unterschiede zwischen den einzelnen Nationalitäten gehörte. Ein folgenschwerer Effekt der Sozialisierung war der fortschreitende Assimilationsprozess, in dem einerseits die russische Sprache essenzielle Bedeutung gewann sowie andererseits die deutschsprachige Artikulation in den Hintergrund trat und die deutsche Sprachkompetenz sukzessiv sank. Das sowjetisierte gesellschaftliche Umfeld führte bei vielen Menschen deutscher ‘Abstammung’ aber nicht nur zur sprachlichen Assimilation, sondern zu einer generellen soziokulturellen Angleichung an die Mehrheitsbevölkerung, deren gesellschaftliche Werte und Normen, Orientierungs- und Handlungsmuster internalisiert wurden. Der Sozialisierungsprozess der Deutschen in der (ehemaligen) Sowjetunion wurde auch dadurch beschleunigt, dass im Laufe der Zeit die Zahl der so genannten ‘binationalen Ehen’ – zumeist deutsch-russisch – enorm gestiegen ist. Dies wiederum hatte zur Folge, dass die nationale, soziale und sprachlich-kulturelle Zusammensetzung der in die Bundesrepublik einwandernden Aussiedlerfamilien sich verändert hat: Im Jahr 1993 waren zahlenmäßig knapp drei Viertel der Migranten deutscher Abstammung. Im Jahr 2000 lag deren Anteil lediglich bei einem Viertel, während all die übrigen Personen ‘mitreisende Familienangehörige’ – d. h. Ehegatten und so genannte ‘Abkömmlinge’ – waren, die keine deutschstämmige Geschichte aufweisen konnten. Die integrative Dramatik dieser Umkehrung von Verhältnissen in der (nationalen) Legierung der Aussiedler besteht bereits in dem Faktum, dass ‘gerade bei diesem Personenkreis meist nur geringe bis gar keine Deutschkenntnisse vorhanden sind, […] somit eine wesentliche Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Integration in Deutschland von vornherein nicht gegeben [ist].’ Es wird deutlich, dass bei den (Spät-)Aussiedlern die Schere zwischen der juristisch-staatsrechtlichen Dimension und der soziokulturellen Sphäre sich immer weiter öffnete. Sie sind im juristisch-staatsrechtlichen Sinne zwar deutsche Staatsangehörige, dem Begriff nach (Spät-)Aussiedler, sind mithin als Deutsche rechtlich integriert. Zugleich sind sie aber kulturell, sozial und mental in einer komplizierten Einwanderersituation. Ja, hinsichtlich ihrer spezifischen, primär durch die Sozialisation im Herkunftsgebiet herausgebildeten Identität sind zahlreiche Spätaussiedler in Deutschland ‘zuhause fremd’.

Doch dies ist nur eine Seite der Medaille, nur ein Aspekt des – als beidseitigen Vorgang verstandenen – Integrationsprozesses. Die andere Seite der Eingliederungsbedingungen von Aussiedlern bilden die politisch-rechtlichen, gesellschaftlich(-realen) Voraussetzungen im Aufnahmeland Bundesrepublik. Mehrere Momente ließen die Aussiedlerintegration seit Anfang der 1990er-Jahre zu einem multidimensionalen Problemfeld werden. Die Einwanderung in Deutschland ist mit der Beendigung der Ost-West-Konfrontation zu einem ‘Massenphänomen’ geworden, wobei in der ersten Hälfte der 1990-Jahre allein aus (den Nachfolgestaaten) der Sowjetunion über eine Million (Spät-)Aussiedler in Deutschland ihren neuen Lebensort fanden. Das Anwachsen der Aussiedlermigration zur Massenbewegung traf auf eine Krise der öffentlichen Haushalte. Dabei sahen der Bund, die Länder und Kommunen sich angesichts der riesigen Zahlen (offenkundig) immer weniger in der Lage, auf den Zuwanderungsdruck mit angemessenen Integrationsmaßnahmen zu reagieren. Vor diesem Hintergrund antworteten die administrativen Instanzen auf die dynamische Entwicklung der Aussiedlermigration mit Maßnahmen, die zunächst den Anstieg des Zustroms verhinderten, die sich in ihrer Kumulation aber auch negativ auf die Integration der (Spät-)Aussiedler auswirkten. Wenn die Aussiedler in den 1980er-Jahren – im Vergleich zu anderen Einwanderergruppen – stark gefördert wurden, so brachte das letzte Dezennium des 20. Jahrhunderts evidente Senkungen staatlicher Eingliederungshilfen und spürbares Wachsen sozialer Probleme mit sich. Eine einschneidende Kürzungsmaßnahme betraf die Sprachförderung von (Spät-)Aussiedlern: Die Dauer der Deutsch-Sprachlehrgänge – auch als ‘Sprachkurse’ bekannt – wurde schrittweise von ursprünglich 12 Monaten zuerst auf neun Monate (1992) und dann – im KfbG festgesetzte – sechs Monate reduziert. In Bezug darauf schrieb der wissenschaftliche Mitarbeiter am Osteuropa-Institut München Peter Hilkes verwundert, ‘daß zu einer Zeit, in der immer weniger Aussiedler – hier vor allem die jüngeren – (Hoch)Deutsch sprechen, der Sprachkurs für Aussiedler gekürzt worden ist. Hierdurch wird ein wichtiges Medium bei der Integration – der Integrationsprozeß ist nicht nach wenigen Monaten abgeschlossen – in seiner Bedeutung herabgesetzt.’ Es sei vorweggenommen, dass der Abbau von Sprachkursen und die Senkung materieller Eingliederungshilfen die Migranten zu einer Zeit trafen, in der die Arbeitsmarktprobleme sich deutlich vergrößert haben und die Akzeptanzbereitschaft von Zuwanderern in der einheimischen Bevölkerung sich stark verringert hat. Auch die Qualität der Sprachkurse war in den 1990er-Jahren allem Anschein nach nicht hoch genug; die am häufigsten an den Sprachförderungsmaßnahmen geäußerte Kritik bezog sich auf einen ‘Mangel an Praxisbezug’, obwohl die Sprachpraxis der Aussiedler in Deutschland ‘deutliche Schwächen’ gezeigt hat. Der Soziologe Heinz Ingenhorst schrieb 1997 appellativ: ‘Die subjektiv wie objektiv feststellbaren gravierenden Sprachmängel der ankommenden Aussiedler belegen die Notwendigkeit einer schnellen und qualifizierten Sprachausbildung in der Bundesrepublik. Das ist eine der wichtigen Voraussetzungen zu einer schnelleren Integration in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft.’ Die Dramatik der Probleme, die mit dem Fehlen der Sprachkompetenz zusammenhängen, wurde im Aufnahmeland der 1990er-Jahre jedoch ‘im Glauben an die vermittelnde Kraft ethno-nationaler Bindewirkungen’ klar unterschätzt; auch dadurch wurde die Bewältigung der Problemkomplexe nicht nur verzögert, sondern sogar zusätzlich erschwert.

Arbeit zitieren:
Steiz, Dmitri Juni 2010: Russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler: Deutsche Sprachkompetenz und Integration, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Migration, Einwanderung, Sprache, Jugendliche, Aussiedler

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