Rollenspiele zwischen Autor, Text und Leser
Aspekte von Wirkung und Rezeption, gemessen an den Wirkungsstrukturen und der literaturkritischen Rezeption der Romane 'Scheintod' und 'Hotel Hölle, guten Tag...' von Eva Demski
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Sarah Ines Struck
- Abgabedatum: Oktober 1997
- Umfang: 129 Seiten
- Dateigröße: 575,0 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8023-3
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8023-3 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8023-3 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Struck, Sarah Ines Oktober 1997: Rollenspiele zwischen Autor, Text und Leser, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Rezeptionsästhetik, Wirkungsstrategie, Interpretation, Literaturkritik, Literatur
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Magisterarbeit von Sarah Ines Struck
Einleitung:
„Es könnte...sein, dass die Literaturwissenschaft kein guter Ort für Lektürelust ist.“ Das Erlebnis des Lesens, das zu beschreiben immer rasch in den sprachlichen Notstand oder in den Kitsch führe, habe in der Literaturwissenschaft keinen rechten Ort. Diese Mutmaßung Ulrich Greiners, scheint mir, drückt ein Stück Wahrheit aus. Zu viele Zeitgenossen legitimieren ausschließlich eine Literatur, die ernsthaft und anstrengend sein muss. Sie scheinen zu glauben, dass lustbetontes oder gar unterhaltsames Lesen nur in den Niederungen der Trivialität möglich ist. Ganz ohne Leseglück jedoch würde das Lesen wohl zu „einer dürren technokratischen Pflichtübung“ verkommen. Kurz und gut, dies war der Grund für mich, Fragen zu stellen, an Texte und an Leser.
Damit greife ich eine „Mode“ der siebziger Jahre auf, die Rezeptionsästhetik, die den Leser als Bestandteil der Theorie wieder und gewisserweise auch überhaupt erst salonfähig macht, und die sich hauptsächlich auf die beiden in Konstanz lehrenden Wissenschaftler Wolfgang Iser und Hans Robert Jauß gründet. Die Legitimationskrise, die die Literaturwissenschaft im Zuge von Empirisierung, Leistungsorientierung und Pragmatismus der Wissenschaften erfasst, scheint nach einem „Paradigmawechsel“ zu verlangen. Der Begriff des Paradigma wird dabei definiert als die wissenschaftliche Methode mit Systemcharakter, die den anderen Theorien überlegen erscheint. Das neue Paradigma soll der Literatur ihren Sinn und Zweck wiedergeben, indem es durch eine rezeptionsästhetische Fundierung die „gesellschaftsbildende Funktion“ der Literatur aufdeckt, die erst durch die Vermittlung des Lesers zustande kommt. Die neue Methode interessiert sich allerdings weniger für den empirischen Vorgang des Lesens als für die im Lesevorgang stattfindende kommunikative Sinnkonstitution sowie deren Vorbedingungen im polyvalenten literarischen Text.
Jauß interessiert sich dabei - ausgehend von der Gadamerschen Hermeneutik - vor allem für die historisch-hermeneutischen Zusammenhänge der Stoff- und Werkrezeption auf der Ebene der „kollektiven Erwartungen“ als Dispositionen des Lesers. Iser dagegen beschäftigt sich - gründend auf Roman Ingardens Phänomenologie - mehr mit den phänomenologischen Strukturen und Wirkungspotentialen von Texten im individuellen Leseprozeß, deren theoretische Beschreibung ein Raster für empirische und historische Forschung sein soll.
Das Problem ist nur, dass weder Jauß noch Iser ihre kommunikativen Theorien in der Praxis durchhalten, da sie versäumen, die traditionellen Methoden der Textanalyse, mit denen sie arbeiten, an ihre Theorien anzupassen und damit den Leser doch wieder zum bloßen Erfüllungsgehilfen machen. Die praktische Ausführung kommt letztlich einer „Wiederaufnahme der Immanenz“ sehr nahe, da sie sich fast ausschließlich an literarischen Texten - ohne die Auseinandersetzung mit Rezeptionsdokumenten - orientiert und es versäumt, „die Differenzen zwischen belegten und prognostizierten Konkretisationen“ zu verdeutlichen.
Theoretisch jedoch haben sie einiges geleistet. Vor allem haben sie eine Struktur von Begriffen geschaffen, auf der man aufbauen kann, von der aus man terminologische Unklarheiten und Inkonsequenzen beseitigen kann, neue Zusammenhänge herstellen und angemessene praktische Umsetzungen versuchen kann. Man hat verschiedentlich bemängelt, dass die Begriffe aus den verschiedensten Methodiken und Disziplinen stammen, u.a. der Gadamerschen Hermeneutik, des russischen Formalismus und Prager Strukturalismus, der Soziologie, der Psychologie, der linguistischen Kommunikationstheorie, der Ingardenschen Phänomenologie. Harding etwa meint feststellen zu müssen, dass „wir wahrscheinlich ein ziemlich vages Geschwätz mit etwas Psychoanalyse, etwas Soziologie und etwas Literaturkritik“ erwarteten, wenn „man uns zu einer Erörterung der...Prozesse auffordert, die sich bei der Lektüre eines Romans abspielen.“ Ebenso scheint Bürger mir an die Integrierbarkeit verschiedener Methoden zu enge Maßstäbe anzulegen, da seine Einwände mehr oder weniger schon die Benutzung der – wohlgemerkt abgewandelten - Begrifflichkeiten fremder Disziplinen monieren.
Wenig produktiv ist auch die Klage Engels, der sich darüber beschwert, dass die Literaturwissenschaft die Begriffe der neuen Methoden benutzt. Systematische Neuformulierungen müssen in Betracht ziehen, dass mit der Abwandlung der Begriffe und ihrer Bezüge eine Akzentverschiebung in der Terminologie stattfindet. Dementsprechend hat man sich auch an der - der Rezeption innewohnenden - Dialektik zwischen „Monosemie und Polysemie, Bestimmtheit und Unbestimmtheit, Geschlossenheit und Offenheit“ wundgerieben.
Allgemein gesehen darf ein abstraktes Lesemodell heute nicht mehr ganz und gar von empirischen Gegebenheiten absehen, so wenig wie es verkennen darf, dass Lesen und Verstehen komplexe Handlungen sind, die als Teil situierter Kommunikation immer schon „von vielfältigen, lebensgeschichtlichen, psychischen und sozialen Bedingungen“ mitbestimmt sind.
Mir scheint deshalb, dass Antworten auf literaturwissenschaftliche Fragestellungen durchaus anderen Disziplinen entstammen dürfen, ja sogar müssen. Um Einsichten in den Vorgang des Lesens, in dessen Voraussetzungen, Resultate, „kommunikative Funktion“ und Folgen zu gewinnen, reicht es nicht, den Leser ausschließlich im Text zu suchen oder ihn zum Gegenstand der Geschichtsschreibung oder der Datensammlung zu machen. Als Basis bedarf die Lese- und Rezeptionsforschung z.B. psychologischer Erkenntnisse. Die verschiedenen Aspekte und Funktionen des Lesens können nur aus den Perspektiven verschiedener Methoden beschrieben und begründet werden. Vom Wissenschaftler wird dabei gefordert, seine Kompetenzen zu erweitern oder vielmehr seine Kompetenzen deutlich zu begrenzen und zu klären.
In der Diskussion um ein neues Paradigma findet immer wieder ein ideologisches Polemisieren der Verfechter der jeweiligen Methoden gegeneinander statt: Die Vertreter der absoluten Werkautonomie und die der marxistischen Widerspiegelungstheorie gegen die Rezeptions- und Wirkungsästhetiker, von denen sich wiederum die Empiriker und die Strukturalisten und Semiotiker absetzen, und nicht zuletzt die Soziologen und Systemtheoretiker, die sich über allen wähnen. Jeder will seine Methode als „neues Paradigma“ etablieren und muss deshalb die Methoden der anderen diskreditieren. Es wäre sinnvoller, wenn die rezeptionsbetonten Methoden darauf verzichteten, sich als Ablösung oder Alternative der nichtrezeptionsbetonten zu verstehen, da Produktion und Rezeption doch letztlich zwei Seiten einer Medaille sind.
Mir scheint, das seit dreißig Jahren von allen Seiten ersehnte neue Paradigma bleibt fern, weil es schon da ist, jedoch unter einem anderen Namen. Es ist der vielgeschmähte Methodenpluralismus, als Reflexion der Mehrdeutigkeit. Er entspricht der zunehmenden Komplexität der modernen Welt, der Mehrdeutigkeit des literarischen Textes, der Vielfalt der Interpretations- und Rezeptionsmöglichkeiten.
Es geht nicht mehr darum, eine Methode gegen alle anderen abzugrenzen, sondern darum, die Grenzen der Methoden zu erkennen, zu klären und voneinander abzusetzen. Es geht auch darum zu erkennen, dass die Ergebnisse von der Perspektive und ihren Prämissen bestimmt sind, weshalb wissenschaftliche Untersuchungen immer nur eine Diskussion eröffnen können. Selbst die „harten“ Wissenschaften haben inzwischen erkennen müssen, dass wissenschaftliche Hypothesen nie absolut gelten können, da „jedes Hinsehen...von bestimmten Annahmen...und bestimmten Vorstellungen“, eben den Prämissen ausgeht, in denen bereits, aufgehellt oder nicht, Theoriestücke stecken. Blickwechsel, die sich ihrer Prämissen bewusst sind, geben also letztlich ein präziseres Bild verschiedener Aspekte der „black box“ des komplexen Lesevorgangs, als der Anspruch eines – doch immer einseitigen - Paradigmawechsels es vermag. Kritische Wissenschaft besteht eben nicht darin, den falschen traditionellen Kategorien neue entgegenzusetzen, sondern in der Untersuchung der traditionellen Kategorien auf die Fragen, die mit ihnen gestellt oder nicht gestellt werden können und der daraus folgenden Abwandlung.
Die Literaturwissenschaft ist damit nicht mehr „Gegenstandswissenschaft“, sondern „Relationswissenschaft“ und kommt also nicht umhin, sich „als Teil einer allgemeinen Kommunikationswissenschaft“ interdisziplinär zu orientieren. Nur so kann sich die Wissenschaft als „eine mit selbstreferentiellen Regeln behaftete Institution“ auf ihre „Gegeninstitution“, die Literatur, einlassen. Das heißt, dass Literaturwissenschaft sich auf die Dialektik zwischen methodischer Reflexion und ästhetischer Erfahrung einlassen muss. Die strenge Methode reduziert das ästhetische Objekt oft zu sehr. Da Kunst es in letzter Konsequenz „mit dem Paradox der Beobachtbarkeit des Unbeobachtbaren“ zu tun hat, muss es wohl abseits der Beobachtbarkeit noch andere Wahrnehmungsformen geben, die literaturwissenschaftlichen Gegenständen adäquat sind. Aber welche sind das? Es sind wohl die Stufen der Adäquatheit „zwischen Rezeptionen, die das Wahrgenommene unreflektiert nach privaten Erfahrungsnormen konkretisieren“ , zwischen „hermeneutischen Verfahren, die den Text als Sinnpotential betrachten, dessen Konkretisationen nur beschränkt objektivierbar sind, und analytischen Verfahren, die den Text auf eine beschränkte Bedeutungsmenge fixieren und damit die Möglichkeiten der Objektivierung mit dem Verlust der Komplexität des ästhetischen Objekts bezahlen“.
Es heißt bei Schöttker, dass es bis heute keine Theorie der literarischen Rezeption gebe, die über die Referierung von Forschungsergebnissen hinausgehe oder die methodisch praktikabel sei. Mein Anspruch geht nun nicht unbedingt dahin, eine solche Theorie zu entwerfen. Ich will jedoch versuchen, - auf dem Hintergrund der bekannten Theorien - auf Zusammenhänge und Strukturen hinzuweisen und das Raster ein wenig zu verfeinern. Dabei gehe ich von der „systematischen Analyse im Werk selbst vertexteter Rezeptionslenkungen“ aus, um von da zu den „vorliegenden Konkretisationen und ihre[n] Subjekte[n]“, den Lesern zu gelangen.
Entsprechend geht es in dieser Arbeit nicht um die Fixierung der Rollen, die Autor, Text und Leser einnehmen, sondern um die Darstellung der möglichen Rollen, die sie im Quadrat von Textintention, Wirkungsstruktur, Autorabsicht und literaturkritischer realer Rezeption spielen. Das Konzept, das dem zugrunde liegt, fußt auf einem System von Begriffen, die einander dialektisch gegenüberstehen, und deren Zwischenstufen das Bild präzisieren. So versuche ich in der Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Booth'schen Rhetorik, der Phänomenologie und Kommunikationstheorie Isers und Ecos, der Erkenntnisse von Platz und Aust über psychologische Vorgänge und Gefühle beim Lesen und deren Wirkung sowie mit Resultaten der Jaußschen Hermeneutik u.a. zu Ergebnissen zu gelangen.
Methodisch weitgehend getrennt, bemühe ich mich, auf der einen Seite die ROLLENSPIELE IM TEXT darzustellen, um die Dialektik zwischen der Textintention - als Möglichkeitsstruktur - und der Konkretisation theoretisch vorzuzeichnen, und dann in der Textanalyse der beiden Romane Eva Demskis deren Möglichkeitsstruktur zu veranschaulichen; auf der anderen Seite beschäftige ich mich mit der Darstellung der ROLLENSPIELE MIT DEM TEXT, um mögliche Kommunikationsformen zu skizzieren, die dann - u. U. auch mit Hilfe von Anregungen der explizit geäußerten Autorabsichten58 - an der Analyse von Rezeptionsdokumenten zu Eva Demskis Romanen exemplarisch gemessen werden, und die dann schließlich - im Vergleich der Text- und Rezeptionsanalysen - ein Bild der ROLLENSPIELE ZWISCHEN AUTOR, TEXT UND LESER zu skizzieren suchen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 5 |
| 2. | Rollenspiele im Text | 13 |
| 2.1 | Die Wirkung als das vom Text Bedingte | 13 |
| 2.1.1 | Der implizite Autor oder Die vom realen Autor übernommene Rolle im Text | 13 |
| 2.1.2 | Der implizite Leser oder Die vom Autor geschaffene Struktur der Leserrolle im Text | 18 |
| 2.1.3 | Das Konzept des offenen Kunstwerkes | 23 |
| 2.1.4 | Erkenntnis oder Gefühl? | 29 |
| 2.1.5 | Zwischen Konkretisationsfreiheit und Lenkung | 31 |
| 2.2 | Textinterne Verfahrensweisen | 36 |
| 2.2.1 | Der implizite Autor oder die Elemente des Repertoires im Text | 36 |
| 2.2.2 | Der implizite Leser oder die Wirkungsstrategien und ihre Funktionen im Text | 40 |
| 2.3 | Die Textintention oder Die Rollen des impliziten Autors und des impliziten Lesers bei Eva Demski | 48 |
| 2.3.1 | Im Roman „Scheintod“ | 49 |
| 2.3.2 | Im Roman „Hotel Hölle, guten Tag.“ | 61 |
| 3. | Rollenspiele mit dem Text | 70 |
| 3.1 | Rezeption als das vom Leser Bedingte | 70 |
| 3.1.1 | Der Erwartungshorizont aus Literatur und Lebenswelt oder Die vom Leser gegenüber dem Text eingenommene Rolle | 70 |
| 3.1.2 | Horizonte zwischen Wandel und Verschmelzung | 76 |
| 3.1.3 | Identifikation, Illusion und Interpretation oder Vom Leser übernommene Rollen | 79 |
| 3.1.4 | Zwischen Gefühl und ästhetischer Distanz | 86 |
| 3.1.5 | Vom Text zum Virtuellen | 93 |
| 3.2 | Wirkungsabsichten der realen Autorin? | 96 |
| 3.3 | Konkretisation und Rezeption des Rollenangebotes durch reale Leser | 100 |
| 3.3.1 | In den Rezensionen zum Roman „Scheintod“ | 102 |
| 3.3.2 | In den Rezensionen zum Roman „Hotel Hölle, guten Tag.“ | 105 |
| 3.4 | Rollenspiele zwischen Autor, Text und Leser | 109 |
| 4. | Literatur | 114 |
| 4.1 | Primäres | 114 |
| 4.2 | Sekundäres | 114 |
| 4.2.1 | Rezensionen zu „Scheintod“ | 114 |
| 4.2.2 | Rezensionen zu „Hotel Hölle, guten Tag.“ | 116 |
| 4.3 | Theoretisches | 118 |
| 5. | Anhang | 127 |
| 5.1 | Lebenslauf | 127 |
| 5.2 | Erklärung | 128 |
hinausgehend - Handlungen und Gescheh-nisse, Reaktionen und Verhaltensweisen von Figuren thematisch wer-den, was im Roman meist solche der Vergangenheit betrifft wie z. B. die Party beim Pornoverleger369 oder die Geschichte des Pflanzenent-führers. Vor allem aber betrifft diese letzte Ebene das übergreifen-de thematisch Werden des Plots: Mann stirbt, hinterläßt Rätsel, Frau bemüht sich, sie zu lösen, während sie auf seine Beerdigung wartet, während sie sich erinnert, während sie ihre Liebe zum Mann betrach-tet, Frau löst einige der Rätsel, andere erscheinen (für sie) unlös-bar, Frau beerdigt ihren Mann. Das Ganze ist ein System gestaffelter und manchmal auch oppositiver Anordnung. Gestaffelt insofern als die Perspektiven meist nicht eindeutig einer bestimmten Seite zuzuordnen sind. Dann aber doch wieder oppositiv, ja manchmal fast kontrafaktisch, wenn z. B. die Vertreter der 'Gruppe' und die Vertreter des Staates oder die Frau - als 'Erbin' ihres Mannes - und die Zivilen sich gegenüberstehen. Wie verschiedene Perspektiven eine Figur von verschiedenen Seiten beleuchten, zeigt sich vielleicht am besten an der Figur des Mannes als Anwalt. Aus der - überwiegenden - Perspektive der - ihn liebenden370 und von ihm geliebten - Frau ist er der nicht immer ganz ernsthafte Schauspieler, der sie schützte, indem er z. B. mit ihrer Vollmacht371 "durch die Gerichtsgänge" tobte, seine "Robe um sich" schlang "wie Talma"372, Staatsanwälte anschrie und mit Polizisten, die als Zeugen auftraten, drohend flüsterte; sie ist stolz auf den sehn-süchtigen Weltverbesserer, der den Ausgebeuteten innerhalb des Systems beistehen will; obwohl sie manchmal daran zweifelt, "ob dieser Beruf überhaupt gut ist"373. Aus der Perspektive seiner Mutter hätte ihr Sohn, der doch "immer ein bißchen streitsüchtig" war, sich als Anwalt "ein schönes Leben machen" können und hätte "noch klotzig [...]
wenn einmal genug Zeit dafür sein würde"361. Am Ende gleichen beide "einer großen komplizierten Maschine", die "sich nur selbst an- und ausschalten kann" und die "niemanden satt oder klug oder schön oder glücklich" macht, die nichts kann "außer sich bewegen"362. Echte Leerstellen kann nur jeder Leser für sich selbst beantworten: Steht der Mächtige immer "am richtigen Platz im Leben"363? Und nimmt der Revolutionär wirklich die "richtige Seite"364 ein? Und was ist wirklich eine Revolution im positiven Sinne? Ist es der bewaff-nete Kampf der RAF? Ist es der Kampf innerhalb des Systems, dem sich der Mann verschrieben hat? Ist es der - fast religiös anmutende - kollektive Kampf gegen die Sterblichkeit, an den der Referendar Har-denberg glaubt? Ist es die 'spleenige' Vorstellung der Frau von ei-ner "Guerilla aus revolutionären Barfrauen"365? Ist es die Vorstellung eines 'unterirdischen Umerziehungslagers für Waffenproduzenten und Polizeipräsidenten'366? Oder daß "jeder Linke auf einen der Bosse an-gesetzt" wird und so "über das Leben des Bosses besser Bescheid" wüßte "als der selber"367? Damit der Leser für sich Antworten auf diese Fragen finden kann, macht die Thema-Horizont-Struktur ihn zum wandernden Blickpunkt in einem System von Perspektiven, das es dem Leser erlaubt, die Figuren und Handlungen in ihren verschiedenen Facetten zu betrachten. Überwiegendes Thema des Romans ist die personale Perspektive der Frau368, die als übergreifender Rahmen den Blick freigibt auf den Mann und sie selbst, aber auch auf die verschiedenen anderen Figuren und Ereignisse. Dieses Thema wird immer wieder für kurze Zeit unterbrochen, wenn die Perspektive verschiedener anderer Figuren thematisch wird und sich in der Hauptsache auf den Mann und dessen Umfeld richtet. Oder wenn implizit charakterisierend und über die Perspektive der Frau [...]
'antiimperialistischen Kampf'354 werden zitiert; ihre Bedeutung und ein eindeutiges Urteil über sie werden jedoch nicht geboten, bleiben Leerstelle: der Mann bezeichnet die Sprache der Texte als "Stacheldrahtsprache", hätte aber "selbst gern solche Texte verfaßt"; die Frau versteht einfach nicht und stellt bloß fest, daß ihr Mann die Texte "nicht verachtete oder hohl und nichtssagend fand"355. Was ist also "richtig"356? Klassische Bestandteile revolutionärer Ideologien werden ironisch negiert, wenn beschrieben wird, wie die Obersten der RAF wie adlige Angehörige eines "Fürstenhauses"357 erscheinen, die von ihren Sympathisanten "Lakaientum"358 verlangen. Der aus der (sozialistischen) Theorie entwickelte "Ton alles verstehender Nachsicht, der am Ende der Sechziger Jahre für alle sozialen Abweichungen herhalten mußte"359, wird ganz deutlich negiert, indem der Sinn dieser Nachsicht angezweifelt wird, z. B. indem beschrieben wird, wie sich die linke Schickeria den Bankräuber Toni als Schoßhündchen hält. Auch die Sicht auf die andere Seite, auf die Staatsdiener bleibt nicht ganz eindeutig, selbst wenn es nur angedeutet wird. Die Suggestion der Ideologie vom 'Schergen des Systems' wird schon zu Anfang negiert, wo die Frau die Zivilen zu gern beschämt oder mit Neugier erfüllt360 hätte, und später, wenn von dem fröhlichen Beamten erzählt wird, der die erkennungsdienstlichen Fotos von der Frau macht. Haben Schergen Gefühle? Noch deutlicher wird es in der ironischen Brechung: Sie war jetzt mittendrin "in dem schwierigen Räuber- und Gendarmspiel, in das sie doch nie gewollt hatte... Es war plötzlich nur noch das Spiel selbst, das zählte. Der Feind war klar. Der Feind hatte die Macht und sie den Witz. Der Feind wollte das Böse, das Gleichbleibende. Sie wollten das Gute, die Veränderung - später, [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832480233
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Struck, Sarah Ines Oktober 1997: Rollenspiele zwischen Autor, Text und Leser, Hamburg: Diplomica Verlag
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Rezeptionsästhetik, Wirkungsstrategie, Interpretation, Literaturkritik, Literatur



