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Rollenkonflikte

Das Verhältnis von Rhetorik, Schauspielkunst und Politik

Rollenkonflikte
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Stephan Hangleiter
  • Abgabedatum: November 2003
  • Umfang: 79 Seiten
  • Dateigröße: 8,7 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Leipzig Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9712-5
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9712-5 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9712-5 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Hangleiter, Stephan November 2003: Rollenkonflikte, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Vortrag, Auftritt, Geschichte, Philosophie, Identität

Magisterarbeit von Stephan Hangleiter

Einleitung:

Selten war das Ansehen der Rhetorik so schlecht wie heute. Abseits der breiten Öffentlichkeit fristet sie ein Dasein als Orchideenfach und Fundgrube für Werbetexter. Rhetorisches Talent mag für den Anwalt oder den Politiker noch eine schätzenswerte Eigenschaft bedeuten, doch selbst in diesem Zusammenhang verbindet sich mit dem Stichwort Rhetorik weithin die Vorstellung des vordergründigen Effekts, des hohlen Pathos und der bloßen Phrase.

Die Kunst der Rede – verstanden als eine Möglichkeit, durch das öffentlich nach bestimmten Regeln gesprochene Wort eine kalkulierte Wirkung zu erzielen – scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Obwohl die Prinzipien der Rhetorik unsere Kommunikation heute nicht weniger prägen als vor 2000 Jahren, gilt ein rhetorisch versiertes Auftreten vielen als ein Zeichen von Schwäche. Seit die Rhetorik aus den Lehrplänen verschwunden ist, steht ihr Gebrauch im Ruch von fachlicher Unkenntnis und methodischer Hilflosigkeit. Bedauernswert, wer auf die Rhetorik angewiesen ist, mit ihren Tricks, so banal, dass man sie sogar üben kann.

Als Paradebeispiel für einen Redner, der seine Eloquenz seinem Ehrgeiz und seiner Disziplin verdankt, dient für gewöhnlich Demosthenes (322 v. Chr.). Von diesem wahrscheinlich bekanntesten Redner der griechischen Antike berichtet Plutarch, dass er bei seinen ersten öffentlichen Auftritten grandios gescheitert sei und die Rhetorik schon wieder habe aufgeben wollen, als ihn ein Schauspieler mit den Geheimnissen eines wirkungsvollen Vortrags bekannt machte. Durch intensives Training in einem unterirdischen Übungsraum und vor dem Spiegel soll er seine Kurzatmigkeit überwunden und zu einer lebendigen Körpersprache gefunden haben. Gegen Kritiker habe er die Meinung vertreten, dass sich die demokratische Gesinnung eines Redners gerade in der gründlichen Vorbereitung erweise. Gleichgültigkeit in diesem Punkt lasse einen Aristokraten erkennen, der eher an Gewalt als an Überzeugung denke.

Nach heutigem Verständnis schließen eine gewissenhafte Vorbereitung und der Wunsch nach Lebendigkeit und Spontaneität einander aus. Dennoch kehrt die Redekunst gerade in Form von Wochenendseminaren, Trainingsstunden und Ratgeberbroschüren zurück in die Gesellschaft. Ursache dieser Entwicklung ist die Nachfrage nach einer Gebrauchsrhetorik, die eine höhere Schlagfertigkeit im Alltagsleben verspricht, verbunden mit der Sehnsucht nach einer ‚Höflichkeit‘, die über die Kenntnis von Benimmregeln hinausreicht. Was dieser Art von Rhetorik jedoch fehlt, ist die gesellschaftliche und politische Brisanz. Die klassische Redekunst wollte mehr sein als eine Methode des richtigen Verhaltens und Anpassens im öffentlichen Raum. Sie verband das Potential zur Veränderung und Selbstvergewisserung einer Gesellschaft mit dem Versuch, auch dem Einzelnen durch Klärung und Verfremdung einen Blick über den Horizont und ein schärferes Urteil zu ermöglichen.

Schon Aristoteles sah in der Rhetorik die Fähigkeit, an einer Sache das Überzeugende zu erkennen. Über bloße Schlagfertigkeit hinaus musste der antike Redner bereit sein, Prinzipien und konkrete Handlungsmaximen zu repräsentieren. Er sprach taktisch zu einem bestimmten Zweck, den Platon als ‚Psychagogie‘ definierte, als Seelenleitung des Menschen durch den Menschen. An diesen Kriterien muss eine politische Rede sich auch heute noch messen lassen. Sie sollte der Klärung dienen, Alternativen aufzeigen und die Relativierung durch Gegenreden zulassen. Im Idealfall ist das Kennzeichen einer politischen Rede die Beschreibung von Handlungsspielräumen. Zu diesem Zweck lässt sie die ritualisierten Abläufe des Alltags hinter sich, gibt in symbolischer Verdichtung einen Begriff von der Lage und erzwingt ein Ergebnis.

Solange sie einem echten Interesse an der Zukunft verpflichtet ist, kann sie die Wirklichkeit durchsichtig machen. Sie ist immer ein Leistungsversprechen und eine Bitte um Vertrauen; beides erfordert eine wahrnehmbare Überzeugung. Rhetorik verlangt ein Gefühl für den richtigen Augenblick, denn nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

Nach Auffassung des Schriftstellers und Sprachwissenschaftlers Uwe Pörksen sind wir weit entfernt von diesem Ideal. Schuld am Verfall der öffentlichen Rede sei die Überformung der Politik durch gesellschaftliche Subsysteme, wie sie zum Beispiel die Wirtschaft oder die Medien bilden. Diese Bereiche hätten sich selbständig gemacht, um nun aus sich heraus zu definieren, welche Richtung sie künftig einschlagen sollten. Mit der Autonomie des Politischen gehe in einer fragmentierten Gesellschaft jedoch auch die Verpflichtung auf das Gemeinwohl verloren. Trotzdem seien noch immer Situationen denkbar, in der alte Gewissheiten durch eine Rede ins Wanken gerieten.

In einer solchen Situation entstand die so genannte „Blut-Schweiß-und-Tränen“-Rede, die Winston Churchill am 13. Mai 1940 im britischen Parlament hielt. Die Abgeordneten mussten an diesem Tag entscheiden, ob Großbritannien seinen Kampf gegen Deutschland fortsetzen oder einen demütigenden Frieden schließen sollte, der das Festland den Eroberungsplänen Hitlers überließe. Unter den Diplomaten fand diese Lösung nicht wenige Befürworter, aber Churchill wischte sie vom Tisch: „You ask, what is our policy? I say it is to wage war by land, sea, and air. War with all our might and with all the strength God has given us, and to wage war against a monstrous tyranny never surpassed in the dark and lamentable catalogue of human crime. That is our policy.“ Churchills Rede brachte die entscheidende Frage in wenigen und beinahe formelhaften Sätzen auf den Punkt. Es ist gewiss kein Zufall, dass diese Sätze mit ihrer Mischung aus Nüchternheit und Pathos, Schauder und Zuversicht an die klassische griechische Tragödie erinnern. Zur Debatte standen Freiheit und Zukunft Europas.

Noch im 18. Jahrhundert erwarteten die Bürger von ihrem Theater politische Impulse in einem Umfang, der heute höchstens im Bereich der Massenmedien vorstellbar ist. Vor diesem Hintergrund sollten wir einen Blick auf das Verhältnis von Rhetorik, Schauspielkunst und Politik werfen, auf Gemeinsamkeit und Unterschiede dieser Disziplinen in einer modernen Mediengesellschaft. Wie der Schauspieler die Inszenierung oder seine Rolle, so kann auch der Redner die Rhetorik verraten, indem er sich einem Mediensystem ausliefert, das den Wettstreit um die bessere Idee durch Scheingefechte und Ersatzhandlungen verdeckt. In diesem Fall droht die Rhetorik zu einer Fassadentechnik zu werden, welche die Wahrheit nur als eine Frage der Geschicklichkeit sieht und den politischen Prozess ad absurdum führt.

Bei fehlender oder falsch verstandener Distanz zur eigenen Rolle kann die Aggressivität der politischen Auseinandersetzung in eine um sich selbst kreisende Rhetorik münden, die auf einer Sprache des Misstrauens beruht und statt mit Argumenten und Überzeugungen mit Appellen und Drohungen operiert. Als sicher darf gelten, dass dieses Problem nicht gerade neu ist. „In den Hauptstädten“, klagte schon Heinrich von Kleist (1811), „sind die Menschen zu gewitzigt, um offen, zu zierlich, um wahr zu sein. Schauspieler sind sie, die einander wechselseitig betrügen, und dabei thun, als ob sie es nicht merkten. Man geht kalt an einander vorüber; man windet sich in den Straße durch einen Haufen von Menschen, denen nichts gleichgültiger ist, als ihres Gleichen; ehe man eine Erscheinung gefasst hat, ist sie von zehn andern verdrängt; dabei knüpft man sich an keinen, keiner knüpft sich an uns; man grüßt einander höflich, aber das Herz ist hier so unbrauchbar, wie eine Lunge unter der luftleeren Campane, und wenn ihm einmal ein Gefühl entschlüpft, so verhallt es, wie ein Flötenton im Orkan“.

Kommunikationsdefizite können auch technische und institutionelle Gründe haben. Solange die Akteure die Ausgestaltung der Rahmenbedingungen nicht selbst verantworten, sind sie fremdem Gesetz unterworfen. Gestützt auf die Kreativität des Menschen haben sich aber gerade die Schauspielkunst und die Rhetorik im Laufe der Zeit als äußerst anpassungsfähig erwiesen. So ist es fast beruhigend, dass die Verbindung von Rhetorik, Schauspielkunst und Politik tiefer reicht, als es die üblichen Schlagworte wie Sommertheater oder Possenspiel suggerieren.

Tatsächlich kann die Beschäftigung mit diesem Verhältnis zu Gesichtspunkten führen, mit deren Hilfe das Auftreten von Politikern, ihr Rollenverständnis und ihre Beziehung zum Publikum analysiert werden kann. Für Raymond Williams birgt die Beschäftigung mit Dramen eine Chance, „zu einigen der grundlegenden Konventionen vorzudringen, die wir als ‚die Gesellschaft‘ zusammenfassen.“ Über metaphorische Querverweise hinaus kann das Theater Wege zu einem sinnvollen und verantwortlichen Umgang mit der Mediendemokratie eröffnen.

Die Dominanz der Medien muss desto problematischer erscheinen, je stärker die Politiker ihre Souveränität verlieren. Während die ‚Spiele der Macht‘ einerseits immer raffinierter inszeniert werden, sind sie andererseits dank der Mikrophone und Kameras zugleich viel durchsichtiger als in früheren Zeiten. Angesichts steigender medialer Ansprüche ist es nicht verwunderlich, wenn inzwischen auch schauspielerische Talente zum Anforderungsprofil von Politikern zählen. In einer von Medieninszenierungen geprägten Welt muss der Vorwurf der Schauspielerei gerade unter Politikern naiv wirken. Jeder Politiker ist ein Selbstdarsteller, das gilt heute nicht weniger als früher. Auch in der Vergangenheit waren Entscheidungsträger sich nicht zu schade, die Darstellung bestimmter Sachverhalte und Projekte auf Wirkung zu berechnen und symbolisch zu verdichten. Es handelt sich um eine Anpassungsleistung der Politik.

In der Mediengesellschaft ist ein charismatisches und glaubhaftes Auftreten vor Mikrophon und Kamera eine Grundbedingung demokratischer Politik, deren inszenatorisches Potential in Wahlkämpfen mit einigem Recht zur Debatte steht. Schließlich müssen Politiker, Parteien und ihre Programme sich nicht nur inhaltlich, sondern auch darstellerisch bewähren. „Die Selbstkontrolle, mit der sich der Kandidat in der Feuerprobe bewährt, wird also bedenklich vergrößert und ist für seinen Erfolg genauso entscheidend wie für den Schauspieler, der Tausende von Kritikern vor sich weiß, wenn er im Scheinwerferkegel auf der Bühne steht, umgeben von Finsternis.“ Viele Politiker tun so, als hätten sie von diesen Dingen noch nie etwas gehört. Wer jedoch die Beschäftigung mit Fragen der politischen Inszenierung verweigert, begibt sich gedanklich auf die Stufe absolutistischer Arkanpolitik. Ehrliche Schauspielerei wird die Grenze zwischen Schein und Sein nicht etwa verwischen, sondern schärfen.

Inhaltsverzeichnis:

A.1 Einleitung 3
B.1 Vom Denken zum Ausdrücken. Grundlagen 7
B.2 O du erhabener Feigenbaum! Das rhetorische System 11
B.3 Zwischen Schein und Sein. Entwicklungstendenzen 17
C.1 Panem et circenses? Die Herrschaft der Zeichen 29
D.1 Ecce homo! Seht, welch ein Mensch! 35
D.2 Cicero, eine Journalistennatur? 37
D.3 Veritatis actor. Ciceros Entwurf eines idealen Redners 45
E.1 Helft mir, ach! ihr hohen Mächte! Politik und Schauspielkunst 56
E.2 Als Mensch und als Schauspieler. Die Frage der Rollenkongruenz 65
F.1 Schlussbemerkung 70
G.1 Literatur 73
G.2 Anhang 75
G.3 Eidesstattliche Erklärung 79

Automatisiert erstellter Textauszug:

er die nötige Aufmerksamkeit einstreichen und sich einen eigenen Stamm von Klienten verschaffen. Darüber hinaus profitierte Cicero auf diesem Weg von den Verbindungen seiner Familie: Ein Onkel war nämlich mit den angesehenen Juristen Marcus Antonius (⊥ 87 v. Chr.), Quintus Mucius Scaevola (⊥ 84 v. Chr.) und Lucius Licinius Crassus (⊥ 91 v. Chr) befreundet und lud Cicero zu sich nach Rom, damit er im Gefolge dieser berühmten Männer eine Ausbildung erfahre, die neben theoretischen Kenntnissen auch den Blick auf die politische und juristische Praxis vermittle. Denn erst die Kombination dieser beiden Bereiche befähigte einen jungen Römer, die Laufbahn eines Redners einzuschlagen und im öffentlichen Leben Geltung zu erlangen. Was Cicero hier lernte, konnte ihm keine Rhetorikschule bieten. Schließlich kam es bei einem öffentlichen Auftritt gar nicht so sehr auf die technische Seite an, als vielmehr auf habituelle Aspekte, aus denen die römischen Zuhörer weitreichende Schlüsse zogen. „Am leichtesten aber“, schreibt Cicero in seinem Buch über die Pflichten, „und von der besten Seite lernt man junge Männer kennen, die sich berühmten, weisen Männern, die gut für das Gemeinwesen sorgen, angeschlossen haben; wenn sie häufig in ihrer Nähe sind, vermitteln sie dem Volk den Eindruck, sie seien Ebenbilder derer, die sie sich selbst zur Nachahmung auserwählt haben.“59 Cicero muss ein fleißiger und vielseitig interessierter Schüler gewesen sein. Sein Unterricht umfasste über das für eine Ämterlaufbahn nötige Schulwissen hinaus auch Literatur und Philosophie. Einer seiner Lehrer war der Grieche Philon von Larissa (⊥ 80 v. Chr.), der seinen Lebensabend im römischen Exil zubrachte. Der Akademiker Philon wollte die Rhetorik auf eine Stufe mit der Philosophie stellen. In diesem für die damaligen Verhältnisse ziemlich anspruchsvollen Unterrichtsprogramm wurzelt Ciceros Konzeption des idealen Redners, der eine anwendungsorientierte Rhetorik mit juristischem Wissen und philosophischer Erkenntnis verbindet. Dass gewissenhaftes Handeln nicht auf Beredsamkeit verzichten darf, weil diese sonst zu einem Werkzeug der Demagogie wird, ist ein Kernsatz in Ciceros Jugendschrift „De inventione“.60 Cicero hielt seine ersten öffentlichen Reden in einem politischen Umfeld voller offener und verdeckter Gefahren. Es war die Zeit, als Lucius Cornelius Sulla (⊥ 78 v. Chr.) seine in einer Serie von Bürgerkriegen errungene Herrschaft als Diktator auf eine tragfähige Basis zu stellen versuchte. Cicero war unvorsichtig genug, auch für die Opfer der neuen Ordnung zu sprechen. Spektakuläre Erfolge machten ihn binnen kurzem zu einem der gesuchtesten Anwälte. Auch sein erster Auftritt in einem Strafprozess war solch ein Paukenschlag: Im [...]

D.2. Cicero, eine Journalistennatur? Zeit seines Lebens stand der Anwalt, Staatsmann und Schriftsteller Marcus Tullius Cicero im Mittelpunkt eines Wechselspiels von rückhaltloser Bewunderung und entschiedenster Ablehnung. Das mag auch daran gelegen haben, dass er Politik und Philosophie als eine Einheit sah, die ihm zuweilen eine nach außen hin inkonsequente Haltung aufzuwingen schien. Manchmal hat allerdings auch Cicero selbst die Orientierung verloren. Aber gerade weil er so umstritten war, repräsentierte er wie kaum ein anderer die Brüche der römischen Gesellschaft. Geboren am 3. Januar 106 v. Chr. in dem Landstädtchen Arpinum, wuchs er in einer Zeit auf, in der soziale Spannungen, ausgedehnte Feldzüge, Sklavenaufstände und blutige Bürgerkriege das römische Staatswesen bereits in erhebliche Turbulenzen gestürzt hatten. Als Gutsbesitzer und Angehöriger des Ritterstandes besaß Ciceros Vater das Stimmrecht eines römischen Bürgers. Die einstigen Reiter des römischen Heeres nahmen inzwischen die Funktion von Steuerpächtern wahr, die im Auftrag des Magistrats, aber auf eigene Rechnung Steuern eintrieben. Ungeachtet ihrer Bedeutung für die Verwaltung der Provinzen standen sie in der sozialen Hierarchie weit unter jenen stadtrömischen Adelsfamilien, die den römischen Senat und die obere Verwaltungsebene beherrschten. Zum engsten Kreis der Nobilität zählten im Prinzip nur jene Familien, die bereits einen oder mehrere Konsuln gestellt hatten. Ciceros Vater tat zwar alles zur Förderung der politischen Ambitionen und Begabungen seines Sohnes, doch das Fehlen berühmter Ahnen und eines größeren Klientels bedeutete für dessen Laufbahn ein schweres Handicap. „Diese Verwandtschafts-, Gefolgschafts- und Gefälligkeitsbindungen spielten die entscheidende Rolle im politischen Leben, und ein Mann, der in Rom Karriere machen wollte, ohne aus einer der führenden Adelsfamilien zu stammen und ohne eine illustre Reihe von Verwandten in den höchsten Staatsämtern aufweisen zu können, befand sich von vornherein in der Außenseiterrolle. Er war der ‚homo novus‘, der neue Mann, der Emporkömmling, der meist zeit seines Lebens nicht als völlig ebenbürtig galt und ständig um die Anerkennung der adelsstolzen Aristokraten zu ringen hatte.“58 Wer sich in der römischen Gesellschaft Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg machte, der musste seine individuelle Leistung gegen den familiengebundenen Vertrauensvorschuss des Adels ausspielen. Weil Ciceros Veranlagung eine militärische Laufbahn nicht zuließ, blieb ihm nur der Weg des Redners, den er mit Talent und Ehrgeiz verfolgte. Die Prozesse auf dem Forum sollten ihm mit etwas Glück zum ersehnten Durchbruch verhelfen, hier konnte [...]

Senatsherrschaft jederzeit dem eigenen Ehrgeiz aufopfern würden und die immer offener versuchten, Leistung durch Gewalt zu ersetzen. Mehr noch als die Morddrohungen gegen seine Person muss den Aufsteiger Cicero diese ‚aristokratische‘ Anmaßung empört haben. Als ‚homo novus‘ kämpfte er für eine Erneuerung der moralischen und politischen Verhältnisse, und genau jene Geisteshaltung zwischen Neid, Selbstsucht und Korruption erschien ihm als das größte Hindernis auf dem Weg zu einer von Eintracht getragenen Republik. Cicero erklärte die Verschwörung des Catilina vor allem mit dessen Charakter. Er stellte ihn als einen skrupellosen Verbrecher hin, der aufgrund seines Lebenswandels zwar über eine gewisse Ausdauer verfüge und auch an Kälte, Durst und Nachtwachen gewöhnt sei, der jedoch seine Verantwortung für das Gemeinwesen auf leichtfertige und dreiste Weise verraten habe. Mit diesem Impetus des ‚ecce homo‘ steht Cicero in bester rhetorischer Tradition, die ihre Argumente mit Vorliebe auf die Eigenschaften und Motive der beteiligten Menschen stützte. Mit seinem Charakter steht aber der ganze Mensch zur Disposition. Gelänge hier ein Angriff, wäre Catilina verloren. Was immer er noch zu sagen hätte, niemand würde ihm glauben. Nach einem Bericht der Historikers Sallust (⊥ 36 v. Chr) schätzte Catilina seine Lage richtig ein. Er hatte nicht die geringste Chance, gegen Ciceros Rede anzukommen, solange diese unvorteilhafte Beschreibung seiner Persönlichkeit im Raum stand. „Da begann Catilina, wie er ja gerüstet war für jede Art von Verstellung, mit gesenktem Blick, flehender Stimme die Senatoren zu bitten, sie sollten doch nicht ohne weiteres etwas über ihn glauben: er stamme aus so guter Familie, habe von früher Jugend so sein Leben eingerichtet, dass er alles Gute in Aussicht habe; sie sollten doch nicht meinen, ihm, einem Manne aus altem Adel, der selbst und dessen Vorfahren die zahlreichsten Verdienste um das römische Volk besäßen, liege an der Vernichtung des Staates, während ihn Marcus Tullius rette, ein hergelaufener Eindringling in der Stadt Rom.“56 Es half nichts. Unter den Verwünschungen der Magistraten floh Catilina nach Etrurien und fiel rund zwei Monate später im Kampf mit den Truppen des Senats. In dieser Stunde des Triumphes stieß die Rhetorik aber auch an ihre Grenzen. Mit dem Aufstieg Caesars nahm die römische Politik eine Wendung, gegen die selbst die schärfsten Worte nicht mehr viel auszurichten vermochten. „Für Cicero jedenfalls war die Alleinherrschaft keine annehmbare Alternative zu der Staatsform, an die er nach seiner Bildung durch römische Tradition und die in der Polisdemokratie verwurzelte griechische Philosophie glaubte.“57 [...]

Arbeit zitieren:
Hangleiter, Stephan November 2003: Rollenkonflikte, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Vortrag, Auftritt, Geschichte, Philosophie, Identität

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