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Die Rolle von Kommunikation in nicht-hierarchischen Organisationen

Eine empirische Untersuchung am Beispiel der holländischen Unternehmensberatung Kessels & Smit

Die Rolle von Kommunikation in nicht-hierarchischen Organisationen
Über dieses Buch
  • Art: Masterarbeit
  • Autor: Jasmin Leutelt
  • Abgabedatum: April 2010
  • Umfang: 132 Seiten
  • Dateigröße: 12,2 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin Deutschland
  • Bibliografie: ca. 88
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4866-0
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Leutelt, Jasmin April 2010: Die Rolle von Kommunikation in nicht-hierarchischen Organisationen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Hierarchiefreiheit, Organisationsform, Kommunikation, Koordinationsmechanismen, Postbürokratie

Masterarbeit von Jasmin Leutelt

Einleitung:

„The question,‘Who has to use my output for it to become effective?‘ immediately shows up the importance of people who are not in line of authority, either upward or downward, from and to the individual executive. It underlines what is the reality of a knowledge organization: The effective work is actually done in and by teams of diverse knowledges and skills. These people have to work together voluntarily and according to the logic of the situation and the demands of the task, rather than according to a formal jurisdictional structure”.

Wie das Zitat von Drucker bereits andeutet, scheint das klassische Webersche Organisationsmodell der formal strikt hierarchisch organisierten (zentralisierten) Bürokratie mit ihrem strengen Weisungs- und Kontrollsystem in der Wissensgesellschaft, in der wir uns heute befinden, an ihre Grenzen zu stoßen. So haben sich aufgrund weitgreifender Veränderungen die Anforderungen an die Organisationen und der in ihnen arbeitenden Organisationsmitglieder derart verändert, dass die lange Zeit dominierende hierarchische Koordinationsform den Anspruch als alleinige universelle organisatorische Koordinationsform nicht mehr aufrechterhalten kann. Der globale Wettbewerb, zunehmend verkürzte Produktlebenszyklen, immer spezialisiertere Märkte und insbesondere die Geschwindigkeit technologischer Veränderungen und ihrer kaum noch absehbaren Folgen führten daher in den letzten Jahrzehnten zu einer immer komplexer werdenden Umwelt.

Daraus ergeben sich hohe Anforderungen an die Flexibilität von Unternehmen sowie ein kontinuierlich steigender Handlungs- und Innovationsdruck. Vor diesem Hintergrund müssen Organisationen nicht nur fähig sein, flexibel und schnell zu handeln, sondern auch vorhandenes Wissen gewinnbringend umsetzen. „In this society, knowledge is the primary resource for individuals and for the economy overall. Land, labour, and capital — the economist’s traditional factors of production — do not disappear, but they become secondary“. Entscheidend sind demnach nicht mehr die effiziente Planung und Steuerung alle organisationalen Abläufe, sondern die Herstellung innovativer, auf die spezifischen Wünsche der Kunden zugeschnittene, Produkte und Dienstleistungen. Eine starr hierarchisch aufgebaute Organisation kann diesen Anforderungen nur bedingt nachkommen, da sie sich nicht flexibel und schnell genug anpassen kann. Ihre einstigen Stärken (Größenvorteile, Zuverlässigkeit und Planbarkeit der Qualität, klare Regelung der Verantwortlichkeiten) stellen sich in dieser „neuen“ Umwelt als ihre größten Schwächen (strukturelle Unbeweglichkeit, langsame Reaktionszeit) heraus.

Einen möglichen Ansatz bzw eine mögliche Reaktion auf die veränderten Anforderungen stellen netzartige, flexiblere Beziehungs- und Organisationsformen dar — sei es in einer abgeschwächten Form der strikt hierarchischen Organisation zu einer hybriden (Nebeneinander hierarchischer und nicht-hierarchischer Strukturen) oder sei es in einer gänzlich neuen Organisationsform, die in der vorliegenden Arbeit übergreifend als nicht-hierarchisch betitelt wird. Diese neuen Organisationsformen, die in ihrer idealtypisch-theoretischen Darstellung den Anspruch auf (formale) Hierarchiefreiheit erheben, sollen im Rahmen dieser Arbeit näher betrachtet und anhand einer realen Organisation exemplarisch diskutiert werden. Ist es in der Praxis wirklich möglich, dass die alte Hierarchie vollständig substituiert wird? Welche anderen Strukturen (Koordinationsformen) und Koordinationsmechanismen treten an ihre Stelle? Neben diesen kontextbezogenen Fragen stellt sich auch die Frage nach der Rolle der Kommunikation in einen solchen hierarchiefreien organisationalen Kontext. Welche Funktionen übernimmt sie? Um welche Kommunikationsart handelt es sich dabei? Und wie kann sie benannt werden? Diese aufgeworfenen Fragen versuchen insofern einen Nachholbedarf zu decken, als zwar das Konzept der formal hierarchiefreien Organisationsform wissenschaftlich diskutiert wurde, nicht aber dessen Auswirkung auf die Rolle der Kommunikation.

Forschungsziel und Forschungsfragen:

Die vorliegende Arbeit geht von der Annahme aus, dass der organisationale Kontext (neben zahlreichen anderen Faktoren) einen Einfluss auf die Kommunikation in der jeweiligen Organisationsform (hierarchisch vs. nicht-hierarchisch) hat. Folglich müsste sich die Kommunikation in hierarchischen Organisationsformen von der Kommunikation in nicht-hierarchischen unterscheiden, und zwar sowohl in ihrer Bedeutung, ihrer Funktion und Art als auch hinsichtlich der darin eingebetteten Kommunikationsprozesse. Zwar wurde das Konzept der netzwerkartigen Organisationsform im Feld der Organisationsforschung untersucht und theoretisch diskutiert (vgl. dazu Studien zu postbürokratischen Organisationsmodellen im Kapitel 2.2.), nicht jedoch dessen Folgen auf die Rolle der Kommunikation. Demzufolge ist das Forschungsziel der vorliegenden Arbeit, neben der eingehenden und als grundlegend erachteten Untersuchung des organisationalen Kontextes, diese Folgen ausschließlich für die Bedeutung und Funktion (Rolle) der Kommunikation in einer nicht-hierarchischen Organisation zu untersuchen und zu interpretieren. Die übergeordnete Frage, die demnach beantwortet werden soll, ist die Frage nach der Rolle der Kommunikation in einer nicht-hierarchischen Organisation.

Zur Beantwortung dieser übergeordneten Frage soll zuerst am Beispiel einer als formal nicht-hierarchisch identifizierten Organisation (Kessels & Smit) der Kontext, sprich die Strukturen und Rahmenbedingungen, untersucht werden, um darauf aufbauend die Frage nach der Bedeutung und Funktion der Kommunikation beantworten zu können. Diese Arbeit ist demnach in zwei grundlegende Schritte gegliedert: Im ersten Schritt wird erforscht, welche organisationalen Strukturen und Prinzipien in der untersuchten Organisation an die Stelle der hierarchischen treten. Anschließend soll in einem zweiten Schritt auf dieser Basis interpretiert werden, ob sich die vorgefundenen nicht-hierarchischen Strukturen auf die Kommunikation „auswirken“, und wenn ja, wie beide miteinander zusammenhängen. Im Einzelnen ergeben sich daraus folgende untergeordnete Forschungsfragen:

- Welche Strukturen und Prinzipien entstehen anstelle der hierarchischen? Wird die hierarchische Koordinationsstruktur vollständig ersetzt und wenn ja, inwiefern?

- Welche Funktionen der formalen Hierarchie übernehmen die nicht-hierarchischen Strukturen und Prinzipien?

- Wie wird koordiniert, geführt und entschieden? Welche Rolle spielt dabei die Kommunikation?

- Wodurch unterscheidet sich die Kommunikation in einem nicht-hierarchischen Kontext von der Kommunikation in einem hierarchischen?

- Welche Aufgaben und Funktionen hat die Kommunikation in einem organisational nicht-hierarchischen Kontext?

Gang der Untersuchung:

Aus den Forschungsfragen und der Zielsetzung ergibt sich folgender Aufbau der Arbeit:

Kapitel 2 konzentriert sich nach einer knappen Einleitung in das Feld der Organisationsforschung auf die Begriffsbestimmung- und eingrenzung sowie auf sechs in der Literatur identifizierte postbürokratische Organisationsformen, die kurz zusammengefasst werden.

Kapitel 3 versucht zu klären, welcher Kommunikationsbegriff und welche Kommunikationsart die Kommunikation in einem nicht-hierarchischen Kontext am treffendsten umschreiben. Zugleich wird ein kurzer Überblick über den Stand der Forschung gegeben.

Kapitel 4 leitet von den theoretischen Überlegungen zur empirischen Untersuchung über, indem die angewandte Methodik der qualitativen Einzelfallstudie vorgestellt wird. Dabei wird in einem ersten Schritt die Vorgehensweise hinsichtlich der Auswahl der Forschungsmethode und der Gegenstandsangemessenheit begründet, um im zweiten Schritt die konkrete Forschungsdurchführung darzustellen.

Kapitel 5 schließt sich nahtlos an die Methodik an, indem die forschungsrelevanten Ergebnisse der Untersuchung ausführlich beschrieben und erläutert werden. Durch die Einordnung der Ergebnisse in das Kodierparadigma (nach Glaser und Strauss 1967) ergibt sich eine strukturelle Aufteilung in die folgenden vier Aspekte: a) Bedingungen, b) Kontext, c) Strategien und d) Konsequenzen. Dabei werden die vorgefundenen Ergebnisse mit Erkenntnissen aus der wissenschaftlichen Literatur verglichen und in einen größeren Rahmen eingeordnet. Das Kapitel schließt mit dem organisationsspezifischen „Modell zur Aufrechterhaltung des formal hierarchiefreien Kontextes“ ab.

Kapitel 6 interpretiert auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse die Rolle der Kommunikation im untersuchten formal hierarchiefreien Kontext. Dabei werden Überlegungen zur Rolle der Kommunikation auf Makro-, Meso- und Mikroebene angestellt.

Kapitel 7 beendet die Arbeit mit einer zusammenfassenden Schlussbetrachtung. Es wird ein Überblick über die zentralen Erkenntnisse gegeben, die im Hinblick auf ihre Bedeutung diskutiert werden, gefolgt von einem Ausblick auf zukünftige, forschungsrelevante Fragen.

Bevor in den nachfolgenden beiden Kapiteln der theoretische Rahmen abgesteckt wird, soll bereits an dieser Stelle betont werden, dass es kein Anliegen der vorliegenden Arbeit ist, Patentrezepte oder endgültige Antworten hinsichtlich der (formalen) Hierarchiefreiheit zu präsentieren. Vielmehr soll eine Basis geschaffen werden, um über allgemein anerkannte Formalien hinauszudenken. Letztendlich kann diese Arbeit jedoch auch nur einen begrenzten Ausschnitt vielfältiger Ansichten und Perspektiven zum Phänomen der Organisation und ihrer Steuerung geben.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
1.1 Ausgangssituation 1
1.2 Forschungsziel und Forschungsfragen 2
1.3 Aufbau der Arbeit 3
2. Hierarchiefreiheit in der Organisationsforschung 5
2.1 Zentrale organisatorische Koordinationsformen 6
2.1.1 Hierarchie als dominierende organisatorische Koordinationsform 6
2.1.2 Netzwerk als alternative organisatorische Koordinationsform 9
2.2 Postbürokratische Organisationsmodelle 13
3. Kommunikation in nicht-hierarchischen Organisationen 18
3.1 Zum Begriff der Kommunikation 18
3.1.1 Interne Organisationskommunikation 20
3.1.2 Informelle Kommunikation 21
3.1.3 Netzwerkkommunikation 24
3.1.4 Formal hierarchiefreie Kommunikation 26
4. Die Methodik der qualitativen Einzelfallstudie 27
4.1 Vorgehensweise 27
4.1.1 Gegenstandsangemessenheit 27
4.1.2 Qualitative Einzelfallstudie 28
4.1.3 Gütekriterien qualitativer Forschung 30
4.2 Forschungsdurchführung 31
4.2.1 Fallstudienauswahl 31
4.2.2 Auswahl der Forschungsquellen 32
4.2.3 Feldforschung 36
4.2.4 Datenanalyse 37
5. Ergebnisse der empirischen Untersuchung 40
5.1 Bedingungen 40
5.1.1 Die Organisationsmitglieder als „zentrales Element“ 40
5.1.2 Organisationskultur 42
5.1.3 Organisationale Prinzipien 44
5.1.3.1 Vertrauen 45
5.1.3.2 „Wechselseitige Attraktivität“ 47
5.1.3.3 Kooperationswille, Verantwortungsbereitschaft, Eigenverantwortung und -initiative 49
5.2. Kontext 52
5.2.1 Strukturen 53
5.2.1.1 Apfelbaum 54
5.2.1.2 Kernunternehmer und Co-Entrepreneurs 56
5.2.1.3 „Sozialstruktur“ 57
5.2.1.4 Rollen als Substitute formaler Positionen 64
5.2.1.5 Beziehungsgeflecht 70
5.2.1.6 K&S Tag 72
5.3 Interaktionsstrategien 73
5.3.1 Kommunikationsstrategien 73
5.3.2 Verhaltensstrategien 74
5.3.3 Interaktionstools 76
5.4 Konsequenzen 77
5.4.1 Konsequenzen auf der Individual- und Gruppenebene 78
5.4.2 Konsequenzen auf der organisationalen Ebene 79
5.5 Modell zur Aufrechterhaltung formaler Hierarchiefreiheit 81
6. Interpretation der Ergebnisse im Hinblick auf die Rolle der Kommunikation 84
6.1 Kommunikation auf der organisationalen Ebene 84
6.2 Kommunikation auf der Gruppenebene 89
6.3 Kommunikation auf der Individualebene 90
7. Zusammenfassung und kritische Reflexion der Ergebnisse 92
7.1 Zusammenfassung der Ergebnisse 92
7.2 Weiterer Forschungsbedarf und Ausblick 99
8. Anhang I

Textprobe:

Kapitel 3.1.2, Informelle Kommunikation:

„Der Begriff informelle Kommunikaton (auch: unvermittelte Kommunikation, dyadische Kommunikation, Face-to-face-Kommunikation) umfasst alle Prozesse, in denen die Kommunikanten a) füreinander wechselseitig und b) unvermittelt wahrnehmbar sind“. Problematisch an Mertens Definition von informeller Kommunikation erscheint die Gleichsetzung mit interpersonaler Kommunikation, denn im Gegensatz zu anderen Autoren unterscheidet sich seine Definition nicht von der gängigen Bestimmung interpersonaler Kommunikation. So verstehen Blundel und Ippolito, aber auch Schenk unter interpersonaler Kommunikation gleichfalls die direkte und unvermittelte sowie wechselseitige Interaktion. „Inter-personal communication involves individuals interacting directly in relatively small groups, primarily through face-to-face channels [.]“. Und Schenk versteht unter interpersonaler Kommunikation ein „wechselseitiges, aufeinander bezogenes soziales bzw. kommunikatives Handeln der Partizipanten“, das sich von der Massenkommunikation als öffentlicher und mehrheitlich einseitiger Kommunikation unterscheidet.

Nach Mertens Definiton ist informelle Kommunikation demnach interpersonale, also unmittelbar wechselseitige Kommunikation. Aber worin unterscheidet sich dann informelle von interpersonaler Kommunikation?

Eine Antwort darauf geben Mast und Kraut et al., die den Begriff der informellen Kommunikation um den Aspekt der ungeplanten, ungeregelten und inoffiziellen Kommunikation erweitern. ”[.] informal communication is communication that is spontaneous, interactive and rich“. „Im Gegensatz zur formalen Kommunikation eines Unternehmens, welche die offiziellen Kommunikationskanäle zur Vermittlung von Zielen, Arbeitsanweisungen und zur Informationsweitergabe umschreibt, beinhaltet die informelle Kommunikation also den inoffiziellen, privaten Informations- und Meinungsaustausch zwischen den Mitgliedern eines Unternehmens“. Informelle Kommunikation läuft demnach vor allem ungeplant und inoffiziell ab. Darüber hinaus führt Mast (ebd., S. 209)aus, dass „[i]nformelle Kommunikationsbeziehungen [.] sich [jedoch] unabhängig von Organisationsplänen und geregelten Verantwortlichkeiten [machen]. Sie ergänzen oder ersetzen formale Strukturen und Beziehungen, wirken komplementär, substituierend oder auch dysfunktional zu diesen und sind meist nicht verbindlich“. Nach dieser Definition beinhaltet auch die informelle Kommunikation einen zweiten Aspekt: Neben dem Aspekt der ungeplanten und spontanen Kommunikation, tritt der Aspekt der hierarchiefreien, nicht von oben gesteuerten bzw. nicht-formalisierten (keine verschriftlichten Regeln) Kommunikation. So definieren Kraut et al. informelle Kommunikation als etwas, „which remains when rules and hierarchies, as ways of coordinating activities, are eliminated“. Diesem Verständnis nach kann die informelle Kommunikation als komplementärer und alternativer Koordinationsmechanismus, der in den hierarchischen Kontext „eingebettet“ ist, betrachtet werden. In der Konsequenz kann von einer „formal hierarchiefreien Kommunikation“ gesprochen werden, die innerhalb einer hierarchischen Organisation abläuft – beispielsweise in freiwilligen und autonom gebildeten organisationsinternen Dyaden oder Gruppen.

Begriffsbestimmend erscheint hierbei die dichotome Einordnung in die einerseits informelle und selbstgesteuerte Kommunikation und andererseits in die formale, geplante und hierarchisch (übergeordnet) gesteuerte Kommunikation. Insofern wird die informelle Kommunikation offenbar immer in Bezug auf die Einbettung in den hierarchischen Kontext, sozusagen als Gegenpol zur formal-hierarchischen Kommunikation, definiert.

Schlussfolgernd kann festgehalten werden, dass nach den in der Literatur vorhandenen Definitionen informelle Kommunikation als eine zweite Kommunikationsart neben der formellen und hierarchischen betrachtet wird. Somit koexistieren hierarchische und hierarchiefreie Kommunikation innerhalb einer hierarchischen (oder hybriden) Organisation.

Die informelle Kommunikation im Sinne eines hierarchiefreien und selbstgesteuerten Koordinationsmechanismus zum formal hierarchischen nähert sich der Kommunikation in nicht-hierarchischen Organisationen an. Aufgrund des durchgehenden und gängigen Bezugs auf den hierarchischen Kontext kann die informelle Kommunikation jedoch nicht vollständig mit der Kommunikation in einem nicht-hierarchischen Kontext (Organisation) gleichgesetzt werden, da es in nicht-hierarchischen Organisationen konsequenterweise keine formal hierarchische Ordnung gibt.

Bevor zur weiteren Begriffseingrenzung näher auf die Netzwerkkommunikation eingegangen wird, soll kurz die Bedeutung informeller Kommunikation für die wissenschaftliche Forschung dargestellt werden. Wie gezeigt, wird die Organisations- bzw. Unternehmenskommunikation in die formelle und informelle Kommunikation unterteilt. Dabei veränderte sich im Laufe der Zeit bzw. mit dem Wechsel der Perspektive die Bedeutung, die der informellen Kommunikation zugesprochen wurde. Denn im Gegensatz zu den Vertretern der klassisch-betriebswirtschaftlichen Sicht, die die informelle Kommunikation als störend und dysfunktional einstuften, betonte der Human-Relations-Ansatz „die Rolle von (informeller) Kommunikation für den Unternehmenserfolg“. Die Human-Relations-Bewegung sowie die motivationsorientierten Ansätze von McGregor, Likert und Argyris trugen zur Überwindung des mechanistischen Menschenbildes bei. Mit dem Bedeutungszuwachs hinischtlich der Wirkungen informeller Kommunikation und der Anerkennung als Ergänzung und „Korrektiv“ zur formalen stieg auch die Anzahl der empirischen Studien. Insgesamt belegt die Mehrheit der Studien, dass a) informelle Kommunikation größtenteils im unmittelbaren Arbeitsumfeld stattfindet, also zwischen Kollegen, die relativ eng zusammen arbeiten, dass b) informelle Kommunikation zwei elementare Funktionen umfasst: die aufgabenbezogene und die soziale und dass c) beide Funktionen eng miteinander verzahnt sind.

Neben der internen Unternehmenskommunikation und der informellen Kommunikation kommt nach eingehender Recherche abschließend der Begriff der Netzwerkkommunikation für die Begriffseingrenzung in Betracht. Doch auch hier wird zu zeigen sein, dass diese nicht mit der Kommunikation in nicht-hierarchischen Organisationen gleichzusetzen ist, wenngleich der Begriff Netzwerk (als Anhaltspunkt für formale Hierarchiefreiheit) enthalten ist.

Netzwerkkommunikation:

Der Begriff der Netzwerkkommunikation veranlasst zur Annahme, dass es sich um die Kommunikation in einer Netzwerkorganisation (als Organisationsform) handelt. Nach einer Durchsicht der einschlägigen Literatur muss jedoch festgestellt werden, dass damit nichts anderes als die informelle Kommunikation in hierarchisch organisierten Unternehmen gemeint ist. Statt von informeller Kommunikation wird nun von informellen Kommunikationsnetzen bzw. -netzwerken innerhalb einer Organisation gesprochen. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht sind Netzwerke „Beziehungsstrukturen, in denen Kommunikation über Verbindungen abläuft, die zu einem oder mehreren Punkten führen können“. Monge und Contractor verstehen unter Kommunikationsnetzwerken „patterns of contact that are created by the flow of messages among communicatiors through time and space”. Demnach hat sich die Sichtweise, der Bezugsrahmen, die begriffliche Einordnung offenbar „lediglich“ auf die Netzwerkebene verlagert. Das hat den Vorteil, dass fundiertere Aussagen über die informellen Beziehungen und Beziehungsnetze getroffen werden können, während sich am organisationalen, formal hierarchischen Kontext indessen nichts geändert hat.

Im Hinblick auf den erkenntnistheoretischen Vorteil ist die Netzwerkperspektive und ihr klassisches Analyseverfahren der Netzwerkanalyse weitreichender, da nicht nur die direkten Face-to-Face-Beziehungen, sondern auch indirekte und periphere Beziehungen sichtbar werden. So können neben starken Beziehungen, die duch ihre Dauerhaftigkeit und Reziprozität gekennzeichnet sind (sogenannte ”strong ties”), auch schwache Beziehungen (sogenannte ”weak ties”)identifiziert werden. Beispielsweise stellt ein Ergebnis der Untersuchungen schwacher Beziehungen die Erkenntnis dar, dass es vor allem schwache Beziehungen sind, die den Austausch über Gruppengrenzen hinweg ermöglichen.

Arbeit zitieren:
Leutelt, Jasmin April 2010: Die Rolle von Kommunikation in nicht-hierarchischen Organisationen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Hierarchiefreiheit, Organisationsform, Kommunikation, Koordinationsmechanismen, Postbürokratie

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