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Die Rolle eines Intermediärs unter den Bedingungen vernetzten Arbeitens

Entwicklung eines Bezugsrahmens für ein Geschäftsmodell

Die Rolle eines Intermediärs unter den Bedingungen vernetzten Arbeitens
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Benjamin Holtz
  • Abgabedatum: März 2010
  • Umfang: 124 Seiten
  • Dateigröße: 1,6 MB
  • Note: 1,2
  • Institution / Hochschule: Universität der Künste Berlin Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-0517-0
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Holtz, Benjamin März 2010: Die Rolle eines Intermediärs unter den Bedingungen vernetzten Arbeitens, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Wissensökonomie, Netzwerke, Organisationstheorie, Netz-Kultur, Vernetztes Arbeiten

Diplomarbeit von Benjamin Holtz

Einleitung:

1, Einleitung – Erkenntnisinteresse und Zielstellungen:

Wissen ist im anbrechenden 21. Jhd. zur neuen Produktivkraft einer sich abzeichnenden postindustriellen Ökonomie geworden. Die Bedeutung der Ressourcen einer industriellen Ära verringert sich:

‘Mit der Höherstufung von Produkten und Dienstleistungen zu wissensbasierten, professionellen Gütern verlieren die herkömmlichen Produktionsfaktoren (Land, Kapital, Arbeit) gegenüber der implizierten oder eingebauten Expertise dramatisch an Bedeutung und damit mutiert die moderne kapitalistische Ökonomie schrittweise zu einer post-kapitalistischen, wissensbasierten Produktionsform.’ Im Zuge dieser Produktionsform rückt der Mensch, seines Zeichens Träger der immateriellen Wissens-Ressource, ins Zentrum der ökonomischen Betrachtung. So besteht die Herausforderung für das Management von Unternehmen aktuell darin, die Mobilisierung des menschlichen Wissens zu ermöglichen:

‘the work that needs to be done in the 21st. century […] is different from which was required in the 20th century […] The organizing model was designed to mobilize labor and capital, but today you need to mobilize mind power as well.’ Doch damit Wissenspotentiale verstärkt in Unternehmen einbezogen werden können, gilt es, das Internet als maßgebendes Strukturelement für die Wertschöpfung zu berücksichtigen. Denn die hohe Produktivkraft, die das Wissen heute entwickelt, ist zu einem wesentlichen Teil auf das Internet zurückzuführen. Hier wird das Wissen, verstanden als die ‘in Erfahrung eingebettete Information’ zu einem großen Teil produziert und distribuiert. Die besondere Kraft, die das Wissen dabei über das Internet erhält, ist in der Eigenschaft des ‚Netzes‘ als Kommunikationsmedium zu sehen. Dadurch, dass die Kommunikation eine Verbindung unzähliger informations- und datenverarbeitender Systeme über jede Grenze hinweg ermöglicht, hat Wissen heute neben einer nie da gewesenen Verbreitungs- auch eine bisher unbekannte Diversifikationsdimension in der Gesellschaft erreicht. Das Internet wird so zum Wissensmotor einer für die heute im gesellschaftlichen Diskurs immer wieder auftauchenden Chiffre von ‚Netzwerkgesellschaft‘ (Castells)‚ Wissensgesellschaft‘ (Stichweh), ‚Mediengesellschaft‘ (Giesecke) oder ‚Informationsgesellschaft’ (Bangemann).

‘Auf der Seite der Ökonomie setzt [die Wissensgesellschaft] voraus, dass drei Prozesse eine kritische Masse gewinnen und sich gegenseitig verstärken: zum einen die Ausbildung der lernenden, intelligenten Organisationen, dann ein Strukturwandel der Arbeit von der tayloristisch geprägten Industriearbeit zur Wissensarbeit, und schließlich die Ubiquität intelligenter Produkte, die dadurch gekennzeichnet sind, dass ihr wesentlicher Wert in der eingebauten Intelligenz liegt.’ Für das Unternehmen bedeutet das, sich in die Richtung einer solchen Organisation hin zu entwickeln. Für die Verarbeitung von Wissen in einer solchen Organisation heißt das, dass sich hier Strukturen dezentral vernetzter Arbeit entwickeln, die unterschiedlichste Systeme und ihre Wissenspotentiale zu einer neuen Form der Kooperation verbinden. Doch eine gezielte Steuerung dieser polyzentrischen Ressourcenpotentiale für die Wertschöpfung fehlt bisher weitgehend, um die Art von Produkten zu entwickeln, von denen oben die Rede ist.

Mein Interesse in dieser Arbeit besteht deshalb darin, eine Organisationsform zu entwickeln, die im Zeichen einer Wissensgesellschaft eine strategische Wissenswertschöpfung ermöglicht. Dabei steht im Zentrum der Betrachtung, welche Rolle Kommunikation hier bei der Vernetzung von Wissensarbeit spielt.

1.1, Hypothesen und Forschungsziele:

Hypothese 1: Aufgrund der herausragenden Stellung des Wissens in Verbindung mit einer gesellschaftsübergreifenden Vernetzung kann man heute von einer ‚Netz-Kultur‘ sprechen. Dadurch, dass sich die Qualität dieses Wissens über das ‚Netz‘ fundamental von dem des Buchdrucks unterscheidet, kann heute von einer kulturellen Transformation gesprochen werden. Im Zusammenhang mit diesem Kulturwechsel entwickelt sich parallel eine informationelle Ökonomie, die sich von einer rein materiellen differenziert. Eine grundlegende Differenzierung von beiden ergibt sich durch die Form der ökonomischen Produktion:

‘Materielle Produktion – wie die Produktion von Autos, Fernsehern, Kleidung und Nahrung – schafft die Mittel des gesellschaftlichen Lebens. […] Im Gegensatz dazu schafft immaterielle Produktion, zu der die Produktion von Ideen, Vorstellungen, Kommunikation, Kooperation und affektiven Beziehungen gehört, tendenziell nicht die Mittel des gesellschaftlichen Lebens, sondern gesellschaftliches Leben als solches.’ Ein zentraler Produktionsfaktor für die informationelle Ökonomie ist die Vernetzung dezentral verteilter Wissenspotentiale. Durch den Neuheitscharakter, den der Umgang mit vernetzten Wissen für Unternehmen mit sich bringt, kommt es zu einer ‘radikalen Neuorientierung und Neuordnung’ im Sinne einer ‘Next practice,’ die anstatt einer ‘Funktionsoptimierung’ im Umgang mit Wissen als Ressource einen ‘Prozessmusterwechsel’ verfolgt. Dieser Wechsel, so die hier gestellte Hypothese, erfordert ein Umdenken in Bezug auf den Einsatz und die Abstimmung von Ressourcenpotentialen zum Zweck der Wertschöpfung mit Netz-Wissen. Statt dass ein Unternehmens den Wettbewerbsvorteil in seiner Fähigkeit sucht, ‘to consolidate corporatewide technologies and production skills into competencies’, muss es hinsichtlich der Wissensproduktion seine Kern Kompetenzen heute dergestalt neu organisiseren, dass dieses Wissen zur Steuerung von Teilen der Wertschöpfung vermehrt außerhalb der Grenzen des Unternehmens selbst zu suchen und zu finden ist.

Das Ziel, das im Zusammenhang mit dieser Hypothese verfolgt wird, ist es eine Vorstellung über die neuen Anforderungen für die Wertschöpfung im ‚offenen‘ Arbeitsraum der informationellen Ökonomie zu entwickeln, durch deren Darstellung ein Prozessmusterwechsel sinnvoll erscheint. Im Fokus der Anforderungen steht der Umgang mit dem Wissen als neue Produktivkraft. Anhand dieser Vorstellung müssen Fähigkeiten im Umgang und der Integration der Vernetzung entwickelt werden. Diese Neuabstimmung soll auf der Grundlage des ‚Resource-based View‘ erfolgen.

Hypothese 2: Die Organisation von Wissensarbeit in der informationellen Ökonomie wird in Zeiten der Vernetzung von einem ‘Kontroll- zu einem Kooperationsproblem’ im Verhältnis von sozialen und personellen Systemen: ‘Der wesentliche Aspekt unter dem Paradigma der immateriellen Produktion [ist], in welch engem Verhältnis sie zur Kooperation und Kommunikation steht – kurz: ihre Begründung im Gemeinsamen.’ Diese Gemeinsamkeit spielt sich im Zusammenhang einer räumlichen Erweiterung des Arbeitsraumes ab, der sich vom einzelnen Unternehmen in die Vernetzung vieler unterschiedlicher Systeme erstreckt. Durch die räumliche Ausweitung werden direkte, einseitige Kontrollen für das Unternehmen erschwert und im Zusammenhang der Wissensproduktion kontraproduktiv. Statt des Problems der direkten Kontrolle stellt sich im Zusammenhang der Kooperation immer mehr die Frage, wie die räumliche Distanz zwischen den Systemen strategisch abgestimmt werden kann.

Andererseits entziehen sich Personen in der informationellen Ökonomie durch ihre veränderten Attitüden einer direkten Kontrolle im Unternehmen. Statt sich in hierarchisch organisierte Formen der Arbeitskoordination begeben zu wollen, steigen ihre Bedürfnisse zur Selbststeuerung. Auch hier schwinden durch das wachsende Bedürfnis zur Autonomie die Kontrollmöglichkeit für Unternehmen. Statt der Hierarchien benötigt man auf Grund dieser Autonomietendenzen eine andere Organisationsform, welche die Kontrollprobleme aus der hierarchischen Arbeitsorganisation hinter sich lässt und die Kooperationsprobleme der Systeme löst.

Das Ziel im Zusammenhang mit dieser Hypothese ist es, den Wechsel von der Kontroll- zur Kooperationsproblematik nachzuweisen. Dazu müssen zunächst die kommunikativen Bedingungen in einem unternehmenszentrierten, hierarchisch organisierten Arbeitsmodell geprüft werden. Dabei muss der Fokus auf die Rollenverteilung zwischen sozialen und personellen Systeme im Zusammenhang mit der hierarchischen Arbeitsorganisation gelegt werden. Eine besondere Bedeutung spielen dabei die Medien. Ihre Qualitäten charakterisieren das Wesen der hierarchischen Organisation dadurch, dass sie Bedürfnisse und Erwartungen zwischen sozialen und personellen Systemen ‚steuern‘.

Nachdem ein hinreichendes Rollen- und Medienverständnis im Zusammenhang von Hierarchien erarbeitet wurde, muss eine Einschätzung darüber erfolgen, wie sich die Kooperationsproblematik in der informationellen Ökonomie darstellt. In diesem Zusammenhang gilt es zu klären, inwieweit sich das Rollenverständnis ändert und welche Medien nun die Bedürfnisse und Erwartungen für eine Kooperation ‚steuern‘ können.

Hypothese 3: Um dezentrale Wissensressourcen durch die Vernetzung sozialer und personeller Systeme in einem Organisationsmodell ‚steuern‘ zu können, wird eine Organisation in der Mitte der Systeme, ein ‚Intermediär‘ benötigt. Seine Funktion ist die Beratung der Systeme in Bezug auf ein verändertes Rollen- und Ressourcenverständnis in der Netz-Kultur. ‘Das Schlüsselwort für den Zusammenhang von Wissen und Steuerung ist Beratung.’ Aus der Sicht des Intermediärs wird über die Beratung seiner Stakeholder neben der (Weiter-)Entwicklung ihres eigenen Rollen- und Ressourcenverständnisses auch das Vertrauen in den eigenen intermediären Service zur Abstimmung ihrer Ressourcenpotentiale untereinander erzeugt. Denn ohne diesen Service, so die These, verfehlen sich ihre verteilten Wissensressourcen gegenseitig und es kommt so nicht zu einer effektiven Wissens-Kooperation zwischen den Systemen. Durch das Erkennen dieser Problematik findet der Intermediär und sein Service die Akzeptanz der Stakeholder. Ist dies erreicht, schließt sich der Kreis einer neuen Arbeits-Organisation zur Wissenswertschöpfung, der aus sozialen, personellen Systemen und dem Intermediär besteht.

Das Ziel im Zusammenhang mit dieser Hypothese sieht vor, den Beratungsbedarf herauszuarbeiten, den soziale und personelle Systeme in einer Netz-Kultur haben. Zudem muss der Service zur Abstimmung ihrer jeweiligen Ressourcenpotentiale bestimmt werden.

Inhaltsverzeichnis:

EINLEITENDES ZITAT 1
INHALTSVERZEICHNIS 2
1. EINLEITUNG – ERKENNTNISINTERESSE UND ZIELSTELLUNGEN 4
1.1 HYPOTHESEN UND FORSCHUNGSZIELE 5
1.2 FORSCHUNGSLAGE UND EIGENER ANSATZ 8
2. RESSOURCENORIENTIERUNG IN ZEITEN DER NETZ-KULTUR 15
2.1 NETZ-WISSEN UND DAS ENDE INSTITUTIONSBESCHRÄNKTER WERTSCHÖPFUNG 15
2.2 GRUNDLAGEN ZUM RESSOURCE-BASED-VIEW 19
2.3 DIE KULTUR ALS NORM FÜR DIE AUSBILDUNG VON SYSTEMRESSOURCEN 20
2.4 DIE RESSOURCE DER ‚FÄHIGKEIT‘ IM UMGANG MIT DEM WISSEN DER NETZ-KULTUR 22
2.5 PROBLEME IN FORM VON ‚ROUTINEN‘ IM UMGANG MIT DEM WISSEN DER NETZ-KULTUR 23
2.6 EIN INTERAKTIVES, OUTPUTORIENTIERTES VERSTÄNDNIS DES WISSENS DER NETZ-KULTUR 24
3. ZUM ARBEITSRAUM IN DER NETZ-KULTUR 25
3.1 DIE BETRACHTUNG VON DIACHRONER ZEIT- UND SYNCHRONER STRUKTURACHSE 28
3.1.1 DIE SYSTEMENTWÜRFE AUF DER DIACHRONEN ZEITACHSE 28
3.1.2 DIE SYSTEMENTWÜRFE AUF DER SYNCHRONEN STRUKTURACHSE 28
3.1.3 DIE VERÄNDERUNGSINNBASIERTER OPERATIONSWEISEN 30
3.2 ZEITDIMENSION: DIE KO-EVOLUTION IM ARBEITSRAUM 31
3.3 SOZIALDIMENSION: DIE KOMMUNIKATION IM ARBEITSRAUM 32
3.4 RAUMDIMENSION: DIE RAUMVORSTELLUNG IM ARBEITSRAUM 37
3.5 SACHDIMENSION: DIE SYSTEM-DIFFERENZ IM ARBEITSRAUM 39
3.5.1 DIE PRIMÄRE GESELLSCHAFTS-DIFFERENZIERUNG UND IHRE FOLGEN FÜR DIE WIRTSCHAFT VON HEUTE 40
3.5.2 DIE SEKUNDÄRE WIRTSCHAFTS-DIFFERENZIERUNG UND DIE ENTKOPPLUNG VON PROBLEM UND LÖSUNG 41
4. ZUR STRATEGISCHEN PLANUNG DES ARBEITSRAUMS IN DER NETZ-KULTUR 44
4.1 DER INTERMEDIÄR 44
4.1.1 DIE BEDEUTUNG DES INTERMEDIÄRS FÜR DIE STRATEGISCHE PLANUNG 44
4.1.2 DIE KOORDINATION VON SYSTEMZIELEN DURCH DEN INTERMEDIÄR 46
4.2 DER IST-ZUSTAND: DAS REFERENZ- ODER PROBLEM-SZENARIO 47
4.2.1 DIE SYSTEM ANALYSE: TIME OF TRANSITION 49
4.2.1.2 DIE ANALYSE DER HEMMNISSE 53
4.2.1.3 DIE ROLLENVORSTELLUNG ALS HEMMNIS 54
4.2.1.4 DIE RESSOURCENVORSTELLUNG ALS HEMMNIS 56
4.2.2 DASREFERENZ SZENARIO 59
4.2.2.1 FORMULATING THE MESS 61
4.2.2.2 DIE PROBLEMVARIABLEN IN DER ZEITDIMENSION 62
4.2.2.3 DIE PROBLEMVARIABLEN IN DER STRUKTURDIMENSION 64
4.2.2.4 DIE PROBLEMVARIABLEN IN DER SOZIALDIMENSION 65
4.2.2.5 DIE PROBLEMVARIABLEN IN DER RAUMDIMENSION 65
4.3 IDEAL- UND SOLL-ZUSTAND: DAS ENTWICKLUNGSSZENARIO DES INTERMEDIÄRS 66
4.3.1 GRUNDLAGEN FÜR EIN INTERAKTIVES ENTWICKLUNGSSZENARIO DES INTERMEDIÄRS 66
4.3.1.1 GRUNDLAGEN ZUM ENDS-PLANNING 67
4.3.1.2 GRUNDLAGEN ZUM MEANS-PLANNING 69
4.3.1.3 DAS ENDS- UND MEANS-PLANNING DES INTERMEDIÄRS 70
4.3.2 DER IDEAL-ZUSTAND 72
4.3.2.1 TIME OF FUTURE PROSPECTS: IDEAL ZUSTAND (1) 73
4.3.2.2 DAS ‚IDEAL‘ DES ARBEITSRAUMES IN DER INFORMATIONELLEN ÖKONOMIE 76
4.3.2.3 TIME TO FIND A MISSION OF CONSENSUS: IDEAL ZUSTAND (2) 80
4.3.2.4 DER WISSENSMARKT AM BEISPIEL DES ‚SMART GRID‘ 85
4.3.2.4.1 DAS PRODUKTIONS-NETZWERK DES ‚SMART GRID‘ 88
4.3.2.4.2 DAS VERBRAUCHER-NETZWERK DES ‚SMART GRID‘ 89
4.3.2.4.3 ZUSAMMENFASSUNG DER WISSENSAKTIVITÄTEN DES ‚SMART GRIDS‘ 90
4.3.3 DER SOLL-ZUSTAND 92
4.3.3.1 TIME TO IDENTIFY NEEDS: ENDS- (GAP) PLANNING 92
4.3.3.2 DAS ENTWICKLUNGSDEFIZIT UND DIE BEDÜRFNISSE DER STAKEHOLDER 95
4.3.3.3 DIE MITTEL DES INTERMEDIÄRS ZUR SCHLIEßUNG DES ENTWICKLUNGSDEFIZITS 97
4.3.3.3.1 TIME TO DEVELOP KNOW-HOW: BEZIEHUNGS-BERATUNG 97
4.3.3.3.2 TIME TO COOPERATE: KOOPERATIONS-MANAGEMENT 100
5. FAZIT/ERGEBNISSE DER ARBEIT 104
5.1 ZUSAMMENFASSUNGEN DER BEFUNDE 105
5.2 DISKUSSION 111
5.3 AUSBLICK 113
6. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 115
7. ABBILDUNGSVERZEICHNIS 116
8. LITERATURVERZEICHNIS 117
9. DANKSAGUNG 121
10. EIDESSTATTLICHE ERKLÄRUNG 122

Textprobe:

Kapitel 2, Ressourcenorientierung in Zeiten der Netz-Kultur:

Historisch gesehen war die gesellschaftlich/ökonomische Entwicklung immer von der Existenz zentraler Ressourcen, bzw. Wirtschaftsgüter abhängig. In diesem Zusammenhang lassen sich historische Phasen erkennen, ‘in denen jeweils bestimmte Wirtschaftsgüter im Vordergrund standen und die Struktur der Wirtschaft prägten.’ So gesehen übernahm der ‚Boden’ in Zeiten einer agrarisch orientierten Produktion diese prägende Strukturfunktion, während in Zeiten einer voranschreitenden Industrialisierung nacheinander die Güter von ‚Arbeit’, ‚Rohstoffe’ und ‚Kapital’ die Produktionsweisen bestimmten. Heute vollzieht sich diese Strukturierung zunehmend durch die Energiequelle des ‚Wissens’.

2.1, Netz-Wissen und das Ende institutionsbeschränkter Wertschöpfung:

Dass das Wissen zunehmend die Strukturformationen der vergangenen Jahre ersetzt, kann man nicht zuletzt daran ablesen, dass Rohstoffe in den 90er Jahren einen Preisverfall von 60 % im Vergleich zu den 70er Jahre erlebten. Ähnlich drastisch verfiel in den letzten Jahrzehnten der Wert des Faktors Arbeit in unterschiedlichen industriellen Sparten. Zeitgleich mit der Abwertung von Rohstoffen und Arbeit nimmt der Produktionsfaktor Wissen bei der Produktion ‘einen Anteil von 60 bis 80% an der gesamten Wertschöpfung ein.’ Wissen ist damit zu der zentralen Produktivkraft unserer Zeit geworden. In nahezu allen Bereichen der Wertschöpfung ist der Anteil des Wissens gestiegen.

Doch Wissen wird heute nicht nur in der Wirtschaft zum kritischen Steuerungsfaktor der (Re-) Produktion. Vielmehr ist es zu einem dominanten Steuerungsmedium nahezu aller Funktionssysteme der Gesellschaft geworden. ‘Die strategische und operative Steuerung der Ressource Wissen [gewinnt] für die Reproduktion von Gesellschaften eine vergleichbare Bedeutung wie das Management von Arbeit und das Management von Kapital.’ Fortan beginnen sich diese parallel mit dem Aufkommen des neuen Steuerungsmediums nicht nur koevolutionär zu verändern, bzw. zu entwickeln, sondern verschmelzen zunehmend miteinander zu untrennbaren Größen. So sind z.B. Wissen und Arbeit, bzw. Wissen und Kapital selbst im sprachlichen Gebrauch bereits zusammengewachsen. Systeme stellen im Zusammenhang durch das Medium des Wissens zunehmend ihre Operationsweise um. So ist die Operationsweise von Banken nicht mehr auf die Kapitalversorgung der Wirtschaft gerichtet, sondern verlagert sich immer stärker auf das Tauschen von Wissen (z.B. über Derivatenhandel). Und das geschieht globalvernetzt, über jede geographische Grenzen hinweg. Bei diesem Handel wird über das Wissen von Kurs- oder Preisverläufen anderer Güter auf anderen Märkten spekuliert. Dabei spielt die Beschränkung eines daraus resultierenden Gewinns durch den Gegenwert materieller Ressourcen (z.B. Gold) kaum noch eine Rolle. Der volkswirtschaftliche Wert gerät so zum reinen Zahlenspiel. Diese Operationen beruhen mittlerweile auf einer so hohen Wissensexpertise, dass das ‘komplexe, hoch organisierte und globale vernetzte Marktgeschehen eine Eigendynamik entwickelt, die von außen kaum noch durchschaubar, geschweige denn kontrollierbar ist.’ Doch auch auf der Ebene von Konzernen setzt man auf das Geschäft mit dem Wissen. Erst jüngst verkündete die Telekom ihre Kooperation mit dem Elektrokonzern ABB. ‘Ziel der Kooperation sei es, gemeinsame Lösungen für das Energienetz der Zukunft, das sogenannte Smart Grid, zu entwickeln.’ In diesem intelligenten Stromnetz der Zukunft soll eine ‘kommunikative Vernetzung und Steuerung von Stromerzeugern’ möglich werden.

Auch im Consumer Bereich sind diese intelligenten Netz-Verknüpfungen angekommen. Und auch hier verbinden sich unterschiedliche Systeme zu Kooperativen innovativer Wissensproduktion. Die Rede ist von 355 Millionen Smart Phones weltweit und ihren unzähligen Anwendungsmöglichkeiten, sogenannten Apps. Neuesten Schätzungen zufolge werden bis zum Jahr 2013 mindestens 15 Milliarden Umsatz weltweit mit diesen Smart-Phone-Anwendungen erreicht sein. Eine lukrative Kooperation für die Beteiligten. Während Hersteller wie Nokia, Sony und auch Google die Mobilfunkgeräte anbieten, entwickeln Softwarehersteller Applikationen für nahezu jeden Spaß und jeden Verwendungszweck. Jedoch können sich nicht nur Agenturen um die Entwicklung dieser Anwendungen bemühen. Apple beispielsweise bietet auf dem eigens für diesen Markt geschaffenen Portal selbst jedem Einzel-Entwickler die Möglichkeit, seine Applikationen online zu stellen und zu verkaufen. Eine Wertschöpfung, die in dieser Arbeit eine große Rolle spielt, da sie eine Verknüpfung zwischen sozialen und personellen Systeme losgelöst von jeder räumlichen und zeitlichen Bindung ermöglicht.

Man könnte die Liste mit Beispielen für intelligente, kooperative Wissenssysteme beliebig fortsetzen. Die oben aufgeführten Beispiele zeigen jedoch in ausreichendem Maß die wachsende Dominanz des Wissens als systemübergreifendes Steuerungsmedium. Aufgrund dieser umfassenden Wissens-Vernetzung innerhalb der Gesellschaft wird im Verlauf der Arbeit immer wieder von einer ‚Netz-Kultur‘ gesprochen. Angesichts der Dringlichkeit für neu aufkommende Steuerungsfragen in Bezug auf die Handhabung dieser Netz-(Wissens-)Kultur scheint es nur noch eine Frage von Zeit zu sein, wann es neben dem Finanz- auch ein Wissensministerium gibt.

Doch wie sehen die Strukturveränderungen innerhalb der neuen Wissensordnung aus, die sich im Sektor der Wirtschaft vollziehen? Hier stellt man fest, dass ‘die Generierung neuen relevanten Wissens aus dem Wissenschaftssystem heraus in alle denkbaren gesellschaftlichen Bereiche [expandiert] und [sich] vervielfältigt in ‚multiple centers of experience‘, die operatives Wissen produzieren und verwalten und die somit in den gesellschaftlich umfassenden Prozess der Allokation und Dislozierung von Wissen eingreifen.’ Durch diese Entwicklung kann sich die Wertschöpfung immer weniger nur auf Wirtschaftsorganisationen beschränken, da sich über die Wirtschaft hinaus interessante Wissensverknüpfungen herstellen lassen. Folglich muss die Einteilung in eine streng funktional differenzierte Gesellschaft im Zusammenhang der Wissensproduktion zunehmend in Frage gestellt werden. Stattdessen werden Neu-Verschränkungen des Wissens über Funktionssysteme hinweg überall sichtbar. Im Zusammenhang mit dieser systemübergreifenden Wissens-Verschränkung zum Zweck der Wertschöpfung wird im Folgenden der Begriff der ‚informationellen Ökonomie‘ eingeführt.

Für die informationelle Ökonomie bedeutet es, dass grundsätzlich überall Verbindungen zu ursprünglich nicht ökonomischen Prozessen hergestellt werden können, in denen die Wirtschaft mit nahezu allen anderen Systemen der Gesellschaft über jeden primär ökonomischen Zusammenhang hinweg verbunden ist. Wenn es jedoch zu einer grenzüberschreitenden Verbindung grundsätzlich autopoietischer Systeme kommt, muss man beachten, dass die Systeme ‘als Folge der Autonomisierung und operativen Abschließung […] ihre eigenen Spezialsprachen, Relevanzkriterien, Exklusionen und Eigen-Sinnigkeiten entwickeln und so die Kommunikation zwischen Spezialisten zum Problem werden lassen.’ Dieses Verständigungsproblem in der Sache gilt es zu überwinden, ehe man zu einer Kooperation im Sinne der zweiten These dieser Arbeit kommen kann.

Wenn man die Vernetzung unter dem Aspekt der Kommunikation bewertet, muss man das spezifische Kommunikationsmedium in Abhängigkeit der Zeit betrachten. Hier rückt das Medium des ‚Internets‘ in den Fokus. Dieses Kommunikationsnetz macht es letztendlich möglich, die Begrenztheit einzelner Systeme zu überwinden und zu den Wissens-Netzwerken zu kommen, in denen Wissen grenzüberschreitend kommuniziert, produziert und distribuiert wird. Die Folge dieser Vernetzung sind ‘Innovations- und Zuliefernetzwerke, [die] neue Potentiale erschließen.’ Während sich Wissen in vorherigen Zeiten noch als Additiv in Ressourcen wie Arbeit, Kapital, Umwelt und Boden befand, ist heute das Wissen über die digitalen Netze explizit verhandelbar und damit auch neben den anderen Ressourcen gesondert zu nennen. Somit gewinnt Wissen über diese neuartigen Kommunikationsnetzwerke eine gewisse Unabhängigkeit und entwickelt dadurch eine eigene Dynamik. Im Vergleich zur bisherigen industriellen Fertigung erscheinen bei der nun entstandenen netzbasierten Wissensentwicklung die materiellen Güter nahezu völlig losgelöst bzw. als bloßes Beiwerk von Wissen. Auf diese Weise vollzieht sich einerseits eine Entkopplung von materieller und informationsbezogener Produktion immer deutlicher. Andererseits werden die materiellen Produkte zunehmend wissensbasierter und damit rekombiniert sich die materielle Produktion mit dem Wissen auf neue Weise. Damit ist die materielle und informationelle Ebene immer nur noch als Einheit von Differenz zu verstehen und letztlich nur in Verbindung miteinander zu betrachten. Jedoch dürfte sich heute die Gewichtung dieser Verbindung eindeutig zugunsten der informationsbezogenen (Produktions-)Ebene verschieben.

Neben Marketingmaßnahmen entwickeln sich in Wirtschaftsorganisationen, die die neuen digitalen Kommunikationsnetze nur als erweitertes Interface für digitale Werbung und Kundenbeziehungen nutzen, auch immer mehr Mischformen handfester, vernetzter Wertschöpfung. Diese sind bekannt unter dem Namen Open Source bzw. –Innovation , Crowdsourcing und Cloud Computing und stehen sinnbildlich für eine voranschreitende ‘Entgrenzung, Entbetrieblichung’ von Wissenproduktionen und deren Verbreitung. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie nicht mehr zu reduzieren sind auf (Wirtschafts-) Institutionen. Schon die metaphorische Namensgebung für diese neuartigen Arbeitsformen lässt den offenen, vernetzten und institutionsübergreifenden Charakter der Wissenskooperationen erahnen. Hier verbinden sich über digitale Kommunikationsnetze unterschiedliche Systeme und verschmelzen so unter dem Austausch von Wissen zu einer ‚anderen‘ Form von Wertschöpfung. Diesem Verständnis nach dürfen (Wissens-) Ressourcen zum Zweck von Wettbewerbsvorteilen nicht mehr zwangsläufig von denen anderer Organisationen abgegrenzt werden. Stattdessen müssen unterschiedliche Potenziale gesucht werden und sich einander ergänzen. So bilden sich institutionsübergreifende Ereignisketten, die immer neue Konstellationen der Wertschöpfung aufweisen können.

Arbeit zitieren:
Holtz, Benjamin März 2010: Die Rolle eines Intermediärs unter den Bedingungen vernetzten Arbeitens, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Wissensökonomie, Netzwerke, Organisationstheorie, Netz-Kultur, Vernetztes Arbeiten

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