Ritualisierte Formen der Spaltung, der Zerteilung und der Zerstückelung in Gottfrieds 'Tristan'
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Eva Köppl
- Abgabedatum: Januar 2006
- Umfang: 135 Seiten
- Dateigröße: 1,1 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- Bibliografie: ca. 263
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0189-4
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8366-0189-4 P - ISBN (CD) :978-3-8366-0189-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Köppl, Eva Januar 2006: Ritualisierte Formen der Spaltung, der Zerteilung und der Zerstückelung in Gottfrieds 'Tristan', Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Literaturwissenschaft, Tristan, Gender, Mythos, Ritual
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Magisterarbeit von Eva Köppl
Zusammenfassung:
Die Arbeit untersucht auf literaturwissenschaftlicher wie auf anthropologischer Ebene Ritualformen in Gottfrieds Werk, die Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung ins Zentrum stellen. Die Zerstückelung des Feindes Morold im Kampf ist als gender-konstituierender Faktor zu betrachten; ihr liegt möglicherweise ein kriegerisches Initiationsritual zugrunde (Stichwort: Heilige Hitze).
Der Bast des Hirschen, d.h. seine Form der Zerteilung, findet in äußerst kunstgerechter Ausprägung statt. Später wird der Hirsch wieder zusammengesetzt und als lebendiger (Gemeinschafts)körper, den die Gruppe bildet, präsentiert.
Für das Bastritual werden unter anderem Parallelen zu Formen wissenschaftlicher Sezierung ebenso wie zu solchen der Transsubstantiation, der Zerteilung und des symbolischen Essens eines Gottes zugrunde.
Im Jagdmotiv finden sich mythische Parallelen des Initiationsthemas, etwa in Bezug auf den Gott Dionysos. Darüber hinaus erlebt Tristan selbst häufig eine symbolische Form der Spaltung, etwa als soziale Person, und auch in seiner Trennung von der Geliebten Isolde. Diese Spaltungserfahrungen sind auch im Zusammenhang mit dem Zerteilungs- und Zerstückelungsthema zu sehen. Die Grottenerfahrung der absoluten Verschmelzung im Reich der Liebesgöttin verhält sich zu der beschriebenen Spaltungserfahrung antagonistisch, aber auch komplementär; ihr liegt ein Initiationsritus zugrunde, der auf Regression beruht. Er ist u.a. mit neoplatonischen Gedankengut in Verbindung zu bringen.
Inhaltsverzeichnis:
| Inhaltsverzeichnis | ||
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.1 | Uneinheitlichkeit als strukturelles Merkmal | 1 |
| 1.2 | Rituelle Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung in Gottfrieds Tristan | 2 |
| 1.3 | Verwendete Forschungsliteratur | 5 |
| 1.4 | Einbeziehung verwandter Fassungen | 6 |
| 2. | Ritualtheorien | 7 |
| 2.1 | Anmerkungen zum Thema Ritual | 7 |
| 2.2 | Das Ritual als Mittel, um Unkontrollierbares unter Kontrolle zu bringen | 8 |
| 2.3 | Van Genneps Stufenmodell des rite de passage und Turners Thesen zum Schwellenreich | 9 |
| 2.4 | Zum Initiationsritus | 10 |
| 2.4.1 | Der Initiationsritus als Übergangsphänomen | 10 |
| 2.4.2 | Initiation im Hochmittelalter | 12 |
| 2.4.3 | Initiatorischer Tod, Zerstückelung und Wiedergeburt in der Mythologie | 13 |
| 3. | Allgemeine Überlegungen zu Ritual und Spaltung in Gottfrieds Tristan | 14 |
| 3.1 | Die Präsenz von Ritualen in der Literatur des Mittelalters | 14 |
| 3.2 | Tod, Spaltung und „Wiedergeburt“ als textstrukturierende Elemente | 15 |
| 3.3 | Entwicklungsweg, Initiations- und Übergangsriten in Gottfrieds Tristan | 16 |
| 3.4 | Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung als rituelle Formen in Bastritual und Morold-kampf | 18 |
| 4. | Ritual, Spaltung und Zerstückelung im Moroldkampf | 18 |
| 4.1 | Die Bedeutung des Moroldkampfesim Werk | 18 |
| 4.2 | Der Moroldkampf und die „militärische Initiation“ | 19 |
| 4.2.1 | Kennzeichen militärischer Initiationsformen nach Eliade | 19 |
| 4.2.2 | Das liminale Setting des Moroldkampfes | 20 |
| 4.2.3 | Heilige Hitze und hitzige Wut | 20 |
| 4.2.4 | Magische Hitze und die symbolische Aneignung der Kräfte eines wilden Tieres - die Ebersymbolik | 21 |
| 4.2.5 | Der Kampf ganzer Heere als Kennzeichen der militärischen Initiationsform | 23 |
| 4.2.6 | Sakrale Führung und rechtliche Fixierung | 24 |
| 4.2.7 | Fazit zu Elementen der militärischen Initiationsform im Moroldkampf | 26 |
| 4.3 | Indexikalität, Ästhetik, Stellvertreterkampf und gender | 26 |
| 4.3.1 | Indexikalität und gender: Rituelle Funktionen des Moroldkampfes nach den Theorien von Rappaport, Laqueur und Geertz | 26 |
| 4.3.2 | Zerstückelung des Körpers und des Panzers im Moroldkampf und der rituelle Akt der Determinierung von „gender“ | 31 |
| 4.3.3 | Zusammenfassung: Veränderung der Wertigkeit - die Diskursivität der sakralen Mächte und die Konstruktion von Männlichkeit im Stellvertreterkampf | 34 |
| 4.3.4 | Die Funktion von Ästhetik bei der Einkleidung und Ausrüstung Tristans und die Sprengung des künstlichen Panzers | 35 |
| Exkurs I. | Heilung von den Wunden und der Prozess der Entfragmentierung als Gegenprinzip der Spaltung | 38 |
| 5. | Spaltung und Zerteilung im Bastritual | 42 |
| 5.1 | Das Bastritual und seine rituellen Funktionen | 42 |
| 5.1.1 | Die Signifikanz des Bastrituals als Ritual der Zerteilung und Spaltung | 42 |
| 5.1.2 | Liminale Ausgangssituation: Zur Vorgeschichte des Bastrituals | 42 |
| 5.1.3 | Zeigen geht vor Erklären: Der Bast als performatives Ritual der Spaltung und Zerteilung und die Vermittlung von Können und Wissen | 43 |
| 5.1.4 | Bast als Enthäutung und Enthüllung; Entkleiden und Bekleiden | 48 |
| 5.2 | Tristans Vorgehen und seine rituelle Bedeutung | 50 |
| 5.2.1 | Der Bast als Teilritual: Zerteilung eines Lebewesens als Performance | 50 |
| 5.2.2 | Die Furkie - Überhöhung, symbolische Kastration und rituelle Verschleierung | 52 |
| 5.2.3 | Die Curie - Symbolisches Verwerfen und Arrangement des „Minderwertigen“ | 57 |
| 5.2.4 | Die Semantik des prîsant; symbolisches Wieder- Zusammensetzen des Zerteilten | 59 |
| 5.3 | Sakrales und initiatorisches Opfer und der Bast | 63 |
| 5.3.1 | Zerteilung, initiatorisches Opfer und Transformation im Bastritual | 63 |
| 5.3.2 | Sakralität und Gemeinschaftsopfer: Brotmetapher undBastritual im Vergleich | 65 |
| 5.3.3 | Mythologisches Opfer und Initiation. Zum mythischen Bild des Gespaltenseins und der Zerstückelung. Dionysos und andere zerstückelte Gottheiten als liminale Gestalten und rituelle Opferhelden und Gottfrieds Tristan | 70 |
| 5.3.4 | „Gläubige“ Reaktion und Mythosanalogie in der Bastszene | 72 |
| 5.4 | Gruppenbildung und Nahrungskommunikation | 74 |
| 5.4.1 | Gruppenbildung und rituelle Gesichtspunkte der Nahrungsaufnahme und des Opferungsmythos im Zusammenhang mit Zerteilung und Synthese | 74 |
| 5.4.2 | Das Jagdmotiv und der Aspekt derNahrungskommunikation | 75 |
| 5.4.3 | Transsubstantiation und symbolisches Mahl. Die Mysterien der Nahrungsaufnahme und die Naturphilosophie | 77 |
| 5.4.4 | Der Nahrungszirkel und seine Analogien zum initiatorischen Opferritual | 80 |
| 5.4.5 | Archaische und mythische Jagd und die Performance der Zerteilung. Paradigmenwechsel in der Semantik des Hirschen und seiner Mittlerfunktion und die Bezüge zu Gottfrieds Tristan | 82 |
| 5.5 | Bast, Sezierung, Analyse und Wissenschaft. Die sezierende „Analyse“ der Teile und das Ganze | 85 |
| 5.6 | Zusammenfassung und Ergänzungen zu ritueller Verschleierung und Bewältigung des Unwägbaren | 90 |
| 5.6.1 | Euphemistische Sprache und rituelle Elemente im Bastritual | 90 |
| 5.6.2 | Bewältigung von Unwägbarem in der ”royal procession” | 92 |
| 5.7 | Dramatisierung der Konflikte: Deep play von Clifford Geertz in Bastritual und Moroldkampf | 95 |
| 5.8 | Fazit: Vergleich zwischen ritueller Spaltung/Zerteilung/Zerstückelung in Moroldkampf und Bastritual | 96 |
| Exkurs II | 98 | |
| A. | Synthese, Verschmelzung und Vereinigung in der Minnegrotten-Episode | 98 |
| B. | Die „Erlebnisstruktur“ der Grotte als symbolischem Ort der Minne | 99 |
| C. | Die Bedeutung der Höhlen- und Grottensymbolik für initiatorische Themen und Gottfrieds Minnegrotte | 99 |
| D. | Einheit und Verschmelzung als initiatorisches Thema und der Ort die Grotte als Minneort .Rundheit und Geschlossenheit, Uterus und Urorobus | 101 |
| E. | Einfachheit und Einheitlichkeit | 103 |
| Fazit. | Verschmelzung und Zerteilung: Bastritual und Minnegrotten-Episode | 106 |
| Literaturverzeichnis | 111 |
Inhaltsverzeichnis:
| Inhaltsverzeichnis | ||
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.1 | Uneinheitlichkeit als strukturelles Merkmal | 1 |
| 1.2 | Rituelle Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung in Gottfrieds Tristan | 2 |
| 1.3 | Verwendete Forschungsliteratur | 5 |
| 1.4 | Einbeziehung verwandter Fassungen | 6 |
| 2. | Ritualtheorien | 7 |
| 2.1 | Anmerkungen zum Thema Ritual | 7 |
| 2.2 | Das Ritual als Mittel, um Unkontrollierbares unter Kontrolle zu bringen | 8 |
| 2.3 | Van Genneps Stufenmodell des rite de passage und Turners Thesen zum Schwellenreich | 9 |
| 2.4 | Zum Initiationsritus | 10 |
| 2.4.1 | Der Initiationsritus als Übergangsphänomen | 10 |
| 2.4.2 | Initiation im Hochmittelalter | 12 |
| 2.4.3 | Initiatorischer Tod, Zerstückelung und Wiedergeburt in der Mythologie | 13 |
| 3. | Allgemeine Überlegungen zu Ritual und Spaltung in Gottfrieds Tristan | 14 |
| 3.1 | Die Präsenz von Ritualen in der Literatur des Mittelalters | 14 |
| 3.2 | Tod, Spaltung und „Wiedergeburt“ als textstrukturierende Elemente | 15 |
| 3.3 | Entwicklungsweg, Initiations- und Übergangsriten in Gottfrieds Tristan | 16 |
| 3.4 | Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung als rituelle Formen in Bastritual und Morold-kampf | 18 |
| 4. | Ritual, Spaltung und Zerstückelung im Moroldkampf | 18 |
| 4.1 | Die Bedeutung des Moroldkampfesim Werk | 18 |
| 4.2 | Der Moroldkampf und die „militärische Initiation“ | 19 |
| 4.2.1 | Kennzeichen militärischer Initiationsformen nach Eliade | 19 |
| 4.2.2 | Das liminale Setting des Moroldkampfes | 20 |
| 4.2.3 | Heilige Hitze und hitzige Wut | 20 |
| 4.2.4 | Magische Hitze und die symbolische Aneignung der Kräfte eines wilden Tieres - die Ebersymbolik | 21 |
| 4.2.5 | Der Kampf ganzer Heere als Kennzeichen der militärischen Initiationsform | 23 |
| 4.2.6 | Sakrale Führung und rechtliche Fixierung | 24 |
| 4.2.7 | Fazit zu Elementen der militärischen Initiationsform im Moroldkampf | 26 |
| 4.3 | Indexikalität, Ästhetik, Stellvertreterkampf und gender | 26 |
| 4.3.1 | Indexikalität und gender: Rituelle Funktionen des Moroldkampfes nach den Theorien von Rappaport, Laqueur und Geertz | 26 |
| 4.3.2 | Zerstückelung des Körpers und des Panzers im Moroldkampf und der rituelle Akt der Determinierung von „gender“ | 31 |
| 4.3.3 | Zusammenfassung: Veränderung der Wertigkeit - die Diskursivität der sakralen Mächte und die Konstruktion von Männlichkeit im Stellvertreterkampf | 34 |
| 4.3.4 | Die Funktion von Ästhetik bei der Einkleidung und Ausrüstung Tristans und die Sprengung des künstlichen Panzers | 35 |
| Exkurs I. | Heilung von den Wunden und der Prozess der Entfragmentierung als Gegenprinzip der Spaltung | 38 |
| 5. | Spaltung und Zerteilung im Bastritual | 42 |
| 5.1 | Das Bastritual und seine rituellen Funktionen | 42 |
| 5.1.1 | Die Signifikanz des Bastrituals als Ritual der Zerteilung und Spaltung | 42 |
| 5.1.2 | Liminale Ausgangssituation: Zur Vorgeschichte des Bastrituals | 42 |
| 5.1.3 | Zeigen geht vor Erklären: Der Bast als performatives Ritual der Spaltung und Zerteilung und die Vermittlung von Können und Wissen | 43 |
| 5.1.4 | Bast als Enthäutung und Enthüllung; Entkleiden und Bekleiden | 48 |
| 5.2 | Tristans Vorgehen und seine rituelle Bedeutung | 50 |
| 5.2.1 | Der Bast als Teilritual: Zerteilung eines Lebewesens als Performance | 50 |
| 5.2.2 | Die Furkie - Überhöhung, symbolische Kastration und rituelle Verschleierung | 52 |
| 5.2.3 | Die Curie - Symbolisches Verwerfen und Arrangement des „Minderwertigen“ | 57 |
| 5.2.4 | Die Semantik des prîsant; symbolisches Wieder- Zusammensetzen des Zerteilten | 59 |
| 5.3 | Sakrales und initiatorisches Opfer und der Bast | 63 |
| 5.3.1 | Zerteilung, initiatorisches Opfer und Transformation im Bastritual | 63 |
| 5.3.2 | Sakralität und Gemeinschaftsopfer: Brotmetapher undBastritual im Vergleich | 65 |
| 5.3.3 | Mythologisches Opfer und Initiation. Zum mythischen Bild des Gespaltenseins und der Zerstückelung. Dionysos und andere zerstückelte Gottheiten als liminale Gestalten und rituelle Opferhelden und Gottfrieds Tristan | 70 |
| 5.3.4 | „Gläubige“ Reaktion und Mythosanalogie in der Bastszene | 72 |
| 5.4 | Gruppenbildung und Nahrungskommunikation | 74 |
| 5.4.1 | Gruppenbildung und rituelle Gesichtspunkte der Nahrungsaufnahme und des Opferungsmythos im Zusammenhang mit Zerteilung und Synthese | 74 |
| 5.4.2 | Das Jagdmotiv und der Aspekt derNahrungskommunikation | 75 |
| 5.4.3 | Transsubstantiation und symbolisches Mahl. Die Mysterien der Nahrungsaufnahme und die Naturphilosophie | 77 |
| 5.4.4 | Der Nahrungszirkel und seine Analogien zum initiatorischen Opferritual | 80 |
| 5.4.5 | Archaische und mythische Jagd und die Performance der Zerteilung. Paradigmenwechsel in der Semantik des Hirschen und seiner Mittlerfunktion und die Bezüge zu Gottfrieds Tristan | 82 |
| 5.5 | Bast, Sezierung, Analyse und Wissenschaft. Die sezierende „Analyse“ der Teile und das Ganze | 85 |
| 5.6 | Zusammenfassung und Ergänzungen zu ritueller Verschleierung und Bewältigung des Unwägbaren | 90 |
| 5.6.1 | Euphemistische Sprache und rituelle Elemente im Bastritual | 90 |
| 5.6.2 | Bewältigung von Unwägbarem in der ”royal procession” | 92 |
| 5.7 | Dramatisierung der Konflikte: Deep play von Clifford Geertz in Bastritual und Moroldkampf | 95 |
| 5.8 | Fazit: Vergleich zwischen ritueller Spaltung/Zerteilung/Zerstückelung in Moroldkampf und Bastritual | 96 |
| Exkurs II | 98 | |
| A. | Synthese, Verschmelzung und Vereinigung in der Minnegrotten-Episode | 98 |
| B. | Die „Erlebnisstruktur“ der Grotte als symbolischem Ort der Minne | 99 |
| C. | Die Bedeutung der Höhlen- und Grottensymbolik für initiatorische Themen und Gottfrieds Minnegrotte | 99 |
| D. | Einheit und Verschmelzung als initiatorisches Thema und der Ort die Grotte als Minneort .Rundheit und Geschlossenheit, Uterus und Urorobus | 101 |
| E. | Einfachheit und Einheitlichkeit | 103 |
| Fazit. | Verschmelzung und Zerteilung: Bastritual und Minnegrotten-Episode | 106 |
| Literaturverzeichnis | 111 |
Textprobe:
Kapitel 4.2.4, Magische Hitze und die symbolische Aneignung der Kräfte eines wilden Tieres – die Ebersymbolik: Das Eberemblem auf Tristans Schild wird in der Sekundärliteratur verschieden interpretiert. Der Stellenkommentar betont in Bezug auf die Bedeutung des Ebersignums als heroischem Symbol für Unerschrockenheit und Kampfzorn, wie es in der frühhöfischen Dichtung in Erscheinung tritt.
Für sich betrachtet wäre dieses Signum einfach als Element der Heraldik anzusehen. Doch im Zusammenhang mit anderen im Moroldkampf erkennbaren Elementen der militärischen Initiationsform legt die Vermutung nahe, dass es einen Hinweis auf eine ursprüngliche Identifikation des Kämpfers mit dem Eber als wildem Tier darstellt, wie sie auch in militärischen Initiationen stattfindet.
Auf Tristans Schild ist der Eber tief schwarz abgebildet: „von swarzem zobel alsam ein kol” und „vil nâch ze koln verbrant”. Glühende Kohlen im Zusammenhang mit einem ekstatischen Zustand sind ein Bild für initiatorische Überhitzung. Die Metapher der schwarzen, ausgebrannten Kohle deutet möglicherweise auf dieses Motiv in einem anderen „Aggregatszustand“ hin.
Das Moment der rasenden Kampfeswut, mit der sich die Gegner aufeinander zu bewegen, korrespondiert vor allem mit den wilden, ungezügelten Eigenschaften des Ebers in Marjodos Traum. Auch der Stellenkommentar betont die enge Verbindung der Textpassagen, in denen die Ebersymbolik in Erscheinung tritt. „Zwischen Wappentier und der Traumerscheinung besteht ein offenkundiger Verweisbezug“.
In der Szene von Marjodos Traum ist der Eber eindeutig mit Tristan identifiziert. Das wilde Tier – oder Tristan - dringt im Traum des Höflings den Bereich Markes ein. Es ist mit Blut, Schmutz und Sexualität assoziiert, was ebenfalls auf Liminalität und wahrscheinlich auch auf initiatorische Elemente verweist. ”Tristan’s blood is designed to summon up the boar’s foam.” Aus der Sicht des Hofes steht Tristan für die zerstörerischen, also für die gesellschaftsfeindlichen Kräfte, die mit liminalen bzw. mit liminal- initiatorischen korrespondieren.
4.2.5, Der Kampf ganzer Heere als Kennzeichen der militärischen Initiationsform: Im Text wird explizit erwähnt, dass neben Tristan und Morold auch andere Kräfte aktiv mit am Kampfgeschehen teilhaben.
Die „Helfer“ Tristans wiegen zusammen mit ihm selbst die Kampfeskraft von vier Männern auf, die Morold alleine aufbringt; insgesamt bestimmt also die Stärke von acht Männern das Gesche-hen. Aufgrund der virtuellen Beteiligung mehrerer Personen wird der Kampf als Kampf „von zwein rotten”, Truppen oder Heeren bezeichnet. Es liegt hier also ein Gefecht Mann gegen Mann im Sinne einer Einzelprüfung vor, der gleichzeitig aber auch als ein Kampf zweier „Heere“ oder „Truppen“ von Männern gedeutet wird. Dies scheint weitgehend dem zu entsprechen, was Eliade als ein Kennzeichen der militärischen Initiationsform nennt.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836601894
Arbeit zitieren:
Köppl, Eva Januar 2006: Ritualisierte Formen der Spaltung, der Zerteilung und der Zerstückelung in Gottfrieds 'Tristan', Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Literaturwissenschaft, Tristan, Gender, Mythos, Ritual



