Rhythmuswahrnehmung in der Muttersprache und in einer Fremdsprache
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Anna Schor-Tschudnowskaja
- Abgabedatum: September 2000
- Umfang: 90 Seiten
- Dateigröße: 791,8 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Justus-Liebig-Universität Gießen Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6070-9
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6070-9 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6070-9 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Schor-Tschudnowskaja, Anna September 2000: Rhythmuswahrnehmung in der Muttersprache und in einer Fremdsprache, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Sprachentwicklung, Sprachwahrnehmung, Kognitive Interferenz, Bezugstheorien, Didaktik der Frempsprachen
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Diplomarbeit von Anna Schor-Tschudnowskaja
Einleitung:
Die vorliegende Diplomarbeit ist der Untersuchung von Rhythmuswahrnehmung in der Sprache gewidmet. Sie setzt sich sowohl theoretisch als auch empirisch mit der Frage auseinander, ob die Wahrnehmung von Sprachrhythmen in der Muttersprache und in einer nicht verständlichen Fremdsprache unterschiedlich ausfällt.
Als Versuchsmaterial dienten Zweizeiler aus deutschen und russischen Gedichten. Diese Zweizeiler wurden in Paaren dargeboten und sollten hinsichtlich ihrer rhythmischen Struktur miteinander verglichen werden. Die rhythmische Struktur wurde variiert, indem die beiden Zweizeiler entweder im gleichen oder im unterschiedlichen Versmaß standen. Als Ergebnis kam heraus, daß der Vergleich in einer nicht verständlichen Sprache kaum möglich war. In der Muttersprache waren die Versuchspersonen dazu geneigt, den Rhythmus eher als verschieden anzusehen sogar dann, wenn er in Wirklichkeit gleich war. Dagegen wurde bei den bilingualen Aufgaben der gleiche Rhythmus fast immer erkannt. Der unterschiedlicher Rhythmus zweier verschiedener Sprachen wurde kaum wahrgenommen.
Die Versuchsergebnisse werden am Ende der Arbeit ausführlich besprochen. Zu ihrer Interpretation wurden die Theorie der Bezugssysteme in der Wahrnehmung und das Konzept der rhythmischen Monotonie vorgeschlagen. Abschließend werden einige methodische Kritikpunkte sowie Vorschläge für weitere Untersuchungen diskutiert.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Kurzzusammenfassung | 2 |
| 2. | Einleitung | 3 |
| 3. | Rhythmische Vielfalt | 5 |
| 3.1 | Rhythmus in der lebendigen und nicht lebendigen Natur | 5 |
| 3.2 | Rhythmus in der Sprache | 8 |
| 3.3 | Versmaße der Gedichte | 13 |
| 4. | Spracherwerb | 20 |
| 4.1 | Erwerb der Muttersprache | 21 |
| 4.2 | Erwerb einer Fremdsprache | 27 |
| 5. | Zeit, Sprache und Rhythmus | 33 |
| 6. | Hinführung zur Fragestellung und Hypothesen | 40 |
| 7. | Methoden | 43 |
| 7.1 | Operationalisierung der Fragestellung | 43 |
| 7.2 | Zweizeiler-Paare | 45 |
| 7.3 | Stichprobe | 49 |
| 7.4 | Versuchsaufbau | 49 |
| 7.5 | Statistische Auswertung der Daten | 53 |
| 8. | Ergebnisse | 55 |
| 9. | Interpretation und Diskussion der Ergebnisse | 71 |
| 10. | Literaturverzeichnis | 80 |
| 11. | Anhang | 85 |
| 12. | Erklärung | 131 |
es beim rhythmischen Geschehen mit letztlich physiologischen, vitalen Sachverhalten zu tun haben, fragen wir bei der Akzentgebung nach den stimmlichen Ausdrucksmitteln, mit denen die rhythmischen Abläufe verquickt sind. Diese Fragestellung setzt keineswegs so tiefschichtig an, sondern bewegt sich zum Teil sogar in psychologischen Bereichen, die dem verstandesmäßigen Abstrahieren zugänglich sind« (Fährmann, 1982, S. 152). Frequenz, Dauer und Intensität sind die Hauptdeterminanten der Betonung. Sie beziehen sich auf Silben. Unter Silbe versteht man phonologisch eine Phonemkombination mit einem Vokalzentrum, das von Konsonanten oder Konsonantenkombinationen umgeben ist. Betonung entsteht, indem man den Vokal einer Silbe lauter ausspricht, höher intoniert oder verlängert. Es handelt sich also um eine Eigenschaft des Vokalzentrums einer Silbe. Die Betonungswahrnehmung ist wiederum kontextabhängig ( Kürsten & Schöler, 1991). Auch Müller & Humpert (1994) bezeichnen Rhythmus als die zeitliche Organisation einer Reihenfolge von fortlaufenden Klangereignissen. Laut dieser Autoren wird Rhythmus immer dann wahrgenommen, wenn in einer Reihe von Tonereignissen ein Ton gegenüber den anderen erstens länger oder lauter ist, und zweitens sich in der Tonhöhe oder in der Klangfarbe von den anderen unterscheidet. Trotzdem weisen diese Autoren auf die Vielfalt der Faktoren hin, die den Rhythmus empfinden lassen. Es kann sogar »eine subjektive Rhythmisierung erfolgen, ohne daß die objektiven Faktoren vorliegen« (S. 6). Als Betonung wird das Hervorheben bestimmter Abschnitte beim Sprechen bezeichnet. Die Aufeinanderfolge von markierten und unmarkierten Abschnitten nennt man Betonungsmuster. Sprachrhythmen beziehen sich laut Kürsten & Schöler (1991) lediglich auf die Wahrnehmung der Abfolge solcher stärker und weniger stark betonten Elemente. Allerdings erkennen diese Autoren an, daß dabei sowohl Segmente oder Vokale als auch Satzteile und ganze Sätze als Einheiten angesehen werden können, in denen sich ein rhythmisches Muster entfalten kann. Der wahrgenommene Sprachrhythmus ist eine Funktion der Betonungszuweisung auf mehreren Ebenen (Silbe, Wort, Satzteil usw.). Die einzelnen Ebenen interagieren wiederum miteinander. Der Rhythmus der Sprache beinhaltet also viele einzelne Rhythmen, viele mehr oder weniger unterschiedlich in der Zeit organisierte Sprachstrukturen, die zusammen, d.h. interaktiv wirken und zusammengenommen als bestimmter Rhythmus der Sprache wahrgenommen werden. Laut Giger (1993) könnte man sogar folgende Behauptung wagen: Sprache ist Rhythmus. Und jeder ihrer Rhythmen erfüllt eine bedeutungsvermittelnde Funktion. Am Beispiel des Vietnamesischen demonstriert Kelz (1984), welche Bedeutung das Setzen von Pausen, durch das die Beziehungen zwischen einzelnen Satzelementen zum Ausdruck gebracht werden [...]
Bisherige Ansätze zur Beschreibung dieser Strukturen sind jedoch laut Kürsten & Schöler (1991) unbefriedigend. Es gibt allerdings unter anderen auch solche linguistische Ansätze, die unter Rhythmus ausschliesslich die rein klanglichen zeitlichen Charakteristika der Sprache verstehen. So schreiben Mahl & Schulze (1982), daß in der Klassifikation extralinguistischer stimmlicher Dimensionen zwischen Sprachstil, Differenziertheit bzw. Verwendung des Vokabulars, Aussprache bzw. Dialekt und der Dynamik der Stimme unterschieden wird. Unter dem letztgenannten Punkt, so die Autoren, wird unter anderem Rhythmus aufgeführt. Eine ähnliche Auffassung von Rhythmus vertritt Fährmann (1982), wenn er Rhythmus definiert als »die Art des sprecherischen Bewegungsablaufes, dessen Gliederung durch Pausen (Zäsuren) im Zusammenhang mit dynamischer Akzentuierung und Melodieführung zustande kommt und als ›Ähnliches unter Ähnlichem‹ immer wiederkehrt. [...] Rhythmus ist etwas immer wieder aus sich selbst heraus Erneuerndes, ein mächtiger innerer Bewegungsfluß, Takt dagegen ist ein unlebendiges, starres, schemahaftes Metrum, ohne fließende Übergänge, ohne Fülle, ohne ›Lebensgehalt« (S. 149). Demnach versucht zwar Fährmann, dem Rhythmus eine Sonderstellung unter den akustischen Eigenschaften der Sprache zu verleihen, reduziert allerdings sein Vorkommen auf formal - akustische Parameter. Dennoch spricht er weiter von verschiedenen Aspekten des rhythmischen Ablaufs und listet einige von ihnen auf: Gleichmaß, Fluß, ›Welle‹ und Spannungsgrad. Wenn im allgemeinen sämtliche Rhythmen einer subkortikalen Steuerung unterliegen, also außerhalb des Einflusses von Bewußtsein und Willen des Menschen stehen, bildet das Gleichmaß, so Fährmann, insofern eine Ausnahme, als ihre Ablaufmodi primär vom Verstand her – genauer gesagt vom Denkablauf – ihren Ausgang nehmen. Treten bspw. Denkpausen ein, so stockt damit auch zwangsläufig der Sprechfluß, d.h. das Gleichmaß des Sprechablaufs wird dadurch mehr oder minder beeinträchtigt. Fährmann versucht somit die bewußte Steuerung der Sprache mitzudenken und neben dem formal-akustischen Sprachrhythmus auch seine sinngeleitete und sinnstiftende Komponente nicht zu vergessen. Eine andere und relativ verbreitete Möglichkeit, den Rhythmus in der Sprache zu definieren, wäre die, ihn ausschließlich mit der Akzentgebung gleichzusetzen. Dabei kann man sowohl den inhaltlichen als auch den formalen sprachmelodischen Akzent in Betracht ziehen. Die meisten Autoren betrachten allerdings lediglich den formalen Akzent, den man auch als Wortbetonung kennt. Laut Fährmann (1982) steht die Akzentgebung mit dem rhythmischen Ablauf in engster Beziehung. Beide sind miteinander verwandt und gehören sowohl bei der theoretischen Einführung als auch in der diagnostischen Praxis stets zusammen. »Während wir [...]
Sprache ist das hauptsächliche Kommunikationsmittel. Wir können davon ausgehen, daß alle ihrer Elemente dem Kommunikationszweck, d.h. der Vermittlung und dem Empfang von Information dienen. Da sprachliche Ereignisse ebenfalls sowohl einen Zeitverlauf als auch sich wiederholende Ordnungsstrukturen aufweisen, sind auch sie rhythmisch organisiert. Nach Kürsten & Schöler (1991) manifestiert sich diese zeitliche Struktur der Sprache hauptsächlich in zwei Organisationsformen: (a) figural (in bedeutungsvollen Gruppen oder Figuren) und (b) metrisch (als reguläres oder invariantes Muster von Schlägen). Wir können also einen inhaltlichen Rhythmus und einen formalen, klanglichen Rhythmus der Sprache unterscheiden. Der inhaltliche Rhythmus beschreibt, in welcher Reihenfolge bestimmte Informationen – Inhalte – angesprochen werden. Sinntragende Elemente der Sprache können, je nach dem in welcher Reihenfolge sie zusammen auftreten, den endgültigen Sinn der Aussage modulieren. Man könnte diesen Rhythmus auch als ein stilistischer bezeichnen. Akzentgebung und Tonhöhenverlauf einzelner Sprachelemente. Der klangliche Sprachrhythmus beschreibt formal-akustische Aspekte der Sprache, dazu gehören z.B. Beide rhythmischen Strukturen unterliegen einer hierarchischen Planung, wobei allen akustischen Ereignissen im voraus ihr Platz in der Sequenz und ihre relative Dauer zugewiesen werden (Kürsten & Schöler, 1991). Wiederholt sei allerdings, daß beide Rhythmusarten an der Vermittlung von Informationen teilnehmen. Metrische Sprachstrukturen erfüllen laut Lübkoll (1999) immer auch »eine inhaltliche Indikatorfunktion« (S. 115). [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832460709
Arbeit zitieren:
Schor-Tschudnowskaja, Anna September 2000: Rhythmuswahrnehmung in der Muttersprache und in einer Fremdsprache, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Sprachentwicklung, Sprachwahrnehmung, Kognitive Interferenz, Bezugstheorien, Didaktik der Frempsprachen



