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Rhetorische Ethik in der Nachrichtenauswahl

Am Beispiel der Fernsehnachrichtensendungen Tagesschau und RTL aktuell

Rhetorische Ethik in der Nachrichtenauswahl
Über dieses Buch
  • Art: Bachelorarbeit
  • Autor: Christine Luz
  • Abgabedatum: Juli 2009
  • Umfang: 40 Seiten
  • Dateigröße: 411,3 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Eberhard Karls Universität Tübingen Deutschland
  • Bibliografie: ca. 24
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4332-0
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Luz, Christine Juli 2009: Rhetorische Ethik in der Nachrichtenauswahl, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Sollensethik, Schleusenwärter, Ethos-Modelle, Nachrichtenformat, Mediator

Bachelorarbeit von Christine Luz

Einleitung:

Journalisten bestimmen, worüber die Öffentlichkeit redet, denn erst indem sie ein Ereignis publizieren, wird es von der Masse der Menschen überhaupt wahrgenommen. Dabei wird eine Auswahl an Ereignissen getroffen. Um es mit den Worten von Rita Vock zu sagen: ‘Jede Auswahl einer Nachricht im journalistischen Arbeitsprozess ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen viele andere mögliche Nachrichten.’ Dabei stellt sich die berechtigte Frage, nach welchen Kriterien Journalisten Nachrichten auswählen und inwieweit die in den Medien dargestellte Welt mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Das jeweilige Medium, für das die Journalisten tätig sind, nimmt die Rolle einer Instanz ein, die sich bewusst für oder gegen eine Nachricht entscheidet und somit eine bestimmte Wirkung bei den Rezipienten erzielen kann und will – nicht zuletzt im Hinblick auf Leserzahlen oder Einschaltquoten. Der Journalismus wird oftmals als ‘Vierte Gewalt’ bezeichnet, weil er die Staatsgewalt kontrollieren kann und die öffentliche Meinung mitprägt. Damit lastet ein großer Verantwortungsdruck auf den Medien. Hier eröffnen sich also zwei Dimensionen der Nachrichtenauswahl: zum einen die Wirkungsintention eines Mediums, zum anderen die ethische Verantwortung, was für ein Weltbild die Medien der Öffentlichkeit präsentieren. Dieser Konflikt – Rezipienten an sich zu binden und der öffentlichen Aufgabe trotzdem verantwortungsbewusst nachzukommen – findet sich bereits bei den Rednern der Antike. Im Vordergrund stand für sie die Persuasion der Zuhörer zu ihren Gunsten. Gleichzeitig konnten sie sich den Pflichten, die eine öffentliche Stellung als Redner mit sich brachte, nicht ganz entziehen.

Diese Arbeit zeigt, dass die rhetorische Ethik, die durch diesen Konflikt geprägt wurde, auch in der heutigen Medienlandschaft Anwendung findet. Geschehen soll dies beispielhaft anhand der Nachrichtenauswahl der Fernsehnachrichtensendungen Tagesschau und RTL aktuell. Dabei konzentriert sich die Arbeit in Bezug auf die Tagesschau auf die Hauptausgabe um 20 Uhr. Die Nachrichtensendungen wurden im Zeitraum vom 8. bis 21. Juni 2009 untersucht. In dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass Fernsehnachrichten ‘implizit rhetorisch’ sind, da die Rolle des Orators bei den Institutionen Tagesschau und RTL aktuell ‘überdeckt, rezessiv, nur schwach konturiert’ ist. Das heißt, Tagesschau und RTL aktuell werden stellvertretend für einen einzigen Orator als Oratorenkomplex betrachtet. Fernsehsendungen eigenen sich als Untersuchungsgegenstand, da sich die drei Komponenten der Rhetorik hierin wiederfinden lassen: Orator, Kanal und Adressat. Philip Scherenberg bezeichnet das Fernsehen daher als ‘durch und durch rhetorisches Mittel’ und beschreibt es wie folgt:

‘Da die Fernsehsender (.) im eigenen Auftrag eine ‚Botschaft’ verbreiten (.), ist das Ergebnis dessen, was beim Fernsehzuschauer ankommt ein auf mehreren Instanzen erarbeitetes und rhetorisch so ansprechend wie möglich inszeniertes Bild’.

Ziele dieser Arbeit sind:

-zu untersuchen, nach welchen Kriterien und mit welchen Wirkungsintentionen Tagesschau und RTL aktuell Nachrichten auswählen.

-herauszustellen, welchen Nutzen die Institutionen selbst und die Rezipienten davon tragen.

-herauszuarbeiten, inwieweit die Nachrichtenauswahl eine rhetorisch-ethische Komponente aufweist.

Geleitet wird das Vorgehen durch zwei Hypothesen:

Fernsehnachrichtensendungen konstruieren durch ihre Nachrichtenauswahl eine eigene Realität.

Tagesschau und RTL aktuell bauen durch ihre Nachrichtenauswahl ein jeweils unterschiedliches Ethos auf.

Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen Teil, in dem die Grundlagen für die rhetorisch-ethische Analyse gelegt werden und der Prozess der Nachrichtenauswahl im Allgemeinen beleuchtet wird. Daraufhin werden die Institutionen Tagesschau und RTL aktuell charakterisiert. Es folgt ein praktischer Teil, in dem die Untersuchungsergebnisse der Analyse von zwei Wochen Fernsehnachrichten dargestellt werden. In einem letzten Schritt werden die Ergebnisse im Hinblick auf das von den Medien geprägte Weltbild und die rhetorisch-ethischen Aspekte der Nachrichtenauswahl interpretiert und die Hypothesen auf deren Gültigkeit überprüft.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 4
2. Grundlegung der rhetorisch-ethischen Analyse 6
2.1 DIE UNTERSCHEIDUNG VON STREBENS- UND SOLLENSETHIK 6
2.2 DIE RHETORISCHE ETHIK ALS REDNERETHIK 7
2.3 STREBENSETHISCHE EIGENSCHAFTEN DES ETHOS-MODELS BEI ARISTOTELES UND CICERO 8
3. Der Prozess der Nachrichtenauswahl 9
3.1 WAS IST EINE NACHRICHT? 9
3.2 FERNSEHNACHRICHTEN ALS SPEZIALFALL 10
3.3 DER JOURNALIST ALS ‘SCHLEUSENWÄRTER’ 11
3.4 WAS JOURNALISTEN BEI DER NACHRICHTENAUSWAHL BEEINFLUSST 12
3.5 WIE WAHR DIE NACHRICHTENAUSWAHL SEIN KANN 13
4. Charakterisierung von Tagesschau und RTL aktuell 14
4.1 DAS ARD-FLAGGSCHIFF 14
4.1.1 Die Arbeitsweise der Tagesschau 15
4.2 IMAGEWECHSEL BEI RTL AKTUELL 16
4.2.1 Infotainment bei RTL aktuell 17
4.3 ÖFFENTLICH-RECHTLICHES VS. KOMMERZIELLES NACHRICHTENFORMAT 18
5. Darstellung der Untersuchungsergebnisse 19
5.1 DER EREIGNISHINTERGRUND DES UNTERSUCHUNGSZEITRAUMS 20
5.2 ANZAHL DER THEMEN UND LÄNGE DER BEITRÄGE 21
5.3 DIE THEMENBEREICHE DER NACHRICHTENSENDUNGEN 21
5.4 DIE HANDLUNGSORTE DER NACHRICHTENSENDUNGEN 22
5.5 DIE ZWÖLF TOP-MELDUNGEN 24
6. Interpretation der Untersuchungsergebnisse 25
6.1 DIE REALITÄT DER FERNSEHBERICHTERSTATTUNG 26
6.1.1 Die Welt nach Darstellung der Tagesschau 26
6.1.2 Die Welt nach Darstellung von RTL aktuell 28
6.1.3 Schlussfolgerung 29
6.2 RHETORISCHE ETHIK BEI TAGESSCHAU UND RTL AKTUELL 30
6.2.1 Die Tagesschau als Mediator 31
6.2.2 RTL aktuell als Infotainer 32
6.2.3 Schlussfolgerung 34
7. Fazit und Ausblick 35
Anhang 37
I LITERATURVERZEICHNIS 37
II TABELLEN 39

Textprobe:

Kapitel 4, Charakterisierung von Tagesschau und RTL aktuell:

4.1, Das ARD-Flaggschiff:

Die Tagesschau ist beinahe so alt wie das Fernsehen selbst. Das sogenannte ‘ARD-Flaggschiff’ ist ‘in der deutschen Sprache fast ein Synonym für Fernsehnachrichten überhaupt’, wie Röhl feststellt. Seit dem Jahr 1952 prägt die Tagesschau wie kein anderes Programm die Fernsehlandschaft. Wegen ihrer Hauptausgabe um 20 Uhr beginnt das Hauptabendprogramm traditionell um 20.15 Uhr. Versuche das Abendprogramm auf 20 Uhr vorzuverlegen, wie sie 1995 und 1996 von Sat.1, Pro7 und Kabel 1 unternommen wurden, waren zum Scheitern verurteilt. Alle drei Sender richteten nach einem enormen Zuschauer- und Imageverlust ihre Sendezeit wieder auf das Ende der Tagesschau aus. Im Jahr 2008 sahen durchschnittlich 8,74 Millionen Menschen die 20-Uhr-Ausgabe. Damit war die Tagesschau ungeschlagen jeweils die meistgesehene Sendung in dieser Sendezeit. Zudem bescheinigen ihr 57% des Nachrichtenpublikums, das beste Nachrichtenangebot im deutschen Fernsehen zu liefern und sie gilt mit Abstand als glaubwürdigste Nachrichtensendung.

Von drei Ausgaben pro Woche ist die Tagesschau heute auf bis zu 22 Ausgaben pro Tag angewachsen und berichtet somit praktisch stündlich über das aktuelle Tagesgeschehen. Produziert wird sie seit 1977 von der Fernseh-Nachrichtenredaktion ARD-aktuell. Im Jahr 2008 beschäftigte diese 240 Mitarbeiter, davon etwa 90 Redakteure, die mit der Produktion der Nachrichtensendung in der Hamburger Zentrale betraut waren. Hinzu kommen die Reporter und Korrespondenten der ARD, die in über 90 Büros in Deutschland und 25 weiteren Ländern sitzen. Im Hinblick auf Dichte und Reichweite gehört das Korrespondentennetz damit zu den größten der Welt.

4.1.1, Die Arbeitsweise der Tagesschau:

Als das ZDF 1963 auf Sendung ging und mit heute eine eigene Nachrichtensendung anbot, verlor die Tagesschau ihre Monopolstellung als einzige deutsche Fernsehnachrichtensendung. Dies führte zu einer neuen journalistischen Arbeitsweise. Die Reporter lösten sich aus ihrer passiven Beobachterrolle heraus und begannen, die Ereignisse für die Zuschauer in ihren Zusammenhang einzuordnen. Daniel Mollitor beschreibt die redaktionelle Arbeit der Tagesschau als Zwei-Säulen-Modell. Eine Planungsredaktion entwickelt die Programmideen und ein Sendeteam ist verantwortlich für die Herstellung der Tagesschau-Beiträge. ‘Kein Text und kein Beitrag gehen über den Bildschirm, die nicht von einem Kollegen oder einer Kollegin gegengelesen und geprüft wurden.’ Das erste Gerüst für die 20 Uhr-Ausgabe steht bereits am Vormittag des jeweiligen Tages. Frühestens um 19 Uhr bekommt die Regie Informationen zu den Illustrationen und der Reihenfolge der Beiträge. Der Chef vom Dienst muss alle fertige Meldungen für die Sendung absegnen. Um 19.30 Uhr beginnen die Nachrichtensprecher mit dem ersten Lesen der Texte. Meldungen und Filmbeiträge können aber immer noch kurzfristig gestrichen und ausgetauscht werden. ‘Redaktionsschluss ist immer und ohne Ausnahme der Schlussgong der ‚Tagesschau’.’ Wie die meisten Medien ist auch die Tagesschau auf die Meldungen der Nachrichtenagenturen angewiesen. Andere Quellen für ihre Berichterstattung sind die Öffentlichkeitsarbeit von Organisationen und Verbänden sowie die Informationen von Korrespondenten. Daneben orientiert sie sich auch an der Konkurrenz, um ihre eigenen Relevanzmaßstäbe mit denen anderer renommierter tagesaktueller Medien zu messen.

4.2, Imagewechsel bei RTL aktuell:

Die erste RTL-Sendung nach dem Sendestart 1984 war die Nachrichtensendung 7vor7. Sie wurde bewusst in Abgrenzung zur Tagesschau konzipiert und kennzeichnete sich durch einen hohen Anteil an Boulevard- und Katastrophenmeldungen. Das anfängliche, durch Tabubrüche geprägte Image sollte in den 90er Jahren einer seriöseren Aufmachung weichen, um mehr Einschaltquoten zu erzielen. Damit ging 1989 eine Umbenennung in RTL aktuell einher. Zur Basis der Sendung wurden nun aktuelle Informationen erklärt und über die wichtigsten politischen Ereignisse sollte zuverlässig berichtet werden. 1992 wurde Peter Kloeppel Moderator der Sendung und löste damit Hans Meiser ab. Bis heute ist er Hauptmoderator von RTL aktuell. Mit ihm zog eine sachlichere, ernsthaftere Sprache und Präsentationsform in das Nachrichtenformat ein. Der letzte Relaunch des Sendekonzepts kann auf 2004 datiert werden, als Kloeppel neben Chefmoderator nun auch Chefredakteur wurde. Die Boulevardberichterstattung musste zu einem großen Teil Themen, die einen Service-Charakter für die Zuschauer haben, weichen. Um die entscheidende Rolle, die Kloeppel im Wandel des Nachrichtenformates spielte, zu verdeutlichen, wird an dieser Stelle ein entscheidender Unterschied zwischen Tagesschau und RTL aktuell vorweggenommen. Die Tagesschau arbeitet, zumindest noch bei ihrer Hauptausgabe um 20 Uhr, mit einem Nachrichtensprecher, das heißt mit einem reinen Präsentator der Nachrichten, der nichts mit der redaktionellen Arbeit zu tun hat. Er soll so Distanz vermitteln und den Inhalt der Nachrichten in den Vordergrund rücken. Moderatoren wie Peter Kloeppel dagegen sind für gewöhnlich am Entstehungsprozess der Nachrichten beteiligt und wollen eine Beziehung zu den Zuschauern herstellen. Gombert weist darauf hin, dass sich das neue Nachrichtenverständnis von RTL aktuell daher in den Lebensläufen seiner Moderatoren widerspiegelt:

‘Hans Meiser moderierte neun Jahre eine Nachmittags-Talkshow und symbolisierte so die Unerhaltungs- und Boulevardorientierung von 7 vor7. Kloeppels journalistische Laufbahn begann mit der Henry-Nannen-Schule und beinhaltete unter anderem eine Station als Auslandskorrespondent in den USA. Seine fachliche Kompetenz entspricht der seriöseren Gestaltung der heutigen RTL-Nachrichtensendung.’ Das Nachrichtenformat hat eine eigene Dramaturgie entwickelt, die durch die Unterteilung in einen Nachrichten-, Sport- und Wetterblock mit einem jeweils anderen Moderator entsteht. Udo Michael Krüger weist explizit auf den hohen Stellenwert des Sports bei RTL aktuell hin. Das Nachrichtenformat wird nach Tagesschau und heute von einem Viertel des Nachrichtenpublikums als beste Nachrichtensendung eingestuft.

4.2.1, Infotainment bei RTL aktuell:

RTL wendet Gombert zufolge bei seiner Hauptnachrichtensendung ein Infotainment-Konzept an. Infotainment bezeichnet die Vermischung der Bereiche Information und Unterhaltung. Unterhaltungssendungen können zur Information dienen, ebenso wie Informationssendungen von den Zuschauern zur Unterhaltung konsumiert werden können. Unterhaltungselemente können in Nachrichtenformaten allerdings nicht unbegrenzt eingesetzt werden, weil ‘Rezipienten von Nachrichten umfassende, aktuelle und glaubwürdige Informationen erwarten’. Das als Marketingstrategie eingesetzte Infotainmentkonzept hat den Vorteil, dass abstrakte und komplexe Sachverhalte verständlicher dargestellt werden können, wenn sie unterhaltsam verpackt werden. Andererseits kann die Vermischung von Informations- und Unterhaltungselementen langfristig zu einer Marginalisierung von Politik führen. Infotainment hat auch Einfluss auf die Themenwahl einer Nachrichtensendung. Meldungen mit politischen und wirtschaftlichen Themen werden ‘aufgeweicht’ und durch Meldungen aus den Bereichen Prominenz, Kuriositäten und Alltagsprobleme ergänzt. Die Vermischung von Information und Unterhaltung bei RTL aktuell wird durch die Analyse der Nachrichtensendung und deren Interpretation unter Kapitel 5 und 6 weiter verdeutlicht.

Arbeit zitieren:
Luz, Christine Juli 2009: Rhetorische Ethik in der Nachrichtenauswahl, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Sollensethik, Schleusenwärter, Ethos-Modelle, Nachrichtenformat, Mediator

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