Religionsunterricht und 'Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde' (LER)
Die aktuelle Debatte um einen zeitgemäßen wertorientierten Unterricht
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Christine Knecht
- Abgabedatum: Juni 1998
- Umfang: 97 Seiten
- Dateigröße: 558,1 KB
- Note: 2,2
- Institution / Hochschule: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 69
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0280-8
- ISBN (CD) :978-3-8366-0280-8 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Knecht, Christine Juni 1998: Religionsunterricht und 'Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde' (LER), Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde, Religionsunterricht, Katholizismus, Protestantismus, Religionssoziologie
In den Warenkorb
38,00 €
Magisterarbeit von Christine Knecht
Einleitung:
Der katholische (wie der evangelische) Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen hat in einem weltanschaulich neutralen Staat und in einer weltanschaulich pluralen Gesellschaft zwei Grundpfeiler:
- Die Tradition des Fache, die in Zeiten zurück reicht, da das gesamte Schulwesen von den christlichen Kirchen bestimmt war und die Gesellschaft eine wesentlich, wenn nicht ausschließlich vom Christentum geprägte Überzeugungsgemeinschaft darstellte (Staatskirchentum).
- Die verfassungsrechtliche Begründung (vor allem Art. 7 Abs. 3 GG), durch die der Staat seine gesellschaftlich gebotene Neutralität in dem Sinn positiv verwirklicht, daß er den in der Gesellschaft hauptsächlich wirksamen Religionsgemeinschaften das Recht einräumt und verbürgt, die religiöse Erziehung der Schüler ihres Bekenntnisses in den Schulen nach ihren eigenen Grundsätzen zu gestalten.
Beide Begründungen reichen offenbar heute für sich und zusammen genommen nicht mehr aus, den konfessionellen Religionsunterricht als Fach unter Fächern in einer ‚Schule für alle’ zu legitimieren. Diese Aussage von 1985 ist heute aktueller denn je. Seit mit Brandenburg das erste Bundesland den Religionsunterricht als ordentliches (also verbindlich im Fächerkanon) Unterrichtsfach aus dem Lehrplan verbannte und statt dessen das neue Fach „Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde“ (LER) für alle, auch getaufte Schülerinnen und Schüler einführte, tobt ein leidenschaftlicher Streit um den Religionsunterricht in der Schule.
Daß die Verabschiedung eines Schulgesetzes auf Länderebene oder genauer die dort festgeschriebene Einführung eines neuen Faches zu solch heftigen Diskussionen führt wie es beim Brandenburgischen Schulgesetz vom 12. April 1996 und der darin beschlossenen Einführung des Faches „Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde“ der Fall ist, hat wohl niemand erwartet. In einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft, in der die Mehrheit der Bevölkerung allenfalls auf dem Papier einer der beiden christlichen Kirchen angehört, ist ein erbitterter Streit um den Religionsunterricht entstanden.
Der zunächst nur zwischen den Landeskirchen Brandenburgs und der Brandenburger Regierung bestehende Konflikt hat sich ausgeweitet, bundesweit nehmen vor allem Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche, aber auch Stimmen aus Politik und Gesellschaft Stellung zu der Abschaffung des Religionsunterrichts in Brandenburg.
Problemstellung:
Wie läßt sich nun ein soziologisches Interesse an diesem Streit begründen? Diese Frage ist unter verschiedenen Gesichtspunkten zu sehen. Zunächst ist festzuhalten, daß Religion ein gesellschaftliches Phänomen ist, das in vielen Bereichen (immer noch) eine Rolle spielt. Vor allem der Jahresablauf ist weitgehend von den christlichen Festen geprägt.
Die Religionssoziologie ist zunächst als eine Soziologie der Kirchen entstanden, also der Institutionen, in denen sich Religion manifestiert. Mit der empirischen Religionssoziologie werden Daten zu Gottesdienstbesuchshäufigkeit, Austrittszahlen, Konfessionszugehörigkeit und anderen harten Fakten erhoben. Aus diesen Zahlen läßt sich die abnehmende Bindung der Bevölkerung (zumindest in westlichen Staaten) ablesen und damit die These einer zunehmenden Säkularisierung aufstellen. Damit ist jedoch noch wenig über das Phänomen Religion selbst gesagt, denn schwindende Mitgliederzahlen lassen sich bei anderen Institutionen wie z.B. Parteien ebenso feststellen. Daraus ließe sich aber nur eine gewisse Institutionsmüdigkeit, ein Hang zu vermehrter Individualisierung ableiten.
In den folgenden Kapiteln soll die heutige Situation des Religionsunterrichts behandelt werden. Aufgenommen wird dabei die Debatte um das neue Fach „Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde“ in Brandenburg, durch dessen Einführung auch der Religionsunterricht wieder in der öffentlichen Diskussion auftauchte. Im Vordergrund soll dabei stehen, auf welche Art Werte vermittelt werden können. Dazu werden verschiedene Ansichten genauer betrachtet, die sich mit dieser Frage auseinandersetzen.
Nicht bzw. nur implizit behandelt wird die religiöse Sozialisation, da diese nicht nur im Religionsunterricht, sondern auch in der Familie und der Kirchengemeinde stattfindet (oder auch nicht). Hier soll der Schwerpunkt nicht darauf gelegt werden, auf welche Art religiöse Sozialisation am allgemeinen Sozialisa-tionsprozeß beteiligt ist, sondern darauf, ob der Religionsunterricht als Vermittler von allgemeinverbindlichen Werten in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft noch eine Existenzberechtigung hat, oder ob ein übergreifendes Fach besser geeignet ist, Jugendliche zu verantwortlichem Handeln zu erziehen.
Gang der Untersuchung:
In den folgenden Kapiteln sollen zunächst die religionssoziologischen Ansätze von Georg Simmels und Peter L. Bergers betrachtet werden, um einen theoretischen Bezugsrahmen für die Diskussion zu gewinnen.
Im Anschluß daran wird kurz der juristische Hintergrund der Debatte erläutert, gefolgt von einem Überblick über einige Positionen für und gegen den Religionsunterricht und LER. Im fünften Kapitel kommen Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer zu Wort, die von praktischen Erfahrungen aus dem Unterricht, wie sie ihn konkret erleben, berichten.
Schließlich wird im Schlußkapitel versucht, die vorgestellten Positionen auf die theoretischen Überlegungen Bergers und Simmels zu beziehen und einen Ausblick auf mögliche zukünftige Entwicklungen darzustellen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 2 |
| 2. | Theoretische Grundlagen | 5 |
| 2.1 | Erklärung von Begriffen und ihrer Verwendung | 5 |
| 2.2 | Die Sinnfrage | 6 |
| 2.3 | Religionssoziologie | 9 |
| 2.3.1 | Georg Simmel (1858 - 1918) | 11 |
| a. | Vorbemerkungen zu Simmels Religionssoziologie nach Helle | 12 |
| b. | Georg Simmels Religionssoziologie | 14 |
| 2.3.2 | Peter L. Berger (* 1929) | 21 |
| 2.4 | Anknüpfungspunkte | 32 |
| 3. | Juristischer Hintergrund | 33 |
| 3.1 | Religionsunterricht im Grundgesetz | 33 |
| 3.2 | Brandenburgisches Schulgesetz vom 12. April 1996 | 34 |
| 3.3 | Beteiligung der Kirchen am Modellversuch | 36 |
| 4. | Positionen zu Religionsunterricht und LER | 38 |
| 4.1 | Die Einführung des Faches LER in Brandenburg | 38 |
| 4.2 | Inhalte des Faches LER | 38 |
| 4.3 | Argumente für den Religionsunterricht | 42 |
| 4.3.1 | Die Position der Kirchen | 43 |
| a. | Katholische Kirche | 43 |
| b. | Evangelische Kirche | 48 |
| 4.3.2 | Ansichten aus Politik und Gesellschaft | 53 |
| a. | Der Streit um den Religionsunterricht aus politischer Sicht | 54 |
| b. | Stellungnahme der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) | 56 |
| c. | Die Frage nach dem Bildungsauftrag der Schule | 59 |
| d. | Stellungnahme der Jüdischen Gemeinde Brandenburg | 64 |
| 4.4 | Argumente für LER | 65 |
| 4.4.1 | Die Situation in den neuen Bundesländern | 66 |
| 4.4.2 | LER als Unterricht für alle | 68 |
| 5. | Erfahrungen aus der Praxis | 71 |
| 5.1 | Erfahrungen mit dem Religionsunterricht in den neuen Bundesländern | 71 |
| 5.2 | Fragebogen über den Religionsunterricht | 76 |
| 5.3 | Schüler/innen-Texte | 81 |
| 5.4 | Lehrerstimmen | 83 |
| 5.5 | Akzeptanz des LER-Unterrichts | 86 |
| 6. | Zusammenfassung | 88 |
| Literaturverzeichnis | 93 |
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 2 |
| 2. | Theoretische Grundlagen | 5 |
| 2.1 | Erklärung von Begriffen und ihrer Verwendung | 5 |
| 2.2 | Die Sinnfrage | 6 |
| 2.3 | Religionssoziologie | 9 |
| 2.3.1 | Georg Simmel (1858 - 1918) | 11 |
| a. | Vorbemerkungen zu Simmels Religionssoziologie nach Helle | 12 |
| b. | Georg Simmels Religionssoziologie | 14 |
| 2.3.2 | Peter L. Berger (* 1929) | 21 |
| 2.4 | Anknüpfungspunkte | 32 |
| 3. | Juristischer Hintergrund | 33 |
| 3.1 | Religionsunterricht im Grundgesetz | 33 |
| 3.2 | Brandenburgisches Schulgesetz vom 12. April 1996 | 34 |
| 3.3 | Beteiligung der Kirchen am Modellversuch | 36 |
| 4. | Positionen zu Religionsunterricht und LER | 38 |
| 4.1 | Die Einführung des Faches LER in Brandenburg | 38 |
| 4.2 | Inhalte des Faches LER | 38 |
| 4.3 | Argumente für den Religionsunterricht | 42 |
| 4.3.1 | Die Position der Kirchen | 43 |
| a. | Katholische Kirche | 43 |
| b. | Evangelische Kirche | 48 |
| 4.3.2 | Ansichten aus Politik und Gesellschaft | 53 |
| a. | Der Streit um den Religionsunterricht aus politischer Sicht | 54 |
| b. | Stellungnahme der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) | 56 |
| c. | Die Frage nach dem Bildungsauftrag der Schule | 59 |
| d. | Stellungnahme der Jüdischen Gemeinde Brandenburg | 64 |
| 4.4 | Argumente für LER | 65 |
| 4.4.1 | Die Situation in den neuen Bundesländern | 66 |
| 4.4.2 | LER als Unterricht für alle | 68 |
| 5. | Erfahrungen aus der Praxis | 71 |
| 5.1 | Erfahrungen mit dem Religionsunterricht in den neuen Bundesländern | 71 |
| 5.2 | Fragebogen über den Religionsunterricht | 76 |
| 5.3 | Schüler/innen-Texte | 81 |
| 5.4 | Lehrerstimmen | 83 |
| 5.5 | Akzeptanz des LER-Unterrichts | 86 |
| 6. | Zusammenfassung | 88 |
| Literaturverzeichnis | 93 |
Textprobe:
Kapitel 4., Positionen zu Religionsunterricht und LER: Das neue Fach LER wurde mit Inkrafttreten des Brandenburgischen Schulgesetzes nach einer dreijährigen Versuchsphase (1992 – 1995), an der zunächst 44, ab 1995 64 Schulen teilnahmen, zum Schuljahr 1996/97 schrittweise an allen Schulen der Sekundarstufe I eingeführt. Der Modellversuch sollte der Entwicklung von Unterrichtsinhalten dienen, die nun als verbindliches Curriculum vorliegen. Inzwischen wird das Fach, trotz der anhaltenden Diskussion nicht nur um Inhalte, sondern auch um Verfassungsmäßigkeit, an den Schulen Brandenburgs unterrichtet.
Nicht überall wurde diese Entscheidung positiv aufgenommen. „LER in der derzeitigen Form ist als einstweiliges Ergebnis eines gesellschaftlichen Gärungsprozesse anzusehen, der erst mit wachsendem Abstand von DDR-Zeiten und entsprechender Verjüngung der Lehrerschaft zu Ruhe kommen mag.“ „Gegenstand des Faches LER ist die Lebensgestaltung von Menschen unter besonderer Berücksichtigung der ethischen Dimension und der Sicht unterschiedlicher Weltanschauungen und Religionen.“ Der Anspruch des Faches besteht darin, einen weltanschaulich neutralen, aber dennoch wertgebundenen Unterricht zu erteilen.
Dieser Anspruch gründet sich auf ein Wertefundament, das sich aus der besonderen Situation in den neuen Bundesländern in der Frage der konfessionellen Bindung ergeben hat: Im Land Brandenburg sind 3,4% der Bevölkerung katholisch (Auskunft des Bistums Berlin vom 23.8. 1993), 25% gehören der Evangelischen Kirche an (Auskunft des Konsistorium vom 28.5.1994). Das Wertefundament, auf das sich LER beruft, setzt sich zusammen aus dem Grundgesetz der BRD, der Verfassung des Landes Brandenburg, dem Gesetz über die Schulen im Land Brandenburg mit seinen Zielen und Grundsätzen der Erziehung und Bildung, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der UN-Konvention über die Rechte des Kindes. Auf dieser Grundlage sollen den Heranwachsenden unterschiedliche Weltanschauungen und Religionen, Lebenskonzepte und Wertvorstellungen vorgestellt werden, ohne diese zu bewerten bzw. abzuwerten.
Die Einstufung des Faches als „weltanschauliche neutral“ führte teilweise zu dem Vorwurf, daß „damit in LER beliebige Überzeugungen, Standpunkte und Anschauungen nebeneinander stehen und damit alles gleich, also auch alles beliebig ist.“ Das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport in Brandenburg (MBJS) widerspricht dieser Auffassung, das Gegenteil sei der Fall. Begründet wird diese Ansicht damit, daß „weltanschauliche Positionen und religiöse Überzeugungen wissenswert sind. Wer sie kennt, kann Unterschiede und wichtige Gemeinsamkeiten der Sinnstiftung und in den persönlichen Wertorientierungen herausarbeiten. Außerdem ist daran zu erinnern, daß LER zwar weltanschaulich neutral, aber damit nicht wertneutral ist, nicht sein kann und will. LER muß sich auf wichtige Werte unserer Gesellschaft stützen.“ Als Ziele des LER-Unterrichts nennt der Abschlußbericht die Begleitung und Förderung der Identitätsentwicklung der Kinder und Jugendlichen (Selbstkompetenz), Hilfe zum Wahrnehmen, Verstehen und Gestalten sozialer Beziehungen (soziale Kompetenz), Vermittlung von Kenntnissen und Einführung in Traditionen zu existentiellen Fragen des Menschen und Hilfe zur Auseinandersetzung (Kompetenz für Sinnfragen), Hilfe zur Entwicklung ethischer Urteilsfähigkeit und der Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung (ethische Kompetenz) [und die] Förderung der Bereitschaft und Fähigkeit zur Begegnung mit Menschen unterschiedlicher Lebensgestaltungen, Werteorientierungen, Kulturen, Weltanschauungen und Religionen.
Mit den in einem Themenkatalog zusammengefassten sogenannten Lernfeldern (Menschen als Individuen – ihre Bedürfnisse, Lebensgeschichten, Lebenswelten und Lebensgestaltung, Menschen in Gemeinschaft – Wahrnehmen und Gestalten von Beziehungen, Gefährdungen und Belastungen menschlichen Lebens, Auf der Suche nach einem erfüllten und sinnvollen Leben, Die Menschen und ihre Religionen, Weltanschauungen und Kulturen, Persönliche Lebensgestaltung und globale Perspektiven – Probleme und Chancen) will LER „die Fragen und Probleme der Schülerinnen und Schüler aufnehmen und wichtige Themen unserer Kultur, des Menschen als Individuum und in der Gesellschaft behandeln; dabei der Lebenswelt und den alltäglichen Erfahrungen der Heranwachsenden einen wichtigen Platz einräumen; unterschiedliche Werte und Normen, Lebensvorstellungen und ethische Positionen aus Vergangenheit und Gegenwart im Unterricht bedenken, diskutieren und auf diesem Hintergrund zu eigenen Überzeugungen und verantwortlichen Entscheidungen befähigen; auch Religionen und Weltanschauungen zum Gegenstand von Unterricht und Lernen machen, ohne eine bestimmte Sicht oder Überzeugung, eine Religion oder Weltanschauung als richtig, gültig und verbindlich hinzustellen oder zu vermitteln.“
In den Warenkorb
38,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836602808
Arbeit zitieren:
Knecht, Christine Juni 1998: Religionsunterricht und 'Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde' (LER), Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde, Religionsunterricht, Katholizismus, Protestantismus, Religionssoziologie



