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Rechtsextremismus im Wandel?

Eine Analyse des Wählerpotentials der NPD in den sechziger, der Republikaner in den achtziger und der DVU in den späten neunziger Jahren

Rechtsextremismus im Wandel?
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Adriana Wipperling
  • Abgabedatum: Juli 2001
  • Umfang: 129 Seiten
  • Dateigröße: 1,3 MB
  • Note: 1,5
  • Institution / Hochschule: Universität Potsdam Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-4983-4
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-4983-4 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-4983-4 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Wipperling, Adriana Juli 2001: Rechtsextremismus im Wandel?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Wählerverhalten, Nationalsozialismus, Demokratie, Parteien

Diplomarbeit von Adriana Wipperling

Einleitung:

Die Tatsache, daß rechtsextreme Parteien bei manchen Wahlen beängstigende Erfolge erzielen, bei anderen jedoch nicht einmal ein Prozent erreichen, gehört nach wie vor zu den Rätseln, denen die Wahlforschung auf den Grund zu gehen versucht. Erwiesen ist bisher nur folgendes: Damit ein größerer Teil der Bevölkerung rechts wählt, müssen vor allem drei Bedingungen gegeben sein: Eine oder mehrere attraktive rechtsextreme Parteien, ein latent vorhandenes rechtes Einstellungspotential und eine Krisen- bzw. Umbruchsituation.

Nachdem das geistige Erbe des Nationalsozialismus nach und nach abgebaut wurde, hat sich das rechtsextreme Einstellungspotential auf einen Wert von 13-15% Prozent eingepegelt. Doch es gab nur drei Phasen in der Geschichte der Bundesrepublik, in denen die Wahlergebnisse von Rechtsaußen-Parteien auch nur annäherungsweise an dieses Potential heranreichten.

Die Wahlerfolge der Sozialistischen Reichspartei (SRP) in der Nachkriegszeit können getrost als Nachwehen des Nationalsozialismus angesehen werden.

Die Erfolgsphase der NPD in der Sechzigern war gewissermaßen ein Aufbäumen nationalkonservativer Wähler gegen die APO, den beginnenden Wertewandel und die Große Koalition, aber auch ein Ausdruck das Schocks über das abrupte Ende des Wirtschaftswunders und die Rezession, die den neu gewonnenen Glauben daran, daß „Demokratie funktioniert“, recht heftig erschütterte.

Die „Dritte Welle“ wird mit dem Einzug der Republikaner ins Berliner Abgeordnetenhaus 1989 angesetzt. Die Republikaner bildeten sich als Gegenpol zu den Grünen, als Opposition gegen den fortschreitenden Wertewandel und die von den Linken propagierte „multikulturelle Gesellschaft“. Sie gingen vornehmlich mit dem Thema „Ausländer und Asyl“ hausieren und gewannen somit die Stimmen der „Modernisierungsverlierer“.

Doch die „Dritte Welle des Rechtsextremismus“ scheint kein Ende zu nehmen. Nachdem die Republikaner kurz nach der Wiedervereinigung eine Wahlniederlage nach der anderen einstecken mußten, erlebten sie bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg ein überraschendes „Comeback“. Noch häufiger als den Republikanern gelang es in den Neunziger Jahren der Deutschen Volksunion (DVU), die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden.

Nun stellt sich die Frage, ob die Gesetzmäßigkeit vom Wellencharakter rechtsextremer Wahlerfolge für die neunziger Jahre überhaupt noch zutrifft. Zum ersten existieren anstelle einer einzigen erfolgreichen rechtsextremen Partei nun zwei: Die Republikaner und die DVU. Zum zweiten scheinen sich die beiden Parteien nicht nur auf unterschiedliche regionale Schwerpunkte, sondern auch auf unterschiedliche soziale Gruppen zu konzentrieren. Zum Dritten schwanken die Ergebnisse der Republikaner und der DVU sehr stark, so daß immer dann, wenn von der Wahlforschung bereits der Niedergang dieser Parteien vorausgesehen wurde, die extreme Rechte irgendwo wie aus dem Nichts emporschoß und - meist unterbesetzt und völlig unvorbereitet - ihren Platz im Parlament einnahm. Viertens zeichnet sich eine erschreckende „Verjüngung“ des rechtsextremen Wählerpotentials ab.

Doch stellt das Jahr 1990 tatsächlich eine entscheidende Zäsur bei der Entwicklung der Wahlergebnisse rechtsextremer Parteien dar? Hat die Wiedervereinigung Impulse geliefert, die bestimmte Veränderungen im Wählerverhalten hervorgerufen haben? Oder sind diese Veränderungen vielmehr das Ergebnis einer langfristigen Entwicklung?

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
1.1 Fragestellung und Schwerpunkt
1.2 Bemerkungen zur Literatur
2. Rechtsextremismus - Begriff und Parteienlandschaft
2.1 Rechtsextremismus und -radikalismus
2.2 Rechtspopulismus
2.3 Die „alte“ und die „neue“ Rechte
2.4 Die rechtsextreme Parteienlager
2.4.1 Die NPD - Partei der ewiggestrigen Altnazis?
2.4.2 Die Republikaner - Eine moderne rechtspopulistische Partei?
2.4.3 Die DVU - (k)eine ernst zu nehmende Rechtsaußen-Partei
3. Das rechtsextreme Einstellungspotential
3.1 Untersuchungen in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren
3.2 Die SINUS-Studie
3.3 Ost-west-vergleichende Analysen
3.4 Zusammenfassung und Vergleich
4. Die Wahlergebnisse
4.1 Rechtsextremismus und Wählerverhalten - politische und soziologische Erklärungsansätze
4.2 Die „Erste Welle“ (1949 - 1952)
4.2.1 Vom Nationalsozialismus zur Demokratie - Probleme der Nachkriegsära
4.2.2 Die SRP als NSDAP-Nachfolgerin
4.2.3 Die DRP als weitgehend erfolglose SRP-Konkurrenz
4.3 Die „Zweite Welle“ (1966 - 1969)
4.3.1 Das Ende des Wirtschaftswunders
4.3.2 Rechtsextremismus versus Liberalisierung
4.3.3 Aufstieg und Fall der NPD
4.4 Die achtziger Jahre
4.4.1 Wirtschaftliche Probleme und wachsende Unsicherheit
4.4.2 Wertewandel
4.4.3 Wählermilieus und Parteienlandschaft im Umbruch
4.4.4 Aufstrebende Zwerge am rechten Rand
4.5 Die neunziger Jahre
4.5.1 Auswirkungen der Wiedervereinigung
4.5.2 Die Erosion des Sozialstaates
4.5.3 Legitimationskrise der etablierten Parteien
4.5.4 Erneute Wahlerfolge der Republikaner
4.5.5 Der Durchbruch der DVU
4.6 Zusammenfassung und Vergleich
5. Die Wähler
5.1 Das Wählerpotential der SRP
5.2 Die NPD in den Sechzigern
5.2.1 Geschlecht und Alter
5.2.2 Beruf, Bildung, soziale Schicht
5.2.3 Partei-, Kirchen-, und Gewerkschaftsbindung
5.2.4 Hochburgen, regionale Verteilung, Gemeindegröße
5.2.5 Protestfaktoren
5.2.6 Gesinnungsfaktoren
5.3 Die Republikaner in den Achtzigern
5.3.1 Geschlecht und Alter
5.3.2 Beruf, Bildung, soziale Schicht
5.3.3 Partei-, Kirchen- und Gewerkschaftsbindung
5.3.4 Hochburgen, regionale Verteilung, Gemeindegröße
5.3.5 Protestfaktoren
5.3.6 Gesinnungsfaktoren
5.4 Republikaner und DVU in den Neunzigern
5.4.1 Geschlecht und Alter
5.4.2 Beruf, Bildung, soziale Schicht
5.4.3 Partei-, Kirchen-, und Gewerkschaftsbindung
5.4.4 Hochburgen, regionale Verteilung, Gemeindegröße
5.4.5 Protestfaktoren
5.4.6 Gesinnungsfaktoren
5.5 Zusammenfassung und Vergleich
6. Fazit: Das rechtsextreme Wählerpotential und die Stabilität der Demokratie
7. Literaturverzeichnis

Automatisiert erstellter Textauszug:

Als unerläßliches, wenn auch später umstrittenes Rüstzeug für die Konsolidierung des demokratischen Verfassungsstaates wurde deshalb das Konzept der „streitbaren Demokratie“ ins Grundgesetz eingebaut. Die Wertorientierung des Grundgesetzes wäre schließlich nur ein „bloßer Bekenntnisakt geblieben, hätten die Mütter und Väter der Verfassung in ihr nicht zugleich eine Reihe von Instrumenten zur Abwehr extremistischer Kräfte installiert. Zu den wichtigsten gehören das Parteienverbot, das Vereinsverbot, die Entziehung von Grundrechten sowie die Treuepflicht für die Angehörigen des öffentlichen Dienstes... Demnach kann die politische Betätigungsfreiheit von einzelnen oder Gruppen nicht erst dann eingeengt werden, wenn diese auch ohne politischen Hintergrund strafwürdige Delikte begehen. Die gegen den demokratischen Verfassungsstaat gerichtete Intention ist vielmehr prinzipiell ausreichend. Die Streitbarkeit des Grundgesetzes ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die Legalitässtrategie des Weimarer Extremismus. Es gibt also nicht nur verfassungsfeindliche Methoden, sondern auch verfassungsfeindliche Ziele“ (Backes/Jesse 1990: 11). [...]

Obwohl man davon ausgehen kann, daß sich das rechtsextreme Einstellungspotential in der Bundesrepublik Deutschland seit den siebziger Jahren ungefähr auf dem gleichen quantitativen Niveau bewegt, läßt sich bei der Entwicklung der Wahlergebnisse rechter Parteien alles andere als Kontinuität feststellen (siehe Abbildung 2 und 3). „Vielmehr haben wir es mit einer wellenartigen Entwicklung von Hochs und Tiefs zu tun. Aus dem historischen Rückblick lassen sich entsprechend drei Wellen festmachen: die Wahlerfolge zu Beginn der fünfziger Jahre für die Sozialistische Reichspartei (SRP), in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre für die nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) und die Entwicklung seit Ende der achtziger Jahre. Die letztgenannte Phase ist im Unterschied zu den erstgenannten Phasen allerdings nicht durch eine Kontinuität von Auf- und Abschwung gekennzeichnet, sondern durch eine wellenartige Entwicklung in der Welle selbst“ (Pfahl-Traughber 1999: 21). [...]

In den fünfziger und frühen sechziger Jahren schienen diejenigen, die das latente Vorhandensein von rechtsextremistischem Gedankengut als „Nachwehen“ des Nationalsozialismus ansahen, recht zu behalten: Mit fortschreitender demokratischer Konsolidierung gingen NSNostalgien und nationalsozialistisch gefärbtes Gedankengut zurück bzw. wurden immer weniger akzeptiert. Ein gewisser „Bodensatz“ an rechtsextremen Einstellungsmustern blieb allerdings bestehen. So nahm ab Mitte der sechziger Jahre zwar das Demokratiebewußtsein der Deutschen zu und die Verbreitung autoritärer Geisteshaltungen ab, die Achtung vor dem „großen Staatsmann“ Hitler bewegte sich aber zwischen den späten sechziger und den frühen achtziger Jahren auf einem relativ konstanten Level und ging erst später zurück. Antisemitische Einstellungen verloren zunehmend an Bedeutung, wurden jedoch durch fremdenfeindliche d.h. gegen Gastarbeiter und Asylanten gerichtete Vorurteile ersetzt. Die SINUS-Studie und diverse jüngere Untersuchungen kamen trotz unterschiedlicher Forschungsdesigns zu ähnlichen Resultaten: Sie alle beziffern das rechtsextreme Einstellungspotential in der Bundesrepublik mit Werten um die 15%, stellen keine signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern fest, registrieren bei älteren Menschen und bei unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen eine höhere Anfälligkeit gegenüber rechtsextremistischem Gedankengut und kommen zu der Erkenntnis, daß die Mehrheit der Personen mit rechtsextremem „Weltbild“ keine Rechtsaußen-Parteien wählen möchte. Unstimmigkeiten herrschen lediglich bei der Frage, ob rechtsextreme Einstellungen in den alten oder in den neuen Bundesländern stärker verbreitet seien. Die meisten Untersuchungen vor 1998 ermittelten im Osten ein geringeres rechtsextremes Einstellungspotential als im Westen, seit der Stöss-Niedermeyer-Studie verkehrten sich jedoch die Ergebnisse ins Gegenteil. „Bei den einzelnen Bestandteilen des rechtsradikalen Weltbildes fällt zudem auf, daß nationalistische, pronazistische und antisemitische Einstellungen im Osten so verbreitet sind wie im Westen, daß aber eine autoritäre, ethnozentristische und vor allem wohlstandschauvinistische Haltung ausgeprägter ist als im Westen“ (Minkenberg 2000: 320). Insgesamt kann man aus den Umfrageergebnissen wohl folgendes schließen: Zwischen der unmittelbaren Nachkriegszeit und den sechziger Jahren gingen rechtsextreme Einstellungen kontinuierlich zurück. Später wandelte sich nur noch die Popularität einzelner Versatzstücke der rechtsextremistischen Ideologie. Der Prozentsatz der Bürger mit rechtsextremer Orientierung ist seit Ende der siebziger Jahre in etwa gleich geblieben. [...]

Arbeit zitieren:
Wipperling, Adriana Juli 2001: Rechtsextremismus im Wandel?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Wählerverhalten, Nationalsozialismus, Demokratie, Parteien

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