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Quo vadis, Gewerkschaft?

Eine institutionenökonomische Analyse

Quo vadis, Gewerkschaft?
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Martin Hille
  • Abgabedatum: Dezember 2003
  • Umfang: 102 Seiten
  • Dateigröße: 670,8 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Universität Bayreuth Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-7827-8
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-7827-8 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-7827-8 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Hille, Martin Dezember 2003: Quo vadis, Gewerkschaft?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Transaktionskostentheorie, Gegenmachtkonzept, Strukturwandel, Theorie der Interessengruppen, Pfadabhängigikeit

Diplomarbeit von Martin Hille

Einleitung:

Die Entwicklung des deutschen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems wurde von Gewerkschaften seit ihrer Entstehung im Jahre 1848 maßgeblich beeinflusst. Ausgehend von dem radikalen gesellschaftlichen Umbruch durch die industrielle Revolution und der damit verbundenen Ausbeutung und politischen Unterdrückung der Arbeitnehmer, entwickelten sich Gewerkschaften als „Gegenmacht“ (Schneider 2000) gegenüber dem Kapital. Ihr Haupanliegen war, die Interessen der in ökonomischer und sozialer Hinsicht benachteiligten lohnabhängigen Bevölkerung zu instrumentalisieren und durchzusetzen.

Im Laufe der Entwicklungsgeschichte, konnten Gewerkschaften dabei nicht nur wirtschaftliche und soziale Verbesserungen erzielen, sondern waren auch an der Etablierung gesellschaftlicher Grundrechte beteiligt. Stellvertretend stehen hierfür das Wahlrecht und die Vereinigungsfreiheit. Aber auch der Auf- und Ausbau der parlamentarischen Demokratie, welche noch heute die Stabilität des demokratischen Systems in Deutschland garantiert, ist u. a. der Gewerkschaftstätigkeit zuzuschreiben. In diesem Rahmen konnten sie ihren Machtanspruch im politischen Prozess so ausbauen und verfestigen, dass die Durchsetzung von wirtschafts-, sozial- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen ohne Gewerkschaften heute kaum mehr möglich ist. Salopp formuliert, sind Gewerkschaften Teil des „sozialen Gewissens“(Deppe 2003) der deutschen Bevölkerung geworden.

Die gegenwärtige Situation in Deutschland vermittelt allerdings ein widersprüchliches Gewerkschaftsbild. Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, leere Staatskassen und globaler Wettbewerb sind die Bedingung, mit denen die politischen Entscheidungsträger - also auch Gewerkschaften - akut konfrontiert sind. Sie haben weitestgehend sozialpolitische Reformen mit massiven Einschnitten ins „soziale Netz“ (Deppe 2003) zur Folge. Dazu gehören Leistungskürzungen bzw. drastische Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen, bei der Arbeitslosenversicherung oder im Rentensystem. In diesem Rahmen geraten auch gewerkschaftliche Errungenschaften wie der Kündigungsschutz, die Mitbestimmung, oder allgemeiner, die Tarifautonomie, zunehmend ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik. Dem gegenüber erscheinen Gewerkschaften als unflexible und bürokratische Apparate, die in erster Linie die Verteidigung ihrer eigenen, traditionellen Interessen und die der Arbeitsplatzbesitzer zum Ziel haben. Dabei sind sie, so vermittelt der Eindruck, alten Dogmen verhaftet und versuchen die aktuellen sozioökonomischen Probleme mit dem Antagonismus von Arbeit und Kapital zu lösen.

Der Einwand lautet deshalb, dass Gewerkschaften mit ihren Errungenschaften den Reformprozess zu einem modernen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem blockieren. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie als „Fundamentalopposition“ und „Neinsager“ (Rulff 2003) sich gegen fast jede grundlegende Reformbewegung stellen und damit die Anschlussfähigkeit Deutschlands an den Modernisierungsprozess, bremsen. Trifft dies zu, ist das Versäumnis sich mit der eigenen Position im wirtschaftlichen- und gesellschaftlichen Veränderungsprozess auseinanderzusetzen für eine Arbeitnehmerorganisation fatal, wenn sie ihr gesellschaftspolitisches Mandat weiter beanspruchen will. Deshalb ist seit einiger Zeit die Tendenz zu beobachten, dass Gewerkschaften in der heutigen Gesellschaft politische Gestaltungskraft einbüßen und im Politikprozess nur noch zweitklassig agieren. Ihre derzeitige Performance, die sich vor allem durch einen kontinuierlichen Mitgliederrückgang und ein dauerhaften Reputationsverlust als tragende Säule des deutschen Sozialmodells auszeichnet, scheint die „Stillstandskrise“ (Hassel 2003) der Gewerkschaften zu untermauern.

Insgesamt zeigt diese erste, rudimentäre Bestandsaufnahme, dass bei den Gewerkschaften zwischen Verbandsinteressen und Gemeinwohlinteressen sowohl Harmonien als auch Konflikte existieren. Ersteres scheint dabei für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung von Vorteil zu sein - letzteres hingegen von Nachteil. Die gegenwärtig schlechte wirtschaftliche Situation in Deutschland führt aber dazu, dass sich die öffentliche Debatte stark auf die Nachteile, die gewerkschaftliches Handeln mit sich bringen, konzentriert. Die Betrachtung auf eine Seite zu beschränken ist aber tendenziell verfehlt, um eine gehaltvolle Analyse über die derzeitige Gewerkschaftspolitik und ihrer Entwicklung abzugeben. Dem Anspruch einer zweiseitigen Analyse ein Stück näher zu kommen, ist deshalb Gegenstand der folgenden Ausarbeitung.

Zu diesem Zweck wird im zweiten Abschnitt zunächst das Aufgabenspektrum der Gewerkschaften dargestellt. In Abschnitt drei wird dann das theoretische Fundament gelegt, anhand dessen die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Implikationen der Gewerkschaftspolitik dargestellt werden können. Inwiefern diese den realpolitischen Bedingungen standhalten, ist dann Inhalt des vierten Abschnitts. In diesem Rahmen wird die Gewerkschaftspolitik mit dem sozioökonomischen Strukturwandel konfrontiert. Um die Dilemmata und Analogien, zwischen Gewerkschaftstheorie und Realpolitik hervorzuheben, wird in Abschnitt fünf auf eine Reihe ökonomischer Modelle zurückgegriffen. Sie sollen auch als Grundlage für den in Abschnitt sechs dargestellten Ausblick der gewerkschaftlichen Entwicklung dienen. Die Arbeit schließt mit einer kurzen Zusammenfassung und einer Darstellung der Ergebnisse in Abschnitt sieben.

Inhaltsverzeichnis:

ABBILDUNGSVERZEICHNIS II
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS III
1. EINLEITUNG 1
2. GEWERKSCHAFTEN IN DEUTSCHLAND 4
2.1 BEGRIFFSABGRENZUNG 4
2.2 FUNKTIONEN DER GEWERKSCHAFTSPOLITIK 6
2.2.1 SCHUTZFUNKTION FÜR ARBEITNEHMER 6
2.2.2 GESELLSCHAFTLICHE GESTALTUNGSFUNKTION 7
3. SOZIOÖKONOMISCHE BESTIMMUNGSGRÜNDE GEWERKSCHAFTLICHER ORGANISATION 9
3.1 GESELLSCHAFTLICHE BESTIMMUNGSGRÜNDE: DAS GEGENMACHTKONZEPT 9
3.2 ÖKONOMISCHE BESTIMMUNGSGRÜNDE: DER TRANSAKTIONSKOSTENANSATZ 13
4. GEWERKSCHAFTEN IM SOZIOÖKONOMISCHEN STRUKTURWANDEL 19
4.1 URSACHEN DES STRUKTURWANDELS 20
4.2 FELDER DES SOZIOÖKONOMISCHEN STRUKTURWANDELS 21
4.2.1 TRANSFORMATION DER ARBEITSWELT 21
4.2.2 TRANSFORMATION DER LEISTUNGSERSTELLUNG 23
4.2.3 SYSTEMVERÄNDERUNG DURCH GLOBALISIERUNG 25
4.2.4 GESELLSCHAFTLICHE TRANSFORMATION 28
4.3 GEWERKSCHAFTSKRISE DURCH STRUKTURWANDEL 29
4.4 CHRONOLOGIE DER GEWERKSCHAFTEN IM STRUKTURWANDEL 31
5. ERKLÄRUNG DER GEWERKSCHAFTSTÄTIGKEIT ANHAND ÖKONOMISCHER THEORIEN 34
5.1 DIE THEORIE DER INTERESSENGRUPPEN 34
5.1.1 GEFANGENENDILEMMA DURCH RENT-SEEKING 35
5.1.2 GEFANGENENDILEMMA DURCH TRITTBRETTFAHRER 37
5.2 DIE INSIDER-OUTSIDER-THEORIE 40
5.3 DIE PFADABHÄNGIGKEIT 44
5.3.1 EXOGENE PFADABHÄNGIGKEIT 44
5.3.2 ENDOGENE PFADABHÄNGIGKEIT 49
6. QUO VADIS, GEWERKSCHAFT? 53
6.1 AUFLÖSUNG DER GEWERKSCHAFTEN? 53
6.2 MODERNISIERUNG DER INSTITUTIONELLEN ANREIZSTRUKTUREN 55
6.2.1 AUSDEHNUNG DES LEISTUNGSWETTBEWERBS 56
6.2.2 ÜBERWINDUNG VON DILEMMASTRUKTUREN 60
6.2.2.1 KLEINGRUPPE 62
6.2.2.2 SELEKTIVE ANREIZE 63
6.3 GEWERKSCHAFTSPOLITISCHER MENTALITÄTSWANDEL 66
7. RESÜMEE 68
ANHANG EXPERTENINTERVIEW 71
LITERATURVERZEICHNIS 86

Automatisiert erstellter Textauszug:

Deutlicher als mit den bisherigen Erklärungsansätzen, können mit der so genannten Pfadabhängigkeit die gewerkschaftlichen Verharrungstendenzen erläutert werden. Ausgangspunkt ist, dass sich im Zeitablauf sowohl die internen Gewerkschaftsstrukturen als auch die externen Marktstrukturen so spezifiziert haben, dass sie auf Dauer für die Gewerkschaften Unsicherheiten abbauen und zunehmende Erträge einbringen. Je länger jedoch der Zustand der einmal festgelegten Strukturen Bestand hat und je stärker sie von den Individuen verinnerlicht sind, desto teurer ist es, sie zu verlassen. Folglich kommt es zum „Lock-in“ – also zu der Nicht–Veränderung der Strukturen.147 Die nachfolgenden Abschnitte illustrieren den „Lock-in“ der gewerkschaftlichen Strukturen und seine Folgen. 5.3.1 Exogene Pfadabhängigkeit [...]

hat die Insider-Outsider-Theorie deshalb transaktionskostensenkende Eigenschaften. Somit haben nicht nur Gewerkschaften selber, sondern auch die Arbeitgeber und ihre Verbände ein berechtigtes Interesse daran, den Status quo der tarifpolitischen Verhandlungsmethoden beizubehalten.141 Überspitzt formuliert haben sich die Konfliktlinien aus dem Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital zu einem Gegensatz zwischen Arbeitslosen und Beschäftigten verschoben.142 Erwähnenswert ist aber auch, dass die Insider-Outsider-Theorie bisweilen schonungslos die Diskrepanzen der Gewerkschaftspolitik offen legt. Dies wird insbesondere bei dem Verhältnis zwischen Gemeinwohlinteressen und Verbandsinteressen deutlich. Laut DGB hat die gewerkschaftliche Lohnpolitik grundsätzlich eine gemeinwohlorientierte Ausrichtung.143 Das ist insofern richtig, als das sie durch das Allgemeinverbindlichkeitsprinzip einen Großteil aller Arbeitnehmer betrifft und damit durchaus wachstumsrelevante Effekte hat. Dem gegenüber ist die Lohnunterbietungskonkurrenz durch die Outsider allerdings unerwünscht, da sie dem Verbandsinteresse entgegensteht, einen möglichst hohen Lohn für die Insider zu erzielen. Die Folge ist, dass die Interessen der derzeit rund 4,2 Millionen arbeitslosen Menschen in Deutschland144 (Stand: 11/2003) kategorisch aus den Tarifverhandlungen ausgeschlossen werden. Das gewerkschaftspolitische Ziel, die Vollbeschäftigung zu erreichen, erscheint vor diesem Hintergrund paradox.145 In diesem Zusammenhang ist auch die permanente Forderung der Gewerkschaften, das Allgemeinverbindlichkeitsprinzip abzuschaffen, unverständlich. Zwar könnten sie damit das Trittbrettfahrerproblem vermindern, die logische Konsequenz wäre dann aber, dass die Gewerkschaften ihren privilegierten Status bei Tarifverhandlungen einbüßen würden, weil die Outsider in die Lohnfindung massiv eingreifen würden. [...]

ternehmen sind in der Regel nicht bereit, Löhne über dem Wertgrenzprodukt der Arbeit zu zahlen. Unter der Annahme, dass restriktive Geldpolitik nur eingeschränkt möglich ist, kompensieren sie Lohnerhöhungen deshalb durch Preiserhöhungen (Lohn-Preis-Spirale) oder durch eine eingeschränkte Arbeitsnachfrage. Bei einer Lohnerhöhung, die über den Produktivitätszuwachs hinausgeht, müssen Gewerkschaften deshalb damit rechnen, dass es zur Unterbeschäftigung und folglich zur Freisetzung von Arbeitskräften kommt.137 Neben den Problemen der Lohnsetzung sorgt im Rahmen der Insider-OutsiderTheorie auch der relativ rigide Kündigungsschutz immer wieder für Konfliktpotential bei den Tarifverhandlungen. Dieser hat in erster Linie den Zweck, die Erwerbstätigkeit der Beschäftigten zu sichern. Damit hindert er allerdings die Arbeitgeber an der Einstellung nichtorganisierter Arbeiter und erleichtert die Verteilung knapper Arbeitsplätze unter den Angehörigen eines Berufszweiges.138 Allerdings sollen die negativen Konsequenzen der Insider-Outsider-Theorie nicht über ihre positiven Eigenschaften hinwegtäuschen. So werden jene Kosten verringert, die entstehen, wenn vorhandene Beschäftigungsverhältnisse aufgelöst und durch Neue ersetzt werden. Hierbei handelt es sich um die sogenannten Kündigungs- und Einstellungskosten.139 Der Grund für diese Kostenart ist, dass die Unternehmen mit ihren Arbeitnehmern betriebsspezifisches Humankapital aufgebaut haben. Demzufolge stellt ein „ungelernter“ Outsider nur eingeschränkt ein Substitut für einen Insider dar, sodass eine Kündigung nicht kostenlos durchführbar wäre. Neben Abfindungszahlungen und einem Knowhow-Verlust würden dem Unternehmen bei einer Neueinstellung auch soziale Kosten entstehen, wie z. B. durch Einarbeitung und mangelnde Kooperationsbereitschaft. Langfristig können sich diese Faktoren negativ auf die wirtschaftliche Performance eines Unternehmens auswirken.140 Analog zum Abschnitt 3.2 [...]

Arbeit zitieren:
Hille, Martin Dezember 2003: Quo vadis, Gewerkschaft?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Transaktionskostentheorie, Gegenmachtkonzept, Strukturwandel, Theorie der Interessengruppen, Pfadabhängigikeit

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