Die Qualität der Heimerziehung in Berlin - Begründung und Entwurf eines Evaluationsverfahrens von stationären Erziehungshilfen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Jörg Stumbrat, Stefan Henke
- Abgabedatum: September 1991
- Umfang: 164 Seiten
- Dateigröße: 5,5 MB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Berlin Deutschland
- Bibliografie: ca. 8
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1150-3
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Jörg Stumbrat, Stefan Henke September 1991: Die Qualität der Heimerziehung in Berlin - Begründung und Entwurf eines Evaluationsverfahrens von stationären Erziehungshilfen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Heimerziehung, Evaluation, stationäre Erziehung, Erziehungshilfen, Kinder- und Jugendarbeit
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Diplomarbeit von Jörg Stumbrat, Stefan Henke
Problemstellung:
Mit dieser Arbeit legen wir eine Vorstudie über das Thema vor: Die Qualität der Heimerziehung in Berlin - Begründung und Entwurf eines Evaluationsverfahrens von stationären Erziehungshilfen.
Bisher gibt es nur wenige Studien über Kriterien guter Heimerziehung. Darüber hinaus gibt es eine große Abwehr im Berufsfeld und möglicherweise in der Pädagogik überhaupt, sich mit der Frage auseinanderzusetzen: „Was ist gute Heimerziehung?“ Dabei ist es außerordentlich wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, was gute Heimerziehung ist und wie Kinder und Jugendliche untergebracht werden.
Die Heimerziehung steht in der Öffentlichkeit unter starkem Beschuss. Und es wird insbesondere durch Träger ambulanter Dienste, wie z. B. Kindertagesstätten, Jugendfreizeitheime, die Meinung vertreten, Heimerziehung sei das viele Geld überhaupt nicht wert. Ein zentraler Kritikpunkt scheinen überhaupt die Kosten zu sein. Ein Platz im Heim kostet pro Tag etwa 150,- DM bis 250,- DM [Umgerechnet ca. 75,- Euro bis 125,- Euro]. (Es kommt auf den Pflegesatz an.) Diese Kosten liegen weit über denen für ambulante Dienste.
Darum wird gefragt, ob nicht präventive Hilfen in der Pädagogik einer Heimunterbringung vorzuziehen seien.
Eine andere Kritikergruppe sind die „Nutzer“ (Eltern der Heimbewohner und frühere Heimbewohner). Diese „Nutzer“ stehen häufig im Widerstand mit den Heimen. Sie haben oft das Gefühl, dass bei einer Herausnahme des Kindes/Jugendlichen der Erziehungsauftrag an das Heim delegiert wird, ihnen also weggenommen wird. Doch oft wollen sie sich auch nicht mit ihrer eigenen Problematik auseinandersetzen, warum sie nämlich im Erziehungsauftrag versagt haben. Sie sehen die Erzieher im Heim als Konkurrenz.
Vor diesem Hintergrund zeigt sich die Notwendigkeit, sich mit den Fragen einer Qualitätskontrolle der Heimerziehung auseinanderzusetzen. Ein solches Unternehmen stößt aber auf eine Reihe von Schwierigkeiten z. B.: Was sind Kriterien für ein „gutes“ Heim? Wie können wir die Qualität von Heimen messen?
Bei anderen Berufszweigen, wie im Gaststättengewerbe, scheint eine Evaluation vergleichsweise einfacher zu sein. So z. B. gibt es Gaststättenführer mit Aussagen über die Qualität (z. B. Qualität der Speisen, Ambiente usw.). Warum scheint dieses bei Heiminstitutionen unmöglich? Es ist offenbar sehr schwierig, offen über Erfolge der Heimerziehung zu sprechen, um die Qualität von Heimen festzustellen (Erfolgskontrolle).
Wir wollen zunächst einen Überblick über die historische Entwicklung der Heimerziehung geben. Anschließend folgt eine Erörterung von Kriterien für gute Heimerziehung, die über die Reformperspektiven in der Heimerziehung Auskunft geben.
Um uns nicht nur auf die gängige Literatur zu verlassen, haben wir im Rahmen unserer Pilotstudie Expertengespräche durchgeführt. Das Ziel ist, ein Konzept zu entwickeln, wie man einen Qualitätskatalog für die Evaluation von Heimen erstellen kann.
Am Schluss der Arbeit wollen wir Beschreibungen von zwei Heimen geben, die uns bei den Expertengesprächen häufig genannt wurden.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | EINLEITUNG | 5 |
| 2. | HISTORISCHER ABRISS DER HEIMERZIEHUNG | 7 |
| 2.1 | MITTELALTER | 7 |
| 2.2 | 13. BIS 16. JAHRHUNDERT | 8 |
| 2.3 | 17. UND 18. JAHRHUNDERT | 9 |
| 2.4 | DER WAISENHAUSSTREIT (CA. 1770 - 1820) | 10 |
| 2.5 | ENTWICKLUNG DER PRIVATORGANISIERTEN ANSTALTSERZIEHUNG IM 19. JAHRHUNDERT | 12 |
| 2.6 | ENTWICKLUNG DER ÖFFENTLICHEN JUGENDFÜRSORGE IM 19. JAHRHUNDERT | 15 |
| 2.7 | REFORMBESTREBUNGEN VOM ENDE DES 19. JAHRHUNDERTS BIS IN DIE WEIMARER REPUBLIK | 16 |
| 2.8 | DIE HEIMERZIEHUNG IM 3. REICH | 18 |
| 2.9 | SITUATION NACH DEM 2. WELTKRIEG | 19 |
| 2.10 | DIE ENTWICKLUNG SEIT 1966 | 20 |
| 3. | REFORMPERSPEKTIVEN | 23 |
| 4. | EXPERTENGESPRÄCHE MIT MITARBEITERN DER FAMILIEN- UND HEIMPFLEGE DES JUGENDAMTES | 37 |
| 4.1 | EXPERTENGESPRÄCHSAUSWERTUNG | 38 |
| 4.2 | KRITERIENKATALOG DER EXPERTEN | 49 |
| 5. | KONKRETES BEISPIEL DER GESPRÄCHSAUSWERTUNG | 54 |
| 6. | EVALUATIONSVORSCHLAG FÜR GUTE HEIMERZIEHUNG | 59 |
| 6.1 | UNTERSUCHUNGSDESIGN | 59 |
| 6.2 | DAS UNTERSUCHUNGSDESIGN GLIEDERT SICH IN FOLGENDEN EVALUATIONSETAPPEN | 60 |
| 6.3 | ZUSAMMENFASSENDE EVALUATION (AUSWERTUNG) | 74 |
| 7. | HEIMBESCHREIBUNG DER HEILPÄDAGOGISCHEN SCHÜLER- UND LEHRLINGSHEIME ULMENHOF UND BIRKENHOF | 76 |
| 8. | HEIMBESCHREIBUNG DES ST. JOSEF KINDER- UND JUGENDHEIM | 85 |
| 9. | SCHLUSSBEMERKUNG | 92 |
| LITERATURVERZEICHNIS | 94 | |
| ANHANG | 95 |
Textprobe:
Kapitel 3., Reformperspektiven:
Im Zwischenbericht der Kommission Heimerziehung gibt es ein Kapitel, welches sich mit der Pädagogik und Therapie im Heim beschäftigt.
„Die pädagogische Qualität des Heimes ist ein komplexer Begriff mit einer Fülle von Bedingungsfaktoren.“ Es ist daher sehr schwierig, zu definieren, welche Kriterien ein Heim, welches als gut anzuerkennen ist, erfüllen muss. Jedoch scheint es Erkenntnisse zu geben über klare Vorstellungen, die besagen, was ein Heim leisten muss, um den „Erziehungsauftrag“ ausführen zu können.
In der Literatur zur Einführung in Theorie und Praxis der Heimerziehung wird z. B. klar definiert, was ein Erzieher zu leisten hat. Der Bericht stellt das Typische für die Arbeit im Heim dar. Einige der Berufsmerkmale fallen beim Erzieher auf.
Diagnostische Fähigkeiten und Erfahrungen werden vom Erzieher verlangt. Er müsste imstande sein, ein Kind zu verstehen, Schwierigkeiten zu erkennen, und ein Hilfeangebot zu erstellen.
Der Erzieher muss Kenntnisse sozialer Prägemechanismen vorweisen können. Er müsste in der Lage sein, eine Anamnese des Kindes zu erstellen, um die Entwicklung des Kindes verstehen zu können.
Der Heimerzieher muss offen sein für moralische Probleme. Er sollte seine Wertvorstellungen reflektieren, damit er sich im Klaren ist, welche moralischen Normen er dem Kind auferlegt. Er sollte dabei nicht neutral sein, sondern muss deutlich Stellung nehmen.
Er ist auch für die Gesundheit und das leibliche Wohl des Untergebrachten verantwortlich. Dazu ist es notwendig, auf die Entwicklung des Körpers zu achten. Auch die psychische Entwicklung ist zu berücksichtigen.
Eine schulische Hilfe sollte selbstverständlich sein. Der Heimerzieher muss dabei nicht unbedingt das Fachwissen haben, aber er sollte in der Lage sein, Probleme zu erkennen, um anschließend Hilfen von außerhalb miteinzubeziehen.
Einem Jugendlichen ist bei der Berufsfindung Unterstützung zu gewähren. Dabei muss der Erzieher im Heim in der Lage sein, den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu überschauen. Er muss bei der Hilfe zur Berufsfindung auch die reelle Berufsreife des jungen Erwachsenen berücksichtigen können.
Als Erzieher hat man sehr viel mit Menschen zu tun. Flexibilität sollte hier selbstverständlich sein, denn als Pädagoge sollte man in der Lage sein, Beziehungen nicht nur aufzubauen, sondern auch zu nutzen.
Ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit ist eine intensive Elternarbeit. Denn es ist wichtig, daran zu denken, dass der Untergebrachte später wieder zurück in seine Familie soll oder zumindest Kontakt haben wird.
Jedem Erzieher im Heim sollte klar sein, dass er nicht alleine sinnvolle Hilfe für den Untergebrachten leisten kann. Er ist aufgefordert, im Team mitzuarbeiten und mit den Kollegen offen über seine Probleme in der Arbeit zu sprechen.
Ein Heim ist eine größere Institution als eine normale Familie. Daher ist es für den Erzieher im Heim wichtig, die Verwaltung der Institution zu verstehen, um sie auch positiv nutzen zu können. Ihm sollte klar sein, dass sein Arbeitsplatz trotz aller Kollegialität doch noch hierarchisch strukturiert ist.
Es ist selbstverständlich, dass ein Erzieher im Heim sich in den Gesetzen auskennen muss. Er braucht die Rechtskenntnisse zum Schutz für den Untergebrachten und für sich selbst.
Der Beruf des Erziehers bedarf wissenschaftlicher Kenntnisse. Daher ist jeder Pädagoge aufgerufen, sich an Projekten in sozialen Bereichen und Diskussionen zu beteiligen.
Diese zwölf Punkte erheben nicht den Anspruch auf eine vollständige Beschreibung aller Grundvoraussetzungen.
Trotz hohen Engagements der Erzieher hat die Heimerziehung oft ein schlechtes Image. Vielen ist nicht klar, dass Heimerziehung auch eine Möglichkeit der Hilfe sein kann. Durch fehlende Transparenz der Arbeit im Heim ist nicht festzustellen, was dort eigentlich gemacht wird. Um die Heimerziehung in ein positives Licht zu stellen, müsste eine Möglichkeit geschaffen werden, die Arbeit - für den Nutzer erkennbar - als Hilfe darzustellen. Im Zwischenbericht Kommission Heimerziehung und im Heimbericht (1970) wird dargestellt, welche Arbeit im Heim geleistet werden muss, um die Institution Heim als Erziehungshilfe anbieten zu können.
In dem Kapitel „Indikation und Aufgabe“ wird die Sichtweise der Nutzer angesprochen. Eltern, deren Kinder aus der Familie gerissen werden, sehen die Herausnahme aus der eigenen Familie als Entscheidung gegen das Herkunftsmilieu.
Durch die Praxis, gravierende Fälle in Heime einzuweisen, schlägt sich der Erziehungsbedarf somit als Bettplatzbedarf nieder. Die Aufgaben der Heimerziehung leiten sich aus Sozialisations- und Erziehungsdefiziten ab.
Durch diese Aussage sehen wir, dass es verschiedene Angebote von Heimerziehung geben muss. Wir können das erweitern, es muss verschiedene Hilfeangebote geben.
„Die Wahl zwischen den unterschiedlichen Formen der Fremdplatzierung ist erschwert worden; für die Indikation ist ein wesentliches Kriterium entfallen. Seit nämlich die professionelle Ersatzfamilie (heilpädagogische Pflegestelle, Sonderpflege) erdacht und ansatzweise erprobt ist, kann - entgegen einer noch verbreiteten Auffassung - auch ein hoher Grad an deviantem Verhalten und der ihm entsprechende Bedarf an professioneller Behandlung nicht mehr Heimerziehung allein indizieren.“ Es wird zudem gesagt, dass ein Heim keine „Erziehungs- und Sozialisationsaufgabe besser erfüllen (kann), als dies einer sorgfältig ausgewählten Familie möglich wäre, wenn sie gut beraten und fachlich gestützt wird.“ Im Kommissionsbericht wird zudem deutlich, dass Heimerziehung ein starkes Spannungsfeld zwischen Kind und Erzieher birgt, schon dadurch, trotz Engagement des Erziehers, dass der Erzieher in einem Arbeitsverhältnis steht. Die Beziehungen zwischen Kind und Erzieher sind unterschiedlich. Für das Kind sind sie dauerhaft, beim Erzieher bedeuten sie Zuwendung auf Zeit. „Die wesentlichen Beziehungsdifferenzen treffen Kinder und Erzieher dabei existenziell, so dass zwischen ihnen die Gefahr einer Dauerfrustration besteht; auf Seiten des Kindes, weil seine Sicherheits- und Bindungswünsche durch den Erzieher enttäuscht werden, auf Seiten des Erziehers (vor allem des engagierten), weil seine professionell geprägten Handlungsmuster ihm selbst angesichts der Erwartungen der Kinder und seiner eigenen Sozialisationserfahrungen unglaubwürdig werden und Schuldgefühle provozieren.“ Eine Lösung dieses Problems kann nur erfolgen, wenn die Hintergründe dieser Beziehungsdifferenzen erkannt und reflektiert werden.
„Diese Reflexion als wesentliche Voraussetzung für die Herstellung glaubwürdiger, ungebrochener Beziehungsstrukturen zwischen Kind und Erzieher hat folgende Aufgaben: (1) Herstellen einer gemeinsamen Interaktionsebene zwischen Kind und Erzieher durch tendenzielle Umkehrbarkeit aller Interaktionsmuster; (2) Beteiligen des Kindes an allen Entscheidungsvorgängen, die den eigenen Lebensbereich und den der Gruppe betreffen; (3) Konfliktsituation und Versagen von Kind und Erzieher ais Chancen der Metakommunikation und damit Vertiefung der Beziehung zwischen Erzieher und Kind; (4) Ermöglichen von Transparenz des Erzieherverhaltens für das Kind und - dadurch bewirkt - Verstehen der Bedingungen seines erzieherischen Handelns durch den Erzieher, z. B. durch Supervision.“ Man kann Heimerziehung als Feld für Lernprozesse sehen. Lernen kann man hier aber nur durch Reflexion der eigenen Arbeit. Ein Heim sollte die herkömmlichen Maximen wie Verantwortungsbewusstsein, Mitmenschlichkeit, Liebe usw. konkretisieren können. Aus den globalen Zielen müssen Teilziele formuliert und konkretisiert werden.
„Der methodische Ort eines Erziehers ist der eines Organisators von Lernprozessen. Er muss sich darüber klar sein, dass sein Verhalten entscheidendes Medium dieses Lernfeldes ist. Deshalb ist Supervision eine für alle Heimformen durchgängige Forderung.“ Qualität von Heimen zeichnet sich auch durch deren Binnenstruktur aus. Die Größe der Heime sollte für alle Beteiligten, vor allem für Kinder und Jugendliche, überschaubar sein. Daraus ergibt sich wie selbstverständlich die Aussage, dass dafür kleine Heime mit kleinen Gruppengrößen erforderlich sind. Normalerweise sorgt für ein solches klares Bezugsfeld die eigene Familie. Durch kleine Einheiten werden Individualität, Intimität, Identität und Integration begünstigt.
Ein weiteres Argument für kleine Einheiten ist die dadurch verminderte Fluktuation von Kindern, Jugendlichen und Personal.
Die Gruppengrößen: Zu den Gruppen, in denen Kinder und Jugendliche längerfristig leben, dürfen nicht mehr als 10 Minderjährige gehören; zu den Gruppen, in denen nur Jugendliche von über 15 Jahren leben, dürfen auf keinen Fall mehr als 12 Minderjährige gehören.
In Heimen, in denen überwiegend schwer geschädigte Kinder und Jugendliche untergebracht sind, darf die Zahl von 6 Minderjährigen pro Gruppe nicht überschritten werden.
Diese hier genannten Platzzahlen sind als maximale Größen zu verstehen.
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http://www.diplom.de/ean/9783836611503
Arbeit zitieren:
Jörg Stumbrat, Stefan Henke September 1991: Die Qualität der Heimerziehung in Berlin - Begründung und Entwurf eines Evaluationsverfahrens von stationären Erziehungshilfen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Heimerziehung, Evaluation, stationäre Erziehung, Erziehungshilfen, Kinder- und Jugendarbeit



