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Psychosoziale Lebenslagen minderjähriger Mütter

Eine Untersuchung der institutionellen Hilfeangebote und eigenständigen Bewältigungsstrategien

Psychosoziale Lebenslagen minderjähriger Mütter
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Friederike Bürmann
  • Abgabedatum: April 2000
  • Umfang: 75 Seiten
  • Dateigröße: 590,1 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Frankfurt am Main - University of Applied Sciences Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-4393-1
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-4393-1 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-4393-1 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Bürmann, Friederike April 2000: Psychosoziale Lebenslagen minderjähriger Mütter, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: jugendliche Mütter, junge Mütter, minderjährige Mütter, Ressourcenorientierung, Sozialarbeit

Diplomarbeit von Friederike Bürmann

Einleitung:

Im Rahmen eines studienbegleitenden Praktikums bei der Psychologischen Beratungsstelle in Dreieich eröffnete mir die Leiterin der Einrichtung die Möglichkeit, das Berufsanerkennungsjahr, in dessen Verlauf die Jahrespraktikantin oder der Jahrespraktikant in der Regel ein eigenständiges Projekt aufbauen, dort durchführen zu können. Aufgrund meiner damaligen Idee, eine Diplomarbeit zum Thema „Netzwerke Alleinerziehender“ zu schreiben, entwickelte sich innerhalb eines Dialoges die Konzentration auf das Themengebiet „Junge Mütter“. In der gedanklichen Beschäftigung mit dem Thema kristallisierte sich zunehmend heraus, dass sich zwar die Problemlagen minderjähriger und junger Mütter in vielen Fällen überschneiden, jedoch auch wesentliche Unterschiede (z. B. in der rechtlichen Situation) bestehen. So entstand die Eingrenzung der Diplomarbeit auf das Thema „Minderjährige Mütter“.

Es wird folglich untersucht, wie minderjährige Mütter mit der besonderen Belastung, Verantwortung für ein Kind zu haben und sich selbst noch in der Adoleszenz zu befinden (siehe Kapitel 4.), außerhalb von Mutter-Kind-Einrichtungen (M-K-E) umgehen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt nicht auf den Möglichkeiten der Prävention von Schwangerschaft Minderjähriger, sondern in der Beleuchtung des konkreten Umgangs der jungen Frauen mit der Situation, nun Mutter zu sein.

Durch die Vielfalt zuverlässiger Verhütungsmittel und -methoden, d. h. der weitgehenden technischen Kontrollierbarkeit von Befruchtung sowie deren sozial legitimierter Verhinderung, entwickelt sich normativ die geplante Schwangerschaft. Kinderkriegen ist durch die mögliche Trennung von Sexualität und Fortpflanzung begründungsbedürftig geworden.

Die Auswahl der befragten minderjährigen Schwangeren und Mütter in der mir zugänglichen Literatur und den zugrundeliegenden Studien und Interviews erfolgte fast ausschließlich über Ämter, Projekte und Mutter-Kind-Einrichtungen. Dadurch ist automatisch eine Personengruppe fokussiert, deren persönliche Ressourcen nicht ausreichen, die durchaus belastende Situation von Mutterschaft in der Adoleszenz aufzufangen. Die mir vorliegenden Untersuchungen beschäftigen sich zumeist mit der Schwangerschaft/Mutterschaft Minderjähriger als reine Problemsituation.

Dies ist insofern nicht verwunderlich, da Schwangerschaften Minderjähriger historisch gesehen als „illegitime Schwangerschaften“ betrachtet und bis in die sechziger Jahre unseres Jahrhunderts „als psychische oder soziale Entwicklungsstörungen pathologisiert“ wurden.

Diese Diplomarbeit nimmt die Bewältigungsstrategien und Ressourcen der Betroffenen in den Focus und entwickelt eine lösungsorientierte Wahrnehmung. Die Akzeptanz der Entscheidung dieser jugendlichen Frauen stellt die Grundlage der Betrachtung dar. Die Schwerpunkte liegen auf den institutionellen Hilfeangeboten, den eigenständigen Bewältigungsstrategien und den Ressourcen der Mädchen bzw. jungen Frauen, um daraus ggf. Rückschlüsse auf notwendige oder sinnvolle Hilfeangebote ableiten zu können bzw. Angebote auf ihre Annehmbarkeit untersuchen zu können. Hierbei sollen die vielfältigen Benachteiligungen und Problemlagen jugendlicher Mütter nicht unterschlagen werden. Trotzdem wird der Bewertung von Außenstehenden und Professionellen, dass frühe Mutterschaft eine Lebenskatastrophe sowie eine Rückkehr zu überkommenen weiblichen Rollenklischees oder eine Fixierung auf den Ernährer sei, widersprochen. Denn die gesellschaftliche Benachteiligung stellt nur eine Seite des Lebens junger Mütter dar. „Die jungen Frauen sind nicht nur Opfer der Verhältnisse, sondern sie gestalten ihr Leben auch nach eigenen Vorstellungen. Ihre subjektiven Potentiale und ihr lebensbejahender Umgang mit den Verhältnissen werden jedoch oft nicht wahrgenommen“.

Hier liegt der Versuch vor (ohne die Durchführung eigener Interviews mit minderjährigen Müttern), aufgrund der vorliegenden Untersuchungen mögliche Bewältigungsstrategien mit Blick auf die Ressourcen von minderjährigen Müttern und ihren Familien aufzuzeigen. Dies wird häufig nur über den Umkehrschluss aus den in der Literatur der benannten Defiziten und Schwierigkeiten von minderjährigen Müttern, auch im Vorfeld ihrer Schwangerschaft, möglich sein. Diese betreffen sowohl den innerfamiliären Bereich als auch die sonstigen sozialen Netze.

Diese Arbeit beschränkt sich auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland. Bei konkreten Strukturen der institutionellen Hilfeangebote findet eine Konzentration auf die Stadt und den Kreis Offenbach statt.

Insgesamt ist die Literaturlage zu minderjährigen Müttern nicht sehr umfangreich. Obwohl in der Literatur durchaus ressourcenorientiertes Verständnis und lösungsorientierte Ansätze vorkommen, so scheint es jedoch bisher keinerlei spezifische Untersuchungen über die Zielgruppe dieser Diplomarbeit, die minderjährigen Mütter außerhalb von Mutter-Kind-Einrichtungen, zu geben. Ebenso gibt es keine übersichtliche Auflistung möglicher Hilfeangebote für minderjährige Mütter und ihre Eltern.

Die Recherchearbeiten im Vorfeld dieser Diplomarbeit lassen vermuten, dass es minderjährigen Müttern und ggf. auch ihren Familien nicht leicht gemacht wird, alle Möglichkeiten der öffentlichen Unterstützung und Hilfen rasch zu erfassen, um sinnvoll Einfluss auf die Art der Unterstützung nehmen zu können.

Im Folgenden werden die drei Hauptthesen dieser Diplomarbeit vorgestellt. Sie bilden die Grundlage für die Erarbeitung des Themas:

1. Die Zahl der minderjährig Gebärenden, die sich für ein Leben mit ihrem Kind entscheiden (d. h. abzüglich derer, die ihr Kind zur Adoption freigeben oder ihr Kind in Pflege geben), ist weit größer, als Plätze in M-K-E vorhanden sind.

2. Minderjährige Mütter entwickeln Bewältigungsstrategien, jenseits von institutionellen Hilfeeinrichtungen ihre schwierige Lebenslage zu meistern.

3. Diese Bewältigungsstrategien werden überwiegend durch die Familien der minderjährigen Mütter oder ihrer „Schwiegereltern“2 getragen bzw. bedeuten erhebliche Unterstützungsleistungen.

Des weiteren begleiteten folgende Fragen die Untersuchung:

- Welche Umgangsmöglichkeiten mit früher Mutterschaft bestehen außerhalb von M-K-E für minderjährige Mütter?

- Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit minderjährige Mütter die Unterstützung ihres sozialen Umfeldes und die öffentlichen Hilfen bekommen und annehmen können?

- Welche Hilfen und Unterstützungsmöglichkeiten bekommen Eltern geboten, wenn ihre minderjährige Tochter ein Kind bekommt? Welche nehmen sie in Anspruch?

- Wie stellt sich die rechtliche Lage minderjähriger Mütter dar?

- Was ist der Unterschied zwischen Amtsvormundschaft und Vormundschaft?

- Welche Möglichkeiten der Mitsprache bei Entscheidungen haben die Minderjährigen?

Diese Diplomarbeit basiert auf einer umfangreichen Literaturrecherche, zum Teil auch über Internet. Zusätzlich wurden verschiedene Expertinnen und Experten telefonisch kontaktiert und befragt oder persönlich getroffen und interviewt (siehe Expertinnen- und Expertenverzeichnis). Aussagen aus diesen Interviews und Telefonaten werden entsprechend angeführt.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Statistik 4
2.1 Durchschnittsalter der „Erstgebärenden“ 4
2.2 Durchschnittsalter der Väter 4
2.3 Anzahl der minderjährigen Mütter in der Bundesrepublik Deutschland 5
2.4 Anzahl der minderjährigen Mütter in der Stadt und im Kreis Offenbach 7
2.5 Platzangebot in Mutter-Kind-Einrichtungen 8
3. Rechtliche Situation und institutionelle Hilfen 10
3.1 Gesetzliche Begriffsbestimmungen 10
3.2 Ansprüche 11
3.3 SGB III/KJHG 12
3.4 BSHG 14
3.5 Vormundschaft 14
3.6 Allgemeiner Sozialer Dienst 15
4. Psychosoziale Betrachtungen zu weiblicher Adoleszenz und Mutterschaft 16
4.1 Die weibliche Adoleszenz 16
4.1.1 Autonomie als Entwicklungsanforderung 18
4.2 Mutterschaft 20
4.2.1 Soziale Dimension
5. Psychosoziale Betrachtungen zu minderjährigen Mütter 23
5.1 Verhütung 24
5.2 Schwangerschaft im Jugendalter ein Risiko? 25
5.3 Potentielle Hintergründe ungeplanter Schwangerschaften 25
5.4 Kritik am Problemblick 28
5.5 Das Kind als neuer Zugang zum eigenen Leben 29
5.6 Konkreter Umgang mit der Situation ungeplanter Mutterschaft im Jugendalter 30
6. Bewältigungsstrategien und Ressourcen minderjähriger Mütter 33
6.1 Das Kind 34
6.2 Das soziale Umfeld 35
6.2.1 Die Familie 35
6.2.1.1 Mutter-Tochter-Beziehung 37
6.2.1.2 Vater-Tochter-Beziehung 39
6.2.2 Die Gruppe der Gleichaltrigen 40
6.2.2.1 Freundinnen 41
6.2.2.2 Peer-groups und Cliquen 42
6.2.2.3 Interessengruppen 43
6.3 Partnerbeziehung 43
6.3.1 Der ideale Mann 45
6.3.2 Heirat 46
6.4 Schule und Ausbildung, berufliche Perspektiven 46
7. Beratungs-, Hilfe- und Unterstützungssysteme in Stadt und Kreis Offenbach 51
7.1 Die Notwendigkeit gezielter Beratungsangebote 51
7.2 Untersuchung der Beratungs-, Hilfe- und Unterstützungssysteme in der Stadt sowie im Kreis Offenbach 53
8. Resümee 55
Expertinnen- und Expertenverzeichnis
Literaturverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
Adressenverzeichnis der Beratungsstellen sowie Kontakte für minderjährige und junge Mütter in der Stadt und im Kreis Offenbach

Automatisiert erstellter Textauszug:

Leider liegt keine Literatur zu minderjährigen Müttern mit kaum belasteter Sozialisation vor.83 Auch Osthoff (1995) verweist auf die häufig brüchige und äußerst schwierige Lebenslage von schwangeren Teenagern schon vor der Konzeption (Schwangerschaftseintritt). Frühe Schwangerschaften seien in erster Linie „nicht Ursache, sondern Folge massiver psychosozialer Probleme“ (Osthoff 1995, S. 60). Die betroffenen Mädchen hätten in ihren bisherigen Biografien kaum verlässliche, positive zwischenmenschliche Beziehungen84 sondern eher Erlebnisse wie Trennung der Eltern oder Todesfälle und dadurch häufige Wechsel der engsten Bezugspersonen erlebt. Die belastenden Familienverhältnisse seien in engem Zusammenhang mit negativen Erfahrungen im schulischen und beruflichen Werdegang zu sehen, ebenso wie mit „konflikthaften und labilen eigenen Partnerschaftsbeziehungen“ (ebenda).85 Es ist zu bedenken, dass die Ableitungen von Osthoff (1995) auf Studien zurückzuführen sind, die zum einen im klinischen Bereich (Merz 1988) und mit der Klientel (Bewohnerinnen) aus M-K-E (z. B. Bier-Fleiter 1985/89, Klees-Möller 1993) durchgeführt [...]

Nach Osthoff (1995/99) drücken sich in ungeplanten Schwangerschaften nicht nur individuelle und soziale Probleme der Mädchen aus, sondern sie seien als Kompensationsversuche und damit verbunden als Suche nach Anerkennung und Sinn zu verstehen. Ebenso könnten sie Ausdruck von Ablösungsbestrebungen von der Herkunftsfamilie sein oder Ausdruck einer Überprüfung der Beziehung zum Freund. All diese möglichen Aspekte lassen sich durchaus auch auf ungeplante Schwangerschaften in einem späteren Lebensalter übertragen (siehe Kapitel 4.2. sowie 4.2.1.). Osthoff (1995, S. 44 und 90, unter Berufung auf Mummendey in Filipp 1990) führt weiter aus, dass Teenagerschwangerschaften häufig in so genannten „Schwellensituationen“ auftreten,76 z. B.: • Soziale Veränderungen (Familiensystem, Freundeskreis, Wohnort) • Trennung vom oder stärkere Bindung an den Partner • Einschnitte im Ausbildungs- oder Berufswerdegang (z. B. bevorstehende Prüfungen, Neuorientierung, potentielle Arbeitslosigkeit, finanzielle Einbußen) Die Schlussfolgerungen von Bünemann de Falcon/Bindel-Kögel (1993, S. 87) zur Jugendzeit als Resonanzboden der frühen Mutterschaft ihrer Zielgruppe sind zusammengefasst: • Obwohl die - „meist nicht bewusst gewollte“ (ebenda, S. 87) - Schwangerschaft den jungen Frauen Probleme bereite, sei sie andererseits im Sinne des „eigenen Ortes“ nicht wirklich hinderlich. Sie stelle eher einen Ansporn dar, denn mit der Entscheidung für die Mutterschaft, erhöhe sich die Dringlichkeit, sich den Raum, den „eigenen Ort“ (in der Hoffnung auf mehr Autonomie) schnellstens zu schaffen. • Milieu bezogen könne die Akzeptanz der frühen Mutterschaft auch als eine besonderen Bewältigungsstrategie betrachtet werden, „mit den Unbilden der Jugendzeit und der konflikthaften familiären Situation umzugehen“ (ebenda, S. 87). [...]

Mutterschaft bedeutet eine Umstrukturierung des gesamten Tagesablaufs, das weitgehende Zurückstellen eigener Bedürfnisse zugunsten der Bedürfnisbefriedigung des Kindes oder der Kinder. Sie kann die Sicht auf die Welt verändern, da nun in der Empathie dem Kind gegenüber die Welt aus dessen Sicht wahrgenommen wird. Sie bringt in der Regel Erinnerungen aus der eigenen Kindheit ins aktuelle Bewusstsein. Die alltäglich zu erfüllenden Anforderungen des Haushalts, die Organisation des Alltags sowie der Umgang mit einem Kind werden im Grad ihrer Belastungen unterschiedlich wahrgenommen (siehe Lothrop 1995). Auch dies ist abhängig von den individuellen und sozialen Ressourcen, der ökonomischen Situation, der Partnerbeziehung, der Persönlichkeitsentwicklung der Frau sowie Erfahrungen in der eigenen Kindheit (siehe Bier-Fleiter 1985, S. 6 bzw. oben). [...]

Arbeit zitieren:
Bürmann, Friederike April 2000: Psychosoziale Lebenslagen minderjähriger Mütter, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
jugendliche Mütter, junge Mütter, minderjährige Mütter, Ressourcenorientierung, Sozialarbeit

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