Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs in Indien
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Claudia E. Schmitz
- Abgabedatum: Mai 2007
- Umfang: 125 Seiten
- Dateigröße: 1,6 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität zu Köln Deutschland
- Originaltitel: Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs in Indien
- Bibliografie: ca. 236
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0857-2
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Schmitz, Claudia E. Mai 2007: Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs in Indien, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Schwangerschaftsabbruch, Abtreibung, Indien, Frauen, Ethnopsychologie
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Diplomarbeit von Claudia E. Schmitz
Einleitung:
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs in Indien. Durch die Darstellung des aktuellen Forschungsstandes zum Thema soll deutlich werden, welche Beachtung der Schwangerschaftsabbruch in Indien erhält und in welchen Zusammenhängen Schwangerschaftsabbrüche in Indien erlebt und behandelt werden.
Aufgrund des kulturellen Unterschiedes zwischen Indien und westlichen Ländern kann davon ausgegangen werden, dass die Bearbeitung psychologischer Fragestellungen sich jeweils verschieden gestaltet. Die im Westen zugängliche psychologische Literatur ist vorwiegend auf Untersuchungen der westlichen Mittelschicht beschränkt, sodass diese Ergebnisse nicht ohne weiteres auf einen anderen Forschungskontext übertragen werden können. Um Indien mit seinem entsprechenden kulturellen Hintergrund gerecht zu werden, wird daher in dieser Arbeit darauf verzichtet, westliche psychologische Theorien und Ansätze zum Thema Schwangerschaftsabbruch vorzustellen.
Da eine Untersuchung vor Ort den Rahmen dieser Arbeit überschreitet, wird auf vorliegendes Datenmaterial zurückgegriffen, was eine Begrenzung durch fehlende Ortskenntnisse der Verfasserin beinhaltet.
Die Arbeit soll einen Überblick und eine kritische Würdigung der aktuellen Forschungstätigkeit aus den Jahren von 1980 bis 2006 darstellen. Ziel ist dabei, bestehende Tendenzen und gegebenenfalls Lücken der bisherigen Forschung offen zu legen für zukünftige Untersuchungen auf dem Gebiet der Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs in Indien.
Die Wahl fiel auf das Untersuchungsthema des Schwangerschaftsabbruchs, weil dieser in den vergangenen Jahren zahlreiche kontroverse Diskussionen ausgelöst hat, wobei das Einzelschicksal der Betroffenen häufig aus den Augen verloren wurde. Der Schwangerschaftsabbruch steht „wie kaum ein anderes soziales Phänomen im Mittelpunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen … und dessen Einschätzung [hängt] nicht zuletzt von religiösen Überzeugungen, ethischen Grundeinstellungen und gesellschaftlichen Einflüssen ab“. So scheint die Frage, wie Menschen mit dem Thema des Schwangerschaftsabbruchs umgehen, für die Betrachtung vor einem spezifischen kulturellen Hintergrund besonders geeignet.
Als „anthropologische Universalie“ verdient der Schwangerschaftsabbruch psychologische Beachtung. Im öffentlichen Diskurs werden die psychologischen Zusammenhänge des Geschehens häufig vernachlässigt, was auch auf andere Bereiche der modernen Reproduktionsmedizin zutrifft. Die Abtreibung, eine „ancient practice“, stellt die älteste und universalste Form der Verhütung unerwünschter Geburten dar. Sie kann daher als Vorfahre der inzwischen zahlreichen Techniken und Methoden der Reproduktionsmedizin gesehen werden.
Die indische Kultur wählte die Autorin aufgrund persönlicher Interessen. Insbesondere das Problem der selektiven Abtreibung weiblicher Feten fiel ins Auge und verlangte nach eingehender Auseinandersetzung.
Gang der Untersuchung:
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei Teile. Um die Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs in Indien zu untersuchen, ist es zunächst notwendig, einige wesentliche Begriffe zu definieren. Im zweiten Teil sollen dann organisatorische Grundsätzlichkeiten sowie kulturelle Gegebenheiten Indiens kurz vorgestellt werden, vor deren Hintergrund sich das psychologische Geschehen des Schwangerschaftsabbruchs gestaltet. Dabei soll nicht der Eindruck von angenommenen Kausalzusammenhängen entstehen, dergestalt, dass bestimmte soziale Faktoren ursächlich mit den Erscheinungsformen des Schwangerschaftsabbruchs zusammen hängen. Eine derartig festlegende Darstellung kann nicht aufgrund einer Literatursicht geformt werden, sondern bedürfte experimenteller Untersuchungen. Ziel des zweiten Teils der Arbeit ist hingegen, die kulturellen Zusammenhänge wiederzugeben, die bei der Erfahrung des Schwangerschaftsabbruchs eine Rolle spielen können. Die dabei vollzogene Vereinheitlichung der kulturellen Vielfalt Indiens dient als „notwendige und ligitime Verkürzung einer komplexen Realität“.
Die Darstellung des Forschungsstandes zum Thema Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs bildet den dritten Teil der Arbeit. Zunächst sollen einige internationale Aspekte zur Abtreibung und internationale Untersuchungen mit Bezug zu Indien betrachtet werden. Nach einem Exkurs über die Erwähnung von Schwangerschaftsabbrüchen in altindischer Literatur wird auf den aktuellen Forschungsstand zum Thema eingegangen. Die aussagekräftigen Untersuchungen der letzten 26 Jahre werden nach inhaltlichen Fragestellungen geordnet vorgestellt und mit einer kritischen Würdigung und Zusammenfassung abgeschlossen.
Eigene Aussagen und Anmerkungen werden auf die Autorin zurückgeführt, im Unterschied zu Referenzen auf Forscher und Forscherinnen, deren Untersuchungen die Ausgangsbasis der vorliegenden Arbeit darstellen. Zur Vereinfachung wird die im deutschen Sprachraum übliche maskuline Ausdrucksweise gewählt.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 5 |
| 2. | Begriffsdefinitionen | 7 |
| 3. | Staatliche Informationen zu Indien | 9 |
| 3.1 | Staatliche Organisation und Bevölkerung | 9 |
| 3.2 | Medizinische Versorgung | 13 |
| 3.3 | Politische Maßnahmen zur Familienplanung | 15 |
| 3.3.1 | Rechtsprechung bei Schwangerschaftsabbrüchen | 16 |
| 3.3.1.1 | Einrichtungen zur Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen | 19 |
| 3.3.1.2 | Eingesetzte Techniken | 20 |
| 3.3.2 | Vorgeburtliche Untersuchungen | 21 |
| 4. | Kulturelle Besonderheiten Indiens | 23 |
| 4.1 | Religion | 23 |
| 4.1.1 | Hinduismus | 23 |
| 4.1.1.1 | Dharma | 24 |
| 4.1.1.2 | Karma | 26 |
| 4.1.1.3 | Moksha | 27 |
| 4.1.1.4 | Das Bild der Frau | 28 |
| 4.1.1.5 | Ideen zum Beginn des Lebens | 30 |
| 5. | Gesellschaftliche Strukturen | 31 |
| 5.1 | Das Kastenwesen | 32 |
| 5.2 | Die Stellung der Frau in der Gesellschaft | 34 |
| 6. | Psychologie in Indien | 41 |
| 6.1 | Indische Ethnopsychologie | 42 |
| 6.2 | Die Entwicklung der wissenschaftlichen Psychologie | 44 |
| 6.3 | Heutige Situation | 46 |
| 7. | Zusammenfassung | 46 |
| 8. | Aspekte der Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs in Indien | 47 |
| 8.1 | Internationale Aspekte des Schwangerschaftsabbruchs | 48 |
| 8.1.1 | Internationale Forschung zum Schwangerschaftsabbruch mit Indienbezug | 49 |
| 8.2 | Exkurs I: Schwangerschaftsabbruch in traditionellen Texten | 50 |
| 8.3 | Generelle Aspekte des Schwangerschaftsabbruchs in Indien | 54 |
| 9. | Untersuchungen zur Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs | 60 |
| 9.1 | Einstellungen zu Schwangerschaftsabbrüchen | 60 |
| 9.1.1 | Kritik und Zusammenfassung | 64 |
| 9.2 | Soziodemographische Merkmale von Frauen mit der Erfahrung einer Abtreibung | 66 |
| 9.2.1 | Kritik | 70 |
| 9.2.2 | Zusammenfassung | 72 |
| 9.3 | Abtreibungen bei Jugendlichen | 73 |
| 9.4 | Entscheidungsfindung bezüglich Schwangerschaftsabbrüchen | 75 |
| 9.4.1 | Kritische Zusammenfassung | 77 |
| 9.5 | Psychische Folgen des Schwangerschaftsabbruchs | 78 |
| 9.5.1 | Kritik am Forschungsvorgehen | 80 |
| 9.5.2 | Zusammenfassung | 82 |
| 10. | Selektive Abtreibungen | 83 |
| 10.1 | Selektive Abtreibungen weiblicher Feten | 83 |
| 10.1.1 | Häufigkeit selektiver Abtreibung weiblicher Feten | 84 |
| 10.1.1.1 | Exkurs II: Ungleiches Geschlechterverhältnis | 85 |
| 10.1.2 | Tötung weiblicher Nachkommen und selektive Abtreibung | 88 |
| 10.1.3 | Gründe für die Tötung weiblicher Nachkommen | 90 |
| 10.1.4 | Versuch der Konstruktion eines psychologischen Sinnzusammenhangs | 90 |
| 10.1.5 | Folgen der Tötung weiblicher Nachkommen | 92 |
| 10.1.6 | Mögliche Auswege | 93 |
| 10.1.7 | Kritische Zusammenfassung | 95 |
| 10.2 | Untersuchungen zum Thema selektive Abtreibung weiblicher Feten | 95 |
| 10.2.1 | Informationsstand der Bevölkerung zu selektiver Abtreibung weiblicher Feten | 96 |
| 10.2.1.1 | Kritik und Zusammenfassung | 97 |
| 10.2.2 | Einstellungen zu selektiver Abtreibung weiblicher Feten | 98 |
| 10.2.2.1 | Kritische Zusammenfassung | 99 |
| 10.2.3 | Soziodemographische Merkmale der Schwangeren bei selektiver Abtreibung | 100 |
| 10.2.3.1 | Kritik | 102 |
| 10.2.3.2 | Zusammenfassung | 104 |
| 10.2.4 | Entscheidungsfindung bezüglich selektiver Abtreibung weiblicher Feten | 105 |
| 10.2.4.1 | Kritik und Zusammenfassung | 105 |
| 10.3 | Anmerkung | 105 |
| 11. | Unsichere Schwangerschaftsabbrüche | 107 |
| 11.1 | Soziodemographische Merkmale der abtreibenden Frauen unter unsicheren Bedingungen | 108 |
| 11.2 | Gründe für das Vorkommen von unsicheren Schwangerschaftsabbrüchen | 109 |
| 11.3 | Zusammenfassung | 111 |
| 12. | Abschluss | 112 |
| 13. | Literaturverzeichnis | 117 |
| 13.1 | Internetquellen | 125 |
Textprobe:
Kapitel 9.1, Einstellungen zu Schwangerschaftsabbrüchen:
Einstellungsforschung bezieht sich in der Regel auf Konzepte, die zur Bewertung sozialer Sachverhalte dienen. In dem Bemühen, jene Konzepte abzubilden, die Aufschluss über die Bewertung der Abtreibung im sozialen Kontext Indiens geben, stehen in den Jahren zwischen 1980 und 2006 die folgenden fünf Studien. In der Phase der problemorientierten Forschung (vgl. Kapitel 6.2) waren Einstellungsmessungen in Indien in Nachahmung westlich psychologischen Vorgehens populär. Dieses Interesse hat in den letzten Jahren offenbar etwas nachgelassen.
Dayal und Kapoor untersuchten mit Hilfe eines für diesen Zweck entwickelten Messinstruments die konnotative Bedeutung der Begriffe „abortion“ und „medical termination of pregnancy“, um die Reaktionen auf das Thema des Schwangerschaftsabbruchs und dessen Bewertung seitens der Untersuchungsteilnehmer herauszufinden. Nach mehreren Voruntersuchungen mit Hilfe der Technik des Sematischen Differentials nach Osgood wurde schließlich ein Instrument erstellt, welches 360 Ratings von jeder der insgesamt 354 Versuchspersonen erforderte. Männer und Frauen aus dem Süden Delhis, die alle mindestens eine Schulbildung vergleichbar dem Abitur aufweisen konnten, nahmen an der Studie teil. Dayal und Kapoor berichteten, dass die Männer eine signifikant positivere Einstellung als Frauen gegenüber dem Schwangerschaftsabbruch zeigten, ebenso wiesen ledige Personen eine signifikant positivere Haltung auf als verheiratete. Unter den Verheirateten zeigten diejenigen mit zwei Kindern eine positivere Einstellung als diejenigen mit weniger Kindern. Kein signifikanter Unterschied bestand zwischen verheirateten Frauen mit vorausgehender Abtreibung im Vergleich zu jenen ohne vorherigen Schwangerschaftsabbruch. Weitere statistische Auswertungsverfahren ergaben hohe Ähnlichkeit zwischen den jeweiligen Gruppen und keine bedeutsamen Differenzen. Die Forscher vermuten eine stereotype Einordnung und Bewertung des Schwangerschaftsabbruchs, wobei der Begriff „abortion“ eher negativ und der Ausdruck „medical termination of pregnancy“ eher positiv besetzt war, sodass Dayal und Kapoor empfahlen, über „medical termination of pregnancy“ zu sprechen, damit eine Verbreitung und Annahme des medizinischen Services leichter ermöglicht wird.
Nair und Kurup untersuchten alle 2304 Paare aus zwei zufällig ausgewählten Dörfern in Tamil Nadu sowie 636 zufällig ausgewählte Paare aus städtischer Umgebung. Jeweils einer der Partner wurde mit Hilfe von Interviews befragt, ob er eine unerwünschte Schwangerschaft mit einem induzierten Abbruch beenden würde. 26 % der dörflichen und 30 % der städtischen Bevölkerung zeigten eine positive Einstellung, wo hingegen sich doppelt so viele Personen, nämlich 61 % der dörflichen und 51 % der städtischen Bevölkerung, einem hypothetischen Abbruch widersetzten. Diese Unterschiede erwiesen sich als signifikant. Frauen zeigten sich eher zu einer Abtreibung bereit als Männer (30 % vs. 24,5 %). Je höher der Bildungsstand der Untersuchungspartner, desto positiver gestaltete sich ihre Einstellung gegenüber einem möglichen Schwangerschaftsabbruch. Die Kinderzahl der Familie korrelierte ebenfalls positiv mit der Einstellung gegenüber einer Abtreibung. Insgesamt zeigten Moslems eine leicht positivere Haltung als Hindus.
Vaz und Kanekar konfrontierten Studenten der Universität Mumbai beiderlei Geschlechts mit hypothetischen Situationen und schlossen über deren Reaktion auf ihre Einstellung zum Schwangerschaftsabbruch. Die Untersuchungspartner sollten die Wahrscheinlichkeit einschätzen, mit der sich eine fiktive schwangere Frau in einer bestimmten Situation einer Abtreibung unterzieht und zusätzlich ihre Empfehlung an die Schwangere aussprechen. Beide Aussagen wurden auf einer siebenstufigen Skala als abhängige Variablen erfasst. Die Vorhersage der Versuchspersonen sollte die Lage der sozialen Normen reflektieren, ihre Empfehlung sollte die persönliche Norm abbilden.
Die Untersuchungspartner waren im Mittel etwa 18 jährige, unverheiratete Hindus der Mittelklasse.
Die Forscher erwarteten von den weiblichen Untersuchungsteilnehmerinnen eine stärker positive Einstellung gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen als von den Männern, da Abtreibungen in erster Linie Frauen und die Rechte der Frauen betreffen. Diese Hypothese konnte nicht bestätigt werden.
Der Status der fiktiven Schwangeren stellte sich als wichtigste Variable heraus. Ein Schwangerschaftsabbruch wurde eher einer Frau der Unterschicht empfohlen, möglicherweise wegen fehlender Finanzen oder fehlender Einfühlung der Untersuchungspartner in Belange der Unterschicht. Nach einer Vergewaltigung wurden Schwangerschaftsabbrüche am wahrscheinlichsten eingeschätzt und am stärksten empfohlen, im Vergleich zu unehelicher Schwangerschaft (an 2. Stelle) und ehelicher Schwangerschaft (an 3. Stelle).
Männliche Untersuchungsteilnehmer schätzten die Unterbrechung einer unehelichen Schwangerschaft in der Mittelklasse als signifikant wahrscheinlicher ein als einen Abbruch nach einer Vergewaltigung in der Oberschicht. Im Unterschied dazu schätzten weibliche Studienteilnehmerinnen eine signifikant größere Wahrscheinlichkeit für Schwangerschaftsabbrüche nach Vergewaltigung in der Mittelschicht als bei unehelicher Schwangerschaft in der Oberschicht. Vaz und Kanekar betrachteten dieses Ergebnis als unerwartet. Es deutete auf eine aus männlicher Sicht bestehende Empfänglichkeit der Mittelklasse gegenüber einer rigiden Sexualmoral hin, die sich in entsprechenden Sozialnormen niederschlug.
Gupte et al. interviewten 67 Frauen aus verschiedenen Dörfen in Pune, Maharashtra, die zuvor durch Teilnahme an Gruppengesprächen Interesse an frauenspezifischen Fragestellungen gezeigt hatten. Etwa 70% der befragten Frauen sahen einen Schwangerschaftsabbruch als ein Recht der Frau über ihren Körper an. Frauen stünde es zu, ihre Nachkommenzahl zu kontrollieren. Abtreibung wurde von fast allen als Mittel in der Not akzeptiert, welches helfen könne, einen Gesichtsverlust zu verhindern. 67 % der Frauen waren der Ansicht, dass auch für Unverheiratete ein leichterer Zugang zu Abtreibungen ermöglicht werden sollte. 90 % der Frauen meinten, dass ein unverheiratetes Mädchen ihre Schwangerschaft beenden sollte, die restlichen 10 % hofften auf eine Heirat, was allerdings Misstrauen der Schwiegereltern über die Konzeption mit sich bringen könnte. Das Versagen von Verhütungsmitteln wurde nur von einigen Frauen als Grund für eine Abtreibung akzeptiert (ca. 35%). Über die Hälfte der Frauen (57%) hielt einen Schwangerschaftsabbruch für gefährlicher als eine Geburt. Im Unterschied zur natürlichen Geburt, die zuhause ohne Arzt stattfindet, befürchteten sie bei dem künstlichen Eingriff einer Abtreibung eine stärkere Schwächung, auch weil im Alltag nicht mit Erholungszeit gerechnet werden konnte.
Madhok und Raj führten offene und strukturierte Interviews in Kalkutta durch, um die Einstellung gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen insbesondere von Frauen der Unterschicht im urbanen Umfeld zu untersuchen. Zusätzlich wurden einige wenige Ehepartner und Klinikmitarbeiter von zwei bekannten NGO - Einrichtungen Kalkuttas befragt. Von den zwanzig Frauen der Hauptuntersuchung hatten zehn eine Abtreibung erlebt oder planten, einen Eingriff vornehmen zu lassen und zehn hatten diesbezüglich keine Erfahrung. Sie waren im Durchschnitt alle zwischen 25 und 35 Jahre alt, hatten zwei oder drei Kinder und eine minimale Schulausbildung. Vor dem Hintergrund der negativen Einstellung gegenüber Abtreibungen, die in den alten hinduistischen Schriften deutlich wird (vgl. Kapitel 8.2) erwarteten die Forscher bei ihren Untersuchungspartnern eine ähnliche Haltung vorzufinden. Stattdessen ließ sich allerdings ein großer Unterschied zwischen jenen traditionellen Ansichten und den Äußerungen der Interviewpartner/innen feststellen. Die Forscher wunderten sich über die Abwesenheit religiöser und moralischer Urteile in allen Interviews. Auch die Frauen, die Abtreibungen zu vermeiden suchten, verhielten sich nicht aufgrund religiöser Verbote in dieser Weise. Sie wollten medizinische Komplikationen vermeiden, die sie in ihrer Alltagsbewältigung hätten einschränken können. Religiöse Ansichten erschienen den Frauen als Luxus, der nicht mit den alltäglichen Anforderungen, der Realität von Armut und Hunger, zu verbinden war. Ein Kind aufgrund von Nahrungsmangel sterben zu lassen, schien den Frauen vor Gott eine schlimmere Sünde zu sein, als eine Abtreibung durchführen zu lassen.
Viele der befragten Personen entbehrten bewusstes Wissen über die klassischen hinduistischen Ansichten. Ihr religiöses Leben konzentrierte sich auf die Ausübung von Ritualen und Familientraditionen, die nicht in orthodoxen Glaubenssystemen verankert waren. Diejenigen, die über entsprechendes Wissen verfügten, was insbesondere auf die Klinikmitarbeiter zutraf, stellten die Bedeutung der alten Schriften für Probleme des heutigen Lebens in Frage. Die Interviewpartner erlebten einen Schwangerschaftsabbruch nicht als Verstoß gegen das dharma (vgl. Kapitel 4.1.1.1). Stattdessen interpretierten sie ihr Wissen über die alten Texte im Kontext der heutigen Alltagsrealität neu.
In Übereinstimmung mit der hinduistischen Sicht sahen sich die interviewten Frauen in erster Linie als Mütter, die für das Wohlergehen ihrer Familie zu sorgen hatten, bisweilen auch auf ihre eigenen Kosten. Ihre Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch wurde nicht aufgrund des Bedürfnisses nach persönlicher Freiheit gefällt, sondern aufgrund situationaler Notwendigkeit. Ihre Hingabe an die Mutterschaft rechtfertigte für die Frauen die Entscheidung zur Abtreibung, da dieser Eingriff die Möglichkeit schuf, zum Wohle der ganzen Familie die Anzahl der Kinder zu begrenzen.
Die Forscher sahen die im Unterschied zu traditionellen Hinduschriften gewandelte Einstellung gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen im Kontext einer größeren Werte- und Gesellschaftsveränderung in Indien. Insgesamt schätzten sie den Einfluss westlicher Vorstellungen für alle Bewohner Indiens heute als verbindlicher ein als früher. Kleine Familien sind populärer, Schulbildung attraktiver und ein Leben jenseits der Armut erreichbarer geworden.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836608572
Arbeit zitieren:
Schmitz, Claudia E. Mai 2007: Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs in Indien, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Schwangerschaftsabbruch, Abtreibung, Indien, Frauen, Ethnopsychologie



