Psychische Gewalt in der Erziehung und die Prävention durch Elternbildung
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Nicole Andersch
- Abgabedatum: November 2006
- Umfang: 157 Seiten
- Dateigröße: 6,7 MB
- Note: 3,3
- Institution / Hochschule: Bayerische Hochschule Deutschland
- Bibliografie: ca. 134
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1925-7
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Andersch, Nicole November 2006: Psychische Gewalt in der Erziehung und die Prävention durch Elternbildung, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Gewalt, Erziehung, Elternbildung, Überbehütung, Erziehungsstil
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Diplomarbeit von Nicole Andersch
Einleitung:
‘Ich schütze nur, was ich liebe. Ich liebe nur, was ich kenne. Ich kenne nur, was ich wahrnehme. Ich nehme nur wahr, was für mich Bedeutung hat, …und diese Bedeutung vermitteln Erwachsene den Kindern’.
Kinder in ihrem Leben zu begleiten, gehört zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Die Art und Weise, wie Eltern ihre Kinder behandeln, hat einen entscheidenden Einfluss darauf, welches Selbstbild Kinder entwickeln, wie sie mit sich und anderen Lebewesen umgehen und infolgedessen auch, wie die Welt von morgen aussehen wird. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist eine der grundlegendsten und kritischsten sozialen Beziehungen. Dieses Verhältnis ist nicht immer normal oder gesund, da es Eltern gibt, die ihre Kinder vernachlässigen, misshandeln, sich nur unzureichend um sie kümmern und ihre Zuneigung ihnen gegenüber nicht ausdrücken. Sowohl für Erwachsene als auch für Kinder gilt, dass alle Lebenserfahrungen – seien sie bewusst oder unbewusst - ihre Wirkungen hinterlassen. Dies gilt insbesondere für die Erfahrungen, die ein Mensch in der Kindheit mit seinen Bezugspersonen macht. Da die Persönlichkeit eines Menschen während seiner Entwicklung durch äußere Einwirkungen entscheidend geformt wird, können seelische und körperliche Verletzungen die Persönlichkeitsentwicklung und den weiteren Lebensweg eines Menschen nicht unbeeinflusst lassen. Jedes Kind hat - laut § 1631, 2 BGB - das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Das bedeutet, dass neben körperlichen Bestrafungen auch seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen unzulässig sind. In der vorliegenden Arbeit möchte ich einen Bereich aus dem Komplex Gewalt und Familie thematisieren. Während meiner Literaturrecherche wurde deutlich, dass Gewalt häufig auf den physischen Aspekt beschränkt wird, der leichter ins Auge fällt.
Die seelische Gewalt in der Erziehung stellt ein kaum beachtetes Phänomen dar. Sie wird nicht nur in der Literatur sehr spärlich behandelt und häufig nur am Rande erwähnt, sondern auch die Gesellschaft ist kaum sensibilisiert und es herrscht nur wenig Bewusstheit über diese Problematik.Da gerade dieses vernachlässigte Thema - nicht nur als angehende Pädagogin, sondern auch als Mutter eines kleinen Sohnes -mein Interesse weckte, stellt die psychische Gewalt in der Erziehung denSchwerpunkt der vorliegenden Arbeit dar.
Aufbau der Arbeit:
Es handelt sich um eine reine Literaturarbeit, da die psychische Kindesmisshandlung ein vielschichtiges, komplexes und empirisch methodisch sehr schwer fassbares Thema ist. Infolgedessen stellt sich die Frage, ab wann man von seelischer Gewalt sprechen kann und wo die Grenze zu gerechtfertigten Erziehungsmaßnahmen liegt? Kann einem derartigen Phänomen, welches so schwer greifbar und kaum offenkundig ist, überhaupt vorgebeugt werden? Und auf welche Art und Weise lässt sich dies erreichen? Die anschließenden Kapitel dienen dazu, diesen Fragen auf den Grund zu gehen und eine Antwort darauf zu finden. Zunächst wird erläutert, was man ganz allgemein unter dem Begriff Gewalt versteht und in welche Gewaltformen er sich unterteilen lässt. Zudem soll die psychische Gewalt von anderen Formen der Kindesmisshandlung abgegrenzt werden (Kapitel 2). Im Folgenden wird dargelegt, wie sich psychische Gewalt im elterlichen Verhalten äußern kann, aufgrund welcher möglichen Ursachen es zu seelischen Misshandlungen kommen kann und wie sich das auf die Entwicklung und das Verhalten von Kindern auswirkt (Kapitel 3). Im nächsten Kapitel geht es darum, wie die psychische Gewalt in der Erziehung zum Ausdruck kommt. Es werden zunächst häufig praktizierte Erziehungsmittel sowie die verschiedenen Erziehungsstilkonzepte beschrieben, um der Frage nachzugehen, bei welchen Erziehungsstilen und mit welchen Maßnahmen psychische Gewalt ausgeübt wird. Außerdem möchte ich in diesem Kapitel auch auf die Person des Erziehers eingehen. Ich werde mich konkret damit beschäftigen, welche Bedeutung dessen eigene Kindheitserfahrungen für die Beziehung zu den eigenen Kindern haben und wie sich verborgene Gefühle aus frühen Jahren auf die Kinder auswirken können. Im Rahmen dieser Fragestellung sind auch die Bedürfnisse von Kindern bedeutsam. Deren seelische Bedürfnisse sowie die Folgen bei unzureichender Befriedigung werden in Kapitel 5 thematisiert.
Kapitel 6 handelt insbesondere davon, welche Faktoren am Entwicklungsgeschehen von Kindern mitwirken. Es wird auf die Resilienz von Kindern eingegangen und anschließend darauf, welche Bedeutung die Umwelt für die kindliche Entwicklung hat. Im letzten Kapitel (7) geht es darum, wie seelischer und physischer Misshandlung vorgebeugt werden kann. Das Verhindern von Gewalt gehört zu den zentralen Aufgaben der pädagogischen Praxis. Daher soll die Elternbildung beispielhaft als eine Präventionsmöglichkeit dargestellt werden. Ihre Aufgabe besteht allen voran in der Unterstützung der elterlichen Erziehungskompetenz durch die Wissensvermittlung über kindliche Entwicklungsphasen und Bedürfnisse von Kindern.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.1. | Hinführung zum Thema | 1 |
| 1.2. | Aufbau der Arbeit | 2 |
| 2. | Der Gewaltbegriff | 4 |
| 2.1. | Definition | 5 |
| 2.2. | Begriffsabgrenzungen | 7 |
| 2.2.1. | Gewalt und Aggression | 7 |
| 2.2.2. | Aggression und Aggressivität | 9 |
| 2.3. | Gewaltformen | 10 |
| 2.4. | Zusammenfassung | 13 |
| 3. | Psychische Gewalt | 14 |
| 3.1. | Definition | 16 |
| 3.2. | Formen psychischer Gewalt | 18 |
| 3.2.1. | Ablehnung | 22 |
| 3.2.2. | Überforderung | 24 |
| 3.2.3. | Überbehütung | 24 |
| 3.3. | Psychische Gewalt als entwicklungshemmende Erziehung | 27 |
| 3.4. | Uraschen psychischer Gewalt | 29 |
| 3.4.1. | Stress- und Konfliktsituationen | 30 |
| 3.4.2. | Beziehungsprobleme | 31 |
| 3.4.3. | Unbefriedigte Bedürfnisse von Eltern | 32 |
| 3.5. | Charakteristische Merkmale von Familien misshandelter Kinder | 33 |
| 3.5.1. | Das psychopathologische Erklärungsmodell von Kindesmisshandlungen | |
| 3.5.2. | Gemeinsame Merkmale misshandelnder Eltern | 35 |
| 3.6. | Die Auswirkungen psychischer Gewalt | 38 |
| 3.7. | Zusammenfassung | 41 |
| 4. | Erziehung | 43 |
| 4.1. | Definition | 45 |
| 4.2. | Erziehungsmittel | 49 |
| 4.2.1. | Das elterliche Vorbild | 50 |
| 4.2.2. | Strafe | 51 |
| 4.2.3. | Psychische Gewalt als Erziehungsmethode am Beispiel der Schwarzen Pädagogik | 54 |
| 4.3. | Theoretische Erziehungsstil – Konzepte | 56 |
| 4.3.1. | Der autoritäre Erziehungsstil | 58 |
| 4.3.2. | Der Laissez faire Erziehungsstil | 59 |
| 4.3.3. | Der demokratische Erziehungsstil | 60 |
| 4.3.4. | Die autoritative Erziehung | 62 |
| 4.4. | Die Person des Erziehers | 64 |
| 4.4.1. | Die Bedeutung eigener Kindheitserfahrungen | 64 |
| 4.4.2. | Verborgene Gefühle aus der Kindheit und ihre Auswirkungen | 66 |
| 4.4.3. | Das Weitergeben eigener Diskriminierung | 69 |
| 4.4.4. | Selbstreflexion und Selbsterziehung | 72 |
| 4.5. | Zusammenfassung | 74 |
| 5. | Die Bedürfnisse von Kindern | 77 |
| 5.1. | Seelische Grundbedürfnisse von Kindern | 80 |
| 5.1.1. | Das Bedürfnis nach Liebe und Wertschätzung | 82 |
| 5.1.2. | Das Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung | 84 |
| 5.1.3. | Das Bedürfnis nach Expansion und Exploration | 85 |
| 5.2. | Bedürfnisbefriedigung durch eine entwicklungsfördernde Erziehung | 86 |
| 5.3. | Folgen unbefriedigter Bedürfnisse | 90 |
| 5.3.1. | Urvertrauen und Urmisstrauen | 90 |
| 5.3.2. | Psychische Deprivation | 93 |
| 5.4. | Verhaltensstörungen | 95 |
| 5.4.1. | Definition von Verhaltensstörung | 98 |
| 5.4.2. | Formen von Verhaltensstörungen | 98 |
| 5.5. | Zusammenfassung | 103 |
| 6. | Faktoren des Entwicklungsgeschehens | 104 |
| 6.1. | Entwicklungsphasen | 108 |
| 6.1.1. | Die Trotzphase | 109 |
| 6.1.2. | Erzieherische Fehlhaltungen | 112 |
| 6.2. | Kindliche Widerstandskraft | 115 |
| 6.2.1. | Die Kauai Studie | 117 |
| 6.2.2. | Schützende Faktoren | 118 |
| 6.3. | Der Beitrag von Umwelt und Genen an der kindlichen Entwicklung | 120 |
| 6.3.1. | Die Wechselwirkung von Genen und Umwelt | 120 |
| 6.3.2. | Die Bedeutung der Umwelt für die kindliche Entwicklung | 122 |
| 6.4. | Zusammenfassung | 124 |
| 7. | Prävention und Elternbildung | 126 |
| 7.1. | Prävention | 127 |
| 7.1.1. | Definition | 128 |
| 7.1.2. | Präventionsformen | 129 |
| 7.2. | Elternbildung | |
| 7.2.1. | Definition | 133 |
| 7.2.2. | Zielsetzung und Aufgabe von Elternbildung | 134 |
| 7.2.2.1. | Wissensvermittlung | 136 |
| 7.2.2.2. | Selbsterfahrung | 137 |
| 7.2.2.3. | Prävention psychischer Gewalt | 138 |
| 7.4. | Der Elternkurs des deutschen Kinderschutzbundes: Starke Eltern, starke Kinder | 140 |
| 7.5. | Zusammenfassung | 141 |
| 8. | Schluß | 144 |
| 9. | Bibliographie | 146 |
Textprobe:
Kapitel 5, Seelische Grundbedürfnisse von Kindern:
Zahlreiche anthropologische Studien, welche kulturelle Unterschiede in Betracht ziehen, zeigen, dass alle Kinder fundamentale Bedürfnisse haben, deren Befriedigung für eine gesunde Entwicklung notwendig ist, unabhängig von Land und kulturellem Umfeld zählt folgende zu den elementaren seelischen Bedürfnissen von Kindern:
-das Bedürfnis, den eigenen Empfindungen und Gefühlen Ausdruck zu geben; sei es Freude, Begeisterung oder Ärger, Wut und Angst, sei es in Worten oder durch Schreien und Jauchzen; -das Bedürfnis nach mitmenschlichen, zuverlässigen und zeitintensiven Beziehungen, sowohl zu Erwachsenen wie zu Kindern; -das Bedürfnis, seine körperlichen Kräfte zu entwickeln und sich dafür frei bewegen zu können; -das Bedürfnis, die Kräfte des Verstandes, die Phantasie und die Gestaltungsfähigkeit zu entfalten, wie dies im freien Spiel möglich ist; -das Bedürfnis nach einem angemessenen Verhältnis zwischen persönlicher, individueller Entwicklung und Selbständigkeit einerseits und Gemeinschaftlichkeit und sozialer Integration andererseits zu gelangen, d.h. weder ein isolierter Individualist noch ein Massenbestandteil zu werden.
Die Befriedigung psychischer Grundbedürfnisse in der Kindheit ist für eine störungsfreie Entwicklung unabdingbar. Diesen Standpunkt vertritt auch Wild.
Sie weist darauf hin, dass die wichtigsten Bedürfnisse eines Kindes bis zum siebten Jahr sehr primitiver Natur sind, so z.B. das Bedürfnis nach Körperkontakt, Bewegung und reichlichen Sinneseindrücken. Für sehr bedeutsam hält Wild auch das von Herzka angeführte Bedürfnis des Kindes, seinen Gefühlen und Empfindungen Ausdruck zu geben. Sie schreibt z.B., dass Lachen und Weinen die natürlichsten Ausscheidungsmechanismen des Menschen sind. Durch das Weinen befreit sich der Körper von Giftstoffen und Spannungen und gleichzeitig werden Blockierungen gelöst. Daher ist es wichtig, dass Erwachsene den Kindern zugestehen, ihre Gefühle nach außen zu tragen. Viele Eltern jedoch sind dazu nicht imstande, weil sie das Weinen des Kindes mit ihrem eigenen alten Schmerz in Verbindung bringen, den sie oftmals nur schwer ertragen können zählt insbesondere die Liebe, Akzeptanz und Beachtung der Eltern, das Erfahrungen machen in der sozialen Umwelt sowie das Aufwachsen in einer relativ konfliktfreien Gemeinschaft zu den wichtigsten Bedürfnissen. Langmeier/Matejcek weisen auf folgende vier psychische Grundbedürfnisse hin, die nicht nur bei Kindern, sondern beim Menschen allgemein erfüllt werden sollten: das Bedürfnis nach innerer und äußerer Stabilität, d.h. eine gewisse Struktur der Umweltbedingungen sowie Ordnung und Kontinuität in den persönlichen Beziehungen, um sich im Wechsel der Ereignisse zurechtfinden zu können. Dieses Bedürfnis stimmt mit dem Sicherheitsbedürfnis aus Maslow`s Pyramide überein. Dem gegenüber steht das Bedürfnis nach Variabilität, d.h. es besteht ein Verlangen nach immer wieder neuer Stimulation und neuen Reizen. Dieses wird bei Maslow nicht deutlich hervorgehoben und ist vor allem für Kinder bedeutsam, da sie immer wieder neue kognitive und soziale Erfahrungen bzw. Anregungen brauchen, um Fähigkeiten wie Intelligenz und Kreativität entwickeln zu können. Weiter nennen Langmeier/Matejcek das Bedürfnis nach Abhängigkeit, das die Bindung zu einem spezifischen Objekt als Basis für die Lebenssicherheit bezeichnet. Das vierte Bedürfnis nach Autonomie zeigt den Wunsch nach persönlicher Separation von der Umwelt.
Es wird deutlich, dass die genannten Bedürfnisse in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Auf dieses so genannte Polaritätsprinzip, das bei Maslows Pyramide nicht offensichtlich ist, machen auch Tschöpe-Scheffler und Werner aufmerksam. Bedürfnisse verlaufen nicht immer nur in eine Richtung, sondern können auch gegensätzlich sein. Auf der einen Seite brauchen Kinder Ordnung und Struktur im Alltag sowie Stabilität und Kontinuität in den persönlichen Beziehungen, auf der anderen Seite brauchen sie auch Erfahrungsräume, in denen sie sich selbständig unter Beweis stellen können - sie wollen sich frei bewegen, neue Erfahrungen machen und unabhängig werden.
Die Widersprüchlichkeit der Bedürfnisse muss in der Realität eine entsprechende Balance erfahren:
‘Es besteht also kein Zweifel, daß die wahre Kunst im Umgang mit kleinen Kindern darin besteht, ihnen zur rechten Zeit und in der rechten Weise sowohl Sicherheit und Körperkontakt als auch Unabhängigkeit und Bewegungsfreiheit zu geben’.
Abhängigkeit bzw. soziale Integration und Autonomie müssen in Beziehung gebracht werden, denn beide gehören zu den Bedürfnissen des kindlichen Organismus. Beim kleinen Kind vollzieht sich die innere Entwicklung durch die Erfüllung affektiver, motorischer und sensorischer Bedürfnisse. Die Organisation dieses Systems ist so strukturiert, dass sie durch zwei gegensätzliche Lebenserfahrungen zustande kommt:
‘Das Bedürfnis nach Zuwendung und Liebe des Kindes steht seinem Hunger nach sinnlichen und motorischen Erfahrungen insofern entgegen, als das erstere nur in Abhängigkeit von anderen Menschen erfüllt werden kann, das zweite nur durch persönliche Autonomie’.
Im Folgenden werden drei basale kindliche Bedürfnisse näher erläutert.
Das Bedürfnis nach Liebe und Wertschätzung:
Dieses Bedürfnis erfährt seine Erfüllung durch eine liebevolle, dauerhafte, stabile und zuverlässige Bindung zwischen dem Kind und seiner Bezugsperson, womit in der Regel die Mutterfigur gemeint ist. Auf dieser Beziehung gründet die gesunde Entwicklung der Persönlichkeit und sie stellt die Basis für alle späteren zwischenmenschlichen Beziehungen dar.
Es ist ein ureigenes Bedürfnis des Kindes, dass es mitsamt seinen Gefühlen und Empfindungen bedingungslos angenommen und um seiner selbst willen geliebt wird, wobei diese Liebe ohne jegliche Erwartungen oder Forderungen gegeben werden sollte. Bereits Kleinkinder haben ein starkes Bedürfnis nach Achtung und möchten von ihren Mitmenschen Respekt und Wertschätzung erfahren.
‘Hat ein Kind durch die Reaktionen einer liebevollen Mutter erst einmal die Gewissheit erworben, dass es geliebt und für wertvoll gehalten wird, dann ist diese befriedigende Erfahrung für alle Zeiten in es eingegraben und wird zu einer mächtigen Triebkraft der menschlichen Natur’.
Wohlbefinden und Selbstwertgefühl hängen wesentlich davon ab, ob Kinder sich von ihren Eltern angenommen fühlen. Das Selbstwertgefühl wiederum ist entscheidend für die Beziehungs- und Leistungsfähigkeit. Die stärkste Auswirkung hat die elterliche Liebe auf die Entwicklung des Ichs, da das Angenommensein und die Wertschätzung durch die Eltern entscheidend sind für die Entwicklung der Fähigkeit, sich selbst anzunehmen. Nur auf dem festen Boden eines von den ersten Bezugspersonen gewährten Grundvertrauens kann ein stabiles Selbstvertrauen wachsen. Indem die Eltern dem Verlangen ihres Kindes nach Wärme und Zuneigung entgegenkommen, fördern sie eine günstige Persönlichkeitsentwicklung und vermindern Angst und Unsicherheit. Die elterliche Liebe ist die wichtigste Bedingung, dass ein Kind sein inneres Potential entfalten kann. Die Erfüllung dieses Bedürfnisses stellt die Basis dar für emotionale Ausgeglichenheit sowie die Entwicklung von Kreativität und Intelligenz. Das Kind als Person bedingungslos zu akzeptieren und ernst zu nehmen ist eine Aufgabe, die hauptsächlich von Mutter und Vater wahrgenommen werden kann, wie Dostojewski es formuliert:
‘Du aber liebe mich, auch wenn ich schmutzig bin, denn wenn ich weiß gewaschen wäre, liebten mich doch alle’.
In diesem Zitat wird deutlich, dass es insbesondere die Eltern sind, die dem Kind Liebe und Geborgenheit geben sollen. Besonders betont wird, dass sie ihrem Kind auch in schwierigen Situationen, wenn seine negativen Seiten zum Ausdruck kommen, ihre Zuwendung nicht vorenthalten sollen. Durch die vorgelebte Liebe und erlebte Elternliebe lernt das Kind sich selbst zu lieben und Liebe zu geben. Annehmen, Vertrauen und Liebe seitens der Eltern bilden die Grundlage, auf der sich alles andere erst aufbauen kann.
Das Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung:
Je jünger ein Kind ist, desto eingeschränkter sind seine Möglichkeiten, sich zu schützen, und desto verletzlicher ist es infolgedessen. Aus diesem Grund ist es auf Erwachsene angewiesen, die seinem Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit nachkommen.
Der Erziehungswissenschaftler von Hentig schreibt:
‘Die an unverarbeiteten Eindrücken reiche, an Halt, Begründung, verstandener und verantworteter Ordnung arme und vor allem unruhige, friedlose Welt hat ein Bedürfnis nach Verlässlichkeit in den Kindern aufkommen lassen, das alle anderen Bedürfnisse übertrifft’.
Kinder brauchen ein Umfeld, das ihnen Schutz und Sicherheit bietet. Sie benötigen die Verlässlichkeit stabiler Beziehungen innerhalb der Familie, in der Einstellungen und Verhaltensweisen als gleich bleibend und zuverlässig erlebt werden. Vertraute Beziehungen sind für Heranwachsende entwicklungsnotwendig, denn aufgrund dieser innerfamiliären Beziehungen erwerben sie die Sicherheit, um sich auf die Erfordernisse der weiteren Umwelt einlassen zu können - aus dieser Sicherheit heraus kann Selbstbewusstsein entstehen. Kinder haben eine Vorliebe für irgendeine Art ungestörter Routine und einen glatten Ablaufrhythmus. Sie brauchen Ordnung und Regeln, da sie sonst die Orientierung verlieren.
‘Das Kind scheint nach einer voraussagbaren, geregelten, ordentlichen Welt zu verlangen. Ungerechtigkeit, Unehrlichkeit oder Inkonsistenz bei den Eltern scheint das Kind ängstlich und unsicher zu machen. Diese Haltung ergibt sich nicht so sehr wegen der Ungerechtigkeit an sich oder wegen der besonderen daraus entstehenden Schmerzgefühlen (sic!), sondern weil eine solche Behandlung die Welt unzuverlässig, unsicher oder unvorhersehbar erscheinen lässt’.
‘Chaotische Abläufe überfordern die Anpassungsfähigkeit des Kindes und erzeugen Angst, Unsicherheit und Aggression’.
Kinder brauchen eine organisierte und strukturierte Welt. Ihr Sicherheitsbedürfnis hängt eng mit den von den Eltern gesetzten Verhaltensnormen zusammen. Das Setzen von Grenzen und Maßstäben ist nötig, damit das Zusammenleben in der Familie klappt und sich die Kinder später in der Gesellschaft zurechtfinden. Das Verhalten seiner Eltern muss für das Kind vorhersehbar und berechenbar sein, denn indem die Erwartungen der Eltern gleich bleiben und das Kind die Grenzen des Erlaubten kennt, gewinnt es die Sicherheit etwas einsehen oder voraussehen zu können. Grenzen sollten so klar sein, dass Eltern nicht ständig vorausgreifen und dazwischenfahren müssen. Es ist wichtig, dass Regeln ausgehandelt und festgelegt werden und eine Verletzung dieser Regeln sanktioniert wird. Haben Kinder keine festen Vereinbarungen und Normen gelernt, sind sie verwirrt und reagieren in dieser Verunsicherung mit Aggressivität als Suchverhalten. Die Qualität der innerfamiliären Beziehungen, also die Beziehung von Vater und Mutter zum Kind, ist für die seelische Entwicklung des Kindes sehr bedeutsam. Je harmonischer und respektvoller der Umgang in der Familie ist, desto sicherer fühlt sich das Kind.
Das Bedürfnis nach Expansion und Exploration:
Bei jedem Kind besteht ein Explorationsbedürfnis. Es stellt den Gegenpart zu dem vorher genannten Bedürfnis nach Sicherheit dar. Voraussetzung, dass das System der Erkundung aktiviert wird, ist, dass die Bindungsbedürfnisse nach Schutz und Hilfe befriedigt werden.
Nur wenn sich Kinder sicher fühlen und durch die Geborgenheit in der Familie ausreichend Sicherheit entstanden ist, erforschen sie ihre Umwelt. Das Interesse an Neuem ist ein biologisches Grundbedürfnis. Das Kind möchte nicht nur immer größere Teile seiner Umwelt erkunden, sondern löst sich auch zunehmend von seinen Bezugspersonen, denen dabei die Aufgabe zukommt, dieses Selbständigkeitsstreben zu unterstützen. Kleinkinder haben einen starken Forscherdrang. Sie wollen sich bewegen, ihre Umwelt kennen lernen und ihre Fertigkeiten und Kenntnisse erweitern. Neue Erfahrungen sind essentiell für das geistige Wachstum des Kindes und wichtig für die Entwicklung des Denkens.
Jede neue Erfahrung erweitert die Möglichkeiten des Kindes, seine Gefühle, Sinneseindrücke und Bewegungen besser koordinieren zu können. Dazu gehören Spaziergänge, Beobachtungsmöglichkeiten, sprachliche Anregungen und Spielzeug. Neugier und Wissbegier des Kindes werden befriedigt, indem die Eltern auf seine Fragen eingehen. Dieser Forschungs- und Wissensdrang ist alterstypisch und tritt deshalb vorzüglich in den ersten Jahren auf. Wird er missbilligt oder bestraft, wird das Kind dem Leben gegenüber eine eher negative Haltung einnehmen. Möglicherweise entwickelt es passive Züge, Ängstlichkeit, Frustrationsgefühle und Reizbarkeit und zeigt nur wenig Zufriedenheit und Lebensfreude. Allerdings besteht hier auch die Gefahr, dass dem Kind zuviel Anregung geboten wird, was Widerstand und Angst hervorruft. Wird das Kind allerdings zu wenig angeregt, kann das zu Langeweile und Apathie führen. Die Psyche der Kinder hat also ganz einfache, aber wesentliche Bedürfnisse. In den unterschiedlichen Entwicklungsstadien des Kindes kann den verschiedenen Grundbedürfnissen eine unterschiedliche Bedeutung zukommen. In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen, dass ein Kind am besten gedeiht, wenn die Eltern sich an den Bedürfnissen des momentanen Entwicklungsstandes orientieren. Das wichtigste Element ist das Gefühl der Geborgenheit, das Gefühl des Angenommenseins sowie die körperliche Nähe und gefühlsmäßige Zuwendung der Eltern oder anderer vertrauter Menschen. Kinder wollen zuallererst geliebt werden, wie sie sind, wobei die Zuneigung nicht an Bedingungen geknüpft werden darf. Sie wollen wertschätzend behandelt und in der Würde ihrer eigenen Person geachtet und ernst genommen werden. Nur dann können sie ihren eigenen Wert erkennen und Selbstwert aufbauen. Die seelische Gesundheit wird letztlich dadurch gewährleistet, dass die kindlichen Bedürfnisse ausreichend befriedigt werden sowie durch das elterliche Bemühen um eine möglichst entwicklungsfördernde Erziehung.
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http://www.diplom.de/ean/9783836619257
Arbeit zitieren:
Andersch, Nicole November 2006: Psychische Gewalt in der Erziehung und die Prävention durch Elternbildung, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Gewalt, Erziehung, Elternbildung, Überbehütung, Erziehungsstil




