Psychische Erkrankungen bei Menschen mit Migrationshintergrund
- Art: Bachelorarbeit
- Autor: Alina Fischbein
- Abgabedatum: Januar 2010
- Umfang: 62 Seiten
- Dateigröße: 439,5 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Darmstadt Deutschland
- Bibliografie: ca. 46
- ISBN (eBook): 978-3-8428-0304-6
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Fischbein, Alina Januar 2010: Psychische Erkrankungen bei Menschen mit Migrationshintergrund, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Migrant, Psychische Erkrankung, Posttraumatische Störung, Soziale Arbeit, Psychische Belastung
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Bachelorarbeit von Alina Fischbein
Einleitung:
Zur Wahl des Themas meiner Bachelorarbeit kam ich durch ein Gespräch mit einer anderen Studentin, die mit ihrer Familie nach Deutschland immigrierte. Wir sprachen über unsere Erlebnisse und Erfahrungen in und mit Deutschland. Unter anderem erzählte sie mir die Geschichte einer Migrantenfamilie. Diese Familie hat zwei Kinder. Der ältere Sohn war 18, als die Familie nach Deutschland kam. Er wurde von seiner gewohnten Umgebung, von allem, was ihm wichtig war, losgerissen. Zwei Jahre später konnte er sich hier immer noch nicht zu Recht finden und sich an die neue Umgebung anpassen. Mit 20 hatte er deutliche Anzeichen einer Schizophrenie. Einige Zeit später warf er seinen damals zweijährigen Bruder vom Balkon aus dem neunten Stockwerk eines Hauses. Der Kleine überlebte es wie durch ein Wunder. Der ältere Bruder lebt seitdem in einer Einrichtung für betreutes Wohnen für psychisch Kranke.
Diese Geschichte erschütterte mich zutiefst und brachte auf die Überlegungen, ob Migrationsfolgen tatsächlich solch tiefe Spuren in der Psyche eines Menschen hinterlassen können. Falls ja – was kann einen Menschen davor schützen? Warum verläuft bei einigen Menschen der Migrationsprozess erfolgreich und warum können sie vieles in ihrem neuen Leben erreichen, während andere sich in der neuen Umgebung nicht zu Recht finden, sich ‘verloren’ fühlen und ihr Leben noch schlechter ist, als in ihrem Herkunftsland?
Das Thema meiner Arbeit geht mir auch deswegen nah, weil ich selbst aus einem anderen Land komme und meine ersten Erlebnisse in Deutschland, als ich hier als Au-pair arbeitete, eher negativ waren. Mit fremder Kultur, anderen Normen, Traditionen und Ansichten konfrontiert, konnte ich sie nicht verstehen und nicht annehmen. Als ich zum zweiten Mal nach Deutschland kam, ging es mir viel besser. Ich hatte einfach Glück, dass diesmal neben mir mein Mann war, der mir half, vieles zu verstehen und zu erklären, und meine Vorurteile zu überwinden. Ich hatte jemanden, mit dem ich meine Erlebnisse und Probleme teilen konnte.
Während meines Studiums wurde das Thema psychischer Erkrankungen bei Migranten nicht angesprochen. Daher habe ich mich dazu entschieden, diese Thematik selbständig zu bearbeiten und in den Mittelpunkt meiner Bachelorarbeit zu stellen. Dabei hat sich herausgestellt, dass mittlerweile sehr viel über das Thema geschrieben wurde. Die meisten Autoren betrachten aber die Problematik aus dem medizinischen (psychotherapeutischen) Blickwinkel. Es gibt bisher kaum Quellen, die dieses Thema aus der Sicht der Sozialen Arbeit behandeln.
Viele Migranten, die nach Deutschland kommen, können hier keine neuen Freunde finden. Nicht alle haben hier Verwandte, und nicht jeder kann den Druck aushalten, der auf einem Migranten lastet. Ein häufiger Grund für diesen Druck ist ein völlig anderes, unbekanntes System, in dem man gute Sprachkenntnisse und Kenntnisse der Gesetze braucht, um alle bürokratischen Hindernisse zu überwinden und das komplizierte Spinnennetz der Ämter, Beratungsstellen und Behörden zu verstehen. Nicht jeder hat Mut, Geduld und Wille dazu. Der Mensch kann daran zerbrechen, zu Alkohol oder Drogen greifen im Versuch, der Realität zu entkommen.
Zur Intention meiner Bachelorarbeit möchte ich folgendes sagen:
Einerseits geht es mir um die Beleuchtung eines multidimensionalen Problemfeldes: individuelle Migranten, Migrantengemeinschaften, Gesundheitssystem, Politik, inländische Bevölkerung, fremde Kulturen, Vorurteile etc.
Andererseits möchte ich über die spezielle Problematik bei der Überschneidung von Psychiatrie und Migrationsarbeit informieren sowie eine erste Orientierung, Denkanstöße bzw. ‘Rüstzeug’ für die Praxis der sozialen Arbeit geben.
Nicht zuletzt soll die Arbeit auch ein Plädoyer für präventive Konzepte sein sowie eine Einladung zu gegenseitigem – im besten Sinne internationalen – Kennenlernen, Zuhören, Verstehen.
Bevor man sich mit einem Thema intensiv auseinandersetzen kann, ist es notwendig, dieses Thema möglichst genau zu benennen, zugehörige Begriffsbestimmungen vorzunehmen und (damit) die eigene wissenschaftliche Perspektive aufzuzeigen. In der vorliegenden Arbeit soll dies in den ersten beiden Kapiteln geschehen. Zunächst wird der Begriff ‘Migration’ einer genaueren Betrachtung unterzogen: Was bedeutet er? Welche Arten von Migration werden unterschieden? Wie manifestiert sich das Phänomen in Zahlen – sowohl international als auch auf Deutschland bezogen – und wer wird hierzulande eigentlich als Migrant bezeichnet?
Der andere zentrale Begriff dieser Arbeit ist der der psychischen Krankheit. Dass dieser in der Vergangenheit kontrovers diskutiert wurde und in der Fachliteratur weitgehend durch den Terminus ‘psychische Störung’ abgelöst wurde, erfährt der Leser im Kapitel ‘Psychische Krankheiten – eine Begriffsannäherung’. Hier wird somit eine Begriffbestimmung versucht – was genau versteht man unter einer psychischen Krankheit bzw. einer psychischen Störung? Darauf folgend werden die beiden wichtigsten, international anerkannten Klassifikationssysteme (ICD-10 und DSM-IV) in aller Kürze vorgestellt.
Der eigentliche Hauptteil dieser Arbeit beginnt mit einem Kapitel über psychische Belastungen bei Migranten. Wie hängen Migration und psychische Erkrankungen zusammen bzw. welche spezifischen und typischen Faktoren (wie z.B. andere Sprache, andere Kultur, materielle und soziale Lage, familiärer und sozialer Bindungsverlust und andere mehr) spielen dabei eine Rolle? Wie verläuft ein Migrationsprozess typischerweise und welche Auswirkungen auf die Psyche haben unterschiedliche Anpassungsstrategien an die Zielgesellschaft? Insgesamt thematisiert dieses Kapitel also die besonderen Dispositionen für psychische Störungen bei Migranten.
Welche Rolle insbesondere die sozialen Netzwerke im Migrationsprozess (Wegfall der Netzwerke im Herkunftsland, Aufbau neuer Netzwerke im Zielland) im Allgemeinen und welche Rolle mono- und interkulturelle Netzwerke im Besonderen spielen, wird im zweiten Kapitel des Hauptteils erörtert.
Das darauf folgende Kapitel setzt sich mit der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung von Migranten auseinander. Wie intensiv werden Versorgungsangebote von Migranten genutzt und welche Zugangshürden existieren sowohl auf Migranten- als auch auf Institutionsseite? Kultur- und sprachspezifische Besonderheiten bzw. Probleme des gegenseitigen Umgangs der Beteiligten werden hier aufgezeigt und der Einsatz von Dolmetschern sowie bilingualem bzw. bikulturellem Fachpersonal diskutiert. Mit den sog. 12 Sonnenberger Leitlinien zur psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung von Migranten in Deutschland wird die aktuelle Fachdiskussion um die interkulturelle Öffnung des Gesundheitssystems vorgestellt.
Am Beispiel der posttraumatischen und der Suchtstörungen werden dann im letzten Kapitel spezifische Problemkonstellationen bei psychischen Störungen von Migranten angesprochen. Welche Rolle hier die soziale Arbeit spielt bzw. spielen kann, ist an dieser Stelle ebenfalls Thema.
Im Kapitel ‘Schlussfolgerungen’ werden - neben einer abschließenden Zusammenfassung der zentralen Aspekte dieser Arbeit - die wichtigsten Erkenntnisse im Hinblick auf die soziale Arbeit im Allgemeinen und auf deren professionellen Akteure im Besonderen diskutiert.
Der Einfachheit halber benutze ich die männliche Form, wenn z.B. von Migranten die Rede ist. Selbstverständlich ist dann – wenn nicht ausdrücklich anders angegeben – auch die weibliche Form des jeweiligen Wortes gemeint.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Migration – ein Phänomen der modernen Gesellschaft | 5 |
| 2.1 | Typen der Migration | 5 |
| 2.2 | Migration als weltweites Phänomen | 5 |
| 2.3 | Deutschland als Einwanderungsland | 6 |
| 3. | Psychische Krankheiten – eine Begriffsannäherung | 8 |
| 4. | Psychische Belastungen bei Migranten | 10 |
| 4.1 | Migration und psychische Erkrankungen | 10 |
| 4.2 | Migrationspezifische Faktoren psychischer Erkrankungen | 11 |
| 4.2.1 | Materielle und soziale Lage | 11 |
| 4.2.2 | Psychische Faktoren | 11 |
| 4.2.3 | Fremdsprache als Faktor psychischer Erkrankungen | 13 |
| 4.2.4 | Fremde Kultur. Konflikt der Kulturen | 13 |
| 4.2.5 | Besondere Faktoren bei Kindern der Migranten | 14 |
| 4.2.6 | Gesundheitliche Situation und psychische Belastungen bei Menschen ohne Papiere | 16 |
| 4.3 | Stadien des Migrationsprozesses | 19 |
| 4.4 | Akkulturationsstile und ihre Auswirkung auf die Psyche der Migranten | 20 |
| 5. | Soziale Netzwerke | 22 |
| 5.1 | Rolle der Sozialen Netzwerke für Migranten | 22 |
| 5.2 | Monokulturelle und interkulturelle Netzwerke | 22 |
| 6. | Psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung von Migranten in Deutschland | 24 |
| 6.1 | Hindernisse für die Inanspruchnahme der Versorgungsangebote | 25 |
| 6.1.1 | Hindernisse auf Seiten der Migranten | 25 |
| 6.1.2 | Hindernisse auf Seiten der Institutionen | 29 |
| 6.1.3 | Zugang zur medizinischen Versorgung bei Menschen ohne Papiere | 34 |
| 7. | Psychische Störungen bei Migranten und Rolle der Sozialen Arbeit | 37 |
| 7.1 | Posttraumatische Störungen | 37 |
| 7.1.1 | Entstehung und Symptome der Posttraumatischen Störung | 37 |
| 7.1.2 | Behandlung der Posttraumatischen Störung | 39 |
| 7.1.3 | Retraumatisierung | 40 |
| 7.1.4 | Rolle der Sozialen Arbeit | 42 |
| 7.2 | Sucht | 43 |
| 8. | Anregungen für die Soziale Arbeit | 48 |
| 9. | Schlussfolgerungen | 51 |
| 10. | Literaturverzeichnis | 53 |
| 11. | Erklärung | 58 |
Textprobe:
Kapitel 6.1, Hindernisse für die Inanspruchnahme der Versorgungsangebote:
Wenn man die Hindernisse für die Inanspruchnahme der Versorgungsangebote für Migranten betrachtet, so können diese Hindernisse sowohl auf Seiten der Migranten als auch auf Seiten der Institutionen festgestellt werden.
6.1.1, Hindernisse auf Seiten der Migranten:
Zu den Hindernissen auf Seiten der Migranten zählt vor allem ihr niedriger sozioökonomischer Status, der bei Migranten viel häufiger anzutreffen ist, als bei den Deutschen. Dies gilt für das Gesundheitssystem im Allgemeinen, in besonderem Maße aber für die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung. Es wird angenommen, dass Angehörige niedriger sozialer Klassen weniger kommunikative Fähigkeiten haben. Das führt zum einen dazu, dass sie weniger Informationen über Einrichtungen der Gesundheitsversorgung zur Verfügung bekommen, zum anderen aber gerade bei psychischen Erkrankungen – wie oben bereits erwähnt – auch zu Fehldiagnosen.
Bei Migranten kommt hinzu, dass sie grundsätzlich (auch die Migranten mit höherem Bildungsniveau) ungenügende Kenntnisse von Versorgungsangeboten im Aufnahmeland haben und Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem hegen. Es wird beobachtet, dass Migranten häufig Ärzte aufsuchen, die aus ihrem Ursprungsland stammen. Hier wäre folgendes Beispiel angebracht: in der Psychosomatischen Universitätsklinik Gießen stieg die Zahl der türkischstämmigen Patienten in kurzer Zeit um das Zehnfache an, nachdem eine Ärztin mit türkischer Muttersprache eingestellt worden war . Dass Migranten Ärzte gleicher Herkunft aufsuchen, wird nicht nur damit erklärt, dass sie sich dadurch bessere Möglichkeiten versprechen, ihr Leiden in der Muttersprache zu beschreiben, sondern auch hoffen, bei solchen Ärzten grundsätzlich besser verstanden zu werden – und zwar nicht im Sinne des sprachlichen Verständnisses, sondern des Verständnisses für ihr Problem. So zeigte eine niederländische Studie, dass ‘die Mehrzahl der befragten Migranten die gleiche ethnische Herkunft beim Therapeuten als nachrangig empfand gegenüber Empathie, Expertise und dem Teilen von Ansichten.’ Eben diese Empathie und das Teilen der Ansichten versprechen sich die Migranten von den Ärzten, die aus ihrem Herkunftsland kommen.
Sie erhoffen sich außerdem bei solchen Ärzten die Behandlung mit ‘richtigen’, aus der Heimat bekannten Behandlungsmethoden. Das spiegelt das Misstrauen der Migranten im Allgemeinen dem Gesundheitssystem und speziell dem (deutschen) Arzt gegenüber, der, nach Meinung des Migranten, die falschen Behandlungsmethoden anwendet (falsch – weil sie sich von den aus der Heimat gewohnten und bewährten Behandlungsmethoden unterscheiden). In diesem Misstrauen spielt auch der ‘vermutete Rassismus’ eine Rolle: der Migrant vermutet, dass der deutsche Arzt sich um ihn – den Ausländer – nicht ernsthaft kümmern und ihn dementsprechend schlecht behandeln wird.
Die vom Patienten erwarteten Behandlungsmethoden sind Teil seines subjektiven Krankheitskonzeptes. Subjektive Krankheitskonzepte werden als ‘Summe aller Meinungen, Deutungen, Erklärungen und Vorhersagen bezüglich Störungen des Gesundheitszustandes eines Menschen’ definiert. Sie umfassen die Vorstellungen des Patienten über die Symptome und Ursachen seiner Krankheit, über die Konsequenzen und Dauer der Erkrankung, aber auch über die Behandlungswirksamkeit und den eigenen Einfluss auf die Erkrankung. Subjektive Krankheitskonzepte sind kulturell geprägt. So werden bei Muslimen, u. a. bei Türken, viele Krankheiten mit religiösen oder magischen Vorstellungen erklärt und zu ihrer Behandlung volksmedizinische Konzepte herangezogen. Daher kehrt ein Teil der Erkrankten – dies gilt insbesondere für psychische Erkrankungen – zur Behandlung ihrer Krankheit in die Ursprungsländer zurück oder lässt sich von traditionellen Heilern behandeln.
Teilweise wegen des oben beschriebenen Misstrauens gegenüber dem Gesundheitssystem, zum Teil aber wegen der Scham und der Angst vor Stigmatisierung vermeiden es viele Migranten, bei psychischen Störungen Versorgungsangebote des Aufnahmelandes zu nutzen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es wird zunächst versucht, so lange es geht, diese Störungen durch die Großfamilie oder die sozialen Netzwerke der Migranten aufzufangen , die in den meisten Fällen besser funktionieren, als bei der einheimischen Bevölkerung, und die Inanspruchnahme von Einrichtungen des Gesundheitssystems weniger erforderlich machen.
Das Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem sowie die Bestrebung, bei psychischen Störungen Hilfe in der Großfamilie und in sozialen Netzwerken zu suchen und nur im Notfall sich an die Einrichtungen des Gesundheitssystems zu wenden, könnten eine Erklärung für die am Anfang dieses Kapitels beschriebene Tatsache sein, dass Migranten unter den unfreiwilligen Patienten in der Psychiatrie überrepräsentiert sind und mehr Notfallleistungen erhalten, als die einheimischen Patienten.
Ein weiteres Hindernis für die Migranten bei der Inanspruchnahme der Versorgungsangebote besteht in den unzureichenden Kenntnissen der Mehrheitssprache. Es wird häufig davon ausgegangen, dass die in Deutschland seit längerer Zeit lebenden Migranten mittlerweile gut Deutsch sprechen können. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass dies bei vielen Migranten auch nach langjährigem Aufenthalt nur unzureichend der Fall ist und dass sie dadurch die Hilfe von gesundheitlichen Versorgungseinrichtungen nicht erfolgreich in Anspruch nehmen können. So gaben 40% der bei einer Studie in der Gynäkologie des Virchow-Klinikums befragten türkischsprachigen Frauen an, dass ihre Kompetenz in der deutschen Sprache für die Kommunikation mit dem Personal nicht ausreiche, so dass sie auf eine sprachliche Übersetzung angewiesen waren . Die Sprachkenntnisse der Migranten reichen meistens für den normalen gesellschaftlichen Verkehr aus, aber nicht für die Beschreibung ihres Krankheitsgefühls. Als Folge dessen wenden sich viele Migranten erst gar nicht an die Versorgungseinrichtungen, weil sie vermuten, dass sie ihre Probleme ohnehin dem Arzt gegenüber nicht verständlich machen können.
Sprachprobleme führen insbesondere im Bereich der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung zu Fehldiagnosen. Beim erwachsenen Migranten bleiben Gefühle und Erinnerungen an die Muttersprache gebunden. Bei der Benutzung einer Zweitsprache kommt es im Gegensatz zu Muttersprache zur Trennung zwischen dem Affekt und Inhalt des Gesagten, weil die Gefühle, Erinnerungen und Assoziationen in der kognitiv erworbenen Zweitsprache nicht zur Verfügung stehen . Migranten wirken daher, wenn sie in ihrer Zweitsprache interviewt werden, auf den Untersucher emotionslos. Wenn der Arzt mit diesem Phänomen nicht vertraut ist, kann es zu psychopathologischen Fehleinschätzungen mit schwerwiegenden Folgen kommen. So wird z.B. die Diagnose Schizophrenie bei psychosekranken Türken häufiger gestellt als bei psychosekranken Deutschen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842803046
Arbeit zitieren:
Fischbein, Alina Januar 2010: Psychische Erkrankungen bei Menschen mit Migrationshintergrund, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Migrant, Psychische Erkrankung, Posttraumatische Störung, Soziale Arbeit, Psychische Belastung




