Psychisch kranke Eltern, für Kinder (k)ein Problem?
Bewältigungsstrategien der Kinder und Unterstützungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Yvonne Behla
- Abgabedatum: August 2007
- Umfang: 109 Seiten
- Dateigröße: 523,6 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Hannover Deutschland
- Bibliografie: ca. 122
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1478-8
- ISBN (CD) :978-3-8366-1478-8 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Behla, Yvonne August 2007: Psychisch kranke Eltern, für Kinder (k)ein Problem?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Psychisch kranke Eltern, Kinder, Bewältigungsstrategien, Soziale Arbeit, Tabuisierung
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Diplomarbeit von Yvonne Behla
Einleitung:
„Psychisch kranke Menschen... ja, die haben bestimmt auch Angehörige...“ Wenn von Angehörigen psychisch kranker Menschen die Rede ist, wird von Eltern, Geschwistern oder Partnern gesprochen. Psychisch kranke Menschen haben aber auch Kinder und diese Kinder sind vielfach minderjährig. Minderjährige Kinder sind sehr stark auf die Unterstützung und Begleitung durch ihre Eltern angewiesen. Nicht immer sind Eltern in der Lage, sich ständig um ihre Kinder zu kümmern. Sie müssen einer Erwerbstätigkeit nachgehen, üben Freizeitaktivitäten aus oder sind vielleicht auch einmal krank. Wenn die Mutter oder der Vater mit einem Schnupfen oder einer Grippe im Bett liegt, sind die Großeltern schnell zur Stelle oder die Nachbarn kümmern sich einen Tag um das Kind. Aber wie sieht es aus, wenn ein Elternteil keine Grippe hat, sondern eine psychische Erkrankung? Wie gestaltet sich dann die Betreuung der Kinder? „Psychisch krank“ bedeutet nicht zwangsläufig, dass z.B. die Mutter gar nicht mehr in der Lage ist sich um die Kinder zu kümmern. Jedoch treten akute Krisen auf, in denen sie evtl. über einige Zeit stationär behandelt werden muss. Wo bleiben in dieser Situation die Kinder und wie sieht es mit Säuglingen und Kleinkindern aus? Würde eine stationäre Mutter-Kind-Behandlung zu Verfügung stehen? Ob und inwieweit sich diese Form der Behandlung bis heute durchgesetzt hat und welche Funktion sie in Bezug auf die Mutter-Kind-Beziehung hat, wird in diesem Buch erörtert. Außerdem werden verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten anhand von Modellprojekten vorgestellt.
Da die Erwachsenenpsychiatrie intensiv mit psychisch kranken Eltern arbeitet, besteht hier für Sozialarbeiterinnen die Möglichkeit Kontakt zu diesen aufzunehmen. Die Jugendhilfe ist für alle Belange die Kinder und Jugendliche betreffen zuständig. Hier sehe ich Möglichkeiten die Kinder und ihre Familie bei der Bewältigung einer psychischen Erkrankung zu unterstützen. Deshalb gehe ich in Bezug auf Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern insbesondere auf den Bereich der Erwachsenenpsychiatrie und der Jugendhilfe ein. In diesem Kontext stellt sich die Frage nach dessen Aufgabenbereichen, Handlungsmustern und inwieweit eine kooperative Zusammenarbeit stattfindet oder stattfinden kann. Anhand einer Darstellung der Konfliktfelder im Bereich einer kooperativen Arbeit zwischen der Erwachsenenpsychiatrie und der Jugendhilfe sollen Schwierigkeiten deutlich werden. Ebenso werden unterschiedliche Betrachtungsweisen und bestehende Vorurteile der jeweiligen Handlungssysteme beispielhaft angeführt.
In welcher Weise und in welchem Kontext der erste Kontakt zu den Kindern psychisch kranker Eltern stattfindet und ob die Kinder zu diesem Zeitpunkt schon einen starken Einflüssen durch die psychische Erkrankung der Eltern ausgesetzt sind, wird in der vorliegenden Arbeit untersucht.
Im Laufe meines Studiums habe ich mich zunehmend mit der Zielgruppe „psychisch kranke Menschen“ beschäftigt. Im Rahmen des Hauptstudiums legte ich meinen Schwerpunkt auf den Bereich „Sozialpsychiatrie“. Hier kam ich erstmals mit dieser Zielgruppe in Kontakt. Zuvor habe ich mich vorwiegend mit Kindern, deren Entwicklung, deren Erleben und Lebenswelten beschäftigt. Nie tauchte das Thema „psychisch kranke Eltern“ auf, obwohl ich in meiner Tätigkeit als Erzieherin ständig Kontakt mit Kindern und ihren Eltern hatte.
In der Projektpraxis bei FIPS e.V. (Kontaktstelle für psychisch kranke Menschen) während des Studiums erfuhr ich in einem Gespräch mit einer Klientin, dass sie einen 18 jährigen Sohn hat. Sie berichtete mir, dass sie niemals Hilfen für das Kind in Anspruch genommen hat und zudem nicht wüsste, welche Unterstützungsmöglichkeiten es überhaupt gibt. Dieses Gespräch war für mich der Anlass mich intensiv mit diesem Thema zu beschäftigen.
Im Rahmen der Anfertigung dieses Buches wird untersucht, wie viele Kinder in Deutschland ein oder zwei psychisch kranke Elternteile haben und ob sie bei ihren Eltern leben. Wie gestaltet sich das Zusammenleben mit einem psychisch kranken Elternteil? Wie wirkt sich die Erkrankung auf die Lebenssituation und die Entwicklung der Kinder aus und wie erleben sie diese. Die konkreten Strategien, die diese Kinder wählen oder vielmehr die ihnen zur Verfügung stehen um ihre spezielle Lebenssituation zu bewältigen, werden in einem gesonderten Kapitel thematisiert. Hier gehe ich zudem der Frage nach, welche familiären Bewältigungsmuster dazu beitragen, Konflikte in der Familie zu bearbeiten und zu bewältigen. Besonders wichtig für die Arbeit als Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin ist die Frage, was sich hieraus für die Gestaltung der Hilfssysteme ableiten lässt. Eine sehr zentrale Frage, die für die sozialpädagogische Arbeit nicht unbedeutend ist, ist die nach den Kindern, die eine psychische Erkrankung der Eltern „unbeschadet“ überstehen obwohl sie zu einer Risikogruppe gehören.
Entsprechend einer Untersuchung entwickeln 90% der Kinder von psychisch kranken Menschen keine Psychose. Hier gilt es zu untersuchen, was diese Entwicklung begünstigt und welche Faktoren und Ressourcen dafür verantwortlich sind, dass die Mehrzahl der Kinder selbst nicht psychotisch wird und dadurch „alles unbeschadet übersteht“. Auch hier soll herausgefunden werden, welche Möglichkeiten der Sozialen Arbeit bestehen, um diese Faktoren zu fördern.
Des Weiteren stellt sicht die Frage, ob die vorhandenen Möglichkeiten ausreichen und angemessen sind oder ob das Versorgungssystem für Kinder und ihre Familien ausgebaut und verbessert werden muss. Bietet das SGB VIII Leistungen an, die in Bezug auf die Kinder psychisch kranker Eltern eingesetzt werden? Werden diese Angebote von Familien genutzt, wie können Hilfen zur Erziehung für Kinder zugänglich gemacht werden?
Aus denn vorangegangenen Beschreibungen lässt sich folgende Frage ableiten: Welche Handlungsimplikationen ergeben sich für die Sozialarbeit in der Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie, um minderjährige Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil bei der Bewältigung ihrer spezifischen Lebenssituation unterstützen zu können?
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| Anmerkungen und Definitionen | 6 | |
| 2. | Psychische Erkrankungen im Kontext der Familie | 8 |
| 2.1 | „Kinder psychisch kranker Eltern“ – Vorkommen und Häufigkeit | 8 |
| 2.2 | Psychische Erkrankungen und Stigmatisierung | 13 |
| 2.3 | Psychische Erkrankungen sind Familienerkrankungen | 21 |
| 2.4 | Tabuisierung und Isolation | 24 |
| 3. | Auswirkungen psychotischer Erkrankungen auf die Lebenssituation der Kinder | 26 |
| 3.1 | Unmittelbare und Folgeprobleme durch die psychische Erkrankung | 26 |
| 3.2 | Die Mutter-Kind-Beziehung | 29 |
| 3.3 | Die Beziehung des Kindes zum erkrankten Elternteil | 34 |
| 3.4 | Störungen in der kindlichen Entwicklung | 37 |
| 3.5 | Risikofaktoren in Bezug auf die psychische Erkrankung | 38 |
| 4. | Bewältigungsstrategien der Kinder | 42 |
| 4.1 | Spezifisches Bewältigungsverhalten der Kinder | 42 |
| 4.2 | Resilienz | 46 |
| 4.2.1 | Ein konzeptueller Leitfaden von WALSH | 48 |
| 4.2.2 | Die Kauai-Studie | 49 |
| 4.2.3 | Protektive Faktoren | 50 |
| 4.3 | Die Bedeutung von Ressourcen | 54 |
| 5. | Beispiele der Unterstützung durch Modellprojekte in Deutschland | 56 |
| 5.1 | Modellprojekt AURYN | 56 |
| 5.2 | Patenschaften für Kinder psychisch kranker Eltern in Hamburg | 57 |
| 5.3 | Präventionsangebot KIPKEL | 59 |
| 6. | Psychisch kranke Eltern und ihre Kinder als Zielgruppen der Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie | 62 |
| 6.1 | Die Jugendhilfe in Deutschland | 62 |
| 6.1.1 | Aufgaben und Leistungen der Jugendhilfe/des Jugendamtes nach dem SGB VIII | 63 |
| 6.1.2 | Umsetzungsschwierigkeiten der Hilfen und Angebote | 71 |
| 6.2 | Das Handlungsfeld Erwachsenenpsychiatrie | 75 |
| 6.2.1 | Aufgaben und Leistungen | 75 |
| 6.2.2 | Angebote der Psychiatrie in Bezug auf die Kinder | 77 |
| 6.2.3 | Stationäre Mutter-Kind-Behandlung | 78 |
| 7. | Das Spannungsfeld Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe | 84 |
| 7.1 | Die verschiedenen Spannungsfelder von Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie | 84 |
| 7.2 | Betrachtungsweisen und Positionen der Institutionen | 87 |
| 7.3 | Zur Kooperation der Handlungssysteme und Kooperationsaufforderungen | 88 |
| 8. | Schlussbetrachtung | 92 |
Textprobe:
Kapitel 2.3, Psychische Erkrankungen sind Familienerkrankungen:
Jegliche Lebensereignisse, die im sozialen System der Familie nachdrückliche Veränderungen mit sich bringen, können zu einem Stress- oder Belastungsfaktor für die gesamte Familie werden. Die Familie ist lange Zeit bevor eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird, involviert. Die Familiemitglieder erkennen, dass sich die Betroffene ungewöhnlich verhält: Sie zieht sich zurück, wirkt abwesend und tut vielleicht Dinge, die nicht nachvollziehbar sind. Außerdem schläft sie nicht mehr wie gewohnt und ist mit einfachsten Aufgaben überfordert. Mit den Symptomen einer Erkrankung gehen vielfältige Verhaltensweisen einher, die das Familienleben beeinträchtigen. Familienmitglieder fragen sich, ob die erkrankte Person Dinge nicht kann oder nicht will. Psychische Erkrankungen können bei allen Beteiligten zu beträchtlichen Belastungen und lebensweltlichen Veränderungen führen. Der Begriff Lebenswelt wurde von E. Husserl (1859-1938) eingeführt. „Unter Lebenswelt versteht man die vorwissenschaftliche, dem Menschen selbstverständliche Wirklichkeit, die ihn umgibt. Die Lebenswelt erhält ihr Gepräge durch das persönliche Erleben seines alltäglichen, direkten Umfeldes durch den Menschen, aus dem er seine Primärerfahrungen bezieht, die ihm Handlungssicherheit verleihen“.
Die Eltern fühlen sich häufig mit Erziehungsaufgaben und ihrer Rolle überfordert und zwar besonders in Akutkrisen. Hinzu kommt die Besorgnis, dass ihnen die Kinder weggenommen werden könnten. Der gesunde Elternteil hat bei der Bewältigung dieser Situation Schwierigkeiten: Unsicherheiten im Umgang mit der Krankheit und Schuldgefühle gegenüber den Kindern und dem Partner können auftreten. In Akutkrisen sind sie mehr als sonst gefordert, weil sie sich meist nicht nur allein um die Erziehung der Kinder und die Organisation des Familienalltages kümmern müssen, sondern ferner um den erkrankten Partner.
Dieser Begriff Erziehung umfasst zunächst alle planmäßigen Einwirkungen von innen (Selbstreflexion) und außen. Diese sollen den Mensche darin unterstützen, seine Potentiale und Kräfte zu entfalten oder seine Haltungen, Eigenschaften und Einstellungen zu verändern. Erziehung zielt auf die Individuation (Entwicklung und Wachstum) und auf die soziale Dimension (Eingliederung) des Menschen ab.
Zusätzliche Belastungen, wie Trennungen oder familiäre Umbrüche kommen ebenso auf die Kinder zu. Ein Autor berichtet von Studien, aus denen hervorgeht, dass in einem überdurchschnittlich hohen Maße Beziehungsabbrüche und Trennungen diese Familien treffen.
In den Familien, in denen die Mutter erkrankt ist, werden die Kinder, im Sinne einer Parentifizierung, oft zu Eltern oder Partnern. Sie versorgen die Mutter, kümmern sich um den Haushalt und versuchen in irgendeiner Weise die Wahnwelt der psychotischen Mutter zu verstehen. Sie setzen alles daran, das „normale“ Familienleben aufrechtzuerhalten. Sie verhalten sich viel „erwachsener“ als andere Kinder. Der Preis dafür ist der Verlust der „Kindlichkeit“ und letzten Endes der Kindheit selbst. „Unter Kindheit verstehen wir die gesellschaftliche Ausdifferenzierung der kindlichen Lebensphase sowohl zum Zweck des Schutzes vor früher ökonomischer Ausbeutung, vor allem aber zur Ermöglichung eines pädagogischen Entwicklungs- und Schonraums(....)“.
Die zumeist starke Belastung der Angehörigen durch eine psychische Erkrankung wirkt sich auf das Familienklima aus, welches häufig emotional „aufgeladen“ ist. Es äußert sich sowohl in Feindseligkeit als auch in Überfürsorglichkeit gegenüber der erkrankten Person. Die Expressed Emotions-Forschung zeigte, dass eine hohe emotionale Spannung („high expressed emotion“) in einer Familie das Rückfallrisiko von an Schizophrenie erkrankten Menschen deutlich erhöht. Diese emotionale Spannung ist ein Ausdruck der betreuungsbedingten Belastung der Familie.
Ein Forscher hat bereits 1962 in seiner Studie den Einfluss des Familienlebens auf den Verlauf schizophrener Erkrankungen aufgezeigt. Die emotionale Tönung des Familienmilieus ist entscheidend für die zukünftige Entwicklung eines an Schizophrenie erkrankten Menschen nach der Klinikentlassung.
Andere beschreiben anhand ihrer Studien charakteristische Kommunikationsstile in Familien schizophrener Patientinnen. Der Schlüsselbegriff in diesem Kontext ist „Emotional Involvement“. Dieser wird gewöhnlich mit „emotionalem Engagement“ übersetzt, welches niedrig oder hoch sein kann. Familien mit niedrigen EE-Werten (Express emotion Werte) gestatteten der Patientin Rückzugsmöglichkeiten und pflegten einen rücksichtsvollen, toleranten Umgang. Familien mit hohen EE-Werten reagierten gereizt und verständnislos. Sie versuchten immer auf die Patientin einzuwirken und sie in ihrer Selbständigkeit einzuschränken. Somit bestätigt sich, dass das familiäre Klima und der Umgang mit dem psychisch kranken Familienmitglied Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Erkrankung haben.
Oftmals steht die psychische Erkrankung eines Elternteils in Wechselwirkung zu weiteren psychosozialen Belastungsfaktoren, wie länger andauernde Trennungen, eheliche Konflikte, familiäre Disharmonie, Unzufriedenheit und soziale Isolation. In diesen Familien treten Kommunikationsstörungen auf, die als wichtige Charakteristika von Familien mit einem schizophren erkrankten Mitglied angesehen werden. Die biologische Psychiatrie und die High-Risk-Forschung nehmen eine starke genetische Komponente bei der Entstehung schizophrener Erkrankungen an. Die sozialpsychiatrische Familienforschung geht von einem „reaktiven Modell“ aus, in dem die Familiendynamik und Familienstruktur vordergründig untersucht werden. Familiendynamische Ansätze gehen im Ursprung von einem psychoanalytischen Denken aus. Die Krankheitsentstehung wird nicht als intrapsychischer, sondern als ein intrafamiliärer Vorgang angesehen. Jedoch haben sich diese als wesentlich angesehene Faktoren nicht als spezifisch für Schizophrenie erwiesen. Sie sind empirisch schwer prüfbar. Somit wurde versucht, die Kommunikationsabweichung als auch die Auswirkung auf die Kinder genauer zu erfassen. Die elterlichen Kommunikationsabweichungen hängen eng mit den Kernsymptomen der Schizophrenie zusammen. Die kognitive Desorganisation der Kinder reflektiert auf einem individuellen Niveau das familiäre Muster der irrationalen und verwirrenden Kommunikation.
Nicht nur innerhalb der Familie treten Konflikte und Schwierigkeiten auf. Nach außen hat die Erkrankung eine abgrenzende/ausgrenzende Wirkung. Inwieweit die Erkrankung tabuisiert wird und ob die Familie sich von der Außenwelt isoliert bzw. isoliert wird, beschreibt der nachfolgende Teil.
Tabuisierung und Isolation:
Genauso wie die Betroffene in ihrem Symptomgefängnis isoliert ist, so isolieren sich auch die Angehörigen. Auf Geburtstagsfeiern bei der Verwandtschaft wird verzichtet und der Kontakt zu Nachbarn und Freunden wird stetig abgebaut bis die Familie von der Außenwelt abgeschlossen ist. Ein soziales Leben der Familie findet so nicht mehr statt. In jeder Familie sind unausgesprochene Übereinkünfte vorhanden, die die Repräsentation nach innen und außen regeln. In den betroffenen Familien wird in den meisten Fällen ein Kommunikationsverbot nach außen ausgesprochen. Die Kinder sprechen mit niemandem über Probleme oder über die Erkrankung. Sie glauben teilweise von sich aus, dass sie mit niemandem darüber sprechen dürfen. Dadurch wissen die Kinder nicht, an wenn sie sich wenden können oder dürfen.
Die Familie konstruiert eine „Wirklichkeit“, die sich aus eigenen Überzeugungen, Vorannahmen und soziale Strukturen zusammensetzt. Nicht vorhersehbare Ereignisse verunsichern das Familiensystem und werden entweder konstruktiv offen nach außen bearbeitet oder verschwiegen und nur intrafamiliär diskutiert. Da eine befürchtete kritische Sicht der Umwelt in einer Krisensituation als bedrohlich empfunden wird, verringert sich die Kommunikation nach außen. Ein Abbruch der Kontakte zum sozialen Umfeld ist ein sehr häufig beobachtbares Phänomen und geht nicht nur von der Familie aus. Aufgrund des „unangenehmen“ Verhaltens des erkrankten Elternteils, zieht sich die Umgebung zurück. Eine Aufrechterhaltung der Beziehung zur Familie wird als unerfreulich und schwierig empfunden.
Die Tabuisierung der Krankheit, die dadurch fehlende Aufklärung der Kinder und die soziale Ausstoßung des erkrankten Elternteils führen bei den Kindern zu Gefühlen der Isolation. Die Folge ist, dass die Kinder in zwei Welten leben: Innerhalb der Familie und in der Welt außerhalb der Familie. Die Welten bleiben einander fremd, sodass aus Sicht der einen Welt die Kinder sich als fremd gegenüber der anderen empfinden. Die Eltern der Kinder sind fast immer davon überzeugt, dass sie die Kinder schützen müssen. Sie sprechen deshalb aus falscher Rücksichtnahme nicht über die Erkrankung. Eine offene Auseinandersetzung findet kaum statt. Die Kinder schaffen folglich ihre eigenen Erklärungen, welche größtenteils schlimmer sind als die Realität.
In den vorangegangenen Ausführungen stellte sich heraus, dass eine psychische Erkrankung immer das gesamte Familiensystem trifft. Besonders deutlich wurde, dass die Familie von der Außenwelt isoliert wird und sich selbst zurückzieht. Unsicherheiten im Umgang mit der Erkrankung wurden deutlich. Die Kinder beginnen in zwei Welten zu leben. Die Tabuisierung und Isolation der Kinder führt dazu, dass die Kinder nicht über die Erkrankung des Elternteils sprechen.
Im dritten Kapitel dieser Arbeit wird thematisiert, welche weiteren Auswirkungen eine psychische Erkrankung auf die Lebenssituation der Kinder hat.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836614788
Arbeit zitieren:
Behla, Yvonne August 2007: Psychisch kranke Eltern, für Kinder (k)ein Problem?, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Psychisch kranke Eltern, Kinder, Bewältigungsstrategien, Soziale Arbeit, Tabuisierung



