Der Prozeß der Individualisierung und die Flexibilisierung und Pluralisierung der Arbeitswelt
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Ivo Stagge
- Abgabedatum: Juli 2002
- Umfang: 90 Seiten
- Dateigröße: 1,0 MB
- Note: 2,3
- Institution / Hochschule: Westfälische Wilhelms-Universität Münster Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6502-5
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6502-5 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6502-5 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Stagge, Ivo Juli 2002: Der Prozeß der Individualisierung und die Flexibilisierung und Pluralisierung der Arbeitswelt, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Arbeitsmarkt, Mobilität, Frauen, Lebenswelt, Identität
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Magisterarbeit von Ivo Stagge
Zusammenfassung:
Der Individualisierungsprozess und die Flexibilisierung sowie Pluralisierung der Arbeitswelt sind aktuelle Entwicklungen, die zusammengehören.
Die gesellschaftlichen Akteure müssen sich zunehmend einem Arbeitsmarkt anpassen, der Flexibilität, Mobilität und lebenslanges Lernen verlangt. Umgekehrt sehen sich auch die Unternehmen mit einem schnell wandelnden Markt konfrontiert, der von ihnen Anpassungsfähigkeit, Innovation und Serviceorientierung erfordert. Deshalb bieten sie verstärkt Arbeitsplätze an, die ein hohes Maß an Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Kreativität und Kundenorientierung beinhalten.
Diese flexiblen Arbeitsmarktanforderungen in Verbindung mit dem Individualisierungsprozess führen zu erheblichen geographischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in der Gesellschaft. Die traditionellen Sicherheiten in Bezug auf Arbeitsplatz, Geschlechterrollen, Familienbindung und persönlicher Identität lösen sich nach und nach auf. An ihre Stelle treten neue Formen der Partnerschaft, des familiären Zusammenlebens und der individuellen Lebensführung. In diesem Zusammenhang ist der Einzelne zunehmend entwurzelt, da die traditionellen Sinnangebote und verbindlichen Lebensmuster nicht mehr allgemein gültig sind. Vor diesem Hintergrund müssen sich die Menschen ihre eigenen Identitäten und Lebenswelten zunehmend selbst erschaffen und zusammenbauen. Hierbei sehen sie sich mit einer Vielzahl von Sinnangeboten und Werten konfrontiert, die die Gesellschaft ihnen in unterschiedlicher Form täglich zur Verfügung stellt, sei es durch Medien, Berufe, Bildung, Freunde oder Freizeitaktivitäten.
Auf der Ebene der Erwerbsarbeit wird das Normalarbeitsverhältnis mit seinen Grundzügen wie lebenslange Anstellung und Arbeitsplatzsicherheit von einer risikoreichen Erwerbsbiographie abgelöst, die ständige Qualifizierung, geographische Veränderung und Arbeitsplatzwechsel beinhalten kann. Diese Anpassung an einen flexiblen Arbeitsmarkt kann darüber hinaus berufliche Neuorientierung, mehrfache Arbeitslosigkeit, Mobilität und daraus folgend erhöhten Abstimmungsbedarf in der Familie bzw. im Privatleben für die Menschen zur Folge haben. Hierbei wird der gesellschaftliche Akteur zunehmend auf sein eigenes Arbeitsmarktschicksal verwiesen, dessen Risiken und Anforderungen er eigenständig bewältigen und verantworten muss.
Diese Magisterarbeit analysiert die Besonderheiten der Individualisierung, die aktuellen Entwicklungen einer flexiblen Arbeitswelt und die Zusammenhänge beider Prozesse.
Zunächst geht es um eine historische Bestandsaufnahme der familiären und wirtschaftlichen Situation in den fünfziger Jahren in Deutschland. Hierbei steht die Kleinfamilie mit ihren spezifischen Rollenausprägungen und Geschlechterverhältnissen im Mittelpunkt. Bei der wirtschaftlichen Thematik spielen u.a. das Normalarbeitsverhältnis, arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen, die Massenproduktion und Massenkaufkraft in Verbindung mit der sozialen Marktwirtschaft eine wichtige Rolle.
Auf diesen starren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen aufbauend wird im weiteren Verlauf die Individualisierungsthese entwickelt. Hierbei geht es zunächst um wichtige Ursachen für diesen Prozess, welche vor allem in den betroffenen Bereichen, wie Arbeitsmarkt, Familie, weiblicher Lebenszusammenhang, Bildung, Konsum und soziale Mobilität diskutiert werden.
Das darauffolgende Kapitel beschreibt dann die Konsequenzen des Individualisierungsprozesses. Diese Kennzeichen wirken sich vor allem dahingehend aus, dass sich die Lebenswege der gesellschaftlichen Akteure zunehmend ausdifferenzieren und allgemeingültige Handlungsanweisungen wegfallen. Aus diesem Grund müssen sich die gesellschaftlichen Akteure Werte, Muster der Lebensführung und Sinnquellen vermehrt selber aneignen. Weiterhin werden in diesem Kapitel der Wandel der Familienverhältnisse und das komplexe Zusammenleben erwerbstätiger Partner erörtert.
Der nächste thematische Schwerpunkt beschäftigt sich mit dem weiblichen Lebenszusammenhang im familiären Bereich und auf dem Arbeitsmarkt. Bei dieser Thematik geht es hauptsächlich um neue Partnerschaftsmodelle, veränderte Chancen im Erwerbsbereich und der Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie. Diese beiden Themen greifen ineinander und sind wichtige Grundlagen für den (weiblichen) Individualisierungsprozess.
Das abschließend größte Kapitel behandelt die Pluralisierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt. Zu Beginn steht allgemein der Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft im Mittelpunkt. Im weiteren Verlauf werden dann die Auswirkungen eines sehr beweglichen und unsicheren Marktes auf die Unternehmen sowie auf die individuelle Erwerbsbiographie analysiert. Um diese Entwicklungen zu konkretisieren, werden dann unterschiedliche Bereiche diskutiert, wie u.a. Subjektivierung des Arbeitsprozesses, neue Qualifikationsanforderungen an den Arbeitsplatz, unstandardisierte Erwerbsbiographie, Wandel von Unternehmens- und Produktionsstruktur, Dezentralisierung sowie Unternehmenskultur.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einführung | 4 |
| 2. | Familie und Erwerbsleben der Nachkriegszeit in Deutschland | 5 |
| 2.1 | Traditionelle Bindungs- und Herrschaftsverhältnisse | 6 |
| 2.1.1 | Funktion der Familie | 8 |
| 2.1.2 | Die Rolle der Frau im Familienverbund und auf dem Arbeitsmarkt | 10 |
| 2.2 | Soziale Marktwirtschaft und Wirtschaftswachstum | 11 |
| 2.2.1 | Eine auf dem Prinzip des Taylorismus aufgebaute zentralisierte Organisationsstruktur der Produktionsstätten | 13 |
| 2.2.2 | Standardisierte und starre Erwerbsbiographie | 14 |
| 2.3 | Industriegesellschaftliche Lebensform | 15 |
| 3. | Gesellschaftliche Ursachen für die Individualisierung | 17 |
| 3.1 | Erhöhte Spielräume durch veränderte arbeitsrechtliche Regelungen | 19 |
| 3.1.1 | Neue Arbeitsplatzanforderungen im Zuge einer veränderten Wirtschaftsstruktur | 21 |
| 3.2 | Die Entstehung von Massenkaufkraft und gleichzeitige Erweiterung der Handlungsspielräume | 22 |
| 3.2.1 | Ausdifferenzierung der Konsummöglichkeiten und Aufwertung des privaten Raums | 23 |
| 3.3 | Bildungsexpansion und soziale Mobilität | 25 |
| 3.4 | Arbeitslosigkeit als privater Risikofaktor | 27 |
| 3.5 | Veränderung der Lage der Frauen | 28 |
| 3.5.1 | Herauslösung der Frauen aus festen Lebensläufen | 29 |
| 3.5.2 | Weibliche Erwerbstätigkeit im Wandel | 30 |
| 4. | Kennzeichen von Individualisierung heute | 32 |
| 4.1 | Ausdifferenzierung der täglichen Rollenmuster und Erhöhung der Sinnangebote | 35 |
| 4.2 | Bastelexistenz | 36 |
| 4.3 | Wandel von Familienverhältnissen | 38 |
| 4.3.1 | Komplexe Lebenswelt von erwerbstätigen Partnern | 39 |
| 4.3.2 | Scheidung als Auslöser für die Pluralisierung von Lebensmustern | 40 |
| 4.4 | Erlebnisorientierung und die Herausbildung neuer Werte | 42 |
| 5. | Wandel der geschlechtsspezifischen weiblichen Lebensformen | 45 |
| 5.1 | Die Bedeutung der Hausarbeit für die weibliche Biographie | 47 |
| 5.2 | Pluralisierung der Beziehungsformen und Haushaltsstrukturen | 49 |
| 5.3 | Frauen zwischen Beruf und Familie | 51 |
| 5.3.1 | Mögliche Modelle junger Frauen für eine neue Lebensplanung | 53 |
| 5.4 | Teilzeitarbeit im weiblichen Lebenszusammenhang | 56 |
| 6. | Flexibilisierung von Arbeitsabläufen und das Auflösen traditioneller Arbeitsverhältnisse | 58 |
| 6.1 | Von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft | 60 |
| 6.1.1 | Neue Arbeitsplatzanforderungen an die Beschäftigten und die Durchdringung des Arbeitsmarktes mit Informationstechnologien | 63 |
| 6.2 | Verbesserung der Produktion durch Dezentralisierung und Optimierung der Arbeitsorganisation | 66 |
| 6.2.1 | Die schlanke Produktion | 68 |
| 6.2.2 | Weitere Konzepte der Gruppenarbeit | 71 |
| 6.3 | Die Erosion des Normalarbeitsverhältnis | 73 |
| 6.3.1 | Die Scheinselbständigkeit im Zuge von interaktiver Kommunikation | 76 |
| 6.4 | Arbeit als Element von Identität und subjektiver Befriedigung | 77 |
| 6.5 | Unternehmenskultur | 80 |
| 7. | Fazit | 83 |
| 8. | Literaturverzeichnis | 87 |
43 Diese außenorientierten Ziele sind gegenwärtig zwar noch vorhanden, aber sie werden verstärkt mit innenorientierten Merkmale kombiniert oder durch sie abgelöst. Innenorientierung bedeutet, dass das gekaufte Produkt mit ästhetischen Begriffen versehen wird. Der erworbene Konsumartikel dient nicht mehr bloß dem reinen Zweck, dem reinen Gebrauchswert, sondern muss auch den subjektiven, psychischen Ansprüchen gerecht werden. Der Verbraucher möchte beim Kauf eines Produktes ein persönliches Erlebnis haben, sich wohl fühlen, Spaß haben, eine positive Empfindung genießen. Ein Auto wird nicht mehr nur als reines Fortbewegungsmittel gesehen, sondern erhält neue individuelle ästhetische Bedeutungsfunktionen, wie Fahrfreude, modernes Design, Statussymbol, Ausdruck der Persönlichkeit, Genuss etc. Es kommt hierbei also zu einer Befriedigung von erlebnisorientierten Zielen. „Innenorientierung ist Erlebnisorientierung“.110 Diese Vorstellung geht einher mit selbst reflexiven Prozessen, die den Menschen verstärkt dazu bewegen über sich und seine gesellschaftliche Stellung nachzudenken.111 Auf dieser Grundlage kann das Subjekt Entscheidungen treffen, die einen bestimmten Erlebniswert, eine gewünschte positive Reaktion bei ihm auslösen. Es kommt hierbei zu Fragestellungen, welche die Bereiche der eigenen Lebensführung thematisieren. Warum wähle ich gerade dieses Produkt. Welchen nutzen ziehe ich daraus. Kann ich mich mit diesem Produkt identifizieren? „Heute legt die Situation etwas nahe oder löst etwas aus, statt zu begrenzen, und das Subjekt handelt eher durch wählen als durch einwirken“.112 Durch die Ausdifferenzierung in eine unübersichtliche Produktvielfalt werden Ängste und Unsicherheiten erzeugt, da diese Güter auch wieder mit neuen Botschaften, Bedeutungen und Orientierungen beladen sind. Es entsteht gleichzeitig eine gegenseitige Beziehung zwischen Erlebnisanbieter und Erlebniskonsumenten. Der Anbieter orientiert sich hier an den Wünschen und Vorstellungen der Subjekte und bietet ihnen erlebnisorientierte Zusatzmerkmale an, wie Individualität, Selbstverwirklichung, Entspannung etc. Eine Zigarettenmarke z.B. vermittelt neben ihrem würzigen Geschmack noch die Erlebnisbedeutungen, wie Freiheit, Unabhängigkeit, Kreativität oder Männlichkeit. [...]
Die Nachfrage nach Gütern hat sich in den letzten vier Jahrzehnten stark ausdifferenziert und eine neue Bedeutung für die gesellschaftlichen Akteure bekommen. In den fünfziger und sechziger Jahren stand noch überwiegend der zweckmäßig bestimmte Konsum im Mittelpunkt. Hierbei bildeten die außenorientierten Aspekte den Schwerpunkt, wie die Haltbarkeit oder Funktionsfähigkeit. Käse diente fast ausschließlich zum Stillen von Hunger, das Auto diente vor allem als fahrbarer Untersatz oder das Kleidungsstück als Schutz vor Kälte und nicht als Ausdruck einer spezifischen individuellen Lebensweise. „Beim außenorientierten Konsum wird Qualität des Produkts unabhängig von dem Konsumenten definiert“.109 Das bedeutet nicht, dass die individuellen Bedürfnisse beim Konsumenten unwichtig sind, denn bei dem Verzehr von Käse hat ja auch jeder einen anderen Geschmack. Jedoch stehen hierbei der Gebrauchswert und Funktionsfähigkeit im Mittelpunkt des Angebotes. [...]
42 müssen. Sei es bei der täglichen Kommunikation, Schlafenszeiten für die Kinder, Kleidung etc. Die ganzen detaillierten Alltagsereignisse, wie Essenszeiten, finanzielle Ausgaben oder Taschengeld für die Kinder müssen neu miteinander verhandelt werden. Die Kinder und die Erwachsenen lernen somit bei diesen Wahlverwandtschaften andere Beziehungsmuster kennen, schließen neue soziale Netzwerke und bekommen unter dem Einfluss neuer Werte und Verhaltensweisen neue Impulse für ihren spezifischen Lebensstil. Scheidung bedeutet also einerseits den Bruch alter Familienverhältnisse und Lebensweisen und andererseits die freiwillige Bildung neuer, pluralisierter Familienkonstellationen mit einhergehenden neuen Optionen für die subjektive Lebensführung. Damit wird deutlich, dass Bindung nicht mehr ein Akt von vorgegebener, erzwungener Dauerhaftigkeit ist, sondern je nach dem eigenen Willen von Mann oder Frau aufgelöst und eingegangen werden kann. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832465025
Arbeit zitieren:
Stagge, Ivo Juli 2002: Der Prozeß der Individualisierung und die Flexibilisierung und Pluralisierung der Arbeitswelt, Hamburg: Diplomica Verlag
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Arbeitsmarkt, Mobilität, Frauen, Lebenswelt, Identität



