Professionelles Handeln in der offenen Kinder und Jugendarbeit
"Halt's Maul und fahr weiter", qualitative Studie zur Bewältigung von subjektiv erlebten Belastungssituationen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Claudia Maack
- Abgabedatum: Februar 2009
- Umfang: 147 Seiten
- Dateigröße: 808,4 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe Universität Deutschland
- Bibliografie: ca. 97
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4722-9
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Maack, Claudia Februar 2009: Professionelles Handeln in der offenen Kinder und Jugendarbeit, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kinderarbeit, Jugendarbeit, Belastungssituationen, Jugendhilfegesetz, Professionalität
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Diplomarbeit von Claudia Maack
Einleitung:
‘Halt´s Maul und fahr weiter!’ Diese Aussage stammt aus einem Gespräch mit meiner Praxisanleiterin während meines halbjährigen sozialpädagogischen Praktikums in einem Jugendzentrum. Der Inhalt des Gesprächs war folgender:
Meine Praxisanleiterin und ihre damalige Praktikantin befanden sich mit einer Gruppe Jugendlicher auf einer Fahrradtour. Ein etwas beleibteres Mädchen kam schon recht früh aus der Puste und wurde immer langsamer. Natürlich beschäftigten sich die Hauptamtlichen als auch die Jugendlichen mit ihr und ‘feuerten’ sie an durchzuhalten. Doch alle Versuche, sie zu motivieren, blieben ohne Erfolg. Im Gegenteil, sie fing fürchterlich an zu jammern. Sie könne nicht mehr, sie möchte umkehren, sie schaffe das nicht mehr, alles sei total doof. Die Stimmung in der Gruppe war durch das lautstark nörgelnde Mädchen sehr angespannt. Nach geraumer Zeit verlor auch die Praktikantin die Geduld mit dem Mädchen und war nicht mehr in der Lage, positiv - im Sinne pädagogischen Handelns - mit der Situation umzugehen. Daher entfuhr es ihr: ‘Halt´s Maul und fahr weiter’. Überraschender Weise veränderte sich die Situation schlagartig. Das Mädchen realisierte das Gesagte und trat kräftig in die Pedale. Sie war sogar als Erstes am gewünschten Ziel und suchte die Anerkennung der Gruppe.
Der Vorfall wurde mir mit einer solchen Leidenschaft zum Detail geschildert, dass man sich sehr gut in die Gefühlswelt der Praktikantin hineindenken konnte. Die Selbsterkenntnis, dass sie an ihre eigenen Grenzen der Handlungsfähigkeit angelangt war, belastete sie sehr. Sie war ‘nur’ Praktikantin, und keine ausgebildete Sozialpädagogin. Die Frage, ob dieser Satz auch BerufsexpertInnen hätte rausrutschen können, beschäftigte sie sehr. Die Meinungen darüber gehen sehr weit auseinander. Es handelte sich hierbei um eine nachvollziehbare menschliche Reaktion, gleichwohl sie für manche BerufsexpertInnen jegliche Professionalität vermissen ließ.
Diese Situation und meine eigenen Erfahrungen im Kontext dieses Berufsfeldes dienten mir als Inspiration, mich im Rahmen einer Diplomarbeit näher mit dem Thema zu befassen.
Die Anforderungen im breiten Berufsfeld von SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen und ErzieherInnen haben sich im Laufe der Zeit verändert und sind anspruchsvoller geworden. Die Arbeit befasst sich deshalb mit der Frage, wie die in der Sozialen Arbeit tätigen Professionellen mit den stetig wachsenden Herausforderungen umgehen. Der Schwerpunkt der Analyse liegt hierbei auf der Wahrnehmung und dem Umgang subjektiv erlebter Belastungssituationen.
Die in Angriff genommene Arbeit ist in zwei Teile gegliedert, einen theoretischen und einen empirischen.
Den theoretischen Teil beginne ich mit einem Überblick darüber, was unter dem breiten Feld der offenen Kinder- und Jugendarbeit verstanden wird. Im gleichen Zuge soll der geschichtliche Wandel, den die Jugendarbeit allgemein durchlaufen hat, kurz dargestellt werden. Dieser Teil gibt Aufschluss über die Gründe für die gestiegenen Anforderungen und immer größer werdenden Belastungen am Arbeitsplatz. PädagogInnen sehen sich hauptsächlich drei Aufgabenbereichen gegenüber: Erziehung, Sozialisation und Bildung. Es herrscht jedoch keine Einigung darüber, wie alle drei Aufgaben miteinander in Einklang gebracht werden können oder gar müssen. Dieses ausgeprägte Problembewusstsein lässt sich durch das weit verbreitete Problem der Theorie- und Methodenwahl besser erklären.
Die dazu aufkommenden Fragen nach der Professionalisierungsbedürftigkeit der Pädagogik, werden im Kapitel ‘Professionelles Handeln in der offenen Kinder- und Jugendarbeit’ aufgegriffen. Hier soll zunächst die Begrifflichkeit geklärt werden, bevor der Stand der Professionsforschung und der Professionalisierungsbemühungen in der Pädagogik anhand von verschiedenen Theorien zusammengefasst dargestellt wird.
Der Schwerpunkt dabei liegt auf der von Ulrich Oevermann entwickelten strukturtheoretischen Professionalisierungstheorie, die sich aufgrund deren Betrachtungen der Handlungsstruktur von Professionen, am besten als Vorlage für Teile der späteren Interviewauswertung anbietet.
Im zweiten, empirischen Teil kommen die MitarbeiterInnen der offenen Kinder- und Jugendarbeit zu Wort.
In Form von narrativen Interviews hoffte ich, von den Interviewpartnern Antworten auf die Frage nach dem Umgang von subjektiv erlebten Belastungssituationen zu erhalten. Die qualitative Studie bezieht sich ebenso auf die im Titel implizierten Fragen wie: Was geschieht, wenn Professionelle in der Praxis den Ansprüchen nicht mehr gerecht werden und an ihre Grenzen stoßen? Wie gehen sie damit um und wie ist ihr persönliches empfinden dabei, wenn es um die Frage nach der Professionalität ihres Handelns geht?
Mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2002) werden die Ergebnisse der Interviews dargestellt und zusammengefasst.
Die Möglichkeiten zur Bewältigung von erlebten Krisen finden in der Zusammenfassung der Ergebnisse ihren Platz.
Das Kapitel 6 mit seinem Resümee und Ausblick sowie vier interessante Interviews bilden den Schluss meiner Arbeit.
Inhaltsverzeichnis:
| I. | THEORETISCHER TEIL | 5 |
| 1. | DARSTELLUNG DES THEMAS UND AUFBAU DER ARBEIT | 5 |
| 1.1 | Einstieg: Anmerkung zur Situation der Sozialpädagogik als Profession und Disziplin | 7 |
| 2. | OFFENE KINDER- UND JUGENDARBEIT | 11 |
| 2.1 | Versuche einer Definition | 11 |
| 2.2 | Die Offene Kinder- und Jugendarbeit im Wandel von den 1960ern bis Heute | 12 |
| 2.2.1 | Die Offene Kinder- und Jugendarbeit in den 1960er und 1970er Jahren. | 12 |
| 2.3 | Die Pioniere der 1960er und 1970er | 13 |
| 2.3.1 | Der theoretische Ansatz Müllers | 14 |
| 2.3.2 | Der theoretische Ansatz Kentlers | 15 |
| 2.3.3 | Der theoretische Ansatz Mollenhauers | 17 |
| 2.3.4 | Der theoretische Ansatz Gieseckes | 18 |
| 2.4 | ‘Emanzipation’, ‘Antikapitalismus’ und ‘Bedürfnisorientiertheit’ in den 1970ern und 1980ern | 19 |
| 2.4.1 | Der emanzipatorische Ansatz von Giesecke | 20 |
| 2.4.2 | Der antikapitalistische Ansatz von Liebel und Lessing | 21 |
| 2.4.3 | Der bedürfnisorientierte Ansatz nach Damm | 23 |
| 2.5 | Das Kinder- und Jugendhilfegesetz und die Offene Kinder- und Jugendarbeit heute in den 1990ern | 24 |
| 2.5.1 | Die gesetzliche Grundlage | 24 |
| 2.5.2 | Prinzipien der Offenen Kinder- und Jugendarbeit | 25 |
| 2.5.3 | Die konzeptionellen Grundmuster und Methoden der Arbeit | 27 |
| 3. | PROFESSIONELLES HANDELN IN DER OFFENEN KINDER- UND JUGENDARBEIT | 30 |
| 3.1 | Allgemeiner Zugang zum Begriff ‘Professionalität’ | 30 |
| 3.1.1 | Stand der Literatur und Forschung | 32 |
| 3.2 | Professionalisierung aus soziologischer Sicht | 33 |
| 3.2.1 | Die klassische Professionstheorie | 33 |
| 3.2.2 | Der machttheoretische Ansatz | 34 |
| 3.2.3 | Der interaktionistische Ansatz | 35 |
| 3.3 | Die Ansätze der pädagogischen Professionalisierungsforschung | 36 |
| 3.4 | Die strukturtheoretische Theorie OEVERMANNS | 38 |
| 3.4.1 | Pädagogik als Anwendungsgebiet | 45 |
| 3.5 | Sozialpädagogik, Quo vadis? | 50 |
| II | EMPIRISCHER TEIL | 54 |
| 4. | QUALITATIVE STUDIE | 54 |
| 4.1 | Grund und Fragestellung der Untersuchung | 55 |
| 4.2 | Untersuchungsmethoden | 56 |
| 4.2.1 | Das narrative Interview | 56 |
| 4.2.2 | Zugang zum Feld und Interviewdurchführung | 58 |
| 4.2.3 | Transkription und Auswertung der Interviews | 59 |
| 5. | DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE | 62 |
| 5.1 | Die Interviewpartner: | 63 |
| 5.2 | Die Belastungssituationen und deren Umgang | 63 |
| 5.2.1 | Das Klientel | 64 |
| 5.2.2 | Die Administration | 76 |
| 5.2.3 | Das Team | 80 |
| 5.2.4 | Die Anerkennung im Beruf | 83 |
| 5.3 | Professionelles Handeln aus der Sicht der Mitarbeiter | 87 |
| 5.4 | Der Reflektierte Blick auf die Interviews – kurze Zusammenfassung | 95 |
| 6. | RESÜMEE UND AUSBLICK | 97 |
| LITERATUR | 102 | |
| ANHANG | 107 | |
| Danksagung | 107 | |
| Interviews | 108 | |
| Interview I: | 108 | |
| Interview II: | 118 | |
| Interview III: | 130 | |
| Interview IV: | 141 |
Textprobe:
Kapitel 2.5., Das Kinder- und Jugendhilfegesetz und die Offene Kinder- und Jugendarbeit heute in den 1990ern:
Kapitel 2.5.1., Die gesetzliche Grundlage:
Mit dem Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) am 1. Januar 1991 wurde eine gesetzliche Grundlage für alle Bereiche der Jugendhilfe festgelegt. Sie unterscheidet nicht mehr zwischen Freiwilligen- und Pflichtaufgaben, sondern sie legt eindeutig fest, welche Leistungen von den öffentlichen Trägern der Jugendhilfe erbracht werden müssen. Doch auch freie Träger werden berücksichtigt und im 1. Kapitel §§ 3 + 4 KJHG erwähnt.
Das KJHG sieht folgende Angebote der Jugendhilfe vor, welche in § 2 (2) des KJHG folgendermaßen dargestellt werden:
- Angebote der Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit und des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes (§§ 11 bis 14).
- Angebote zur Förderung der Erziehung in der Familie (§§ 16 bis 21).
- Angebote zur Förderung von Kindern in der Tageseinrichtung und in der Tagespflege (§§ 22 bis 25).
- Hilfe zur Erziehung und ergänzende Leistungen (§§ 27 bis 35, 36, 37, 39, 40).
- Hilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche und ergänzende Leistungen (§§ 35a bis 37, 39, 40).
- Hilfe für junge Volljährige und Nachbetreuung (§ 41).
Die unterschiedlichen Bereiche und Schwerpunkte der Jugendarbeit werden im § 11 (2 + 3) des KJHG beschrieben und beinhalten neben gemeinwesenorientierten Angeboten auch die offene Jugendarbeit. Das Recht der Jugendlichen, sich freiwillig an den Angeboten der offenen Jugendarbeit zu beteiligen, ist als wesentliches Merkmal anzusehen.
So heißt es dort:
‘Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen’.
Als Jugendliche werden laut KJHG junge Menschen bezeichnet, die bereits das 14. Lebensjahr erreicht haben, aber noch nicht 18 Jahre alt sind.
16 – 26 Jährige werden als ‘junge Volljährige‘ bezeichnet und über 27jährige als ‘junge Menschen‘ (vgl. § 7 KJHG).
Leider finden sich im KJHG keine eindeutigen Äußerungen darüber, ob im Bereich der offenen Jugendarbeit besondere Angebote für bestimmte Zielgruppen zur Verfügung stehen müssen. Trotzdem kann man zusammenfassend sagen, dass die Angebote der offenen Jugendarbeit allen Jugendlichen offen stehen. Grundsätzlich werden die Zielsetzungen der offenen Jugendarbeit vom KJHG festgelegt, dennoch können die Einrichtungen selbst entscheiden, in wie weit und in welcher Form sie den Forderungen nachkommen.
Kapitel 2.5.2, Prinzipien der Offenen Kinder- und Jugendarbeit:
Die ‘Landesarbeitsgemeinschaft offene Jugendbildung Baden-Württemberg e.V.‘ betont sehr deutlich, wie wichtig der verbindliche Grundcharakter der offenen Kinder- und Jugendarbeit sein sollte. Dort heißt es:
‘Unabhängig davon, ob man sich bei der Reflexion über die eigene Arbeit an Angeboten, den unterschiedlichen Einrichtungstypen oder am professionellen Handlungsverständnis orientiert, immer gelten zumindest drei grundlegende (Arbeits-)Prinzipien, bei deren Nichtbeachtung JugendarbeiterInnen abgestraft werden. Wer diese ‘Strukturmaximen’ nicht beachtet, dem laufen die Kinder und Jugendlichen davon. Wo sie die Arbeit prägen, ergeben sich für die offene Kinder- und Jugendarbeit besondere Zugänge zu Kindern und Jugendlichen’.
Unter den ‘Strukturmaximen‘ verbergen sich folgende drei Grundprinzipien mit denen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit gearbeitet werden sollte:
1. Alltagsorientierung:
Die offene Kinder- und Jugendarbeit erhebt den Anspruch, dass sie sich an der ‘Lebenswelt‘ ihrer BesucherInnen und an deren ‘Alltag‘ orientiert. Sie soll als etwas Selbstverständliches, mit mehreren Öffnungstagen angenommen werden. Die MitarbeiterInnen sollen die Jugendlichen so, wie sie sind, annehmen und auf ihre Bedürfnisse und Interessen eingehen. Die offene Kinder- und Jugendarbeit soll auch keine Ansprüche an ihre BesucherInnen stellen.
Ziel soll sein, ihre BesucherInnen bei der Realisierung eines ‘gelingenderen Alltags’ zu unterstützen. Dieser Alltag soll für den Menschen und für die Jugendlichen eine Welt sein, in der er sich souverän bewegen könne, die er beherrsche, an der er festhalten möchte da sie ihm Orientierung gebe oder zu geben scheine.
Der Mensch an sich brauche eine vertraute Welt, in der er sich sicher fühle, aber auch den Mut finden könne, sich auf neues Terrain zu begeben und sich auszuprobieren. Die offene Kinder- und Jugendarbeit kann dazu einen großen Beitrag leisten.
2. Offen und freiwillig:
Die Offenheit soll den BesucherInnen der offenen Kinder- und Jugendarbeit gelten. Der Besuch soll nicht an einen bestimmten Zweck gebunden sein. Die BesucherInnen sollen freiwillig kommen und gehen dürfen, mitmachen oder abwarten können, und das so lange und oft sie wollen. Diese Form der freiwilligen Teilnahme wird auch traditionell als ‘zwanglose Geselligkeit‘ formuliert.
Hinter dieser, zuerst einmal vermuteten Anspruchslosigkeit verbirgt sich ein hoher Anspruch an die Jugendlichen. Sie selbst müssen somit entscheiden, ob sie vor Langeweile eingehen oder lernen, sich einzubringen aktiv zu werden um neue Erfahrungen zu sammeln.
3. Selbstorganisation und Partizipation:
Die Jugendarbeit kann auf eine lange Tradition in Bezug auf Selbstorganisation und Partizipation zurückblicken (als Beispiel sind die selbstverwalteten Jugendzentren der 1970er Jahre aufgeführt).
Nach wie vor ist es so, dass viele kleinere Einrichtungen ohne hauptamtliche MitarbeiterInnen auskommen müssen. Die Zahl der Jugendlichen, die sich an der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen und Abläufen beteiligen, ist jedoch sehr hoch.
Der wesentliche Charakter der Selbstorganisation und der Partizipation lässt sich an praktischen Beispielen gut darstellen. Eine Disko, die von Jugendlichen selbst durchgeführt wird, würde anders verlaufen, als wenn diese von Hauptamtlichen hinter dem DJ-Pult veranstaltet würde.
Die Arbeit wäre ohne handfeste Mitbestimmungsrechte der Jugendlichen undenkbar.
Kapitel 2.5.3, Die konzeptionellen Grundmuster und Methoden der Arbeit:
Aufgrund der aktuellen gesellschaftspolitischen und sozialen Entwicklungen und auf der Basis der aktuellen theoretischen und methodischen Erkenntnisse im Fachbereich haben sich weitere Arbeitsprinzipien entwickelt, die heute wesentlicher Bestandteil einer jeden offenen Kinder- und Jugendarbeit sind. Deinet und Sturzenhecker (2005) haben in ihrem Handbuch ‘Offene Kinder- und Jugendarbeit‘ die wichtigsten und bestehenden Arbeitsprinzipien durch verschiedene Autoren zusammengefügt. Um einen Einblick zu gewähren möchte ich drei dieser Prinzipien kurz darstellen.
- Geschlechterbezogene Pädagogik in der Offenen Jugendarbeit:
Drogand-Strud und Rauw (2005) nehmen Bezug auf dieses Thema, welches sich mit den Besonderheiten und auch Schwierigkeiten eines Geschlechterreflektierten Umgang beschäftigt. Kinder und Jugendliche wachsen in einer zweigeschlechtlichen Welt auf. Rollenzuweisungen und -bilder beschreiben zwei Geschlechtsstereotypen, die sich in den gesellschaftlichen Veränderungen jedoch nicht mehr so halten lassen. Die Suche nach der Identität birgt geschlechtsspezifisch unterschiedliche Schwierigkeiten. Diese sollen in den Angeboten und den Arbeitsprinzipien der offenen Kinder- und Jugendarbeit berücksichtigt werden.
- Lebensweltliche und sozialräumliche Orientierung:
Deinet (2005) hat sich durch die Auseinandersetzung schon durch Böhnisch und Münchmeier (1990) mit ihrer Veröffentlichung ‘Pädagogik des Jugendraums’ intensiv mit dem Thema des sozialräumlichen Musters in der offenen Kinder- und Jugendarbeit auseinandergesetzt. Die offene Kinder- und Jugendarbeit orientiert sich an den Bedürfnissen, Lebenslagen und Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen im Gemeinwesen. Ausgangspunkt der Arbeit bilden die Lebenswelten und die sozialräumlichen Bezüge. Eine Zusammenfassung Deinets über die Qualität einer sozialräumlich orientierten Kinder- und Jugendarbeit beinhaltet zwei der folgenden Punkte:
‘- Kinder- und Jugendarbeit hat ein subjektorientiertes Bild vom Sozialraum als Aneignungsraum’.
-' Kinder- und Jugendarbeit versteht sich als Unterstützung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und stellt dazu Aneignungs- und Bildungsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Ebenen zur Verfügung’.
- Multikulturelle Muster in der Kinder- und Jugendarbeit mit MigrantInnen:
Albert Scherr (2005) nimmt sich des Themas des Multikulturalismus, den multikulturellen Unterschieden und hybriden Identitäten und dem Umgang mit der Vielfalt in der offenen Jugendarbeit, an. Er betont, dass ein beachtlicher Teil der jugendlichen BesucherInnen von Einrichtungen der offenen Jugendarbeit, aus Familien mit Migrationshintergrund stammen. Deshalb ist es als ein Arbeitsprinzip anzusehen, die verschiedensten Formen kulturellen Handelns, wie beispielsweise Jugendkultur, Religion, ethnische Identifikation, Sprache, Politik etc. und ihre Wirkung auf Identitäten, wahrzunehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Professionelle Kompetenz, so Scherr:
‘besteht deshalb nicht zuletzt in der Fähigkeit und Bereitschaft, sich auf die reale Unterschiedlichkeit der Erfahrungen, Lebens- und Kommunikationsstile Jugendlicher einzulassen. […] Ein Vorwissen über die kulturellen Hintergründe […] kann dabei hilfreich sein’.
Schaut man hinter die Kulissen der Jugendhäuser, so wird man bei der Mehrzahl ein Rahmenkonzept, Qualitätshandbuch oder Leitlinien der jeweiligen Jugendarbeit finden. So unterschiedlich die Häuser auch sind, genauso unterschiedlich ausführlich, ähnlich, differenziert, detailliert oder knapp ausgeführt sind die Grund- und Arbeitsprinzipien bzw. Methoden zu finden. Die Jugendarbeit in Nürnberg hat z. B. in ihrem ‘Leitbild der Offenen Kinder- und Jugendarbeit der Stadt Nürnberg’ deutlich mehr Arbeitsprinzipien aufgelistet als die ‘Rahmenkonzeption zur Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Jena’.
In dem Leitbild Nürnbergs wird Kontinuität, Flexibilität und Vertrauensschutz mit in die Prinzipien aufgenommen. Diese finden sich allerdings auch in vielen anderen ‘Handbüchern’ der jeweiligen Jugendzentren oder Jugendämter wieder. Das ist ein weiteres Indiz dafür, wie konfus und uneinheitlich die offene Kinder- und Jugendarbeit ist. Jeder kann sozusagen seine eigenen Wertvorstellungen einbringen oder weglassen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836647229
Arbeit zitieren:
Maack, Claudia Februar 2009: Professionelles Handeln in der offenen Kinder und Jugendarbeit, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Kinderarbeit, Jugendarbeit, Belastungssituationen, Jugendhilfegesetz, Professionalität



