Zur Professionalität pädagogischen Handelns
Eine empirische Studie zur Gesprächsführung in der außerschulischen Jugendarbeit
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Axel Schmidt
- Abgabedatum: Januar 1999
- Umfang: 152 Seiten
- Dateigröße: 908,3 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-3118-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-3118-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-3118-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Schmidt, Axel Januar 1999: Zur Professionalität pädagogischen Handelns, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Jugendarbeit, Professionalität, Interaktion, Gesprächsanalyse, Medienpädagogik
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Diplomarbeit von Axel Schmidt
Problemstellung:
Seit Erziehung von staatlichen Institutionen und berufsmäßigen Erziehern und Erzieherinnen betrieben wird, stellt sich die Frage nach Professionalität und Professionalisierbarkeit pädagogischer Tätigkeiten. Der Stellenwert der sog. Professionalisierungsdebatte kann für die Pädagogik nicht hoch genug eingeschätzt werden, da es letztlich um die Legitimation und das Selbstverständnis einer wissenschaftlichen und praktischen Disziplin geht: Ist pädagogisches Handeln professionell (gemessen an welchen Standards?), professionalisierungsbedürftig bzw. ist es überhaupt professionalisierbar? Insbesondere in diffus institutionalisierten Bereichen mit relativ offener Aufgabenstruktur scheinen Konzepte der klassischen Professionen (wie etwa Klientenautonomie, wissenschaftlich fundierte Diagnoseverfahren, etc.) und die daran geknüpfte Ausbildung von Handlungsparadoxien nicht zu greifen.
Die vorliegende Arbeit wird sich auf den Bereich der Offenen Jugendprojektarbeit konzentrieren, die - anders als die klassischen Professionen oder auch klarer strukturiertere Felder in der Pädagogik selbst (wie etwa die Schule) - ein klares Tätigkeits- und Aufgabenprofil vermissen lässt. „Wofür wirst du eigentlich bezahlt?“ - eine Frage, die Sozial- und Jugendarbeiter häufig zu hören zu bekommen, reflektiert den Umstand, dass ihre Tätigkeit sich nicht an klaren Zielen und Maßnahmen orientiert und sich häufig in der Lebenswelt des Klientels verliert. Pädagogisch tätig zu werden, kapriziert sich in solchen Zusammenhängen oft auf ‘natürliches’ Interagieren ohne klar umrissene und institutionell verbürgte Beteiligungsrollen. Um Kriterien für eine pädagogische Professionalität gerade in diesen Bereichen spezifizieren zu können, ist es deshalb nötig, die zwangsläufig auftretenden Paradoxien und deren Bewältigungsformen an empirischem Material zu beschreiben, d.h. mit dem Blick auf die konkrete pädagogische Alltagspraxis.
Aus diesem Grund steht die Analyse pädagogischer Interaktionsprozesse im Vordergrund, die darüber Aufschluss geben soll, in welchen Widersprüchen sich Jugend(sozial)arbeiterinnen notwendigerweise bewegen und welche Ressourcen zur Verfügung stehen, diesen Problemen zu begegnen. Den Kern der vorliegenden Arbeit bilden somit detaillierte Analysen pädagogischer Gesprächsprozesse, deren Ziel es ist, die Entstehung, die Aushandlung, die Lösung oder Nicht - Lösung pädagogischer Probleme als intertaktive Leistung der Beteiligten zu begreifen. Pädagogisches Handeln als das tagtägliche Aushalten und Bewältigen unauflösbarer Paradoxien ist kriterial nur dann zu erfassen - so die These der vorliegenden Arbeit -, wenn genau diese Prozesse in ihrer Komplexität zur Bestimmungsgrundlage pädagogischer Professionalität gemacht werden.
Gang der Untersuchung:
Die Arbeit gliedert sich in drei Hauptteile: Der erste Teil dient dazu, die verschiedenen Diskussionslinien der Professionalisierungsdebatte zu erörtern, wobei eine schrittweise Engführung dadurch erfolgt, dass die Probleme, die mit einer spezifisch pädagogischen Professionalität (Abschn. 2) zusammenhängen, aus der klassisch - soziologischen Professionstheorie (Abschn. 1) entwickelt werden, um dann schließlich in Abschnitt 3 die besonderen Schwierigkeiten einer Professionalität im Bereich der (offenen) Jugendarbeit herauszuarbeiten.
Der zweite Teil führt in das methodische Instrumentarium ‘Gesprächsanalyse’ ein, indem auf der Basis einer gegenstandstheoretischen Betrachtung Analyseprinzipien und -heuristiken formuliert werden.
Im dritten Teil sollen die gegenstands- und methodenbezogenen Erörterungen dadurch miteinander verbunden werden, dass konkretes Datenmaterial aus dem Bereich der Jugend(sozial)arbeit einer gesprächsanalytischen Betrachtung unterzogen wird. Vier im Modus der Registrierung konservierte Ausschnitte pädagogischer Interaktion, verstanden als natürliche Dokumente pädagogischer Praxis, repräsentieren dabei die empirische Datenbasis der vorliegenden Arbeit. Im Fokus der Analyse steht zweierlei: Zunächst ist zu fragen, ob und wenn ja welche Paradoxien das pädagogische Handeln im vorliegenden Fall begleiten und welche Indizien im Gesprächsmaterial auf einen solchen Umstand verweisen. Darüber hinaus soll geklärt werden, wie Paradoxien im vorliegenden Fall vom handelnden Pädagogen bewältigt werden. Diesen Fragen wird in Abschnitt 1 und 2 des dritten Teils nachgegangen, wobei zunächst kurz erläutert wird, wie der vorliegende Korpus zustande kam, nach welchen Kriterien die Auswahl der Ausschnitte erfolgte und welchen kontextuellen Bedingungen das Gespräch unterlag (Sprecher/innen; Gesprächsanlass, etc.) (Abschn. 1).
Die anschließenden Analysen der ausgewählten Ausschnitte (Abschn. 2) stellen den breitesten und wichtigsten Teil der vorliegenden Arbeit dar; insgesamt wurden vier Ausschnitte verschriftet (s. Anhang B) und bearbeitet, wobei sich die erste Analyse aus Demonstrations- und heuristischen Zwecken am Ausführlichsten gestalten wird (Abschn. 2a). Die folgenden Analyse (Abschn. 2b-d) werden dagegen fokussierter vorgehen. Im Abschnitt 3 soll schließlich versucht werden, die Ergebnisse der vorgängigen Analyse auf einem höheren Abstraktionsniveau zu systematisieren: (Rück)gefragt werden soll, welche Paradoxien, welche Bewältigungsmöglichkeiten und welche kommunikativen Ressourcen sich auf der Basis der Analysen konstatieren lassen. Hierzu wird es notwendig sein, auf die theoretischen Erörterungen des ersten Teils und insbesondere die dortige Diskussion der Jugendarbeit zurückzugreifen.
Im Resümee sollen abschließend die folgenden, drei allgemeineren Thesen, die sich aus der vorliegenden Arbeit ergaben bzw. durch sie vertreten werden sollen, ausblickartig vorgestellt und plausibilisiert werden: Erstens bringt es das Setting außerschulischer pädagogischer Interaktion mit sich, dass der Pädagoge sich vorwiegend im Modus des ‘verdeckten Arrangierens’ bewegt. Zweitens weist das Setting der außerschulischen Jugendarbeit (insbes. wenn es sich um offene Arbeit mit Jugendlichen handelt) spezifische Rahmenbedingungen auf, die weder mit pädagogischem Handeln im schulischen Rahmen noch gar mit klassischen Professionen verglichen werden können. Die Ausbildung von Paradoxien und Bewältigungsformen gestaltet sich - so die These - in diesem Bereich nach einer eigenen Logik und muss - so die Konsequenz - sytematisch von anderen pädagogischen Bereichen abgegrenzt werden. Aus der Spezifität des Settings bzw. seinen besonderen Handlungsanforderungen (‘verdecktes Arrangieren’) folgt drittens, dass sich pädagogische Professionalität im Wesentlichen auf kommunikative (interaktionale) Kompetenz erstreckt.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 3 | |
| I. | Professionalität | 6 |
| 1. | Klassische Professionalisierungstheorien | 7 |
| 2. | Strukturtheoretische und interaktionistische Konzepte pädagogischer Professionalität | 11 |
| 3. | Jugendarbeit und Professionalsierung | 25 |
| II. | Methodische Herangehensweise: Gesprächsanalyse als interpretatives Forschungsprogramm | 33 |
| 1. | Gespräch als Analysegegenstand | 34 |
| 2. | Konstruktions- und Analyseprinzipien | 36 |
| 3. | Prozeduren der Analyse von Gesprächen: Ebenen der Interaktionskonstitution und formale methodische Heuristiken | 43 |
| III. | Analyse pädagogischer Interaktionen | 46 |
| 1. | Kontext und Vorgehensweise | 46 |
| 2. | Gesprächsanalytische Rekonstruktion ausgewählter Passagen | 50 |
| a) | „Was wolln wer machen?“ (T1) | 52 |
| b) | „Also ich mein, ein Thema wär jetzt“ (T2) | 81 |
| c) | „Ihr müsst euch auf acht Lieder einigen“ (T3) | 95 |
| d) | „Nur, was ich fragen wollte?“ (T4) | 105 |
| 3. | Ergebnisdarstellung: Paradoxien, Bewältigungsstrategien und kommunikative Ressourcen in jugend (sozial) arbeiterischer Interaktion | 118 |
| a) | Paradoxien und Bewältigungsoptionen/ -kontinua (was kann prinzipiell wie bewältigt werden?) | 120 |
| b) | Empirische Befunde: Ressourcen der Paradoxienbewältigung (wie wurden die Paradoxien im vorliegenden Fall konkret bewältigt?) | 123 |
| Resümee | 132 | |
| Anhang A: Transkriptionssymbole | 137 | |
| Anhang B: Transkriptionen | 138 | |
| Literaturverzeichnis | 146 |
65 unnötig sind, da deren Inhalt längst als geteiltes Wissen unterstellt werden kann. Diese strukturelle Inkongruenz der Relevanzen scheint der GL nun dadurch zu bewältigen, daß er das oben genannte dreigliedrige Muster (Zäsur - Zusammenfassung - Ratifikationsangebot) benutzt, um aus einer offenen eine ergebnisorientierte Diskussion zu machen und dabei gleichzeitig die Jugendlichen in zweifacher Hinsicht einbindet: Er knüpft an Bestehendes an und ist um Ratifikation bemüht. Beides fungiert (u.a.) als Mittel der Kooperationssicherung. Darüber hinaus wird an der vorliegenden Äußerung deutlich, daß der GL die Etablierung entscheidender Strukturvorgaben (hier: formaler Ablauf der RS) hartnäckig verfolgt, wobei der Grad der Rigidität sich an den Reaktionen der Jugendlichen zu bemessen scheint, was wiederum die oben genannte Suche nach Ausgleich reflektiert, da der GL darauf zu achten scheint, seine Eingriffe nur so rigide wie nötig zu gestalten. Dieses Prinzip einer situationsangemessenen Strukturierung findet seine Entsprechung in der sukzessiven Rigidisierung der Eingriffe in Z30-39: Versuchte der GL in Z30 noch das Ablaufmuster als eine Reformulierung des vorangegangenen Gesprächsverlaufs zu präsentieren, so greift er in Hinblick auf die Reaktionen in Z31/33/34, die einer Etablierung in seinem Sinne zuwiderlaufen und den gesamten Komplex ‘Ablaufmuster’ bedrohen, zu härteren Mitteln: Er stoppt die eingeschlagene Diskussionsrichtung, fokussiert und expliziert das aus seiner Perspektive Relevante und bietet es schließlich explizit zur Ratifikation an. Gerade dieses Feingefühl für eine hinreichende Rigidität zu einem bestimmten Gesprächszeitpunkt scheint mir ein wichtiger Bestandteil pädagogischer Professionalität zu sein, ein Umstand im übrigen, der Methodenbüchern und Leitfäden zur ‘richtigen’ pädagogischen Gesprächsführung, die zumeist dekontextualisierte Paraphrasen von idealiter zu verwendenden Sprechakten enthalten, eine klare Absage erteilt150. Der GL scheint sein Ziel erreicht zu haben: Die Ablaufstruktur ist expliziert und ratifiziert worden. Interessant hinsichtlich dieser Perspektive ist nun, daß es in Z41/43 jedoch zu einer neuerlichen Explikation kommt, was mehrere Gründe haben kann: Formal besteht die Äußerung aus zwei Segmenten, wobei das erste Segment durch den Einschub ‘wie im Radio sonst auch’ unterbrochen wird, der das zweite Segment [...]
zur Ratifikation angeboten wird. Insgesamt repräsentiert diese Äußerung des GL einen komplexen Eingriff in das Diskussionsgeschehen, der - auch im Hinblick auf die Rezeptionssignale in Z38/40, die in ähnlichem Duktus gehalten sind - die Hypothese zuläßt, daß der Sprecher A.. seine Beteiligungsrolle als Gruppenleiter dadurch ausfüllt, daß er strukturierend und kanalisierend in das Gesprächsgeschehen eingreift. Dies tut er an dieser Stelle mit folgenden Mitteln und aus folgenden Gründen: Übergreifendes Ziel scheint es zu sein, das Grundmuster des Ablaufs (Text, Musik, Text) als Basis für die weitere Planung zu etablieren. Um dies zu erreichen, wird die Handlungsprogression gebremst und der für relevant erachtete Fokus dergestalt wiedereingeführt, daß eine ausgebaute Ratifikationsphase dessen Geltung verbürgen soll. Die Trias ‘Zäsur/ Einhaken/ Bremsen - Aufgreifen/ Zusammenfassen/ Reformulieren - ‘zur Ratifikation anbieten’ innerhalb einer oder dicht hintereinander erfolgenden Äußerung(en) kann als typische Aktivität verstanden werden, die einen Ausgleich zwischen Strukturvorgabe und Förderung von Eigeninitiative sucht. Das Problem an dieser Stelle scheint zu sein, daß der GL die Jugendlichen auf ein für den weiteren Planungsprozeß weichenstellendes Gerüst zu verpflichten beabsichtigt, das von diesen jedoch als eines der weiteren Bearbeitung unwürdiges behandelt wird. Dies machen die Rezeptionssignale/ Ratifikationen in Z38/40 deutlich, deren prosodische Realisierung Ungeduld und Langeweile ausdrücken. Darüber hinaus verweist die Wortwahl in Z40 (‘normal’) darauf, daß die Ratifikationsbemühungen des GL [...]
64 trachtet, dienen die beiden ersten Segmente also zunächst dazu, den Rest der Gruppe implizit aufzufordern, den Fokus ‘Ablaufstruktur’ wiederaufzugreifen. Doch in welcher Form soll dies geschehen? Betrachtet man die Segmente 36.3 und 4, so wird deutlich, daß es dem GL nicht darum zu gehen scheint, diesen Fokus erneut inhaltlich zu diskutieren, sondern vielmehr darum, ihn einer angemessenen Ratifikation zuzuführen, nachdem sein Versuch in Z30, die Ablaufstruktur zu explizieren und festzulegen, mißglückte. Das dritte Segment repräsentiert dabei eine Paraphrasierung des Vorschlags von K. in Z24 sowie eine Vervollständigung der begonnenen Ergebnissicherung in Z30 in Form einer didaktisierten Aufzählung149 (TEXT. MUSIK. TEXT.), die durch das vierte Segment (WOLLN [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832431181
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Schmidt, Axel Januar 1999: Zur Professionalität pädagogischen Handelns, Hamburg: Diplomica Verlag
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