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Probleme der Übersetzung bei Boris Vian anhand ausgewählter Beispiele

Probleme der Übersetzung bei Boris Vian anhand ausgewählter Beispiele
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Sibylle Brockhaus
  • Abgabedatum: November 1999
  • Umfang: 101 Seiten
  • Dateigröße: 1,1 MB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-2874-7
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-2874-7 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-2874-7 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Brockhaus, Sibylle November 1999: Probleme der Übersetzung bei Boris Vian anhand ausgewählter Beispiele, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Wortspiele, Strukturalismus, Individualismus, Pataphysik

Diplomarbeit von Sibylle Brockhaus

Einleitung:

Bei dieser Arbeit handelt es sich zum einen um eine Untersuchung der deutschen Übersetzung von Boris Vians Roman L’Ecume des jours und zum anderen um eine Einleitung in Alfred Jarrys Wissenschaft der Phantasielösungen: der Pataphysik.

In der Übersetzungswissenschaft gibt es keine festgelegten Kriterien, nach denen ein übersetzter Text sich untersuchen ließe, deshalb müssen sie für jeden Text individuell erarbeitet werden. Vian, von dessen Werk es in der einschlägigen Sekundärliteratur zumeist heißt, dass es sich in keine der gängigen literarischen oder philosophischen Strömungen seiner Zeit einordnen lasse, war Mitglied des Collège de `Pataphysique, denn dort sah er seine Auffassungen von Sprache und Gesellschaft vertreten. Die Pataphysik ist eine moderne, spielerische Form des Nominalismus. Bezeichnungen sind nur Etiketten, dank derer wir unsere Umwelt strukturieren können. Es entspricht ihnen keine außersprachliche Realität, die Bedeutung von Zeichen existiert nur, weil sich eine Gruppe von Sprechern auf eben diese geeinigt hat. Die Beziehung von Zeichen und außersprachlicher Realität, die Gesetze der Realität, die Gesetze der Sprache, sie alle sind charakterisiert durch ihre Willkürlichkeit. Sprache ist somit ein Lieferant von Illusionen: Sie macht den Menschen glauben, mit ihr lasse sich ein Abbild der Wirklichkeit liefern, in Wahrheit entzieht sie dem Menschen jedoch den Zugang zum natürlichen Chaos.

Vian bedient sich in seinen Romanen ganz bewusst der Sprache als Lieferant von Illusionen, er führt seinen Leser durch Wortfallen in die Irre, die dieser aufgrund seiner sprachlichen beziehungsweise gedanklichen Konventionierung nicht sofort erkennt. Um den Roman verstehen zu können, muss der Leser sein Verhältnis zur Sprache neu überdenken, denn der übliche Verweischarakter von Sprache wird zerstört, wodurch eine unendliche Bedeutungsvielfalt entsteht. Wie aber lässt sich ein Text übersetzen, dessen Sinn nicht festzulegen ist?

Um die Problematik einer solchen Übersetzung zu verdeutlichen, wird hier mit Hilfe der Pataphysik ein Schlüssel zum Verständnis des Romans geliefert. Eine pataphysische Literatur existiert (noch) nicht in dem Sinne, in dem es eine symbolistische, surrealistische, dadaistische oder existentialistische Literatur gibt. Pataphysische Grundprinzipien liefern jedoch die Grundlage für eine ganze Reihe von literarischen Experimenten der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts; Mitglieder des Collège de `Pataphysique waren unter anderem: Eugène Ionesco, Raymond Queneau und Jacques Prévert. Die Aktualität dieses Themas ist in Frankreich unumstritten, und es ist kein Zufall, dass die Juniausgabe des Jahres 2000 des magazine littéraire der Pataphysik und ihren Vertretern gewidmet ist.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 5
1.1 Allgemeines 5
1.2 Vorgehensweise 6
1.3 Stand der wissenschaftlichen Forschung 8
2. Die Pataphysik 10
2.1 Zu Entwicklung und Theorie der Pataphysik 10
2.1.1 Am Anfang war das „Clinamen“ 10
2.1.2 Faustrolls Definition 11
2.1.3 Pataphysik und Sprache 12
2.1.4 Fünf charakteristische Merkmale der Pataphysik 15
2.2 Pataphysische Institutionen 15
2.2.1 Das Collège de `Pataphysique 15
2.2.2 Der Orden der großen Gidouille 20
2.3 Boris Vian und die Pataphysik 21
2.4 Merkmale pataphysischer Literatur 25
3. L’Ecume des jours 29
3.1 Einstieg in den Roman 29
3.1.1 Allgemeines zu L’Ecume des jours 29
3.1.2 Kurze Inhaltsangabe 29
3.1.3 Das Vorwort – ein pataphysisches Rahmenprogramm 30
3.2 Pataphysisches Gedankengut auf inhaltlicher Ebene 32
3.2.1 Individualismus und persönliche Freiheit 32
3.2.2 Phantasielösungen 36
3.2.3 Gidouillen und Lichtmetaphorik 42
3.3 Pataphysisches Gedankengut auf sprachlicher Ebene 48
3.3.1 Sprachliche Besonderheiten 48
3.3.2 Sprache als Lieferant von Illusionen 51
3.3.3 Überwindung der Begrenztheit von Sprache 55
4. Probleme der Übersetzung 58
4.1 L’Ecume des jours in Deutschland 58
4.1.1 Allgemeines zu den deutschen Ausgaben 58
4.1.2 Übersetzbarkeit und Übersetzungskritik 58
4.2 Analyse der ersten und zweiten Fassung der Übersetzung 61
4.2.1 Die Übersetzung des Vorworts 61
4.2.2 Die Übersetzung der inhaltlichen pataphysischen Elemente 66
4.2.2.1 Darstellung der „foule“ 66
4.2.2.2 Phantasielösungen 69
4.2.2.3 Gidouillen 72
4.2.3 Die Übersetzung des pataphysischen Umgangs mit Sprache 75
4.2.3.1 Abweichungen auf der Wortebene 75
4.2.3.2 Spiele mit der Polyvalenz von Zeichen 79
4.2.3.3 Sprachrätsel und Wortfallen 82
4.3 Übersetzerische Tendenzen 84
5. Zusammenfassung 86
6. Literaturliste 89
A. Primärliteratur
B. Sekundärliteratur
Zeitschriften
Nachschlagewerke

Automatisiert erstellter Textauszug:

Nachdem in den letzten drei Abschnitten verstärkt die Rolle pataphysischer Themen und Elemente auf der inhaltlichen Ebene des Romans untersucht wurde (diese Grenze ist allerdings fließend), soll im folgenden schwerpunktmäßig auf die sprachliche Gestaltung des Romans eingegangen werden, wobei diesem Aspekt die zuvor erwähnten Merkmale pataphysischer Literatur zu Grunde liegen sollen. Hauptmerkmal pataphysischer Literatur ist demnach die formale Auseinandersetzung mit Sprache, da sie den weitverbreiteten Glauben an die Möglichkeit einer sprachlichen Mimesis heraufordern will. So zeichnet sie sich durch häufiges Auftreten sprachlicher Besonderheiten aus, durch Ausdrucksformen, die von sprachlichen Regeln und Normen abweichen. In L’Ecume des jours findet man: Neologismen (lance-mort, S. 144), Archaismen (dextre, S. 20), Anglizismen (smart, S. 49), Regionalismen (septantre-trois, S. 59), Wortspiele (la scène où ils se noyaient, S. 74), neue Wortzusammensetzungen (tourneur de disques, S. 138), umgangssprachliche Ausdrücke (piger, S. 77), technisches Fachvokabular (hyposulfite de soude, S.66) usw. Wortneuschöpfungen dienen in L’Ecume des jours vor allem dazu, Dinge zu benennen, die in unserer „realen“ Welt nicht vorkommen, beispielsweise technische Erfindungen wie den „Egalisateur“ (EJ, S. 155), ein Begriff, mit dem eine Waffe bezeichnet wird, sowie das „pianocktail“ (EJ, S. 14), ein Wort beziehungsweise eine Erfindung, die durch die Zusammensetzung zweier semantisch nicht zusammengehörender Zeichen entsteht. Die sprachlichen Zeichen „piano“ und „cocktail“ stoßen zufällig zueinander, bilden neues Sprachmaterial und verschaffen dem Erfinder Colin einen Apparat, auf dem er durch das Spielen von Melodien auf einer Klaviertastatur Cocktails herstellen kann. Mittels Neologismen wird das „langage100 [...]

Leben und Tod gehören zusammen, der Kreis schließt sich, neues Leben kann entstehen, der Mensch ist Bestandteil der unendlichen Spirale. Kreis- und Spiralformen werden nicht nur durch inhaltliche Beschreibungen oder anhand von synonymen Begriffen erwähnt, sie sind auch Bestandteil der Wörter selbst. Eines der Wörter, das von Vian häufig benutzt wird, ist „atmosphère“, es erscheint einmal im Vorwort sowie zwölfmal im Roman selbst (EJ, S. 7, 26, 27, 41, 62, 80, 99, 111, 115, 130, 134, 135, 138). Somit wird im Text immer wieder ein Rückbezug zu der im Vorwort genannten „Verzerrungen erzeugenden“ Atmosphäre hergestellt, und zwar durch ein Wort, dessen zweiter Teil auf deutsch übersetzt „Kreis“ oder „Kugel“ bedeutet. „Atmosphère“ ist also ein Schlüsselwort des Romans. Verfolgt man die Etymologie des Wortes „spirale“ gelangt man zu den Bedeutungen „leben“ und „atmen“, und auch - durch Eliminierung des „s“von „sphar“ - zu einem Bestandteil des Begriffs „nénuphar“, der todbringenden Pflanze, die Chloés Lunge befallen hat, und die sie am Atmen hindert: „L’étymologie nous enseigne en effet que le mot spirale, latin spire, grec speira, doit être rattaché à la racine sphar, sphur, se mouvoir, qu’on croit alliée à la racine spar, laquelle a en sanscrit le sens de vivre; comparez le latin spirare, respirer, spiritus, esprit, etc.“99. Und charakteristisch für das Aussehen einer Seerose ist die von großen runden Blättern umgebene Blüte... Insgesamt läßt sich also feststellen, daß das pataphysische Symbol der „Gidouille“ eine tragende Rolle in L’Ecume des jours spielt: Es kennzeichnet als Symbol des ewigen Werdens und Vergehens wichtige Stellen des Romans, in denen es um Leben, Liebe und Tod geht. Die [...]

„Remou“ bezeichnet einen sich spiralförmig windenden Sog im Wasser, einen Wasserstrudel, der dadurch hervorgerufen wird, daß das Wasser auf ein Hindernis stößt, und sich zurückzieht. Bei dieser Textstelle handelt es sich außerdem um die einzige, in der das Wort „écume“ des Romantitels erscheint (als Adjektiv „écumeux“), das dort zunächst auf nichts zu verweisen scheint, da „écume“ und „jour“ „[...] von ihrer Bedeutung her einander fremd und durch keine vorgegebene Beziehung vebunden sind. [...] Der Sinn der beiden Wörter wird ungewiss, es eröffnet sich ein weites Feld von aufspürbaren Bedeutungen.“98 In dieser Textstelle taucht das Wort „jour“ zwar nicht direkt auf, trotzdem wird aufgrund des Lichts, der Helligkeit, die im Gegensatz zur Nacht genannt werden, ein Zusammenhang hergestellt. So wie das Wasser, das beim Eintritt ins Meer zurückfließt, weil es auf ein Hindernis stößt, fließen die Erinnerungen von Colin und Chloé an ihr erstes Treffen, an den Beginn ihrer Liebe, zurück aus dem Dunkel und kommen ans Licht. Sie verletzen sich jedoch an der Helligkeit, an der Realität, der die beiden sich stellen müssen, an all den Widrigkeiten der Welt, denen Colin und Chloé seit ihrer Hochzeit begegnen, an Chloés Krankheit, der daraus resultierenden finanziellen Misere, an der Tatsache, daß Colin arbeiten muß. Wie der Schaum auf dem Wasserstrudel beim Aufeinandertreffen der Wasserströmungen entsteht, entsteht der Schaum auf dem Tag, weil sich die schönen Erinnerungen an der Realität brechen. Die eigentlich schmerzliche Situation, in der Colin und Chloé sich befinden, verleiht beiden eine ganz besondere Intimität, die, noch unterstützt durch eine ganz besonders gefühlvolle Musik, sogar das Zimmer rund werden läßt: „Les coins de la chambre se modifiaient et s’arrondissaient sous l’effet de la musique. Colin et Chloé reposaient maintenant au centre d’une sphère.“ (Ej, S. 90, von mir hervorgehoben). „Reposaient“, das heißt, sie ruhen, die Kugel, in deren Mitte sie sich befinden, gibt ihnen Geborgenheit, ein mit herkömmlichen Worten schwer zu beschreibendes Gefühl reiner Liebe: „La sensualité à l’état pur, dégagée du corps.“ (EJ, S. 90). Wieder wird durch Kreisförmigkeit etwas Besonderes ausgedrückt: die Kugel, in der Colin und Chloé sich befinden, als Metapher für die Liebe, die sie umgibt und die sie einen Moment lang vor der harten Realität schützt. So wie die Spiralform im Roman zunächst in Zusammenhang mit Leben und Liebe gebracht wird, erscheint sie gegen Ende des Romans in Zusammenhang mit dem Tod, sie bezeichnet Werden und Vergehen. Chloés Beerdigung findet auf dem Armen-Friedhof statt, welcher in der Mitte einer Insel liegt. Dorthin führt ein sich krümmender Hohlweg und der [...]

Arbeit zitieren:
Brockhaus, Sibylle November 1999: Probleme der Übersetzung bei Boris Vian anhand ausgewählter Beispiele, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Wortspiele, Strukturalismus, Individualismus, Pataphysik

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