Zum Problem der deutsch-deutschen Einheit
Eine literarisch-historische Perspektive
- Art: Dissertation / Doktorarbeit
- Autor: Hans-Dieter von Senff
- Abgabedatum: Juli 2005
- Umfang: 637 Seiten
- Dateigröße: 2,7 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: University of Newcastle Australien
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9789-7
- ISBN (CD) :978-3-8324-9789-7 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: von Senff, Hans-Dieter Juli 2005: Zum Problem der deutsch-deutschen Einheit, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Vorkriegsgeschichte, Nachkriegsgeschichte, BRD, DDR, Grass
In den Warenkorb
48,00 €
Dissertation / Doktorarbeit von Hans-Dieter von Senff
Einleitung:
Der Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs [1989] wurde global als Liquidierung des Kalten Krieges gefeiert und von Historikern weltweit als das “Schicksalsjahr” der neueren deutschen Geschichte und das Ende einer markanten historischen Epoche Europas identifiziert.
Trotz der euphorischen Reaktion auf den Mauerfall und der teilweise utopischen Visionen von einem deutschen Neubeginn gab es auch zahlreiche Stimmen, die von einer unsichtbaren Mauer, einer ‘Mauer im Kopf’, warnten, deren Abbau nur langfristig möglich wäre, wenn überhaupt.
Während die Medien ein oberflächlich-einseitiges, sensationalisiertes und politisch-ideologisch motiviertes Bild der historischen Situation der Wende zeichneten, vermittelten literarische Werke in Ost und West Einblicke in die komplex-vielschichtige Tiefenstruktur der historisch und gesellschaftlich bedingten Spannungen, die nach der anfangs euphorischen Reaktion auf die für die meisten Deutschen, Ost und West, unerwartete deutsch-deutsche Vereinigung rasch Gestalt annahmen, obwohl es von allem Anfang auch Zweifler gab, denen es schwerfiel, an das “Glück” der Deutschen zu glauben. So vertraut Thomas Rosenlöcher seinem Tagebuch am 9. November [1989] angesichts der Maueröffnung betroffen “Sprachlosigkeit” an und Klaus Schlesinger notiert zum Mauerfall lakonisch: “ […] selbst in der Nacht, als die Mauer fiel und sich die halbe Stadt in den Armen lag, bin ich […] ins K.O.B. gegangen, habe schnell drei Bier getrunken und mich ins Bett gelegt. Und das Feuerwerk zu Sylvester, in dem unser Brandenburger Tor sich der Welt in so flammendem Licht zeigte, habe ich, rein zufällig, in der Auslage eines Videoladens in Paris gesehen.” Die am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz Versammelten, unter ihnen Christa Wolf, Christoph Hein, Stefan Heym, wiederum sahen sich an der Schwelle eines von klassischen Humanitätsidealen und von der Forderung der Französischen Revolution nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit getragenem Sozialismus, ein naiver politischer Optimismus, an den auch Günter Grass glaubte und sich verpflichtet fühlte. Wolfgang Emmerich bringt die beherrschende Stimmungslage unter den Intellektuellen auf die treffende Kurzformel: “Hypertrophie, Utopie und Melancholie.” Die politische Entwicklung zwischen November 1989 und Juli 1990 führte jedoch schnell zu einem radikalen Stimmungsumschwung und zu verstärktem Zweifel an der ersehnten Verwirklichung der inneren Einheit zwischen den alten und neuen Ländern, der sich nicht zuletzt durch wirtschaftliche und soziale Probleme zusehends verstärkte. Durch die Dominanz der bundesdeutschen Medien wurde überdies eine deutlich westlich ausgerichtete Perspektive in der Darstellung dieser für ganz Deutschland prekären Situation und ihrer Ursachen erkennbar, die sich mit den oft opportunistischen Einschätzungen von westlichen Politikern und Interessensgruppen zu decken schien, wobei die ebenfalls weitverbreitete populistisch motivierte, negative Kritik an den neuen Bundesländern und ihrem historisch-politischen Hintergrund an Virulenz zunahm und wesentlich zur Problematisierung der sogenannten Wiedervereinigung Deutschlands beitrug.
Es ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert, dass Günter Grass wiederholt betont, daß es sich bei dieser häufig verwendeten Bezeichnung eigentlich um einen “sinnentleerten Begriff” ohne historische Substanz und Glaubwürdigkeit handle, der jedoch von “politischen Falschmünzern” gezielt als zugkräftiges Versprechen vermarktet werde: “Es gibt immer noch Roßtäuscher, die als Politiker solcher Hybris das Wort reden. Wir haben erleben müssen, wie über ein Jahrzehnt lang und eigentlich bis heutzutage jedem Deutschen, dessen Wählerstimme begehrenswert erschien, die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit versprochen wurde. Wohl-gemerkt: in den Grenzen von 1937 und das in Frieden und Freiheit.” Im Zusammenhang mit der radikalen Identifizierung der Vorstellung von der deutschen Wiedervereinigung als “sinnentleerter Begriff”, “Wählerfalle”, “Surrogat” und von den Medien [“Haus Springer”] vermarktete “gesamtdeutsche Heilslehre” stellt Grass dem Politiker den Schriftsteller und Autor als politisch gefährdeten Seher gegenüber, dessen Warnungen man, wie in Christa Wolfs Kassandra, nicht ernstnimmt und Glauben schenkt. Im selben Aufsatz von der “kommunizierenden Mehrzahl” grenzt Grass den Schriftsteller und Dichter auch vom faktenbewussten Journalisten ab, dem die Gabe des Dichters fehlt, größere politische und historische Zusammenhänge zu erfassen: “Wenn ich es auch gewohnt bin, dem Missverständnis, ja, der bewussten Fehlinterpretation als, mittlerweile, vertrautem Weggenossen zu begegnen, möchte ich Sie dennoch bitten, Ihre eigene Position, so oft Sie als Journalist faktisch recht haben mögen, nun im größeren Zusammenhang, dem mangelnden Selbstverständnis der Deutschen gegenüber, zu prüfen.” In der hier kurz umrissenen Vorstellung des Dichters in Politik und Gesellschaft liegt auch ein zentraler Fragenbereich der vorliegenden Untersuchung hinsichtlich der besonderen Rolle des Schriftstellers im Problemkontext der deutsch-deutschen Vereinigung, wobei der Spannung zwischen der tagesbezogenen Faktizität der Massenmedien und dem dichterisch-seherischen Erfassen größerer historischer und politischer Zusammenhänge breiter Raum eingeräumt wird. In direktem Zusammenhang damit steht die gesellschaftliche Bedeutung der Literatur als Instrument zur Erhellung und Verteidigung des Menschlichen oder was Christa Wolf in ihrer Büchner-Preis-Rede 1980 den “moralischen Mut des Autors” nennt, wenngleich gerade in dieser Hinsicht ihre Glaubwürdigkeit von der Kritik infrage gestellt wurde: “Die Sprache der Literatur scheint es merkwürdigerweise zu sein, die der Wirklichkeit des Menschen heute am nächsten kommt, die den Menschen am besten kennt, wie immer Statistiken, Zahlenspiegel, Normierungs- und Leistungstabellen dagegen aussehen mögen. Vielleicht weil immer moralischer Mut des Autors – der zur Selbsterkenntnis – in Literatur eingeht.“ Es ist wohl kaum ein Zufall, dass sich Christa Wolfs Literaturverständnis mit diesbezüglichen Äußerungen von Günter Grass nahezu deckt, was aus dem obigen Zitat deutlich hervorgeht. Volker Braun präzisiert in seiner “Vorrede zu Günter Grassens „Rede über den Standort“ [1997] die Sonderstellung der Literatur im Deutschland der Wendezeit noch weiter, wenn er die Verpflichtung zur Wahrheit als oberste Aufgabe hervorhebt: „Das, was den Politikern oft unfassbar und im Wege ist, hat das Interesse der Literatur, es wahrzunehmen macht ihre Würde aus und ist ihr niedriges Amt. Aus diesem Interesse zieht sie ihre sinnliche und subversive Kraft. In den Zeiten der Zerrbilder und käuflichen Lügen; der Nachrichtenfälscher Born erklärte vor Gericht: niemand habe verlangt, “dass es die Wahrheit ist”. Die Nachrichtenkäufer nicht, der konservative Brodem, den sie in Deutschland verbreiten, ist selber eine Fälschung. Eine Fälschung der Geschichte, eine Leugnung der Alternativen, eine Löschung von Schillers schwieriger Hoffnung: “zu was Besserem sind wir geboren”; eine Fälschung, die wieder fähig ist, Geschichte zu machen. “Es geht darum”, sagt Günter Grass, “wie man widerständig bleibt in Situationen, die keine Hoffnung verheißen. Da haben Sie das ganze Dilemma unserer Arbeit.” Als Gegenspieler der Literatur wird von den zwei bedeutendsten in der vorliegenden Arbeit behandelten Schriftstellern, nämlich Günter Grass und Rolf Hochhuth, der von politischen und wirtschaftlichen Interessen manipulierte Journalismus der Massenmedien identifiziert. Hans-Dieter Schütt macht ebenfalls auf die nicht genügend beachtete Tatsache aufmerksam, dass in den westlichen Massenmedien, sei es im Fernsehen, Rundfunk oder Zeitungswesen, ein gezielter Wahrheitsabbau praktiziert werde, den man jedoch lange Zeit gewohnt war, dem sozialistischen DDR-Regime vorzuwerfen: “Ein gründlich recherchierender Journalismus funktioniert nicht mehr, wo Quotengefährdung, Drohungen von Anzeigenkunden oder anderer “Druck einer entfesselten Wirtschaftskraft” jeden Chefredakteur in just jene Feigheiten und Verdächtigungen treibe, die der Westen einst überheblich und in scheinbarer moralischer Unanfechtbarkeit als Signum der DDR-Diktatur geißelte.” In der verpflichtenden Aufgabe des Dichters und Schriftstellers zur unabhängigen Wahrheitssuche in einem Labyrinth von Lügen und Fälschungen wird zwangsläufig auch ein Schlüsselaspekt der komplexen Problematik der deutsch-deutschen Vereinigung sichtbar, die in der negativen Darstellung der ehemaligen DDR eine durchgehende Konstante bildet, welche im Kalten Krieg und in der medialen Verzerrung und Verfälschung der DDR-Wirklichkeit ihre Grundlage hat und bis in die jüngste Vergangenheit nicht zuletzt auch in der Primär-und Sekundärliteratur ihren Niederschlag gefunden hat.
Problematisch ist auch der nicht seltene Versuch, das Jahr 1945 als “Stunde Null” zu markieren und die “Deutsche Frage” in ihrer Komplexität und Folgenschwere mehr oder weniger auf die politischen Verhältnisse zwischen 1945 und 1989 [Fall der Berliner Mauer], bzw. September 1990 [Abschluss des Zwei-plus-Vier-Vertrages] zu begrenzen, weil dadurch die für beide Teile Deutschlands so zentrale Frage nach der faschistischen Vergangenheit übergangen wird. Gerade dieser Aspekt, der, wie in der vorliegenden Untersuchung dokumentiert werden soll, nach Robert Weninger zwar “die ideologische Zentralachse der deutsch[sprachig]en Literaturgeschichte” darstellt, darüber hinaus aber auch einen politisch-ideologischen Eckpfeiler der ehemaligen DDR-Gesellschaft, wenn auch in der jüngsten Zeit von der Kritik bestritten und nicht zuletzt im deutschen Vereinigungsprozess schlechthin. Eng verbunden damit ist natürlich auch die Rolle von Kultur [Literatur], Politik, Wirtschaft und sozialer Bedingtheit in der Identitätskonstruktion in den über Jahrzehnte hin gespaltenen Teilen Deutschlands und die daraus erwachsenen Folgen und Probleme im Deutschland nach der Wiedervereinigung, für die sich die Literatur als ein aufschlussreicher Spiegel erweist. Was jedoch in der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Zeit allzu oft geflissentlich übersehen wird, ist der Umstand, dass es sich meist um politisch-ideologisch gebaute Spiegel handelte, unter denen insbesondere die im Westen propagierte DDR-Wirklichkeit litt, sofern sie überhaupt gezeigt wurde, was Wolfgang Emmerich folgendermaßen präzisiert: “In den 50er Jahren behauptete die konservative Literaturkritik ohne Einschränkung die Einheit der deutschen Literatur, und damit war die freie Literatur des Westens gemeint, der man allenfalls einige kritische und niveauvolle Schriftsteller aus der DDR wie Peter Huchel zugesellte. Nicht einmal Bertolt Brecht, Anna Seghers und Arnold Zweig waren anerkannt.” Emmerichs kurzer historischer Überblick über den Status der DDR-Literatur in der BRD von der Zeit des Kalten Krieges bis zur Wende geht aber nur andeutungsweise auf die negativen Verzerrungen ein, die von der DDR im Westen gezielt in Umlauf gebracht wurden, in der Primärliteratur und ihrer Rezeption in der Sekundärliteratur.
Mit der Wende sieht Emmerich auch einen bemerkenswerten Umschwung in der Rezeption von ehemaligen DDR-Autoren im neuen Deutschland: “War es bis zur Wende 1989/90 üblich, der Literatur aus der DDR einen großzügigen Bonus einzuräumen, sofern sie auch nur Spurenelemente der Kritik und des Widerspruchs erkennen ließ, so ist seither das geistige Klima gekippt. ”Gesinnungsästhetik”, ja: “Gesinnungskitsch”, “Stillhalteliteratur” und Literatur als “Sedativ” hießen z.B. die Stichwörter der Anklage. Die Autoren seien “Staatsdichter” gewesen und hätten ihr Verwachsensein mit den autoritären Strukturen nicht einmal mehr gemerkt, so wurde behauptet. Sie seien an einem utopischen Konzept kleben geblieben und hätten dessen totalitäre Voraussetzung nur allzu gern übersehen.” Diese vom rechtskonservativen politischen Lager [Springerpresse] durch ideologische Vorurteile und ausgeleierte Denkschablonen gekennzeichnete “Treibjagd” auf Christa Wolf, stellvertretend für ehemalige “systemnahe” DDR-Autoren, und westdeutsche “Linksintellektuelle” wie Günter Grass und Rolf Hochhuth erreichte ihren Höhepunkt im vielzitierten deutsch-deutschen Literaturstreit und in der Kontroverse um Günter Grass’ Wenderoman Ein weites Feld und seine Laudatio auf Yasar Kemal in der Paulskirche.
Die Intensität und Breite der Kontroverse verweist nicht nur auf die Problematik der “als gesamtdeutsch verkauften Literatur”, sondern auch auf die viel schwerwiegendere Problematik einer wachsenden Entfremdung und dem tief im kollektiven Unterbewusstsein liegenden Gefühl gegenseitiger geistiger Irritation und Abneigung, die letztlich nicht durch “Einheit”, sondern “Einigkeit” im Grass’schen Sinne überwunden werden kann: “Einigkeit, europäische wie deutsche, setzt nicht Einheit voraus. Deutschland ist nur zwangsweise, also immer zu seinem Schaden, eine Einheit gewesen. Denn die Einheit ist eine Idee, die wider den Menschen gesetzt ist; sie schmälert die Freiheit. Einigkeit verlangt den freien Entschluss der Vielzahl.”. Was die vom Westen wegen ihrer geistig-intellektuellen [keineswegs kritiklosen] Affinität zur DDR ins Fadenkreuz verbaler Aggression geratenen Autoren verbindet, ist nach Christa Wolf eine “Vereinigung im Geist radikaldemokratischen Denkens”, dem sich Schriftsteller wie Hölderlin, Büchner, Tucholsky, Böll, Fried, Peter Weiss, Grass, Walter Jens [und Rolf Hochhuth] in ihren Werken zeitlebens verpflichtet gefühlt haben und der auch sie sich furchtlos zugehörig fühlt.
Es besteht kein Zweifel, dass die hier angesprochene utopische Vision von einem “demokratischen Sozialismus”, für den sich Günter Grass in seinem Wenderoman Ein weites Feld wiederholt ausspricht, durch die realsozialistische Realität des DDR-Regimes zu Schaden gekommen ist. Ebenso wichtig war aber auch die jahrzehntelange, negative westliche Propaganda in der Rhetorik des Kalten Krieges, die auch im Literaturstreit unterschwellig mitwirkte, obwohl an der Oberfläche “systemnahes” Mitläufertum, Privilegienbedürfnis und Stasiverwicklung medienwirksam als primäre Zielbereiche der Kritik vermarktet wurden, was beim sogenannten Literaturstreit auf eine jenseits der Literatur liegende unterschwellige Bruchlinie verweist, deren Bedeutung nicht unterbewertet werden darf. Im “Tribunal”-Charakter und dem “An-den-Pranger-Stellen” ostdeutscher Autoren sieht Stefan Heym nicht nur sehr persönliche Angriffe auf einzelne Schriftsteller, sondern auf die DDR-Kultur schlechthin und darüber hinaus auf das durch die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen geschwächte und verunsicherte “Selbstbewusstsein” der ehemaligen DDR-Bürger, was bei einer Arbeitslosenstatistik von zwanzig Prozent nicht überraschen darf. Bei der hier untersuchten Literatur handelt es sich um beispielhafte Texte des bewussten Widerstands gegen westdeutsche Versuche, sozialistische Traditionen und Wertvorstellungen abzubauen und durch westliche zu ersetzen, was die bereits bestehende Entfremdung zwischen den Menschen der alten und der neuen Länder nur noch verstärken würde.
Christa Wolf artikuliert diese Angst mit besonders überzeugender Sensibilität und Ergriffenheit in ihrer Rede am 31. Januar 1990 anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Hildesheim:
Aber es könnte sein, dass dieser Prozess einer Entfremdung sich unter der Oberfläche massenhafter, äußerer, äußerlicher Annäherung, ja Verbrüderung wider allen Augenschein sogar noch ausbreitet; dann nämlich, wenn im Zuge des als “Vereinigung”, gar “Wiedervereinigung” beschriebenen schnellen Anschlusses der Deutschen Demokratischen Republik an die Bundesrepublik Deutschland die Geschichte des einen, dann nicht mehr existierenden Nachkriegsstaates auf deutschem Boden aus hingebungsvollem Anpassungsstreben auf der einen, aus Überlegenheits- und Siegesgefühl auf der anderen Seite öffentlich beschwiegen und in die Menschen zurückgedrängt würde, die sie gemacht, erlebt und erlitten haben. Käme es jetzt aber nicht auf gegenseitiges Eingeweihtsein an – nicht nur in Politik, Wirtschaft, Finanzen, Wissenschaft und Umweltzerstörung, sondern auch in die innere Verfassung des Menschen?
Die kritische Auseinandersetzung mit der Komplexität der hier gestellten Frage und der sie bestimmenden Gefühlslage innerer Ergriffenheit und Angst im Rahmen der vorangestellten Überlegungen und Beobachtungen zur literarisch-historischen Problematisierung der deutschen Wiedervereinigung benützt die umfangreiche zu diesem Thema veröffentlichte wissenschaftliche [Primär- und Sekundär-] Literatur vornehmlich als thematischen Abgrenzungs- und Orientierungspunkt. Relevante Einsichten und Erkenntnisse aus der Forschung werden direkt in den Text aufgenommen und als solche gekennzeichnet; auf Fußnoten im konventionellen Sinne wird daher verzichtet. Trotz der Fülle des zur Frage der deutschen Wiedervereinigung veröffentlichten wissenschaftlichen Materials, gibt es keine einschlägigen Arbeiten zu dem hier behandelten Thema. Ein übersichthafter Kommentar zu thematisch relevanten wissenschaftlichen Publikationen findet sich im Teil 1 der Untersuchung. In Teil 2-4 wird versucht, die Relevanz historisch-politischer, soziologischer und kultureller Faktoren im deutschen Vereinigungsprozess zu identifizieren, was zu einem vertieften Textverständnis führt. Teil 5 befasst sich mit dem deutsch-deutschen Literaturstreit als Manifestation einer sichtbar-unsichtbaren Bruchlinie zwischen den alten und neuen Ländern. Die Teile 6-10 sind textorientiert und setzten sich kritisch mit beispielhaften Werken von Rolf Hochhuth, Günter Grass, Christa Wolf, Thomas Brussig und Anna Funder auseinander, wobei unterschiedliche thematische Akzente gesetzt werden, um der Komplexität der Autoren gerecht zu werden. Bei der Bibliografie handelt es sich um eine Auswahlbibliografie, in der nur benutztes [zitiertes] wissenschaftliches Material angeführt wird. Abschließend sei noch einmal Christa Wolf aus der oben schon erwähnten Rede an der Universität Hildesheim zitiert, weil sie mit emotioneller Ergriffenheit und sprachlicher Eleganz die Problemtiefe der deutschen Wiedervereinigung mit Seherblick warnend sichtbar macht:
Die rasend fortschreitende Desintegration fast aller bisheriger Bindungen bringt erbitterte Verfechter ökonomischer und politischer Einzelinteressen auf den Plan, ehe die Gesellschaft neue Mechanismen sozialer Sicherungen und übergreifender Integrierung entwickeln konnte, oder eine Immunität gegen Schlagworte aus dem Wirtschaftsleben westlicher Länder. Viele sind desorientiert und versinken in Depression, andere flüchten sich aus nur verständlicher Wut, Enttäuschung, Angst, Demütigung, aus uneingestandener Scham und Selbstverachtung in Hass- und Racheausbrüche. Was wird mit den Menschen, die sich jetzt lautstark äußern und schnelle Besserung ihrer Lage von einem eiligen, bedingungslosen Anschluss an den großen, reichen, potenten, funktionierenden Staat auf deutschem Boden erhoffen?
Es ist das Hauptanliegen der vorliegenden Untersuchung, die Wurzeln der hier literarisch dargestellten existentiellen Verunsicherung und Verwundbarkeit im Kontext des komplexen historischen Zusammenspiels gesellschaftlich-politischer und kultureller Kräfte freizulegen und die Problematisierung der deutschen Wiedervereinigung in der Literatur als Widerstand gegen den durch die ideologisch instrumentalisierten Massenmedien versuchten Abbau der sozialen Errungenschaft der ehemaligen DDR kritisch zu durchleuchten und auf diese Weise der selbst in der Literaturkritik weit verbreiteten einseitig negativen Darstellung der ehemaligen DDR-Gesellschaft und der ideologisch motivierten offenen Kampagne gegen einzelne, sozialen Wertvorstellungen verpflichteten Autoren aufklärend entgegenzuwirken.
Abstract:
While the fall of the Berlin Wall and the subsequent German reunification has conjured up utopian visions of a bright future for the long separated nation, invisible walls and barriers became painfully obvious almost immediately and have overshadowed the ‘new Germany’ ever since. Regrettably, the majority of the vast number of studies published on the issue of German reunification identify the former GDR as the principal source of the problem which is grossly misleading and unfair.
In an attempt to highlight the complexity of the problems underlying the unification process, this thesis examines the role of literature, both East and West, as defender of public causes outside official political institutions and interests and its contribution towards an intellectual debate and critical enlightenment in the context of the issues involved in the present condition of the former GDR and its misrepresentation in the mass media and mainstream publications. The study is very timely, as surprisingly little has been written on this specific topic.
The first half of the thesis [Sections I-III] attempts to counter [subvert] the reductive, cliché-ridden, black-and-white representation of GDR’s role in the reunification process and its consequences by examining the issue in the context of historical, political, social and cultural traditions in Germany and in doing so to open up new insights and perspectives frequently [wittingly or unwittingly] ignored in mainstream studies on this matter. Fundamental questions concerning systemic cultural prejudice and political and social misrepresentation of the former GDR in presently available research material [up to 2005] are addressed in some considerable detail [though selective, due to the enormous amount of publications] in Section I of the thesis. The extensive reading involved was helpful, insofar as it sharpened the critical sensitivity for the widespread distortions and misunderstandings of German reunification due to ideological inflexibility, cultural insensibility and materialistic intolerance. Various aspects of this problem, though not in a systematic form, are part of the critique of the vilification and denigration of the former GDR articulated by the authors in the literary texts selected for examination in the thesis.
In the second half of the thesis [Sections IV-X] specific literary issues of relevance are studied and exemplary texts of such writers as Hochhuth, Grass, Wolf, Brussig, Töteberg and Funder are systematically analysed with regard to the reunification issue in terms of theme, content and argument. Throughout this section, close textual analysis is focused on the literary artist as a detached and critical participant in the official social, cultural and political debate of post-1989 Germany, predominantly in support of the politically and economically marginalized and disadvantaged population of the former GDR.
Finally, the key issues explored and the scholarly insights gained in this analysis are summed up and commented on in a brief concluding statement with particular reference to the significance of the findings in the arena of mainstream [German] literary scholarship and the role of literature in society as an instrument of critical enlightenment and social justice.
Inhaltsverzeichnis:
| ABSTRACT | vii | |
| VORWORT | ix | |
| EINLEITUNG | xii | |
| TEIL I | ANMERKUNGEN ZUR FORSCHUNGSLAGE | 2 |
| Anmerkungen zur Forschungslage | 2 | |
| TEIL II | BRD – DDR: EIN SOZIALGESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 1945-2005 | 26 |
| 1. | Eine Welt in Trümmern: Deutschlands Neubeginn nach 1945 | 26 |
| 2. | Internationales Ringen: BRD-DDR | 35 |
| 3. | Antifaschistischer Schutzwall: 13.August1961 | 40 |
| 4. | Wiederaufbau und Modernisierung in beiden deutschen Staaten | 45 |
| 5. | Kalter Krieg - heißer Frieden | 48 |
| 6. | Regulierte Koexistenz? | 52 |
| 7. | Neutronenbombe und ‘Krieg der Sterne’ | 58 |
| 8. | Demokratische Wertverschiebungen | 61 |
| 9. | Wir wollen einig sein, ein Volk von Brüdern? | 64 |
| 10. | Einheit, die ich meine! | 66 |
| 11. | Kolonie im eigenen Land? | 67 |
| 12. | Teure Träume | 69 |
| TEIL III | KULTURGESCHICHTLICHE PERSPEKTIVEN | 73 |
| 1. | Geschichtliche Grundlage der humanistischen DDR-Kultur | 73 |
| 2. | Zwei Kulturen – eine Nation! | 106 |
| 3. | Zur Kulturpolitik der DDR 1945-1989 | 108 |
| 4. | Absage an die Faschistische Vergangenheit | 130 |
| 5. | Vom Kindergarten zur Oberschule: Erziehungssystem DDR | 140 |
| 6. | Von der Wiege bis zum Grabe: Didaktische Literatur der DDR | 156 |
| 7. | Erziehungsliteratur als Propaganda? | 172 |
| 8. | Der Bitterfelder Weg oder Stefan Heyms Ein sehr guter zweiter Mann | 201 |
| 9. | Polarisierung der Ostdeutschen Identität | 207 |
| 10. | Ostdeutsche Problemstatistik nach K. P. Schöppner | 218 |
| TEILIV | OSTALGIE ALS KASSENSCHLAGER | 240 |
| 1. | Good bye, Lenin [Film]: ‘Unrechtsstaat DDR’: Stereotypen und Klischees | 240 |
| 2. | Kritische Anmerkungen zur tendenziösen Verflachung der Ostalgie-Debatte | 247 |
| TEIL V | DER DEUTSCH-DEUTSCHE LITERATURSTREIT | 256 |
| Die große Treibjagd auf DDR-Schriftsteller | 256 | |
| TEIL VI | ROLF HOCHHUTH WESSIS IN WEIMAR:EIN WEISSBUCH ZUR WIEDERVEREINIGUNG DEUTSCHLANDS? | 280 |
| 1. | Hochhuths Sonderstellung im Deutschen Nachkriegstheater | 280 |
| 2. | Dramatisches Kunstwerk und Dokument? | 292 |
| 3. | Hochhuths dramentechnische Signatur: Fakten und Fiktionen | 308 |
| 4. | Grundsatzgespräch zur Treuhand-Problematik | 314 |
| 5. | Vom Dokument zur theatralischen Wirklichkeitskonstruktion | 322 |
| 6. | Schatten der Vergangenheit: Westdeutscher Besuch in Weimar | 329 |
| 7. | Reflexionen zur Problematik der ‘Systemnähe’ | 345 |
| 8. | Treuhands Schatten über dem Potsdamer Platz | 353 |
| 9. | Zur Problematik der Mauergrundstücke | 361 |
| 10. | Landsleute – Todfeinde | 367 |
| 11. | Bismarck und die Deutsche Einheit oder Bruderzwist in Deutschland | 379 |
| 12. | Von der Freiheit der ‘Abgewickelten’ oder Waschsalon Revaler Straße | 386 |
| 13. | Brandstiftung als Widerstand und Selbstvernichtung | 397 |
| TEIL VII | GÜNTER GRASS’ WENDEROMAN EIN WEITES FELD | 416 |
| 1. | Streit und Widerspruch: Der Fall Fonty | 416 |
| 2. | Marthas Hochzeit und H. Kohls Trugbild ‘blühender Landschaften’ | 427 |
| 3. | Im Dienst der Stasi: Theo Wuttke [Fonty] und Hoftaller [Tallhover] | 455 |
| 4. | Die Treuhand: Ein menschenverachtendes Instrument | 468 |
| TEIL VIII | CHRISTA WOLFSKASSANDRA | 493 |
| Kassandras Blick in den Abgrund | 493 | |
| TEIL IX | Thomas Brussigs HELDEN WIE WIR | 505 |
| Chronist der untergegangenen DDR | 505 | |
| TEILX | ANNA FUNDER STASILAND | 519 |
| Anna in Stasiland oder das Wunderland stereotyper Reduktionen | 519 | |
| ZUSAMMENFASSUNG | 547 | |
| ABKÜRZUNGEN | 556 | |
| A. | Primär– und Sekundärliteratur | 556 |
| B. | Allgemeine [Internationale] Abkürzungen | 557 |
| QUELLENNACHWEIS | 560 | |
| 1. | Monographien und Zeitschriften | 560 |
| 2. | Zusätzliche Bücherliste ohne Autorenangabe | 606 |
| 3. | Zeitungen | 606 |
einem freien Flugschein und BRD-Reisepaß in der Tasche mit der Lufthansa in die BRD. Frau und Kind ließ er in der DDR zurück. [ Mitteilung von Rolf Poser, Erster Sekretär der DDR Botschaft, Canberra] Was auf dem Papier der Verträge so schön nach Gleichberechtigung und Statusgleichheit für die DDR aussah, verlor im Licht der Wirklichkeit seinen Glanz, denn der „Kalte Krieg” gegen die DDR wurde nun mit den Mitteln des “Heißen Friedens” fortgeführt. [Abrasimov 1981:153-165] Zu Beginn der siebziger Jahre waren die gesellschaftlichen Bedingungen und die ökonomische Leistungskraft der DDR soweit entwickelt, daß ein neues, großes Ziel in Angriff genommen werden konnte: die Gestaltung und Weiterentwicklung der sozialistischen Gesellschaft. 1971 hatte das Zentralkomitee der SED den ehemaligen Sekretär der FDJ Erich Honecker zum Ersten Sekretär und 1976 zum Generalsekretär des [ZK] Zentralkomitees der SED und der Volkskammer und zum Vorsitzenden des Staatsrates der DDR gewählt, was auch zu einer Öffnung nach Außen und schließlich zur Aufnahme in die UNO führte. Auch in ihren internationalen Beziehungen entwickelte sich die DDR zu einem geachteten Partner. Dank ihrer konstruktiven Friedenspolitik und der solidarischen Unterstützung der sozialistischen Länder und ihrer Freunde in aller Welt [betreut von Freundschaftsgesellschaften in den meisten Ländern der Erde], konnte die DDR die diplomatische Blockade endgültig durchbrechen. Sie unterhielt 1989 mit 134 Ländern diplomatische Beziehungen. Im September 1973 wurde sie Mitglied der UNO” [Die DDR stellt sich vor, 1989:73] [...]
Der Westen beklagte, daß sich der Transit-Verkehr zwischen der BRD und der DDR hauptsächlich vom Westen nach Osten abwickelte und daß zumeist nur Pensionisten ein Visum zur Ausreise in den Westen bekamen. Diese Behauptung ist zwar richtig, aber man muß auch folgende Umstände in Betracht ziehen, um die Hintergründe dafür zu verstehen. Die DDR Mark wurde im Westen mit 25 [West] Pfennig oder weniger bewertet; deswegen war es für DDR-Bürger beinahe unmöglich, das notwendige Geld für Reisen in den Westen aufzubringen, da die DDR-Mark nicht umtauschbar war und nicht ein-und ausgeführt werden durfte. Günter Grass verweist darauf, wie sehr die DDR-Mark im Jahre 1990 entwertet wurde. [Grass 1995:29] Da die BRD genau so wie die DDR unter Arbeitskräftemangel litt, wurde jedem DDR-Bürger, der seinem Vaterland den Rücken kehrte, in Westdeutschland ein Arbeitsplatz versprochen und die westdeutsche Staatsbürgerschaft mit legalem Anspruch auf einen BRD-Reisepaß automatisch erteilt. Da jeder Staatsbürger der DDR beruflich ausgebildet war, waren solche Arbeitskräfte besonders gefragt und wurden daher abgeworben. Der Preis für einen Lehrer war 1959 1.500 DM und für einen Ingenieur 3.000 DM [Information von P.K aus Uralba, N.S.W., welcher von Rudolstadt [DDR] zurückkehrend, vom Bundesgrenzschutz der BRD übernacht eingesperrt wurde, und diese Geldsummen angeboten bekam, um ihn als Abwerber gegen die DDR arbeiten zu lassen. Da P.K an diesem Menschenhandel nicht teilnehmen wollte, wanderte er 1960 nach Australien aus. Beispielhaft sei hier der Fall von Dr. Beverly H. aus Adelaide angeführt: So verließ im Jahre 1987 ein Mitglied der FDJ seine FDJ-Reisegruppe in Canberra und setzte sich telefonisch mit der Botschaft der BRD in Verbindung. Schon am nächsten Tag flog er mit 54 [...]
aber den alten Zielen, sich aus der diplomatischen Sackgasse herauszumanövrieren, obgleich es in den letzten zwanzig Jahren immer Verbindungen zwischen den „beiden deutschen Staaten“ gab, welche außerhalb der diplomatischen Anerkennung existierten. Im veränderten Klima der Ost-Verträge und dem „Berliner Abkommen“ fanden die ersten offiziellen Verhandlungen zwischen der DDR und BRD statt, nachdem die vier Besatzungsmächte mit dem Viermächte-Abkommen vom 3.September 1971 die Grundlagen dafür gelegt hatten. [Abrasimov 1981:153] Am 17. Dezember 1971 unterschrieben die beiden deutschen Staaten das TransitAbkommen [Personen und Güter] zwischen der Bundesrepublik und West Berlin und am 26. Mai 1972 wurde ein Verkehrs-Vertrag zwischen den beiden deutschen Staaten ausgehandelt. Am 21. Dezember 1972 wurden besonders schwierige Verhandlungen zwischen der BRD und der DDR abgeschlossen, welche die Grundlage der zukünftigen Beziehungen zwischen der DDR und der BRD festlegten. In diesem Vertrag verpflichten sich die BRD und DDR zu gutnachbarlichen Beziehungen unter Verzicht auf Gewaltandrohung oder Gewaltanwendung und Respektierung und Wahrung der Selbständigkeit und Autonomie in inneren und äußeren Beziehungen.[Facts about Germany 1982:75] Der 1972 mit der BRD abgeschlossene Grundlagenvertrag bildet einen wichtigen Teil des in den Jahren 1970–1973 geschaffenen europäischen Vertragswerkes, das die völkerrechtliche Anerkennung der im Ergebnis des zweiten Weltkrieges und der [...]
In den Warenkorb
48,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832497897
Arbeit zitieren:
von Senff, Hans-Dieter Juli 2005: Zum Problem der deutsch-deutschen Einheit, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Vorkriegsgeschichte, Nachkriegsgeschichte, BRD, DDR, Grass



