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Das Problem der Neurowissenschaften mit dem freien Willen

Das Problem der Neurowissenschaften mit dem freien Willen
Über dieses Buch
  • Art: MA-Thesis / Master
  • Autor: Patrick Feldmann
  • Abgabedatum: März 2010
  • Umfang: 241 Seiten
  • Dateigröße: 1,2 MB
  • Note: 2,6
  • Institution / Hochschule: FernUniversität in Hagen Deutschland
  • Bibliografie: ca. 79
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-0798-3
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Feldmann, Patrick März 2010: Das Problem der Neurowissenschaften mit dem freien Willen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: freier Wille, Neurowissenschaft, Naturalismus, ontologischer Materialismus, Roth Singer Pauen

MA-Thesis / Master von Patrick Feldmann

Einleitung:

Darstellung der Ausgangsproblematik der neueren durch die Neurowissenschaften aufgeworfenen Fragestellung um den freien Willen:

Die Problematik einer Diskussion um den freien Willen ist eines der großen Themen der Philosophie des Geistes des christlichen Abendlandes, die wesentlich durch den christlichen Begriff der Person als Ermächtigter und Handelnder in die Philosophie getragen wurde. Es verwundert daher nicht, dass die wesentlichen Positionen bereits früh, theologisch initiiert, verhandelt wurden. Die aktuelle neuere Diskussion wurde im deutschsprachigen Raum durch die Experimente B. Libets aus den 1980-er Jahren angestoßen. Provokant wurden die Ergebnisse von der einen Seite als empirische Widerlegung des freien Willens interpretiert, wohingegen die andere Seite konzeptionelle Mängel im Experimental- Aufbau wie der Fragestellung überhaupt monierte. Die dabei geführte Auseinandersetzung um den freien Willen steht in einer langen Tradition. Diese beginnt im Frühmittelalter und ist bis in die Scholastik vor allem ein theologischer Diskurs. Erst ab der zweiten Aufklärung wird aus diesem Diskurs eine zunehmend weltanschaulich geführte Auseinandersetzung, die dem Prozess der Naturalisierung des Menschen parallel läuft. Durch Libet und die nachfolgenden Experimente wurde dieser Streit neu entfacht. Nach der vorläufig noch in der offiziellen Diskussion vertretenen Position scheinen die rezenten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse die Willensfreiheit nicht nur in Frage zu stellen, sondern das Konzept eines Menschen, der sich als Verantwortlicher qua seiner Fähigkeit frei zu handeln erfährt, ad absurdum zu führen. Federführend ist hier vor allem ein in einem monistischen Materialismus gründender Inkompatibilismus, der oft als zwingende ontologische Folgerung aus der eigentlich epistemisch Unternehmung des empirischen Wissenschafts- Konzept dargestellt wird. Diese Problematik exponiert sich zuvorderst im Konflikt um Determination vs. Freiheit, aus der heraus die Positionen des Kompatibilismus oder des Inkompatibilismus vertreten werden. Eigentlich ist das zur Frage Stehende aber weitergreifender, denn mit der Freiheit geht die Subjektposition verloren und der Wert von Bewusstsein wird fraglich. Doch fraglich würde damit auch die Gültigkeit eines vermeintlichen Nachweises von Unfreiheit, Irrelevanz des Bewusstseins etc., denn es beträfe die Ikonoklasten in gleicher Weise im Sinne einer Autolyse der Propheten und ihrer Verkündigung!

Einige Hirnforscher, zu denen auch Roth und Singer gehören, meinten im Jahr 2004 nun, dass sich aus dem Geschilderten gewisse Schlüsse zwangsläufig ergäben und verfassten in diesem Sinn ‘Das Manifest der 11 Neurowissenschaftler’, in dem sie einen reduktionistischen Naturalismus vertraten, hinter dem ein Alleinerklärungsanspruch der Naturwissenschaften steht. In diesem Zusammenhang wurden auch immer wieder Stimmen laut, die eine Änderung des Strafrechtes in Anpassung an die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse fordern. Der Einzelne sei nur in viel geringerem Maße für sein Tun verantwortlich, da das Meiste physisch und psychisch bedingt sei.

Ist also das Hirn ein Organ unter anderen Organen und ist Hirnforschung empirische Organforschung oder kann Hirnforschung Exegese menschlichen Wesens sein, wie dies nicht nur im Manifest suggeriert wird? Letzteres würde dem Hirn aber einen Status zuweisen, den nicht nur der Verfasser dieser Arbeit für überzogen und falsch hält. Denn man kann die Experimentalergebnisse auch anders werten, wenn man keinen ontologischen Schluss für zwingend hält. So ist beispielsweise eine nicht ontologische, soziale Bestimmung des Willens im Rahmen einer Handlungstheorie möglich.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es einerseits, zu zeigen, dass das Problem, das die Neurowissenschaften mit dem freien Willen haben, symptomatisch für ihre eigene Verortung ist. Es signalisiert eine Naturalisierungsgrenze, an der sich zeigt, dass weder der Mensch noch sein Wille Dinge unter anderen Dingen sind. Andererseits will diese Arbeit aber auch darlegen, dass ein freier Wille, begriffen als Vermögen eines Handelnden auch im naturalen Kontext formulierbar ist.

Dabei ist die These folgende: In der aktuellen, von den Neurowissenschaften ausgehenden, Auffrischung der Diskussion um den freien Willen wird oft ein inkompatibilistischer Determinismus vertreten, der ontologisch auf einem monistischen Materialismus basiert. Diese Position bestreitet im freien Willen ein ihr methodisch nicht zugängliches Phänomen. Damit vergibt sie durch eine ontische Überdehnung des wissenschaftlich Aussagbaren die epistemische Stärke des naturwissenschaftlichen Ansatzes. In der Überschreitung der Grenze vom epistemischen zum ontischen Anspruch demarkiert sich Wissenschaft aber als Scientizismus und schlüssig erscheint daher nur den Adepten, dass hier eine, in Varianz seit mehr als 1500 Jahren diskutierte, Frage nun ‘endgültig gelöst’ sei. Mit dem Gestus apodiktischer Wahrheit verliert sich der eigentlich wissenschaftliche Ansatz, nämlich die Diskursfähigkeit. Und eben hiergegen wendet sich beispielsweise Kants Warnung zur Metaphysik, auch wenn zu Kants Zeit die Ermahnten aus einem anderen Lager kamen. Die Kern-These dieser Arbeit ist daher, dass der freie Wille sowenig wie die Freiheit empirisch begriffen und widerlegt werden können, sondern dass der Irrtum dieser Behauptung, so verständlich er aus der Ideengeschichte der Naturwissenschaften ist, die Wirklichkeit des Menschen verfehlt. Es wird dagegen die kompatibilistische These vertreten, dass die Annahme eines freien Willen nicht per se in Widerspruch zu einem naturwissenschaftlichen Weltbild steht. Der freie Wille stellt sich im Kontext dieser Arbeit sowohl als grundlegend für ein gültiges Selbstverständnis des Menschen als Handelndem und Entscheidendem, als auch als Grundlegung eines nach Wissen strebenden Subjektes dar. Methode: Der Darstellung der Argumentationslinien, die durch die Protagonisten Roth und Singer in der aktuellen Diskussion um den Freien Willen ausgezogen werden, wird eine begriffliche Propädeutik als Grundlegung des Argumentationsfeldes vorangestellt. Im entstehenden Kontext werden die Argumentationen Roths und Singers wie die Pauens und Roths in der Analyse ihrer Veröffentlichungen offengelegt. Hierbei werden sie insbesondere auf ihre Schlüssigkeit aber auch auf ihren Beweggrund hin betrachtet. Konkret ist dies, entgegen dem ersten Schein, ein destruktiver Ansatz. Die Positionierungen Singers und Roths bieten sich an, da diese in der deutschsprachigen Diskussion einen Anspruch der Hirnforschung weit über ihren Fachbereich hinaus in das gesellschaftliche Umfeld hinein formulieren. Die philosophische Erarbeitung einer naturalistischen Konzeption des Willens, die Pauen und Roth in Ihrem 2008 erschienenen Buch vorgelegt haben, soll in einem zweiten Schritt in den zentralen Befragungsfokus gestellt werden. Dies geschieht in der Hoffnung, eine Explikation der oft nur impliziten philosophischen Aussagen bzgl. des Willenskonzeptes in der durch Roth und Singer vertretenen Form des Naturalismus zu erhalten.

In einem letzten Zug soll in dem geschaffenen Kontext der Anspruch von Roth/ Singer bzw. Pauen/ Roth an der Erfüllung des Versprochenen gemessen werden, dies: (a) an den erarbeiteten Begrifflichkeiten und Problemstellungen im Hinblick auf das resultierende Menschenbild und (b) konkret an seiner Leistungsfähigkeit. Hierbei kann der Wille, der als eines der klassischen Themen der Philosophie des Geistes angesehen werden muss, aus Platzgründen nur Ziel führend und nicht weitgreifend in die ihn komplex umgebenden Randfragen eingebettet werden. Sowohl das Körper- Geist- Problem als auch die Bewusstseins- Diskussion können hier nur Anklang, aber keine systematische Bearbeitung erfahren. Im Wesentlichen wird sich diese Arbeit darauf beschränken, die Diskussion und Argumente für und wider die Möglichkeit eines Freien Willens im Kontext der genannten Konzepte herauszuarbeiten. Wesentliche Aufgabe ist es also auch, zu klären, welche Art freier Wille gemeint sein kann, wenn man nicht die Erkennbarkeit der Welt gegen Ihre Erkenntnis durch das Subjekt ausspielen will. Um den philosophischen Kontext der empirisch aufgeworfenen Frage, bzw. der vorschnellen Antwort, zu erschließen, soll zuerst einmal eine Erarbeitung der zu verwendenden Begrifflichkeiten gegeben werden.

Inhaltsverzeichnis:

0. Einleitung 5
0.A Darstellung der Ausgangsproblematik der neueren durch die Neurowissenschaften aufgeworfenen Fragestellung um den freien Willen 5
0.B These und Methode 6
I. Ausarbeitung der Begrifflichkeiten, Propädeutik des Problemfeldes 8
I.A Wille 8
I.A.1 Der Willensbegriff als Amalgam aus griechischem und christlichem Denken 8
I.A.2 Ontische vs. nichtontische Willensbestimmung 9
I.B Freiheit 9
I.B.1 Freiheit als theoretischer Begriff 10
I.B.1.a Freiheit vs. Determination 10
I.B.1.b Inkompatibilismen und Kompatibilismen 10
I.B.2 Freiheit als praktischer Begriff 11
I.B.3 Frage nach alternativen Möglichkeiten: Möglichkeit als Unbestimmtheit? 11
I.B.3.a Möglichkeit vs. Zufall 12
I.B.3.b Möglichkeit als Kontrafaktizität und Grundlegung des Denkens 12
I.C Denken 13
I.C.1 Erkennen 13
I.C.1.a Kausalität 13
I.C.1.a.1 Das Verhältnis von Kausalität und Determination 14
I.C.1.a.2 Das Dogma von der kausalen Geschlossenheit der Welt als Begründung eines materialistischen Monismus 15
I.C.1.b Notwendigkeit und Vorhersagbarkeit 16
I.C.1.b.1 Methodischer vs. dogmatischer Determinismus 17
I.C.1.b.2 Das Determinismus-Problem der empirischen Wissenschaften 17
I.C.2 Erklären 18
I.C.2.a Warum? - Fragen und Wozu? - Fragen 18
I.C.2.b Notwendige u. hinreichende Gründe 19
I.C.2.c 2 Arten der Erklärung : Erklären nach Ursachen, Erklären nach Gründen: Natur vs. Kultur? 20
I.D Zwei Gegenstände des Denkens/ der Erklärung: das Natürliche und der Artefakt74 20
I.D.1 Natur 21
I.D.1.a Der Begriff von Natur 21
I.D.1.b Der Naturalismus 23
I.D.1.c Natur als Faktische oder Natur als Normative? 24
I.D.1.d Welcher Realismus? 24
I.D.2 Handlung - Grundlegung des Artifiziellen 25
I.D.3 Kultur vs. Natur: Kulturalismus statt Naturalismus? 26
II. Eine ontologische Determination im Kontext eines materialistischen Monismus? 26
II.A Einleitung: Situierung der Neurowissenschaft 27
II.A.1 Manifest der elf Hirnforscher 28
II.A.1.a Methode und Erkenntnis 29
II.A.1.a.1 Vorstellung der Arbeitsweise: Erkenntnisebenen und Methoden 29
II.A.1.a.2 Kritisches Methodenverständnis: zwischen Skepsis und positivistischer Erwartung 30
II.A.1.b Thesen des Manifestes und ihre kritische Kontextualisierung in die Diskussion 31
II.A.1.c Zusammenfassende kritische Erörterung des Manifestes 33
II.A.2 Eine kurze ideengeschichtliche Grundlegung der empirischen Hirnforschung, Das Projekt der Naturalisierung des Menschen unter einem mechanistisch physikalistischen Naturbegriff 35
II.A.2.a Empirismus: Monismus oder Dualismus? 37
II.A.2.b Empirismus: epistemisch oder ontologisch? 37
II.A.2.c Funktion, Defizit und bottom-up Erklärung. Hirnforschung als Defizitdeduktion 38
II.A.2.d Einige unerwünschte Folgen der funktionalistischen Betrachtung 39
II.A.3 Libet- und Libet-artige Experimente 39
II.A.3.a Die Versuchslage 39
II.A.3.b Das dem Libet- Experiment zugrundeliegende Menschenbild und das Menschenbild derer, die sich des Libetschen Experimentes argumentativ bedienen 40
II.A.3.c Bewertung der Experimentalergebnisse 41
II.B ’Ein neues Menschenbild?’ Zwei Exponenten der Neurowissenschaft: Singer und Roth 42
II.B.1 SINGER: Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen 43
II.B.1.a Singer ein ontologischer Determinist?- Die Ambiguität der Singerschen Eigenverortung 43
II.B.1.b Das Gehirn und seine Verschaltungen als Produkt der Evolution 44
II.B.1.b.1 Welcher Reduktionismus? 45
II.B.1.b.1.a Aspekte-Dualismus oder Epiphänomenalismus? 45
II.B.1.b.1.b Theoretischer Reduktionismus: Einheit und Konstruktion 46
II.B.1.b.2 Natur und Evolution 47
II.B.1.b.2.a Das richtige Verständnis der Evolution? 48
II.B.1.b.2.b Der Naturbegriff und das Normativitätsproblem 48
II.B.1.b.3 Kultur und Evolution 50
II.B.1.b.3.a Emergenz und angereicherter Materialismus 50
II.B.1.b.3.b Das Verhältnis Kultur- Natur 51
II.B.1.c Die Kraft und Bedeutung des Denkens 52
II.B.1.c.1 Realität ein Konstrukt? Konstruktivismus vs. Realismus? 53
II.B.1.c.2 Freiheit ein ‘soziales Konstrukt’, Kompatibilismus oder Inkompatibilismus? 53
II.B.1.d Verschaltung und Selbstorganisation: Naturalistische Herleitung des Willens, des Selbst 55
II.B.1.d.1 Der mereologische Irrtum 57
II.B.1.e Ein funktionalistisches Menschenbild und das Problem der Verbesserung der Natur 59
II.B.1.f Konsequenzen für die menschliche Praxis 60
II.B.1.g Ein Fazit des Zwiespältigen 61
II.B.2 ROTH: Wir sind determiniert, die Hirnforschung befreit von Illusionen 62
II.B.2.a Wir sind determiniert 63
II.B.2.a.1 Meint Roth eine methodische oder eine ontologische Determination? 63
II.B.2.a.2 Von der ontologischen Determination zum ontologischen Reduktionismus 64
II.B.2.a.2.a Roth zum Reduktionismusvorwurf 65
II.B.2.a.2.b Doppelte Phänomenalität: Erste und Dritte Person Phänomene 66
II.B.2.a.3 Physikalismus und Physikalisierung des Geistigen 67
II.B.2.b Die Hirnforschung befreit von Illusionen 69
II.B.2.b.1 Aufklärerischer Gestus als ‘Freiheit von Freiheit’? 70
II.B.2.b.1.a Vernunft als Epiphänomen 71
II.B.2.b.1.b Misologie als aufklärerisches Konzept? 71
II.B.2.b.1.c Vernunft und der mereologische Fehler 72
II.B.2.b.1.d Der Verlust der Vernunft als objektiver Dialog 73
II.B.2.b.1.e Ursachen und Gründe: Motivdeterminismus und Vernunft 73
II.B.2.b.2 Freiheit ein empirischer Begriff? 76
II.B.2.b.2.a Empirisch ist ein Nichtempirisches Nichts! 78
II.B.2.b.2.b Die Nähe Roths zu Libet; der monistische Reduktionismus als Exegese des Dualismus 79
II.B.2.b.3 Schattenboxen - Gegen wen Roth ins Feld zieht 79
II.B.2.c Willens-Funktion statt Willens-Freiheit; das Vorbild Hume 81
II.B.2.d Was fordert Roth? 83
II.B.2.e Pathos und Argumentationsweise Roths 84
II.B.2.f Fazit der Position Roths und die Frage des Rechts auf Forderungen 85
II.B.3 Zusammenfassende Kritik des deterministischen Inkompatibilismus als neurowissenschaftlicher Positionierung 88
II.B.3.a Zusammenfassendes Resümee Singers und Roths als Vertreter des deterministischen Inkompatibilismus 89
II.B.3.b Kritik des deterministischen Inkompatibilismus 90
II.B.3.b.1 Die naturwissenschaftliche ‘Einheit der Natur’ kann nur epistemisch und theoretisch sein! 90
II.B.3.b.2 Das Selbstverständnis des Menschen ist dem wissenschaftlichen Wissen vorgängig und nicht umgekehrt! 91
II.B.3.b.3 Relativierung des Anspruches des reduktiven Naturalismus 92
II.B.3.b.3.a Empirische Erfassbarkeit des Menschen? 92
II.B.3.b.3.b Geistige Wirklichkeit ist nicht naturalisierbar 93
II.B.3.b.3.c Normativität ist nicht auf Faktizität rückführbar 94
II.B.3.b.4 Der problematische Naturbegriff des starken Naturalismus 95
II.B.3.b.5 Probleme der Naturwissenschaft mit dem starken Naturalismus 96
II.B.3.b.5.a Naturgesetze belegen nicht den inkompatibilistischen Determinismus und den materialistischen Monismus 96
II.B.3.b.5.b Naturwissenschaftliche Erklärung als Ideal und als Praxis 97
II.B.3.b.5.c Empirische Daten sind nicht selbstevident! Die Deutungsoffenheit der neurowissenschaftlichen Versuchslage zur Willensfreiheit 98
II.B.3.b.5.d Wissenschaft ist methodischer Diskurs und keine Verkündigung von Wahrheit! 99
II.B.3.c Der Positivismus ist Gegenwartsflucht! 99
II.B.3.d Ein ‘neues Menschenbild’? 100
II.B.3.e Zwischenfazit zur Kritik des deterministischen Inkompatibilismus 101
II.C Eine naturalistische Willenstheorie, Pauen/Roth 102
II.C.1 Die Bestimmung der Freiheit und ihr Verhältnis zur Natur 104
II.C.1.a Die Begriffsbestimmung von Freiheit 104
II.C.1.b Was ist das Selbst? 105
II.C.1.c Aufgeklärter Naturalismus 107
II.C.1.d Natur in Form der Neurophysiologie als Bedingung der Freiheit 108
II.C.1.e Das inkompatibilistische Missverständnis und das Gespenst einer ‘traditionellen Theorie des freien Willens’ 110
II.C.1.e.1 Missverstehen der Naturgesetze 110
II.C.1.e.2 Unvorhersagbarkeit von Entscheidungen 111
II.C.1.e.3 Indeterminismus-Täuschung 111
II.C.1.f Freiheit und Bewusstsein 112
II.C.1.g Freiheit und Ratio 112
II.C.1.h Das Gefühl der Freiheit 114
II.C.1.i Zwischenfazit zur naturalen Bestimmung des freien Willens 114
II.C.2 Die Verantwortbarkeit des Handelns vs. Verantwortungslosigkeit des Verhaltens 115
II.C.2.a Handlungen vs. Verhalten 116
II.C.2.b Gründe und Ursachen: Donald DavidsonsMissverständnis 116
II.C.2.c Gründe im Konzept des aufgeklärten Naturalismus: Das Problem der ‘kausalen Relevanz’ 117
II.C.2.d Das Problem alternativer Handlungsmöglichkeiten 118
II.C.2.e Verantwortung des Handelns und Schuld 119
II.C.2.e.1 Schuld als Normenverstoß 120
II.C.2.e.1.a Schuld und Inkompatibilistische Freiheit 120
II.C.2.e.1.b Schuld ohne Freiheit: Schuld als soziale Spielregel 121
II.C.2.e.1.c Schuld und kompatibilistische Freiheit 121
II.C.2.e.2 Gesellschaft und Schuld: Strafen 122
II.C.2.e.2.a Die Retributionstheorie 122
II.C.2.e.2.b Die Präventionstheorie 123
II.C.2.e.2.c Ein Vertragsmodell als Straftheorie 123
II.C.2.e.2.d Kritik des Vertragsmodells 124
II.C.2.f Einschränkungen der Schuldfähigkeit: die Delmenhorster Gewaltstudie als empirischer Beleg der Tragfähigkeit des Freiheitskonzeptes des aufgeklärten Naturalismus? 124
II.C.3 Zusammenfassende Kritik der dargestellten naturalistischen Begründung des Willens 127
II.C.3.a Selbstbestimmung als Fremdbestimmung 128
II.C.3.b Das Selbst und die ontologische Entschiedenheit 130
II.C.3.c Der Begriff des Natürlichen 133
II.C.3.d Freiheit eine Fähigkeit der Natur? 134
II.C.3.e Der Wille ein Bestimmter oder ein Bestimmender? -Außernaturalistische Aspekte der Freiheit 138
II.C.3.f Problematik eines naturalen funktionalistischen Menschenbildes 139
II.C.3.g Fazit der zusammenfassenden Kritik 141
III. Zusammenfassende kritische Diskussion der Verortungen des freien Willens in den besprochenen Ansätzen 142
III.A Abwägung der Ansätze 143
III.A.1.a Starker Naturalismus, der freie Wille ist natural bedingt als determinierter Wille 143
III.A.1.a.1 Allgemeine Erörterung der Problematik im starken Naturalismus 144
III.A.1.a.2 Spezielle Erörterung des Deterministischen Inkompatibilismus und der naturalistischen Willenstheorie 145
III.A.1.b Schwacher Naturalismus, der freie Wille ist eine natürlich entstandene, aber die naturale Erklärung transzendierende, Fähigkeit 148
III.A.1.b.1 Handlungstheoretische Auffassung des Willens als Zuschreibung eines Vermögens 148
III.A.1.b.2 Natural verwurzelte Freiheit und Fähigkeit zur Einsicht 150
III.A.1.b.3 Natural verwurzelte Freiheit und die Fähigkeit zu Initiative und Poesis 151
III.A.1.b.5 Keils Nihil-obstat-These zu einer libertarischen Position 153
III.A.1.b.6 Resümee schwacher naturalistischer Verortungen 154
III.B Eine Positionierung des Verfassers: Ein epistemisch- pragmatischer Kompatibilismus auf der Basis eines schwachen Naturalismus und eines Beratungsmodells 155
IV. Fazit 158
Literatur 161
ANMERKUNGEN 168

Textprobe:

Kapitel II.B.2, ROTH: Wir sind determiniert, die Hirnforschung befreit von Illusionen:

Nachdem einerseits Singer nun doch recht ausführlich befragt wurde und auf manches, was dort besprochen wurde, hier zurückgegriffen werden kann, sowie andererseits Roths Positionierung auch im Zusammenhang der naturalistischen Willenstheorie von Pauen- Roth problematisiert wird, soll Roth in diesem Kapitel möglichst pointiert erfasst werden. Hierbei soll die Überschrift einer Arbeit Roths als Leitmotiv dienen. Demnach wird (a) der Gedanke der Determination verfolgt und (b) der Befreiungsanspruch Roths thematisiert werden. In einem dritten Schritt (c) soll das Rothsche Resultat, ein Wille ohne Freiheit, und zuletzt (d) die von Roth daraus postulierten Konsequenzen im Zusammenhang mit einer gestrafften Gesamtkritik erörtert werden.

II.B.2.a, Wir sind determiniert:

Roth setzt die Determination der Freiheit entgegen als Wirklichkeitskategorien auf gleicher Ebene und postuliert eine empirische Überprüfbarkeit der Freiheit als wirksame Kraft. So kann Freiheit nur Unbestimmtheit, bzw. Zufall sein. Zufall aber wiederum könne keine Bestimmung von Handeln sein, das man sich als Handelnder zuschreiben könne. Roth konstruiert dazu zwei Behauptungsquellen: (a) eine ‘traditionelle’ Auffassung der Willensfreiheit, die er einerseits mit Kant identifiziert, der er aber andererseits vorwirft, dass sie sich zu sehr auf das ‘Gefühl’ der Selbstverursachung stütze (Kant aber wendet sich gerade von empirischen Dingen wie den Gefühlen als Bestimmungsgrund des Sollens und damit als Begründung der Freiheit ab!), diese Position identifiziert er zudem mit dem cartesischen, also ontologischen, Dualismus (auch diese Position entspricht nicht Kant, den man besser als Aspekte- Dualist auffasst. Wäre er ontologischer Dualist, er wäre bei der vierten Antinomie stehengeblieben!) (b) Als zweite Quelle stellt Roth die empirische Hirnforschung in den Zeugenstand. Diese weise mit ihren empirischen Methoden nach, dass alle Prozesse vom atomaren Bereich bis zu denen in neuronalen Netzstrukturen deterministisch ablaufen und sich keine indeterministische Lücke aufweisen lasse. Dies müsse aber, so Roth, der Fall sein, wenn ein dem Determinismus entgegengesetztes Prinzip (nota bene!) wie die Freiheit eingreife. Da die Freiheit aber empirisch nicht nachweisbar sei, gebe es keine Freiheit des Willens, sondern sie sei ein neuronales Konstrukt im projektiven Abgleich der Handlungsplanung mit den Real-Verhältnissen. Wirklich entscheidend sei das emotionale Handlungsgedächtnis des limbischen Systems, das durch eine Freischaltung der Basalganglien die motorische Aktion ermögliche.

Wenn jemand davon spricht, dass wir determiniert sind, so ist es natürlich von erheblicher Konsequenz, ob damit eine epistemologisch methodische Determination gemeint ist, die die Bestimmtheit des Geschehens nur als Grundlegung seiner Erkennbarkeit versteht, oder ob darüber hinaus eine ontologische Determination zum Ausdruck kommen soll. Wo also lässt sich Roth verorten? Ganz eindeutig zu beantworten ist dies nicht, denn bspw. gegen den Vorwurf Habermas`, dass er, Roth, einen Reduktionismus vertrete, wehrt er sich vehement.

II.B.2.a.1, Meint Roth eine methodische oder eine ontologische Determination?

Wenn Roth sagt, ‘Wir sind determiniert’ und nicht wir erscheinen uns als determiniert, so ist das ein deutlicher Hinweis auf eine ontologische Intention der Aussage. An anderer Stelle konkretisiert er dies als universalen Zusammenhang, indem er so etwas wie einen Kausaldeterminismus des Weltgeschehens argumentiert und damit in die Nähe eines Laplaceschen Determinismus rückt. Der dieser These immanente infinite Regress, sichtbar in der Frage nach der ersten Ursache und der letzten Wirkung wird von Roth dabei allerdings nicht problematisiert, denn er verwiese ja damit auf eine metaphysische Grundproblematik dieses vermeintlich metaphysikfreien Ansatzes. Anders als Laplace weiß er aber den Begriff des Determinismus vom Begriff der Vorhersagbarkeit zu trennen und entrinnt damit dem Dilemma um den Laplaceschen Dämon. Über die Problematik der Konfundation der prinzipiell verschiedenen Modelle von Determination und Kausalzusammenhang, die im Begriff der Kausaldetermination evoziert wird, wurde schon unter I.C.1.a.1 gesprochen.

II.B.2.a.2, Von der ontologischen Determination zum ontologischen Reduktionismus:

Der Modus einer ontologischen Determination im Kontext einer empirischen Naturwissenschaft basiert zwangsläufig auf einem materialistischen Monismus. Wenn man aber diesen materialistischen Monismus als unausgesprochene Grundlage des Rothschen Denkens annimmt, wie soll dieser dann ohne einen ontologischen Reduktionismus auskommen? Genau den Vorwurf eines Reduktionismus (in Bezug auf Gründe- Ursachen, Geist- Körper), den Habermas gegenüber Roth in der Debatte um die Willensfreiheit diagnostiziert, weist Roth aber vehement zurück. Außerdem problematisiert er selbst die Frage, ob wir Maschinen seien, wenn denn alles determiniert sei. Und er verneint. Roth argumentiert, dass zwar ‘in unserem Gehirn’ alles ‘deterministisch’ ablaufe und kein Wille als Verstoß gegen diesen Determinismus vorliege, aber es gebe eine ‘Fähigkeit zur Selbstbewertung’, zur erfahrungsgeleiteten Selbststeuerung’. Kurz, es sei die ‘Autonomie’, die uns unterscheide von Maschinen. Roth führt hier zwei unterschiedliche Prinzipien als Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine ins Feld: (a) die Lernfähigkeit und die Fähigkeit zur Selbst-Steuerung, (b) das normative Prinzip der Selbst-Bewertung. Lernfähige, selbstregulierende Maschinen sind ein heute häufig schon gelöstes kybernetisches Problem und daher kein Unterscheidungskriterium zwischen Mensch und Maschine mehr. Die Fähigkeit des Normativen stellt in der Tat aber eine physikalisch nicht intrinsische Fähigkeit dar, die sich allerdings in der Argumentation Roths nicht für, sondern gegen ihn stellt. Denn indem er alles Geschehen als ontologisch determiniert kennzeichnet, physikalisiert er es und macht das empirisch- Faktische zum einzigen Existenzprinzip. Die Erklärung aber, wie er aber aus diesem Empirischen ein Normatives herleiten will, bleibt er nicht ohne Grund schuldig, denn das ist ja eben das Normativitätsproblem eines ontologischen Naturalismus. Roth dürfte, um in seiner eigenen Argumentation zu bleiben, eben nicht auf Normativität rekurrieren! Dann aber, und das gilt es festzuhalten, ist der Mensch im Rothschen Argumentationskontext eben nicht(!) von der Maschine trennbar. Und wenn hierdurch eines Kraft gewinnt, so ist es eben der Reduktionismusvorwurf Roth gegenüber!

Arbeit zitieren:
Feldmann, Patrick März 2010: Das Problem der Neurowissenschaften mit dem freien Willen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
freier Wille, Neurowissenschaft, Naturalismus, ontologischer Materialismus, Roth Singer Pauen

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