Die Privatisierung der deutschen Straßen
Verkehrsinfrastruktur aus institutionenökonomischer Perspektive
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Thilo Großer
- Abgabedatum: Juni 2002
- Umfang: 101 Seiten
- Dateigröße: 563,9 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Universität zu Köln Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6406-6
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6406-6 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6406-6 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Großer, Thilo Juni 2002: Die Privatisierung der deutschen Straßen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Betreibermodelle, Straßenverkehr, Maut, Public-Private-partnership
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Diplomarbeit von Thilo Großer
Einleitung:
Auf Deutschlands Straßen bewegt sich immer öfter nichts mehr. Während die Mobilitätswünsche von Bevölkerung und Wirtschaft immer weiter steigen, gehen die öffentlichen Straßeninvestitionen zurück. Die Folge der unterlassenen Investitionen sind chronische und immer längere Staus sowie abnehmende Straßenqualität. Diese seit drei Jahrzehnten sichtbaren Trends lassen angesichts der weiteren Verkehrszunahme im Zuge der EU-Erweiterung das von Verkehrsexperten prognostizierte fatalistische Szenario eines „Verkehrsinfarkts“ innerhalb des nächsten Jahrzehnts als wahrscheinlich erscheinen.
Ziel dieser Arbeit ist es, ein institutionelles Arrangement zu entwerfen, durch das Straßenangebot und -nachfrage in Deutschland zu einem Ausgleich gebracht werden können. Hierzu ist die nutzerfinanzierte Straßenbereitstellung durch private Konsortien von Bauunternehmen, Banken und anderen an langfristigen Anlagemöglichkeiten interessierten Investoren ein viel diskutiertes - und in anderen Ländern längst praktiziertes - Instrument der Verkehrspolitik.
Doch lohnt der genaue Blick auf die bisherigen internationalen und deutschen Erfahrungen mit Privatstraßen und Mautpflichten – er fällt ernüchternd aus (siehe Anhang). Während die Mängel deutscher Betreibermodelle zur Zurückhaltung der Investoren geführt haben, zeigen sich in anderen Ländern andere abschreckende Fehlentwicklungen: Leere Maut-Autobahnen - verstopfte Parallelstraßen, Wiederverstaatlichung, Regulierungsversagen, politische Preissetzung, Vertragsschwierigkeiten sowie Unter- und Fehlinvestitionen.
Zur Erklärung dieser Privatisierungsmängel eignen sich hervorragend die Instrumente der Neuen Institutionenökonomik – sie bilden den theoretischen Kern bei der Analyse der Fehlanreize im staatlichen wie im privaten Straßenmonopol. Bei den zwangsläufig äußerst kapitalintensiven und langfristigen Investitionen des Straßenbaus spielen Risiken durch mögliche opportunistische Verhaltensweisen aller Beteiligten (Investor, Nutzer, Regulierer, Politik) eine bedeutende Rolle. Hinzu kommen vertrags-, wettbewerbs-, regulierungs- und spieltheoretische Aspekte. Nur wenn diese Anreizprobleme in aller Konsequenz berücksichtigt werden, wird eine nutzerfinanzierte Privatisierung ihre klaren theoretischen Vorteile gegenüber der staatlichen Bereitstellung ausspielen können.
Hinter der Forderung nach Straßenbenutzungsgebühren stehen häufig umweltpolitische Motive. Solche Ziele werden hier - obwohl sie teilweise als Nebenprodukt der Staubeseitigung mitproduziert würden - nicht angestrebt. In dieser Arbeit soll die Maut der Straßenfinanzierung dienen. Begründet wird das mit der Annahme, dass auch umweltverträglichere Formen künftigen Individualverkehrs erhebliche private Infrastruktur-Investitionen erfordern werden.
Anders als die meisten wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten zum Thema privater Mautstraßen beschränkt sich diese Arbeit nicht auf die Privatisierung von Teilstrecken oder Teilnetzen wie dem der Autobahnen. Da alle Gebietskörperschaften - vom Bund über die Länder zu den Kommunen - schon lange den Investitionsbedarf nicht befriedigen, werden in diese Arbeit alle deutschen Straßen, also die Bundesfern-, die Landes-, Kreis- und auch die Gemeindestraßen einbezogen. Die Selbstbeschränkung auf Teilstrecken resultierte bislang vor allem aus den exorbitanten Kosten traditioneller Mauterhebungsmethoden, die einen flächendeckenden Gebühreneinzug nicht gestatteten. Durch neue Technologien, wie sie erstmals 2003 bei der Erhebung der LKW-Maut zum Einsatz kommen werden und die auch Datenschutz gewährleisten können, ist diese Vorstellung überholt.
Aus der Analyse der Theorie und den Lehren der Praxis wird ein Privatisierungsmodell für das Straßennetz entwickelt, mit dem die gewaltigen Verkehrszunahmen der Vergangenheit und der Zukunft bewältigt werden könnten. Dabei zeigt sich, dass gerade Deutschland besonders geeignet ist, seine Straßen zu privatisieren und direkt von den Nutzern bezahlen zu lassen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Mobilität als Ausnahmezustand | 5 |
| 2. | Straßen – ein wirtschaftspolitischer Ausnahmebereich? | 7 |
| 2.1 | Kurzer Überblick über den staatlichen Straßenbau | 8 |
| 2.2 | Die üblichen Verdächtigen: Marktversagensgründe | 12 |
| 2.2.1 | Die Straße – ein öffentliches Gut? | 12 |
| 2.2.2 | Das Straßennetz – ein natürliches Monopol? | 13 |
| 2.2.3 | Fahrweg oder Fahrer: Wer verursacht externe Effekte? | 15 |
| 2.2.4 | Sonstige Begründungen für staatlichen Straßenbau | 17 |
| 2.3 | Zwischenfazit zum staatlichen Straßenangebot | 19 |
| 3. | Straßenbereitstellung aus Sicht der Neuen Institutionenökonomik | 20 |
| 3.1 | Die Vorteile der Privatisierung: Theorie der Verfügungsrechte | 21 |
| 3.2 | Die Schwierigkeiten der Privatisierung: Prinzipal-Agent-Theorie | 24 |
| 3.2.1 | Die Beziehung Nutzer-Betreiber | 26 |
| 3.2.1.1 | Unüberwindbare Vertragsprobleme | 26 |
| 3.2.1.2 | Straßenpreise im opportunistischen Spannungsfeld | 28 |
| 3.2.2 | Die Beziehung Betreiber-Regulierungsbehörde | 31 |
| 3.2.2.1 | Regulierung – kein Ersatz für Wettbewerb | 32 |
| 3.2.2.2 | Regulierung – eine Voraussetzung für Wettbewerb | 34 |
| 3.2.2.3 | Der Opportunismus vor und nach Ausschreibungen | 35 |
| 3.2.2.4 | Die horizontale Aufspaltung – eine neue Marktstruktur | 38 |
| 3.2.3 | Die Beziehung Nutzer-Regulierungsbehörde | 41 |
| 3.3 | Die Grenzen des Tauschs: Transaktionskostentheorie | 42 |
| 3.3.1 | Kosten der Suche und Information | 43 |
| 3.3.2 | Kosten der Verhandlung und Entscheidung | 45 |
| 3.3.3 | Kosten der Kontrolle und des Ausschlusses | 47 |
| 3.4 | Zwischenfazit der institutionenökonomischen Analyse | 47 |
| 4. | Ein Privatisierungsmodell für die deutschen Straßen | 48 |
| 4.1 | Die institutionelle Grundordnung | 49 |
| 4.2 | Die Aufspaltung des deutschen Straßennetzes | 50 |
| 4.3 | Kalkulierbare Einnahmen für die Betreiber | 52 |
| 4.4 | Verkehrsaufkommen: ausreichend | 54 |
| 4.5 | Verkehrsaufkommen: nicht ausreichend | 55 |
| 4.6 | Die Preisfrage | 57 |
| 4.7 | Die Berücksichtigung des Netzzusammenhangs | 59 |
| 4.8 | Die Schwäche der intermodalen Wettbewerber | 62 |
| 4.9 | Die Frage der Nutzerakzeptanz | 63 |
| 5. | Fazit | 65 |
| Literaturverzeichnis | 91 |
Sämtliche Problemfelder aus Kapitel 3 sind in der internationalen Praxis aufgetreten (Anh. II). Das Angebotsmonopol wird in keinem Land ausreichend durch vorvertraglichen Wettbewerb geschwächt, weshalb die Mauttarife strenger staatlicher Regulierung unterliegen (Berger 1996, S. 22). In allen Ländern gilt die vertraglich vereinbarte Preisregel, dass die Maut die vollen Kosten decken soll aber in der Praxis wird dieses Prinzip nachvertraglich häufig verletzt. Die Preisanpassung wird mit signifikanter Regelmäßigkeit politischen Interessen unterworfen. Selbst die vertragliche Zusicherung der Preisanpassungsmodalitäten bietet keinerlei Schutz vor opportunistischem Politiker- und Reguliererverhalten. Zwangsläufig führte diese Missachtung der betriebswirtschaftlichen Konsequenzen zur Verstaatlichung der meisten der ursprünglich privaten Straßengesellschaften. Die Liste der politischen Motive zur Vertragsverletzung ist lang157 . Häufig wird die kostenorientierte Preisregel ausgehebelt, um eine - meist erst nach privatem Netzaufbau verordnete - gleichmäßige Gebührenhöhe im Land zu erreichen. Dazu wird ein Finanzausgleich zwischen defizitären und rentablen Betreibern praktiziert, der keine Anreize zum Effizienzstreben setzt. Nirgendwo ist eine Nutzerfinanzierung aller Straßen zu finden - sie beschränkt sich auf Autobahnen, Brücken und Tunnel. Die damit verbundenen Ausweicheffekte auf das nachgelagerte Straßennetz wären theoretisch nach Ewers (1995, S. 28) nicht allzu stark, da Betreiber die Verkehrsverlagerung in ihr Preiskalkül einbeziehen würden, um möglichst viele Nutzer zu halten. Wie die Praxis aber zeigt, ist die Ausweichtendenz erheblich. In der Mischung aus mautpflichtigen und -freien Straßen ist eine hohe Nutzerneigung zu beobachten, aufs kostenlose Netz auszuweichen. Die Kombination Nicht-Maut und Zeitverlust wird von vielen Nutzern präferiert. Aus Unsicherheit über das Ausmaß dieses Effekts bergen Betreiber157 [...]
3.3.3 Kosten der Kontrolle und des Ausschlusses Nach Vertragsabschluss fallen Kosten zur Überwachung und Durchsetzung155 der Vertragsbestandteile an. Dies wurde bereits unter 3.2 ausführlich berücksichtigt. Für ein nutzerfinanziertes Straßensystem von herausragender Bedeutung sind natürlich die hohen Kosten der Anwendung des Ausschlussprinzips. Bei den bisherigen Erhebungstechniken liegen die Transaktionskosten der Ausschlusskontrolle zwischen 10 und 50 Prozent der gesamten Mauteinnahmen (Scheele 1993b, S. 157). Beim Betreiber mindern die Investitions- und Betriebskosten des Gebührenerhebungssystems die Produzentenrente, beim Nutzer verringern Zeitverluste an Mautstationen oder die Investitionskosten für elektronische bordgestützte Geräte die Konsumentenrente. Um den Wohlfahrtsverlust zu minimieren, sind die Kosten beider Seiten zu verringern (Kapitel 4. und Anhang III). [...]
Bei Netzaufbau bzw. -erweiterung können sich aufgrund von großen Opportunismusgefahren auch zwischen verschiedenen Betreibern prohibitiv hohe Transaktionskosten ergeben. Wenn ein Betreiber bereits mit dem Bau begonnen hat, können solche anderen Betreiber, die Schnittstellen oder Anschlusstraßen zur Anbindung seiner Strecke an ihr Netz errichten sollen und dies vertraglich zugesichert haben, der Versuchung nachgeben, bessere Vertragsbedingungen durchzusetzen (Bickenbach 1999, S. 14ff.). Dieses Problem existiert auch zwischen Etabliertem und Marktneuling, wenn der neue Marktteilnehmer auf den Anschluss ans bestehende Netz angewiesen ist. Zur Lösung muss der Regulierer Netzzusammenschaltungsvereinbarungen durchsetzen oder eine Integration der Unternehmen zulassen. Es ist aber nicht anzunehmen, dass Regulierungsnotwen149 150 [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832464066
Arbeit zitieren:
Großer, Thilo Juni 2002: Die Privatisierung der deutschen Straßen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Betreibermodelle, Straßenverkehr, Maut, Public-Private-partnership



