Prävention gegen Gewaltformen in der Fußballfanszene
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Marcus Brauer
- Abgabedatum: August 2009
- Umfang: 60 Seiten
- Dateigröße: 323,2 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Dortmund Deutschland
- Bibliografie: ca. 80
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4955-1
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Brauer, Marcus August 2009: Prävention gegen Gewaltformen in der Fußballfanszene, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Fußball, Fans, Hooligans, Ultras, Gewaltprävention
28,00 €
PDF-eBook Download: 28,00 €
Diplomarbeit von Marcus Brauer
Einleitung:
Schon zu Beginn des Studiums der Angewandten Sozialwissenschaften machte ich mir Gedanken, welches Thema am geeignetesten für meine Diplomarbeit wäre. Letztlich lag es doch ziemlich nah. Bereits seit meinem neunten Lebensjahr bin ich ein großer Fußballfan und verfolge die Spiele meines Vereins und der Nationalelf, sowohl im TV als auch im Stadion. Im Sommer 2008 erhielt ich die Möglichkeit, in einem freiwilligen fünfwöchigen Praktikum im Schalker Fanprojekt die Praxis der Fansozialarbeit kennen zu lernen. Außerdem geprägt durch meine ehrenamtliche Tätigkeit als Jugendbetreuer in meinem Heimatverein SVA Bockum-Hövel und nicht zuletzt durch die Teilnahme am Handlungsfeld der Fachhochschule Dortmund ‘Rechtsextremismus im Dortmunder Fußballsport’ im Wintersemester 2008/09, geleitet von Frau Prof. Marianne Kosmann und Herrn Dr. Harald Rüßler, die sich freundlicherweise dazu bereit erklärten, diese Arbeit zu betreuen, wurde klar, dass ein Thema über Fußball und Fußballfans für mich am besten geeignet ist. So entstand dieses Thema ‘Prävention gegen Gewaltformen in der Fußballfanszene’. Als Fan und Mitglied des FC Schalke 04 möge man es mir nachsehen, dass ich während meiner Recherchen sehr viele Informationen von und über diesen Verein bezogen habe, was mich allerdings nicht daran hinderte, objektiv und kritisch damit umzugehen. Aus meinem persönlichen Denken als Fan heraus entstand die Ausgangsthese dieser Arbeit, die wie folgt lautet: Fans möchten von ihrem Verein respektiert werden und das Gefühl haben, dazuzugehören, und zwar als kleiner, aber nicht unwichtiger Teil des Ganzen. Ist das der Fall, kann man schon viel Gewaltpotenzial im Vorfeld verringern.
So beschreibe ich die Anfänge des Fußballspiels bis zu seiner heutigen Popularität mit Entwicklung seiner Zuschauer- und Fanszene, die Formen der Gewalt, die im Kontext von Fußballveranstaltungen auftauchen und was sie für eine Bedeutung für deren Veranstalter und für die Sozialarbeit haben. Bereits bestehende Konzepte und Präventionsinhalte zur Vermeidung von Gewalt werden betrachtet und anhand der herausgearbeiteten Erkenntnisse kritisch durchleuchtet sowie Ideen zur möglichen Verbesserung angesprochen. Dabei lege ich meine Aufmerksamkeit ausschließlich auf das Fußballgeschehen in Deutschland.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 5 |
| 2. | Entstehung des Fußballsports | 5 |
| 2.1 | Die ersten Vereine in Deutschland | 6 |
| 3. | Fußball als Zuschauersport | 8 |
| 3.1 | Verhältnis der Zuschauer zu ihrem Verein vor Gründung der Bundesliga | 11 |
| 3.2 | Quantitative Zuschauerentwicklung in der Bundesliga | 12 |
| 3.3 | Verhältnis der Zuschauer zu ihrem Verein in der Bundesliga | 14 |
| 3.4 | Gründung von Fanclubs | 15 |
| 3.5 | Merchandising | 15 |
| 4. | Fans und Gewalt | 16 |
| 4.1 | Der Begriff Gewalt | 16 |
| 4.2 | Erklärungsansätze für Gewalt bei Fußballspielen | 18 |
| 4.3 | Hooligans | 21 |
| 4.3.1 | Bedeutung der Hooligans heute | 24 |
| 4.4 | Ultras | 26 |
| 4.5 | Gemeinsamkeiten zwischen Hooligans und Ultras | 30 |
| 4.6 | Rechtsextremistische Tendenzen im Stadion | 33 |
| 5. | Soziale Arbeit mit Fußballfans | 36 |
| 5.1 | Fanprojekte | 37 |
| 5.1.1 | Aufgaben und Tätigkeiten der Fanprojekte | 38 |
| 5.1.2 | Möglichkeiten zur Verbesserung | 41 |
| 5.1.2.1 | Finanzierung | 41 |
| 5.1.2.2 | Weitere Gedanken zur Optimierung der Fanprojektarbeit | 42 |
| 5.2 | Profivereine | 44 |
| 5.2.1 | Stadionverbote | 44 |
| 5.2.2 | Fanbeauftragter | 45 |
| 5.2.3 | Soziales Engagement | 47 |
| 5.2.4 | Kids-Clubs | 49 |
| 5.2.5 | Jugendabteilungen | 50 |
| 5.3 | Amateurvereine | 53 |
| 5.4 | Datei Gewalttäter Sport / Polizeieinsätze | 55 |
| 6. | Abschlussbeurteilung | 56 |
| Quellen | 58 |
Textprobe:
Kapitel 4.2, Erklärungsansätze für Gewalt bei Fußballspielen:
Wie bereits erwähnt, kam es bereits zur Zeit der Weimarer Republik zu gewalttätigen Handlungen unter den Zuschauern. Ursache hierfür waren überfüllte Stadien und Sportplätze, da es seitens der Organisatoren noch keine Konzepte gab, die die Sicherheit der Spielbesucher gewährleisten konnten. Polizei- und Ordnungskräfte waren entweder gar nicht oder nur unzureichend vorhanden. Zudem pflegten die Spieler auf dem Platz oft eine sehr harte Spielweise und auch unter ihnen kam es hin und wieder zu Schlägereien, die sich auf die Zuschauerränge übertrugen, wo sich ihrerseits Rivalitäten zum Gegner bildeten. Bereits damals wurde den Organisatoren und Funktionären klar, dass ‘die Erziehung des Publikums’ eine nicht leichte, aber sehr bedeutungsvolle Aufgabe sein wird.
Die Gründe, warum einige Fans gewalttätige Handlungen vollziehen, sind sicher vielschichtig. Meistens äußert sich Gewalt unter Fans beim Aufeinandertreffen zweier rivalisierender Fangruppierungen, meist im verbalen Niedermachen des Gegners, aber auch in körperlichen Auseinandersetzungen. Meist handelt es sich hierbei um die Fans direkter Nachbarvereine. Feindschaften zwischen ihnen haben sich häufig in einer langen Tradition entwickelt. Hans Joachim Schulz nennt das Sensation-Seeking-Motiv sowie das Affiliations-Motiv, die ich bereits als Gründe für den Besuch von Fußballspielen angeführt habe, auch als Gründe für den Übergang zur Gewalt.
Beim Sensation Seeking begründet er das mit dem erhöhten emotionalen Erleben und dem Streben nach Action der Jugendlichen und Fans im Stadion, was zu einer Minderung der Hemmschwelle führt und im Extremfall für ein Ausleben von Aggressionen und Gewalt sorgen kann, die wiederum von den Akteuren als positiv und spannend wahrgenommen werden.
Im Rahmen des Affiliations-Motivs, also dem Streben nach Anerkennung innerhalb der Fangruppierung, kann es ebenso dazu kommen. Sollte innerhalb seiner Fangruppe der Einsatz von Gewalt eine Regel oder eine gruppeninterne Norm in der Auseinandersetzung mit gegnerischen Fans darstellt, wird der Fan davon wahrscheinlich Gebrauch machen, um gegenüber seiner Fangruppe loyal zu handeln und dazu beizutragen, sie gegenüber dem Gegner so positiv erscheinen zu lassen wie möglich, um auf diesem Weg Anerkennung von seinen Kollegen zu erfahren und einen positiven Status innerhalb der Gruppe zu erreichen, auch wenn Gewalt in unserer Gesellschaft nicht erwünscht ist und negativ sanktioniert wird mit Hilfe des StGB, auf das ich in Kapitel 4.1 eingegangen bin. Die gruppeninternen Normen und Regeln reichen in diesem Fall zur Rechtfertigung und stehen im Empfinden über den Regeln und Gesetzen, die allgemeingültig sind.
In diesem Kontext könnten sogar Vereinsmannschaften aus der Bundesliga oder sogar auch Vereine, in denen die betroffenen Fans selbst aktiv spielen, eine negative Vorbildfunktion erfüllen, so absurd es im ersten Moment klingen mag. Aber im Streben nach dem Mannschaftserfolg und nach Siegen wird der Einsatz von Aggressionen und die Verletzung der Spielregeln oft als legitim dargestellt und sogar als taktische Maßnahme akzeptiert. Ein Zitat des ehemaligen Nationalspielers Paul Breitner macht dies deutlich:
‘Ich behaupte: wir müssen den Jugendlichen lehren, foul zu spielen! Das klingt vielleicht brutal, aber was hilft es, ständig um den heißen Brei herumzureden ... Denn eines ist klar, und das gilt für Schüler genauso wie für Bundesligaspieler: bevor ich dem Gegner erlaube, ein Tor zu schießen, muß ich ihn mit allen Mitteln daran hindern – und wenn ich das nicht mit fairen Mitteln tun kann, dann muß ich es eben mit einem Foul tun. Lieber ein Freistoß als ein Tor. Wer das nicht offen zugibt, der lügt sich was vor – oder er ist kein Fußballer.’ Erstaunlicherweise kam bei Schulz’ Forschungen weiterhin heraus, dass Niederlagen der jeweiligen unterstützten Mannschaft nicht zu einer höheren Gewaltbereitschaft bei den Fans führen, die in diesem Fall Enttäuschung und Frustration erleben. Dies möchte ich aufgrund eigener erfahrener Erlebnisse bei Besuchen von Fußballspielen, in denen einige Fans nach Niederlagen ihrer Mannschaft durchaus sensibler auf provokative und hämische Kommentare von gegnerischen Anhängern reagierten, hinterfragen. Diese von mir gemachten Beobachtungen decken sich mit der Theorie von Leonard Berkowitz aus dem Jahr 1962, die davon ausgeht, dass das Erleben von Frustration die Emotionen Wut und Ärger nach sich ziehen. Der Erziehungswissenschaftler und Sportpädagoge Meinhart Volkamer schlägt in die gleiche Kerbe: ‘Je mehr ein sportliches Ereignis bei hoher Identifikation mit den Akteuren als wichtiges und ernstes Ereignis erlebt wird, desto eher wird der Gegner auch als echter Feind, eine Niederlage als ernsthafte persönliche Frustration erlebt, was dann zu tatsächlichen Ausschreitungen seitens der Zuschauer bei einer Niederlage ihrer Mannschaft führt.’ Schulz erwähnt dies zwar, widerlegt es aber mit seinen Forschungsergebnissen. Allerdings spricht auch Gunter A. Pilz von Provokationen wie ‘Häme der gegnerischen Fans nach einer Niederlage’, die zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führen können, ‘indem man mit den Fäusten die eigene und die Ehre des Vereins wieder herzustellen versucht!’ In diesem Kontext möchte ich den Ansatz des Soziologen Norbert Elias, der 1939 sein Werk ‘Über den Prozess der Zivilisation’ veröffentlichte, anführen. Er beschreibt, dass mit der Zivilisierung der Gesellschaft, also der zunehmenden Durchsetzung heutiger Normen und Regeln und der vorherrschenden Rationalität, die unser Zusammenleben bestimmen, gleichzeitig Affektäußerungen, Emotionshandlungen und eben Gewalttätigkeiten zurückgedrängt haben. Fußballfans im Stadion wollen genau das ausleben, eben spontane Gefühle äußern wie Jubeln, Brüllen, Schimpfen und Singen. Diese Handlungen dürfen im Stadion vollzogen werden ohne mit Sanktionen rechnen zu müssen, sie gehören zum Alltag in Fußballstadien. Gewalthandlungen sind nicht erwünscht, jedoch trifft diese Theorie auch auf sie zu. ‘Die ganze Woche muss man die Schnauze halten, zu Hause keinen Ton riskieren, im Betrieb darfste nichts sagen, dafür geben wir am Wochenende so richtig die Sau ab.’, so ein überliefertes Zitat eines Fußballfans, das dies auf den Punkt bringt. Bill Buford empfand es in seiner teilnehmenden Hooligan-Beobachtung ähnlich: ‘Augenscheinlich war die Gewalttätigkeit eine Art Protest. So gäbe es Sinn: Fußballspiele dienten als Ventil für heftige Frustrationen.’ Der Konsum von Alkohol, der in vielen Fällen enthemmend wirkt, tut sein Übriges hinzu. So zählt das Bier für den Fan, wenn man sich in den Stadien umsieht und sich umhört in persönlichen Gesprächen mit ihnen, fast schon zum guten Ton, um sich ein Spiel anzuschauen.
Diese Ansätze sollen etwas verdeutlichen, aus welchen Gründen es überhaupt zu Auseinandersetzungen zwischen Fußballfans kommen kann. Sie sind heterogener Natur und haben unterschiedliche Ursachen. Es ist kein neues Problem der letzten zwanzig oder dreißig Jahre und es ist nicht ausschließlich ein Phänomen der Hooligans, auf die ich im folgenden Kapitel genauer eingehen werde. Diese Szene hat sich mit all ihrer extremen Gewaltauslebung erst aus den normalen Fans und den Kuttenträgern entwickelt. Gewalt unter Fußballzuschauern gibt es schon, so lange dieser Sport existiert.
Die Polizei hat daher in einer Arbeitsgemeinschaft ‘Fußball und Gewalt’ Fußballfans bereits seit 1991 in drei Kategorien eingeteilt:
Kategorie A: der friedliche ‘Fan’.
Kategorie B: der gewaltbereite/-geneigte ‘Fan’.
Kategorie C: der gewaltsuchende ‘Fan’.
Mit Hilfe dieser Kategorien führt die Polizei die ‘Datei Gewalttäter Sport’, in der alle Personen gespeichert sind, die im Rahmen von Sportveranstaltungen in irgend einer Form gewalttätig auffällig geworden sind und auch Personen, bei denen ein solcher Verdacht besteht. Sie wird in der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) geführt und soll der Polizei helfen, gezielter gegen Gewalttäter vorgehen zu können.
28,00 €
PDF-eBook Download: 28,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836649551
Arbeit zitieren:
Brauer, Marcus August 2009: Prävention gegen Gewaltformen in der Fußballfanszene, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Fußball, Fans, Hooligans, Ultras, Gewaltprävention



