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Pränatale Psychologie und Gewalt

Gattungsimmanente Gewalt-Prädisposition beim Menschen

Pränatale Psychologie und Gewalt
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Andreas Zöller
  • Abgabedatum: Juli 1997
  • Umfang: 122 Seiten
  • Dateigröße: 523,0 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-5075-5
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-5075-5 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-5075-5 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Zöller, Andreas Juli 1997: Pränatale Psychologie und Gewalt, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Gewalt, Geburt, Tragling Mensch, Sozialisation

Diplomarbeit von Andreas Zöller

Einleitung:

Die augenscheinlich medizinisch grenzwertige Geburtsmechanik beim Menschen und die schon pränatal entwickelte Lern- und Erlebensfähigkeiten lassen mögliche Rückschlüsse zu auf eine unvermeidliche Gewalt-Prädisposition beim Menschen. Diese ergibt sich aus dem, in dieser Form evolutiv herausgebildetem Geburtsakt, der sich gewaltvoll ereignet. Verschiedene Kräfte drängen beim Menschen in entgegengesetzte Richtungen. Das wachsende Gehirn bewirkte einen vergrößerten Schädel, der aufrechte Gang erforderte hingegen physiologische Stabilisierungsmaßnahmen im Beckenbereich. Das verstärkte Becken büßte Flexibilität ein, die benötigt würde um den großen Schädel passieren zu lassen. Diese Situation wird durch die Verformbarkeit des kindlichen Schädels teilweise kompensiert. Die per Evolution in Kauf genommene „Massenverschiebung” des kindlichen Hirns und die Verletzungsgefahr deuten auf eine Unvermeidbarkeit hin.

Verstehen wir den menschlichen Geburtsakt als eine junge Erscheinung, wird die fehlende Ausgewogenheit plausibel. Die Gesamtsituation erklärt die Gewaltsamkeit des Geburtsaktes beim Menschen. Eine Prädisposition zu Gewalt wird vermittelt. Hier handelt es sich um einen Sozialisationseffekt, der mit parallel herausgebildeten Ausgleichsmechanismen relativiert werden kann. Dies ist ein überlebensnotwendig gewordenes Eingebettetsein in eine Gemeinschaft von „Artgenossen”, die die Versorgung und Betreuung übernehmen. Vollzieht sich die Betreuung des Säuglings „artgerecht”, d.h. wird seinen tatsächlichen Bedürfnissen entsprochen, so kann ein gewaltvolles Geburtsereignis integriert werden. Hierin liegen die Möglichkeiten zur Relativierung der Gewalt-Prädisposition.

Inhaltsverzeichnis:

Einführung 1
Erkenntnisinteresse 1
Vorgeschichte/Motivation 4
Pränatale Psychologie 7
Aufbau 10
1. Gattungsimmanente Prädisposition zu Gewalt beim Menschen. Ätiologische Aspekte 12
1.1 Ontogenetische Vorbedingungen 12
1.1.1 Die plazentale Viviparität 13
1.1.2 Evolutiv bedeutsame Fortpflanzungserscheinungen 15
1.2 Der Mensch: ontogenetische Besonderheiten 17
1.2.1 Evolutionsbedingte Geburtsproblematik 20
1.3 Gewaltätiologie 26
1.3.1 Gewaltpotential per Geburt 28
2. Der Mensch als soziales Wesen: ein gattungsspezifisches Charakteristikum 32
2.1 Verschiedene Erlebensphasender Pränatallebenszeit 39
2.1.1 Letztes Drittel der Uterinzeit: Charakteristika 46
2.2 Die Geburt: gewaltvoller Daseinswechsel 48
2.2.1 Die Geburt als zweiter Start ins Leben 53
2.3 „Sozialer Uterus“ und Frühgeburtlichkeit 54
2.4 Frustration sozialer Erwartungen 57
2.5 Fallbeispiele 62
3. Artgerechte prä-, peri und frühe postnatale Lebenszeit beim Menschen 71
3.1 Disstress während der Pränatallebenszeit: Auswirkungen 78
3.2 Bedeutung der Perinatallebenszeit 85
3.3 Frühe Postnatallebenszeit 89
4. Die Erziehungswissenschaften und die prä- und perinatale Psychologie 94
4.1 Bedeutung für die Erziehungswissenschaften 98
4.2 Abschließende Betrachtung 106
Literaturverzeichnis 109

Automatisiert erstellter Textauszug:

Aus der therapeutische Situation ist bekannt: wird eine Frustration in einen Bezugsrahmen gebettet, so kann der Patient sie relativieren, weil er sich orientieren und die Frustration einordnen kann. Wir müssen beim ungeborenen Kind von kreatürlichen Erwartungen sprechen, die sich in einem frühen Entwicklungsstadium auf günstige Wachstumsbedingungen beziehen. Also das körperliche Milieu ist gemeint, die stofflichen Gegebenheiten im Uterus, die Nahrungsqualität, die Stoffwechselsituation. Doch ebenso können wir eine kreatürliche Erwartung an das innere Zugewandt-Sein der Mutter annehmen. Die Verquickung und Interdependenz liegt in der Verknüpfung von Psyche und Soma, verstanden als eine untrennbare und sich wechselseitig bedingende Dual -Union. Gedanklich sind wir zunächst auf der zellulären Ebene. Je nach biochemischer Zusammensetzung des Milieus und des Entwicklungsstadiums des Kindes können wir von förderlichen oder hemmenden Milieuzuständen ausgehen. Eventuelle Fehlentwicklungen oder Entwicklungsretardierungen wären die Folgen aus einer nicht ermöglichten, doch stammesgeschichtlich geplanten Entwicklung. Der Begriff Frustration kann hier nicht als psychische, sondern als somatische verstanden werden. Für das Kind nach der Geburt - bei der sein Allmachtslebensgefühl durch die Gewaltsamkeit der es ausgeliefert ist stark frustriert wird - ergibt die [...]

stammesgeschichtlichen Entwicklungskontinuität. Das Kind vollendet im ersten nachgeburtlichen Lebensjahr eine Vielzahl von Entwicklungsschritten, die es durch die evolutionsbiologisch bedingt frühe Geburt außerhalb des Uterus vollziehen muß. Besteht nun die Notwendigkeit eine im Uterus nicht vollendete Entwicklung zum Abschluß zu bringen, so drängt sich mir der Gedanke auf, daß dies auch in einer, der uterinen gleichenden Situation geschehen sollte. Wird also die extra-uterine Situation der uterinen nachempfunden, so scheint eine Entwicklungskontinuität gesichert. Störende und entwicklungshemmende Veränderungen werden vermieden. Der Säugling kann sich der Gemeinschaft anvertrauen, erfährt die nötige Sicherheit, um seine Entwicklungen abzuschließen und um schließlich, gegen Ende des ersten Lebensjahres, die neue Welt auf eigenen Füßen zu erkunden. Mit der Fähigkeit selbst zu laufen verringert sich kontinuierlich das Bedürfnis des Kindes getragen zu werden, bis es diese Form der Fortbewegung mehr und mehr ablehnt. [...]

56 Gehirn ebensowenig problematisch wirken, wie der aufrechte Gang für eine Gattung mit kleinem Gehirn. Doch beide Faktoren zusammengenommen ergeben eine einzigartige Geburtsproblematik. Das vergrößerte Gehirn hätte ein vergrößertes, oder elastisches Becken erfordert. Wohingegen der aufrechte Gang ein stabiles Becken und eine Krümmung der Lendenwirbelsäule als Stabilisierungsmaßnahmen erfordert. Das Ergebnis dieser Verbindung widerstrebender Kräfte ist eine als pathologisch zu bezeichnende Geburtsmechanik (Müller, 1991, S. 6 ff.). Der vergrößerte Kopf muß sich nun durch ein starres Becken bewegen und sich um die Lendenwirbelsäule winden. Die Größe des Kopfes verursacht das Sprengen der Fruchtblase, die beispielsweise den Menschenaffen, da sie intakt bleibt, als Schutz gegen zu starke Belastungen am Kopf dient. Daß es sich bei diesen Geburtvorgängen beim Menschen um unausgereifte Improvisation handelt läßt sich daran erkennen, daß der Kopf als Geburtsinstrument dient, das verformbar bleibt, um den Geburtskanal zu passieren. Ein so empfindliches Organ wie das Gehirn wird also großen Belastungen und der Gefahr einer ernsthaften Verletzung ausgesetzt, um die Geburt zu ermöglichen. Dieses Risiko wird also per Evolution eingegangen. Das läßt den Schluß zu, daß es sich um eine absolute Unvermeidbarkeit handelt. Außerdem bewirkte das überproportional große Gehirn die Notwendigkeit, die Geburt zeitlich vorzuverlegen. Das Reifestadium, das andere Säuger bei der Geburt zeigen, erreicht der Mensch etwa mit Vollendung des ersten Lebensjahres. Bis zu diesem Zeitpunkt benötigt der menschliche Säugling umfangreiche Betreuung durch seine Artgenossen. Dies sollte sich in einem „sozialen Uterus“ (Portmann, 1962, S. 292) ereignen, der erlaubt, die unterbrochene uterine Entwicklung zu vollenden. [...]

Arbeit zitieren:
Zöller, Andreas Juli 1997: Pränatale Psychologie und Gewalt, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gewalt, Geburt, Tragling Mensch, Sozialisation

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