Politische Stabilität in Pakistan
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Pierre Hecker
- Abgabedatum: Januar 2001
- Umfang: 150 Seiten
- Dateigröße: 681,8 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-4571-3
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-4571-3 P - ISBN (CD) :978-3-8324-4571-3 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Hecker, Pierre Januar 2001: Politische Stabilität in Pakistan, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Internationatle Politik, politische Stabilität, Pakistan, Ethnizität, Integration
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Magisterarbeit von Pierre Hecker
Einleitung:
Die vorliegende Arbeit legt bewußt Wert auf die Ausarbeitung theoretisch-konzeptioneller Entwürfe, die einer Untersuchung des pakistanischen Geschehens geeignete Analysekategorien in die Hand geben sollen. Der in etwa gleichwertigen Gewichtung von Theorie und Empirie ging die Überlegung einer möglichst engen Verknüpfung beider Bereiche voraus. Dieser Anspruch - soviel sei im Voraus gesagt - konnte nur zum Teil erfüllt werden. Besonders im empirischen Teil der Untersuchung bereitete die mangelnde Verläßlichkeit und Zugänglichkeit des Datenmaterials besagtem Anspruch ein vorzeitiges Ende. Die von offizieller Seite erhobenen statistischen Daten sind oft von zweifelhafter Qualität, beruhen auf Schätzungen oder sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich (z.B. Angaben über konfessionelle und ethno-linguistische Gruppen). Aus diesem Grund haben Statistiken in Pakistan nur wenig zu bedeuten und erlauben keine verläßlichen Aussagen über die Realität. Die Aussagen zur aktuellen politischen Situation in Pakistan basieren größtenteils auf der Analyse von Berichten aus englischsprachigen pakistanischen Zeitungen, bzw. Nachrichtenmagazinen (Dawn, The Herald, Newsline) und offiziell von der pakistanischen Regierung veröffentlichten Dokumenten (Verfassung, Notstandsverordnung etc.).
Gang der Untersuchung:
Die Untersuchung beginnt zunächst mit der Formulierung einer allgemeinen Fragestellung, die nach der Erörterung des Stabilitätsbegriffes im Rahmen eines wissenschaftlichen Exkurses und der Ausarbeitung einer geeigneten Arbeitsdefinition weiter konkretisiert wird. Am Ende des zweiten Kapitels erfolgt deshalb eine Transformation der Fragestellung in Hinblick auf die Definition politischer Stabilität.
Auf der Grundlage von Kapitel 2, strebt das dritte Kapitel nach einer Operationalisierung der Fragestellung, mittels einer Suche nach systembezogenen Integrationskonzepten. Die Untersuchung orientiert sich hierbei an Talcott Parsons Ansatz einer strukturell-funktionalistischen Integrationstheorie. In diesem Sinne erfolgt eine strukturelle Differenzierung des politischen Systems und eine Identifikation der stabilitätsrelevanten Systemkomponenten. Ferner wird der Einfluß von Konflikten auf die Integrationskraft bzw. Stabilität politischer Systeme diskutiert.
Kapitel 4 versucht die Konstruktion eines Modells, welches das Funktionieren staatlicher Integrationsmechanismen und die Fundamente politischer Stabilität offenlegt.
Kapitel 5 setzt sich mit den Konzeptionen von Nationalismus, Ethnizität und Staat auseinander. Diese konzeptionellen Überlegungen sind nötig, da sich die politische Integration und Staatsgründung Pakistans über die ideologische Konzeption eines islamischen Nationalismus vollzieht. Das Phänomen der Ethnizität wird auf seine desintegrative Wirkung überprüft.
In Kapitel 6 schließt sich eine kritische Auseinandersetzung mit dem pakistanischen Nationalismus an.
Kapitel 7 widmet sich der Thematik von Zentralisierung und Homogenisierung von Staat und Gesellschaft in Pakistan. Beide Prozesse dienen dem modernen Nationalstaat als grundlegende Integrationsstrategien.
Das achte Kapitel beschäftigt sich mit einem Vergleich der islamischen politischen Theorie und dem Konzept des modernen Nationalstaates. Hierbei soll die Vereinbarkeit von nationalistischer und islamischer Ideologie überprüft werden. Innerhalb dieses Kapitels ist die Frage von Bedeutung, ob der islamische Nationalismus Pakistans stark genug ist, ein ethnisch heterogenes Staatsvolk zu integrieren.
Das folgende Kapitel baut auf den Ergebnissen von Kapitel 8 auf und untersucht die aus der islamischen Ideologie Pakistans erwachsenden Integrationsprobleme nichtmuslimischer Minderheiten. Die Aussagekraft dieses Kapitels stützt sich im wesentlichen auf Belege aus der pakistanischen Verfassung.
Kapitel 10 befaßt sich mit der Bedeutung von Ethnizität für das pakistanische politische System und der ethnischen Struktur der Gesellschaft.
Unter direktem Bezug auf Kapitel 3 analysiert Kapitel 11 die machtstrukturelle Differenzierung innerhalb des pakistanischen politischen Systems. Ziel ist eine Identifikation der stabilitätsrelevanten Systemkomponenten.
Das letzte Kapitel dieser Arbeit versucht den direkten Bezug zur aktuellen politischen Lage Pakistans herzustellen und untersucht jene von General Pervez Musharrafs Regierung anvisierten Integrations- und Legitimationsstrategien zur Wiederherstellung politischer Stabilität. Die Analyse orientiert sich an dem in Kapitel 4 konstruierten Modell zur Erklärung politischer Stabilität.
Inhaltsverzeichnis:
| Fußnoten und Quellenbelege | v | |
| Umschrift | v | |
| Abkürzungsverzeichnis | vi | |
| Tabellenverzeichnis | vi | |
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.1 | Anlaß der Untersuchung | 1 |
| 1.2 | Vorbemerkung zur Methodik und Gliederung | 3 |
| 2. | Zielsetzung und Fragestellung | 6 |
| 2.1 | Fragestellung | 6 |
| 2.2 | Was bedeutet Stabilität? - Ein Exkurs | 6 |
| 2.3 | Ergebnisse des Exkurses - Erkenntnisse und Präferenzen | 13 |
| 2.4 | Definition politischer Stabilität | 14 |
| 2.5 | Transformation der zentralen Fragestellung in Hinblick auf die Definition politischer Stabilität | 15 |
| 3. | Operationalisierung der Fragestellung: Suche nach Integrationskonzepten | 16 |
| 3.1 | Stabilitätsrelevante Systemkomponenten | 16 |
| 3.1.1 | Staatliche Institutionenstruktur | 16 |
| 3.1.2 | Sozialstruktur | 16 |
| 3.2 | Integration sozialer Systeme | 17 |
| 3.3 | Dialektik integrativer Prozesse | 19 |
| 3.4 | Integration, Strukturveränderung und Konflikt | 19 |
| 3.5 | Konfliktstrukturen | 21 |
| 4. | Konstruktion eines Modells zur Erklärung von Integration und Stabilität | 24 |
| 4.1 | Legitimität | 25 |
| 4.2 | Loyalität | 26 |
| 4.3 | Vertrauen | 29 |
| 4.4 | Stabilität und Sicherheit | 31 |
| 4.4.1 | Systeme sozialer Sicherheit | 31 |
| 4.4.2 | Differenzierung des Sicherheitsbegriffes: Ontologische Sicherheit und physische Sicherheit | 32 |
| 4.5 | Integrationsstrategien und Integrationseffekte | 35 |
| 5. | Nationalismus, Ethnizität und Staat | 36 |
| 5.1 | Nationalismus - fundamentales Integrationskonzept des modernen Staates? | 36 |
| 5.1.1 | Klassische Konzepte nationaler Integration: Kulturnation und Staatsnation | 38 |
| 5.1.2 | Nation und Fiktion | 39 |
| 5.2 | Ethnizität - treibender Motor desintegrativer Prozesse? | 40 |
| 5.2.1 | Der Begriff der Ethnizität | 41 |
| 5.2.2 | Ethnizität, nationalstaatliche Integration und das Problem der kollektiven Selbstbestimmung | 42 |
| 5.2.3 | Vielvölkerstaaten und die Problematik nationaler Homogenisierung | 44 |
| 5.2.4 | Kulturvergleich und Ethnozentrismus | 45 |
| 6. | Der pakistanische Nationalismus | 46 |
| 6.1 | Die Entstehung der nationalen Idee | 46 |
| 6.2 | Das Versagen nationaler Integration - eine kritische Auseinandersetzung mit Jinnahs theory of two nations | 50 |
| 6.3 | Konstruktion einer pakistanischen Nationalgeschichte | 54 |
| 7. | Zentralisierung und Homogenisierung von Staat und Gesellschaft | 55 |
| 7.1 | Die Politik der Zentralisierung staatlicher Herrschaftsgewalt | 55 |
| 7.2 | Die Politik der kulturellen Homogenisierung des Staatsvolkes und der Versuch der Schaffung einer gemeinsamen pakistanischen Identität | 58 |
| 7.3 | Erfolge der staatlichen Zentralisierungs- und Homogenisierungspolitik | 60 |
| 8. | Der Islam und das Konzept des modernen Nationalstaates | 61 |
| 8.1 | Der islamische Modernismus | 61 |
| 8.2 | Grundlegende Prinzipien und Kategorien des islamischen politischen Systems im Vergleich zum Konzept des modernen Nationalstaates | 62 |
| 8.2.1 | Territorium | 65 |
| 8.2.2 | Souveränität | 65 |
| 8.2.3 | Volk | 66 |
| 8.3 | Koranische Integrationskonzepte | 68 |
| 8.4 | Zwischenergebnis | 69 |
| 9. | Die islamische Ideologie Pakistans | 70 |
| 9.1 | Die islamische Ideologie in der pakistanischen Verfassung | 70 |
| 9.2 | Die Integration religiöser Minderheiten | 72 |
| 9.3 | Der rechtliche Status religiöser Minderheiten in Pakistan | 73 |
| 9.3.1 | Das pakistanische Staatsangehörigkeitsrecht | 73 |
| 9.3.2 | Minderheitenschutz in der pakistanischen Verfassung | 74 |
| 9.4 | Die religiösen Minderheiten Pakistans | 76 |
| 10. | Die Bedeutung von Ethnizität für das pakistanische politische System | 78 |
| 10.1 | Ursachen für die Entstehung ethno-nationalistischer Bewegungen in Pakistan | 80 |
| 10.2 | Die ethno-demographische Situation in Pakistans Provinzen | 81 |
| 10.2.1 | NWFP | 82 |
| 10.2.2 | FATA | 83 |
| 10.2.3 | Baluchistan | 83 |
| 10.2.4 | Sindh | 84 |
| 10.2.5 | Punjab | 85 |
| 10.3 | Rückschlüsse auf die politische Stabilität Pakistans | 85 |
| 11. | Pakistanische Machtstrukturen | 87 |
| 11.1 | Staatliche Institutionenstruktur | 89 |
| 11.1.1 | Die Verfassung | 91 |
| 11.1.2 | Die Staatsführung | 91 |
| 11.1.3 | Das Parlament | 93 |
| 11.1.4 | Die Gerichtsbarkeit | 94 |
| 11.1.5 | Die Bürokratie | 96 |
| 11.1.6 | Die Armee | 99 |
| 11.2 | Die Sozialstruktur Pakistans | 101 |
| 11.2.1 | Normen- und Wertesysteme | 102 |
| 11.2.2 | Die feudale Elite | 103 |
| 11.2.3 | Die Wirtschaftselite | 105 |
| 11.2.4 | Ulama (religiöse Elite) | 106 |
| 12. | Integrations- und Legitimationsstrategien der pakistanischen Regierung | 109 |
| 12.1 | Vorgeschichte: innenpolitische Machtkämpfe im Vorfeld des 12. Oktober | 109 |
| 12.2 | Die Geschehnisse des 12. Oktober | 111 |
| 12.3 | Die Provisional Constitution Order | 112 |
| 12.4 | 7-Punkte-Agenda und Nationaler Sicherheitsrat: | 113 |
| 12.5 | Die National Accountability Bureau Ordinance | 114 |
| 12.6 | Wirtschaftliche Misere, nationale Integration und good governance | 114 |
| 12.7 | Ein neuer Amtseid für Pakistans Richter | 115 |
| 12.8 | Eine waffenfreie Gesellschaft | 115 |
| 12.9 | Dezentralisierung und Menschenrechte | 116 |
| 12.10 | Das Urteil des Obersten Gerichtshofes vom Mai 2000 | 116 |
| 12.11 | Die Außenpolitik als Mittel der Herrschaftslegitimation | 118 |
| 12.12 | Aussagen zur aktuellen Situation politischer Stabilität | 119 |
| 13. | Zusammenfassung der Ergebnisse | 122 |
| 13.1 | Theoretisch-konzeptionelle Ergebnisse | 122 |
| 13.2 | Relevanz der Ergebnisse des theoretisch-konzeptionellen Teils für die politische Stabilität Pakistans | 123 |
| 13.3 | Bezug zur zentralen Fragestellung | 124 |
| Literaturverzeichnis | I |
gemeinsamen Nationalsprache für die Ausbildung einer allumfassenden pakistanischen Identität sorgen. Obgleich nur von einer kleinen Minderheit der pakistanischen Bevölkerung den Mohajirs - als Mutterssprache gesprochen, wurde in der Verfassung von 1956 Urdu neben Englisch zur offiziellen Amtssprache Pakistans erklärt. Auf Empfehlung einer Educational Commission wurden die übrigen Regionalsprachen im Jahre 1958 als Unterrichtssprachen verboten und statt dessen Urdu in den Schulen eingeführt. In den Provinzen löste diese Entscheidung harsche Gegenreaktionen und Proteste aus. Erst die Verfassung von 1973 revidierte das Verbot aus dem Jahre 1958 und gestand den Provinzen Maßnahmen zur Lehre und Förderung der Regionalsprachen zu.72 Urdu blieb nach wie vor die offizielle Amtssprache Pakistans.73 Bereits auf einer im Jahre 1937 in Lucknow stattfindenden Tagung der AIML hatten einige Delegierte die Einführung von Urdu als zukünftiger lingua franca Pakistans gefordert. Auf bengalischer Seite löste dieser Vorschlag vehemente Proteste aus, was zu einer beflissentlichen Aussparung dieses Themas bis in die Zeit nach der Teilung führte (Amin 1988: 68). Die Entscheidung Urdu als Amtssprache in Verwaltung und Erziehung einzusetzen, folgte der Annahme, daß Kinder mit dem Erlernen einer gemeinsamen Nationalsprache auch eine gemeinsame Kultur entwickeln würden. Die Wahl war nicht zuletzt deshalb auf Urdu gefallen, weil bereits der Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah die Einführung von Urdu als offizieller Amtssprache gefordert hatte. Ferner wurde damit argumentiert, daß Urdu die bedeutendste Literatursprache Westpakistans und damit ein Produkt der islamischen Kultur auf dem indischen Subkontinent sei (Amin 1988: 68; 74; 85; 87; 133). Feroz Ahmed (1996: 636-638; 2000: VI) vertritt die Ansicht, daß die Verbreitung von Urdu durch Schule, Literatur und Fernsehen eine unmißverständliche integrative Wirkung auf die pakistanische Gesellschaft ausübt. Unter der des Lesens und Schreibens kundigen Bevölkerung existiert ein Trend zur sprachlichen Assimilierung in Richtung Urdu. Auch im wirtschaftlichen Bereich und im täglichen Umgang zwischen verschiedenen ethnoIm Jahr 1975 erließ die damals amtierende Regierung ein Gesetz, das Individuen mit sieben Jahren Haft bedrohte, die behaupteten, Pakistan beherberge mehr als nur eine Nation (Ahmed, Feroz 2000: I). 72 Die Verfassung von 1962 hatte Urdu und Bengali zu gleichberechtigten Nationalsprachen besimmt. [...]
in Armee und Verwaltung. Im speziellen wurden jene Gruppen kooptiert, die aus den regionalen Hochburgen der Pushtunistan-Bewegung stammten (Amin 1988: 232). Die pakistanische Staatsführung verfolgte eine Zentralisierungspolitik bestehend aus Zuckerbrot und Peitsche. Gelang es ihr nicht die lokalen Eliten zu kooptieren, folgten militärische Repressionen auf dem Fuße. In diesem Zusammenhang erscheint es wichtig darauf hinzuweisen, daß Zentralisierung in Pakistan immer auch gleichbedeutend mit einer Konzentration staatlicher Macht in den Händen von Armee und Verwaltung war. Bislang umfassendste Maßnahme nationalstaatlicher Zentralisierungspolitik war die im Rahmen der one-unit-policy vollzogene Zusammenlegung aller westpakistanischen Provinzen zu einer administrativen Einheit. Dieser Schritt strebte die Schaffung eines demographischen Gegenpols zu Ostpakistan an, wurde infolge der Sezession Bengalens (1971) allerdings wieder revidiert. Ein weiterer Schritt in Richtung Zentralisierung war die Nationalisierung des islamischen Stiftungswesens unter der Regierungszeit Zia ul-Haqs. Ziel dieser Aktion war die Integration bislang autonomer religiöser Institutionen in das Staatswesen und die Auflösung traditioneller Organisationsstrukturen. Ferner konnten die von großen Menschenmassen frequentierten Stiftungen und Schreine als Medium für die Artikulation zentralstaatlicher Interessen genutzt werden (Malik, Jamal S. 1989: 67; 103-104). Wie erfolgreich die pakistanische Zentralisierungspolitik nach mehr als fünf Jahrzehnten tatsächlich war, läßt sich nicht klar ermessen. Offiziell verfügt Pakistan über ein einheitliches Rechts-, Verwaltungs-, Währungs- und Wahlsystem. Die zentralstaatliche Autorität hat sich aber auch nach 53 Jahren noch immer nicht gegen alle konkurrierenden Autoritäten auf lokaler und regionaler Ebene durchgesetzt. Noch immer sieht sich die zentralstaatliche Autorität nicht in der Lage, dem positiven Recht in allen Landesteilen Geltung zu verleihen oder vom Großteil seiner Bürger Steuern einzutreiben. 7.2 Die Politik der kulturellen Homogenisierung des Staatsvolkes und der Versuch der Schaffung einer gemeinsamen pakistanischen Identität. [...]
den FATA und in weiten Teilen der NWFP und des heutigen Baluchistan68 hatte die britische Kolonialadministration kein direktes Herrschaftssystem errichtet. Jene peripheren Gebiete am Rande des britischen Einflußbereichs fielen in die Kategorie »unadministered areas«. Die unmittelbare Kontrolle wurde von lokalen Stammesführern (local tribal chiefs) ausgeübt, die sich der britischen Zentralgewalt gegenüber loyal verhielten, um im Gegenzug weiterhin ihre eigene Autorität auszuüben und ihre politische Autonomie zu bewahren (Banuazizi & Weiner 1986: 10; Harrison 1981: 21). Die Persistenz jener Synthese aus vorkolonialen und kolonialen Herrschaftsstrukturen blieb für das politische System Pakistans auch nach der Unabhängigkeit prägend. Während sich die Provinz Punjab zum administrativen, wirtschaftlichen und politischen Zentrum des Staates aufschwang, übernahmen die übrigen Provinzen weiterhin die Rolle der von lokalen Autoritäten kontrollierten Peripherie. Die Voraussetzungen für die Errichtung eines modernen zentralstaatlichen Modells waren für Pakistan von Beginn an denkbar ungünstig, da eine erfolgreiche Zentralisierung die Penetration und Auflösung lokaler Macht- und Herrschaftsgefüge verlangte, das Pakistan Movement seinen Erfolg aber gerade jenen Eliten zu verdanken hatte, in deren Interesse eine Aufrechterhaltung traditioneller Herrschaftsstrukturen lag. Die AIML hatte bereits vor der Staatsgründung eine wesentliche Schwäche - nämlich das Fehlen einer landesweiten Organisationsstruktur. Dieses Defizit konnte nur über eine Einbindung der traditionellen feudalen Eliten des Landes ausgeglichen werden. Die feudalen Eliten mußten für die Sache des Pakistan Movements gewonnen werden, da diese aufgrund ihrer Autorität dazu in der Lage waren, die muslimischen Massen in den ländlichen Gebieten zu mobilisieren. Dies führte zu der Situation, daß die AIML besonders in Sindh, Baluchistan und der NWFP von der Unterstützung lokaler Feudaleliten abhängig wurde. Mit der Unterstützung der feudalen Eliten konnte die AIML genau so lange rechnen, wie es um die Loslösung Pakistans von Indien ging. Die Unterstützungsbereitschaft der feudalen Eliten ließ sich weniger auf religiöse oder ideologische Beweggründe als vielmehr auf rein pragmatische Machtinteressen zurückführen. In einem vereinten Indien mußten sie um den Verlust ihrer traditionellen Privilegien fürchten, da der Indische Nationalkongreß bereits im Vorfeld der Unabhängigkeit Landreformen und eine Zentralisierung der Machtstrukturen propagiert hatte. Von der Gründung Pakistans erhofften sich die feudalen Kreise einen nur [...]
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Hecker, Pierre Januar 2001: Politische Stabilität in Pakistan, Hamburg: Diplomica Verlag
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