Politikverdrossenheit als soziales Konstrukt
Eine Betrachtung aus soziologischer Perspektive
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Mirja Wollers
- Abgabedatum: März 2000
- Umfang: 110 Seiten
- Dateigröße: 6,5 MB
- Note: 1,2
- Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-2983-6
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-2983-6 P - ISBN (CD) :978-3-8324-2983-6 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Wollers, Mirja März 2000: Politikverdrossenheit als soziales Konstrukt, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Individualisierung, empirischer Konstruktivismus, Medien, Politikverdrossenheit, Wertewandel
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Diplomarbeit von Mirja Wollers
Einleitung:
Auf die Frage nach der »sozialen Konstruktion wovon?« braucht es demnach, wie man sieht, nicht bloß eine einzige Antwort zu geben. Das ist bei Auseinandersetzungen über die Konstruktion die Ursache vieler Probleme. Die Leute reden aneinander vorbei, weil sie verschiedene »wovons« im Sinn haben. Doch es ist gerade die Interaktion zwischen verschiedenen »wovons«, durch die das Thema interessant wird.
Die politische Stimmungslage in der Bundesrepublik Deutschland und anderen westlichen Industrienationen der Neunziger Jahre scheint eindeutig zu sein: Unter dem Schlagwort „Politikverdrossenheit“ beobachten Wahl-, Parteien-, und Meinungsforscher seit Jahren einen Stimmungswandel in den Bevölkerungen der westlichen Hemisphäre. Politische Institutionen in Deutschland, insbesondere die politischen Parteien, beklagen einen anhaltenden Mitgliederschwund und haben Nachwuchssorgen. Nur knapp 4% der Wahlberechtigten sind Mitglied in einer Partei; ein noch geringerer Prozentsatz davon ist aktiv an der politischen Arbeit beteiligt (vgl. Datenreport 1997). Und auch wenn dieser Prozentsatz bedauernswert gering ist, so lassen sich weitaus alarmierendere Krisensymptome bei den anderen 96% der Wahlberechtigten beobachten.
In der Bundesrepublik Deutschland geht die Wahlbeteiligung stetig zurück (vgl. Daten des Statistischen Bundesamtes). Politikverdrossenheit äußere sich demnach in sinkender Wahlbeteiligung, also dem bedenklich ansteigenden Anteil der Nichtwähler. Die Symptome einer steigenden Wahlabstinenz sowie ein Anstieg der Protestwählerstimmen und eine Reihe nicht unbedeutender Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien werden im allgemeinen als Erkennungsmerkmale für Politikverdrossenheit gesehen.
Die Konsequenz aus politischen Misslagen wie hoher Arbeitslosigkeit, Wohnraummangel, Rezession, zunehmender Kriminalität und einer »Mauer in den Köpfen«, welche die Verdrossenheit im Westen und die DDR-Nostalgie im Osten immer weiter ansteigen lässt, sei demnach vor allem Politikverdrossenheit. Das Vertrauen der Bürger in die politischen Institutionen allgemein und insbesondere in die politischen Parteien nehme stetig ab.
Dementsprechend fasst Strasser die Problematik in folgender Formel zusammen:
„»Politikverdrossenheit« ist das Modewort, mit dem in allen Medien die Gefühlslage der Deutschen umschrieben wird. Die Deutschen, so lesen wir es täglich, so tönt es uns aus Talkrunden, hochwissenschaftlichen Analysen und nicht zuletzt auch aus Politikerreden entgegen, sind parteien-, staats- und politikverdrossen, entziehen sich zunehmend der Mitwirkung an den öffentlichen Belangen, bleiben in immer größerer Zahl den Wahlurnen fern, haben kaum noch etwas anderes als ihr privates Wohlergehen im Sinn.“.
Seit Anfang der 90er Jahre befindet sich der Begriff der „Politikverdrossenheit“ in der Diskussion. Er hat sich mittlerweile zum Allerweltsbegriff entwickelt und wird in seiner Existenz kaum mehr angezweifelt. Dabei wird häufig außer acht gelassen, dass die Begrifflichkeit unklar ist und damit einem Phänomen einen Namen gegeben wurde, den es möglicherweise gar nicht verdient. Oder noch weitergehend: „Politikverdrossenheit“ bezeichnet etwas, das sich nur schwer nachweisen läßt. Der Ursprung ist schwer nachweisbar, weil die Diskussion nicht nur auf verschiedenen Ebenen geführt wird, sondern sich auch verschiedene Phänomene und Fakten zum Beweis derselben zur Hilfe nimmt.
„Politikverdrossenheit“ ist, wie weiter unten gezeigt wird, in keinem eindeutig abtrennbarem Definitionsfeld eingebettet. Dementsprechend kontrovers und teilweise widersprüchlich stellt sich die Diskussion um Ursachenforschung und Erklärungen des Begriffes dar. Wenn im folgenden von „Politikverdrossenheit“ gesprochen wird, dann soll darunter das komplexe Geflecht von (1) politischer Engagementmüdigkeit, (2) starkem Misstrauen gegenüber politischen Amtsinhabern bzw. ihren realen Einflussmöglichkeiten und (3) eine aus Überforderung resultierende Aussichtslosigkeit zu verstehen sein. Die Definition zeigt die unterschiedlichen Kriterien von Politikverdrossenheit, die als wichtige Merkmale für die populäre, selbstproduzierte Form dieses Begriffes verstanden werden.
Die Arbeit fokussiert dabei die Frage nach der Konstruktion des Politikverdrossenheitsbegriffs. Politikverdrossenheit und ihre Ableger, Parteien- und Politikerverdrossenheit, sind aus Beschreibungen der politischen Grundstimmung in der Bundesrepublik nicht mehr wegzudenken. Gleichzeitig wird ihre Existenz kaum in Frage gestellt.
Vor diesem Hintergrund lauten die zentralen Forschungsfragen dieser Untersuchung: Was ist Politikverdrossenheit bzw. wie wird sie definiert? Wie stellt sich die Diskussion um Politikverdrossenheit dar? Inwiefern wirkt sie an der Konstituierung eines Konstrukts mit? Welche Rückschlüsse lassen sich auf die Begriffsherleitung machen? Bietet der Begriff einen passenden Namen für einen klar umrissenen Prozess? Gibt es unterschiedliche, sich womöglich widersprechende, Definitionen und Ursachen für Politikverdrossenheit? Lassen sich Gründe für eine soziale Konstruktion von Politikverdrossenheit finden?
Die vorliegende Arbeit will einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen leisten und zugleich Hinweise für die Form des Verdrossenheitsdiskurses in den frühen 90er Jahren liefern. Dabei geht es nicht darum, die Ursachen für dieses Phänomen zu bestimmen, sondern sich dem politischen Zusammenhang von Politikverdrossenheit zuzuwenden.
Diese theoretische Abhandlung stellt sich zwei Aufgaben: Sie will (1) eine kritisch zusammenfassende Darstellung der Diskussion um Politikverdrossenheit liefern und (2) eine Konfrontation des Begriffes mit einer konstruktivistischen Herangehensweise bieten. Nachfolgend sollen lediglich die dominierenden Ansätze und Erklärungsmuster angeführt werden, um das Vorhaben und die Zielrichtung der Arbeit zu dokumentieren und nachvollziehbar zu machen.
Gang der Untersuchung:
Die Themengebiete, denen nachgegangen werden soll, lassen sich in acht Schritten darlegen.
Das erste Kapitel stellt den erkenntnistheoretischen Ausgang in das Zentrum der Betrachtung, um die Arbeit vor diesen Hintergrund einzuordnen. Geht man bei der Beschreibung von sozialer Wirklichkeit von etwas Selbstgeschaffenem, etwas Konstruiertem aus, dann ist es wichtig, den Prozess der Auseinandersetzung, der zur Konstituierung dieser Wirklichkeit beiträgt, näher zu betrachten. Den erkenntnistheoretischen Hintergrund, der sich einem empirischen Konstruktivismus anlehnt, gilt es von anderen konstruktivistischen Vorstellungen zu trennen und in seiner Angemessenheit für die Konstruktion des Verdrossenheitsbegriffes heranzuziehen.
Im zweiten Kapitel soll es um die verschiedenen Definitionen von Politikverdrossenheit gehen. Es wird gezeigt, dass es unterschiedliche Kriterien gibt, nach denen Politikverdrossenheit gemessen oder empfunden wird. Hierzu werden verschiedene Autoren aus Politik, Wissenschaft und Journalismus mit ihren Definitionen behandelt und hinterfragt.
Im dritten Kapitel werden zwei Untersuchungen zur Politikverdrossenheit dargestellt und kritisch beleuchtet. Durch Reanalysierung und Gegenüberstellung einzelner Studienergebnisse soll gezeigt werden, dass die jeweiligen Fragestellungen der Untersuchungen die Ergebnisse entsprechend eingrenzen. Das Auswahlkriterium für diese zwei Untersuchungen liegt zunächst darin, dass ausschließlich diese beiden Ausführungen den Begriff der Politikverdrossenheit in ihrem Titel aufführen und aus diesem Grunde eine begriffliche Auseinandersetzung mit dem Begriff erwarten lassen. Dass der Umgang mit dem Verdrossenheitsbegriff jedoch unterschiedlich sein kann, wird mit dem Vergleich dieser beiden Studien deutlich. Der erste Ansatz versucht Politikverdrossenheit mit Hilfe von Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen zu erklären und stellt die Existenz derselben dabei nicht in Frage, während der andere Ansatz Politikverdrossenheit empirisch zu erfassen sucht und aufgrund seiner Erfolglosigkeit eine kritische Haltung zur Existenz von Politikverdrossenheit einnimmt.
Das vierte Kapitel betrachtet die Frage nach der methodischen Konstruktion von Politikverdrossenheit. Hierbei liegt das Augenmerk auf der Schwierigkeit der methodischen Nachweisbarkeit von Politikverdrossenheit. Es soll deutlich werden, dass bei der empirischen Untersuchung von politischer Verdrossenheit die Ausgangsprämissen, mittels Frageformulierungen, die Ergebnisse mitkonstruieren. Die Durchführung einer self-fulfilling-prophecy lässt sich in diesem Zusammenhang beispielhaft vorführen.
Im fünften Kapitel liegt der Fokus auf den in der Öffentlichkeit diskutierten Gründen und Ursachen von Politikverdrossenheit. Unter der Annahme, dass es ein Phänomen wie Politikverdrossenheit geben könnte, wird betrachtet, welche unterschiedlichen Erklärungsmuster sich dazu finden lassen. Hierbei werden verschiedene Schwerpunkte gesetzt. Es soll gezeigt werden, dass die Erklärungen für Politikverdrossenheit auf verschiedenen Ebenen geleistet werden.
Das sechste Kapitel macht es sich zur Aufgabe, Schlüsselbegriffe wie „Individualisierung“ oder „Wertwandel“, die zur Erklärung von Politikverdrossenheit genutzt werden, mit ihrer theoretischen Herkunft auf eine richtige Anwendung zu überprüfen. Es werden einzelne Ansätze aus dem fünften Kapitel aufgenommen und in ihrer Begriffswahl kritisch beleuchtet. Dies geschieht vor dem Hintergrund der Beckschen Theorie der reflexiven Moderne und Ingleharts Theorie des kulturellen Wertwandels.
Ein besonderes Augenmerk innerhalb des Diskurses über politische Verdrossenheit liegt in der eingangs angesprochenen Entwicklung der abnehmenden Wahlbeteiligung. Es soll an dieser Stelle die Diskussion in der Wahlforschung herangezogen werden, um die angeblich eindeutig nachlassende Wahlbegeisterung der Bundesbürger und ihr Verhältnis zur Politikverdrossenheit zu relativieren. Die Auseinandersetzung mit der sinkenden Wahlbeteiligung als ein mögliches Kriterium für Politikverdrossenheit stützt die These von der Konstruktion des Verdrossenheitsdiskurses aufzeigen. Die Einordnung einer sinkenden Wahlbeteiligung in den Gesamtkontext wird im siebten Kapitel vorgenommen.
Das achte Kapitel stellt die konstruierte Form des Verdrossenheitsdiskurses dar und rückt ihn in eine historische Perspektive. Hierbei wird die zeitliche Begrenztheit des Verdrossenheitsbegriffes deutlich: Die Diskussion um Politikverdrossenheit setzt Anfang der 90er Jahre ein und scheint sich zum Ende des Jahrzehnts aufzulösen.
Zusammenfassung:
Die Autorin untersucht in ihrer Diplomarbeit ein äußerst aktuelles Phänomen: die Rede von der sogenannten Politikverdrossenheit. Sie analysiert einen politischen Diskurs der Bundesrepublik, der innerhalb politischer Polarisierungen nicht eindeutig zuzuordnen ist und gerade durch seinen Allgemeingültigkeitsanspruch Auskunft geben kann über gegenwärtige Konstruktionsweisen des Politischen.
Im Vordergrund stehen dabei die Darstellung, Analyse und Interpretation der Konstruktion von Politikverdrossenheit in den Medien. Leitende Fragestellungen sind dabei: Wie und wo wird Politikverdrossenheit definiert? Wie wird die Debatte darum dargestellt? Welche Definitionen und Ursachen werden jeweils ins Feld geführt? Lassen sich Gründe für die soziale Konstruktion von Politikverdrossenheit finden?
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 4 | |
| 1. | Zum Begriff der sozialen Konstruktion - erkenntnistheoretische Überlegungen | 9 |
| 2. | Zur Eingrenzung des Begriffes der Politikverdrossenheit | 14 |
| 2.1 | Probleme der definitorischen Einordnung des Politikverdrossenheitbegriffes | 15 |
| 2.2 | Die Verschränkung von Politik-, Parteien- und Politikerverdrossenheit | 18 |
| 3. | Empirische Ergebnisse zur Politikverdrossenheit | 22 |
| 3.1 | Politikverdrossenheit als Folge eines Sozialstrukturwandels | 23 |
| 3.2 | Politikverdrossenheit als empirisch uneindeutiges Studienobjekt | 25 |
| 4. | Die methodische Konstruktion von Politikverdrossenheit | 27 |
| 4.1 | Die Konstruktion von Antwortmustern durch suggestive Fragen | 29 |
| 4.2 | Die Annahme einer perfekten Politik»vor der Verdrossenheit« | 31 |
| 5. | Die mediale Konstruktion von Politikverdrossenheit | 33 |
| 5.1 | Formen und Inhalte politischer Tagesgeschäfte | 34 |
| 5.2 | Diskrepanzen zwischen Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit | 36 |
| 5.3 | Politische Alternativ- und Orientierungslosigkeit | 42 |
| 5.4 | Wertwandel in der Gesellschaft | 44 |
| 6. | Die Bedeutung theoretischer Schlüsselterminologien wie „Individualisierung“ und „Wertwandel“ im Verdrossenheitsdiskurs | 54 |
| 6.1 | Der Individualisierungsbegriff in der »reflexiven Moderne« | 55 |
| 6.1.1 | Die politische Perspektive in der »reflexiven Moderne« | 58 |
| 6.1.2 | Politikverdrossenheit nach Ulrich Beck | 65 |
| 6.2 | Politikverdrossenheit nach Ronald Inglehart | 70 |
| 7. | Sinkende Wahlbeteiligung – Krisensymptom oder Normalisierung? | 79 |
| 8. | Zur Konstruktion des Verdrossenheitsdiskurses | 83 |
| Schlussbetrachtung | 88 | |
| Literaturverzeichnis | 95 | |
| Anhang | 105 |
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832429836
Arbeit zitieren:
Wollers, Mirja März 2000: Politikverdrossenheit als soziales Konstrukt, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Individualisierung, empirischer Konstruktivismus, Medien, Politikverdrossenheit, Wertewandel



