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Die Politik spielt mit

Die Instrumentalisierung der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 durch deutsche Spitzenpolitiker

Die Politik spielt mit
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Fabian Wachsmuth
  • Abgabedatum: April 2008
  • Umfang: 130 Seiten
  • Dateigröße: 796,0 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Westfälische Wilhelms-Universität Münster Deutschland
  • Bibliografie: ca. 200
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1793-2
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Wachsmuth, Fabian April 2008: Die Politik spielt mit, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Fußballweltmeisterschaft, Imagepolitik, Angela Merkel, Wolfgang Schäuble, Medienpolitik

Magisterarbeit von Fabian Wachsmuth

Einleitung:

‘Ich war immer ein Fußballfan. Es hat sich nur früher nie jemand dafür interessiert, und mir hat nie jemand zugeguckt, wenn ich ein Fußballspiel angesehen habe. Das hat sich geändert, seit ich Kanzlerin bin’.

Bundeskanzlerin Angela Merkel im Interview mit der ‘Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung’, 09.07.2006.

‘Die Menschen in Deutschland (sind) viel zu klug (.), um die Leistung von Politikern nach deren Nähe zum Fußball zu beurteilen.’ Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble im Interview mit der ‘Zeit’, 18.05.2006.

Im Sommer 2006 konnte man den Eindruck haben, ‘König Fußball’ habe anstatt der Bundesregierung die Regentschaft in Deutschland übernommen: Die 18. Fußball-Weltmeisterschaft, die vom 9. Juni bis 9. Juli 2006 in der Bundesrepublik ausgetragen wurde, hielt das Gastgeberland in Atem. Gerade wenn die eigene Mannschaft dem runden Leder hinterherjagte, ließen Dutzende von Millionen Deutschen ihre Arbeit oder ihre üblichen Freizeitaktivitäten ruhen, um das sportliche Treiben gebannt zu verfolgen. Neben den Bundesbürgern lockte das fußballerische Geschehen Milliarden Zuschauer in aller Welt vor die Fernseher oder – sofern sie den Weg nach Deutschland auf sich genommen hatten – an die bundesweit 2.000 Public-Viewing-Punkte mit Großleinwand bzw. in die zwölf Stadien, die die insgesamt 64 WM-Partien beherbergten. Bei fast durchweg strahlendem Sonnenwetter und südländischen Temperaturen feierten die deutschen Fans und ihre ausländischen Gäste auf den Straßen und in den Arenen der Republik vier Wochen lang ein ausgelassenes, friedliches Fest ganz im Zeichen des Fußballs.

Doch selbst wenn die Begeisterung für ein Sportereignis eine Nation derart fest im Griff hat, begnügt sich die Politik in aller Regel nicht mit der Rolle des unbeteiligten Zaungastes – sie spielt vielmehr mit. Schließlich sind sportliche Großereignisse wegen ihrer großen medialen Beachtung als Bühne für politische Demonstrationen und Inszenierungen besonders geeignet und bieten den führenden Politikern der Gastgebernationen eine Gelegenheit, Prestige für das eigene Land, aber auch für sich persönlich zu erwerben. Dies hat sich bereits in der Vergangenheit manifestiert: Als düsterste Kapitel sind hierzu die von den Nationalsozialisten propagandistisch ausgeschlachteten Olympischen Spiele in Berlin 1936 oder die von der Militärjunta unter General Jorge Videla in ähnlichem Maße instrumentalisierte Fußball-WM 1978 in Argentinien zu nennen. Doch auch in demokratischen Regierungssystemen ist die politische Instrumentalisierung sportlicher Großereignisse kein unbekanntes Phänomen. Seien es beispielsweise die Olympischen Spiele 1972 in München, die ein neues Deutschlandbild in die Welt tragen sollten; die Fußball-WM 2002 in Japan und Südkorea, bei der die Politiker der beiden ehemals tief verfeindeten Nationen ihren Willen zur Versöhnung betonten; oder aber die Olympischen Spiele 2004 in Athen, bei denen die griechische Regierung den Beweis erbringen wollte, dass auch ihr kleines Land den Herausforderungen eines sportlichen Megaereignisses gewachsen sei: Sie alle sahen Spitzenpolitiker, die in ihrer Gastgeberrolle die Weltoffenheit, den Willen zur Völkerverständigung oder die Leistungsfähigkeit ihres Landes demonstrieren wollten – und sich darüber hinaus winkend und jubelnd auf den Ehrentribünen in Szene setzten.

Eine derartige personalisierte Imagepolitik nimmt in der heutigen zunehmend mediatisierten Gesellschaft eine immer größere Bedeutung ein. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwieweit deutsche Spitzenpolitiker die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land für persönliche Inszenierungen genutzt und insofern auch instrumentalisiert haben. Oder mit anderen Worten: Welche Rolle spielten die Politiker bei der WM und welches Image wurde dadurch geschaffen? Bezog sich die Imagebildung allein auf das von ihnen repräsentierte Gastgeberland Deutschland oder lassen sich aus dem Auftreten der Politiker im Umfeld der WM auch persönliche Interessen ableiten, was die Pflege ihres eigenen Images und ihre Positionierung in der Mediengesellschaft anbelangt? Diesen Fragen geht die vorliegende Arbeit nach.

Hierzu soll zunächst in Kapitel 2 anhand theoretischer Vorüberlegungen detaillierter dargelegt werden, woher das Interesse von Spitzenpolitikern rührt, sich im Rahmen von sportlichen Großereignissen in Szene zu setzen. Dazu werden die Bedingungen, unter denen sich in der modernen Mediengesellschaft die öffentliche Vermittlung von Politik vollzieht, die Bedeutung personalisierter Strategien der Politikvermittlung sowie die politische Bedeutung des Sports und seiner Großereignisse erläutert.

Kapitel 3 stellt die Methode vor, nach der die in Kapitel 5 vorzunehmende Untersuchung Antworten auf die oben genannten Forschungsfragen erbringen soll.

Der eigentlichen Analyse wird in Kapitel 4 eine geschichtliche Rückblende vorangestellt. Sie soll einen Eindruck davon vermitteln, wie sich das Verhältnis zwischen deutschen Spitzenpolitikern und dem Sport seit der Gründung der Bundesrepublik entwickelt hat und inwieweit bereits in dieser jüngeren deutschen Vergangenheit eine Tradition politischer Inszenierungen im Rahmen sportlicher Großereignisse begründet wurde.

Dem schließt sich in Kapitel 5 der Hauptteil dieser Arbeit an. Anhand der Beispiele von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble soll von der Vorbereitungsphase über den Verlauf des Turniers bis zu dessen Folgezeit analytisch ergründet werden, inwiefern deutsche Spitzenpolitiker die Fußball-WM 2006 für ihre gesamtstaatlichen oder auch persönlichen Zielsetzungen instrumentalisiert haben.

Die Ergebnisse der Arbeit werden abschließend in Kapitel 6 zusammengefasst sowie in Hinblick auf die eingangs gestellten Leitfragen eingeordnet und bewertet.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 4
2. Die Verknüpfung zwischen Politik, Medien und Sport 6
2.1 Die enge Verknüpfung zwischen Politik und medialer Berichterstattung 7
2.2 Politikvermittlung durch Personalisierung 11
2.3 Die politische Bedeutung des Sports 13
2.4 Zwischenfazit 17
3. Operationalisierung 17
4. Das Verhältnis zwischen Spitzenpolitikern und Sport in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 20
4.1 Zurückhaltung gegenüber dem „Wunder von Bern“ 20
4.2 Die Politik nimmt Tuchfühlung auf 22
4.3 Zwischen Olympia-Euphorie und WM-Nüchternheit 24
4.4 Demonstrationen der Nähe unter Helmut Kohl 29
4.5 ‚Fußballkanzler’ Gerhard Schröder 31
4.6 Zwischenfazit 33
5. Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 36
5.1 Merkels und Schäubles persönliches Verhältnis zum Sport 36
5.2 Warmlaufen für die WM: Erwartungshaltungen und Zielsetzungen 43
5.2.1 Erwartungshaltung und Zielsetzungen in politischer Hinsicht 43
5.2.2 Erwartungshaltung in sportlicher Hinsicht 47
5.3 Anstoß: Erste persönliche Inszenierungen im Vorfeld der WM 49
5.3.1 Die scheinbare Vermittlung im Trainerstreit 50
5.3.2 Der Innenminister als Garant der WM-Sicherheit 54
5.3.3 Der Kanzlerinnen-Podcast 57
5.4 Ballannahme: Politische Wertungen und Kampagnen während der WM 59
5.4.1 Aussagen zum Image der Deutschen in Zeiten der WM 60
5.4.2 Präsentation Deutschland als „Land der Ideen“ 64
5.5 ‚Entscheidend ist auf'm Platz’: Der direkte Kontakt zum sportlichen Geschehen 68
5.5.1 Präsenz und Verhalten bei den WM-Spielen 69
5.5.2 Fußballerische Fachsimpeleien 75
5.5.3 Verhältnis zur Nationalmannschaft 78
Abpfiff: Nachbereitung und Beurteilung der WM 83

Textprobe:

Kapitel 5.5.1, Präsenz und Verhalten bei den WM-Spielen:

Wie wichtig es zumindest dem Großteil der deutschen Spitzenpolitiker war, die WM-Spiele persönlich vor Ort mitverfolgen zu können, zeigte sich unter anderem daran, dass der Koalitionsausschuss aus Union und SPD Anfang Juni 2006 erwog, sich das nächste Mal nach einer entscheidenden Partie des Turniers direkt im jeweiligen Stadion zu treffen. Selbst die Bundestagsdebatte am 20. Juni 2006 wurde eigens um 15.30 Uhr beendet, damit die Abgeordneten das eine halbe Stunde später beginnende Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Ecuador verfolgen konnten.

Angela Merkel hatte ihrem Kabinett für die WM gewissermaßen Omnipräsenz auf den Ehrentribünen verordnet: Vor dem Turnier hatte die Kanzlerin festgelegt, dass bei jeder der 64 Partien des Turniers mindestens ein Mitglied der Bundesregierung zugegen sein müsse. Damit wollte Merkel bezwecken, dass die zahlreichen zur WM erwarteten ausländischen Staatsgäste einen angemessenen Empfang erhielten. Bei dem prestigeträchtigen sportlichen Großereignis sollte das Gastgeberland also auch in politischer Hinsicht geschlossen nach außen präsentiert werden.

Während sich Forschungsministerin Annette Schavan und Familienministerin Ursula von der Leyen mangels Fußballbegeisterung zunächst gegen ihre WM-Einsätze gesträubt hatten, legte Angela Merkel weitaus größeren Ehrgeiz an den Tag, beim Turnier Präsenz zu zeigen: Frühzeitig hatte sie sich ihre Termine so gelegt, dass sie sich neben den drei Vorrundenspielen der deutschen Mannschaft auch deren weiteren Partien bis zum Finale persönlich im Stadion hätte ansehen können.

Letztlich belief sich die Zahl der von ihr besuchten WM-Spiele auf neun: Die Bundeskanzlerin war bei allen sieben Partien der deutschen Nationalmannschaft, beim Vorrundenspiel Brasilien-Kroatien sowie beim Endspiel zwischen Italien und Frankreich persönlich zugegen. Wolfgang Schäuble hingegen brachte es – seiner Funktion als Sportminister entsprechend – sogar auf 13 Stadionbesuche: Neben den Spielen mit deutscher Beteiligung und dem Finale verfolgte er die Vorrundenpartien Frankreich-Schweiz, Iran-Angola und Kroatien-Australien, das Achtelfinale England-Ecuador sowie das Halbfinale Portugal-Frankreich vor Ort.

Neben ihren protokollarischen Pflichten gegenüber den Staatsgästen vergaßen beide Politiker nicht, auch am Spielgeschehen Anteil zu nehmen. Jubelszenen waren zu erwarten. So hatte Angela Merkel schon im Vorfeld des Turniers bekundet, sie sei zwar ‘ein eher stiller Beobachter’, springe aber auf, sobald ein Tor falle. Aus dieser Aussage sprach eine gewisse Zurückhaltung der Kanzlerin, die allerdings auch zu ihrem oft sehr kontrolliert wirkenden, selten emotionalen Auftreten in der Öffentlichkeit passte. Dass sie aber in Wahrheit bei Fußballspielen zu größeren Gefühlsausbrüchen in der Lage war, als lediglich bei Toren aufzuspringen, sollte sie, wie noch zu zeigen sein wird, im Laufe der WM unter Beweis stellen. Mit ihrem Statement schien Merkel jedenfalls zunächst die Zweifel bezüglich ihrer Fußballbegeisterung zu bestätigen. Zugleich aber beugte sie – bewusst oder unbewusst – einer übersteigerten öffentlichen Erwartungshaltung an ihr Auftreten als Fußballfan vor. Hätte sich die Kanzlerin im Vorhinein allzu selbstbewusst als enthusiastische, mitfiebernde Anhängerin dieses Sports präsentiert, wäre sie Gefahr gelaufen, diesem Image durch ihr tatsächliches Verhalten im Stadion womöglich nicht gerecht zu werden und dadurch auch ihr grundsätzliches Ansehen in der Öffentlichkeit zu beschädigen. So aber trug sie zusätzlich zu dem massiven und für ihr persönliches Image zuträglichen Überraschungseffekt bei, den ihr tatsächliches Fanverhalten während der WM auslöste.

Im Gegenzug hatte Wolfgang Schäuble im Interview mit der ‚Bunten’ angekündigt, die Spieler auf dem Feld tatkräftig zu unterstützen, wenngleich in gedämpfter Form: ‚Nun, in meinem Alter schreit man nicht mehr so laut rum. Aber ich bin jemand, der mit Leib und Seele dabei ist. (...) Dafür habe ich selbst zu lange Fußball gespielt und weiß, wie gut es tut, wenn Menschen einen anfeuern.’ Hier vermochte es der Innenminister aufgrund seiner persönlichen Lebensgeschichte einmal mehr, seine Fußballbegeisterung authentisch zu vermitteln.

Auch in Schäubles Gespräch mit der ‘Zeit’ vor Turnierbeginn hatte das Thema ‘Authentizität’ eine Rolle gespielt: Der Innenminister hatte darin für sich und Bundeskanzlerin Merkel unterstrichen, dass sie ihre Besuche in den WM-Stadien nicht zur Selbstdarstellung nutzen würden. Er habe aber Verständnis dafür, wenn das Publikum pfeife, weil sie derartige Auftritte als eigennützige Inszenierung der Politiker betrachteten. Ohnehin plädiere er dafür, dass sich seine Zunft auf diesem Gebiet in Zurückhaltung üben sollte, denn ‘die Menschen in Deutschland [sind] viel zu klug (...), um die Leistung von Politikern nach deren Nähe zum Fußball zu beurteilen.’ Am gleichen Tag hatte Schäuble zudem auf einer Fachkonferenz zum Thema ‘Fußball regiert die Welt?’ seine Kollegen davor gewarnt, ‘sich (...) dem Irrglauben hinzugeben, dass Nähe zum Sport automatisch politische Popularität bedeutet’. Wolfgang Schäuble betrachtete die Versuche von Politikern, ihr Image durch die Tuchfühlung zu populären Sportereignissen und -akteuren aufzubessern, also bemerkenswert kritisch. Zugleich vermittelte er damit den Eindruck, ihm gehe es bei seinen Auftritten im Umfeld der WM eher darum, dienstliche Pflichten zu erfüllen bzw. bestenfalls Imagewerbung für das ganze Land, nicht aber auch für seine eigene Person zu betreiben. Dies mag auch darin begründet liegen, dass Schäuble als Rollstuhlfahrer in seinen bildlichen Darstellungsmöglichkeiten eingeschränkt ist: ‘(...) wenn sie auf der Tribüne vor Begeisterung alle aufspringen, sehe ich gar nichts mehr’, bestätigte der Innenminister etwa im ‘Spiegel’.

So war es denn auch weniger Schäuble, sondern vielmehr Angela Merkel, die mit ihrer Person bei einem ihrer Stadionbesuche in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit rückte – wenngleich von ihr eher unbeabsichtigt. Das Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Polen am 14. Juni 2006 in Dortmund blieb trotz zahlreicher Torchancen lange ohne Treffer, bis die deutsche Nationalmannschaft in der 90. Minute die Entscheidung suchte: Miroslav Klose und Michael Ballack schossen den Ball kurz hintereinander an die Querlatte des polnischen Tores, woraufhin David Odonkor im Nachsetzen einen Abseitstreffer erzielte. Ebenso wie Zehntausende andere Zuschauer im Stadion fieberte Angela Merkel während dieser hochdramatischen Szene erkennbar mit: Eine Zeitlupe der ARD zeigte einem Millionenpublikum die Kanzlerin, wie sie den Ball förmlich ins Tor schreien wollte, sich nach dem Scheitern Kloses und Ballacks mit einer flehenden Geste ihrem Sitznachbarn, DFB-Präsident Theo Zwanziger, zuwandte und schließlich wie entfesselt aufsprang, als Odonkor das – allerdings ungültige – Tor schoss. Nachdem Oliver Neuville kurz darauf den regulären Siegtreffer erzielt hatte und das Spiel abgepfiffen worden war, beklatschte Angela Merkel den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft mit einem überaus glücklichen Gesichtsausdruck.

Zahlreiche Medienvertreter zeigten sich anschließend sichtlich überrascht über Merkels Enthusiasmus auf der Ehrentribüne. David Crossland notierte in der englischsprachigen Sektion von Spiegel Online, die Kanzlerin habe sich ‘in a rare state of agitation (...), gasping and raising her arms’ befunden. Holger Schmale von der ‘Berliner Zeitung’ sekundierte: ‘Nein, so haben wir unsere Bundeskanzlerin noch nie gesehen.’ ‘Netzeitungs’-Mitarbeiterin Domenika Ahlrichs stellte fast schon erleichtert fest, dass sich Merkels Gesichtsausdruck von den ‘vertraut leicht nach unten hängenden Mundwinkeln’, die bei ihr zu Beginn des Eröffnungsspiels zu beobachten gewesen seien, später in ein ‘erstes sehr offenes Lächeln’ gewandelt habe und schon am Vortag des Polen-Spiels, beim Besuch der Partie Brasilien–Kroatien, der Eindruck einer ‘gelöst wirkenden Frau’ aufgekommen sei. Dirke Köpp von der ‘Rheinischen Post’ sprach gar von einem ‘Phänomen’ – ähnlich wie ihr Kollege Hans-Jürgen Jakobs von der ‘Süddeutschen Zeitung’, laut dem die ‘Metamorphose der unsportlichen Kanzlerin in einen Kicker-Fan (...) eine Art WM-Sensation’ darstellte. Jakobs zitierte darüber hinaus einen Berater der Kanzlerin, der Merkel attestierte: ‘Sie ist den Menschen sicherlich näher gekommen.’ Die ‘Bild’-Redakteure Einar Koch und Hans-Jörg Vehlewald setzten dem allgemeinen Erstaunen unter der Überschrift ‘Auch die Kanzlerin schreit für Deutschland’ erwartungsgemäß die Krone auf: ‘Die Nation wundert sich, wie König Fußball die sonst immer so kontrolliert wirkende Regierungschefin verändert hat!’ Doch auch der Kapitän der Nationalmannschaft, Michael Ballack, reagierte erfreut und zugleich verblüfft auf Angela Merkels Auftritt beim Polen-Spiel: ‘Wenn man sieht, wie sich die Angela Merkel gefreut und mitgefiebert hat, das ist toll – ich weiß ja nicht, wann sie das letzte Mal in der Öffentlichkeit so aus sich rausgegangen ist’.

Eine Spur von Herablassung war freilich auch aus diesen Kommentaren noch herauszulesen. So recht vermochten die Beobachter ihren Augen noch nicht zu trauen, dass ausgerechnet die WM bei der angeblich so fußballfernen und üblicherweise eher kühl auftretenden Kanzlerin derart leidenschaftliche Reaktionen hervorrief. Insofern konnte Angela Merkel ihr öffentliches Image durch ihre Jubelszenen gleich in zwei Punkten konterkarieren, eventuell zum Teil auch revidieren: Zum einen widerlegte sie den Eindruck, sie sei durch und durch eine nüchterne Analytikerin, der Gefühlsausbrüche fremd seien und die dadurch eher unnahbar wirke. Zum anderen konnte sie nun auch visuell belegen, dass sie – entgegen aller Unterstellungen – einen persönlichen Bezug zum Fußball aufweist sowie mitfiebert und mitjubelt wie jeder andere Fan auch. Merkels emotionales Verhalten erweckte auch keineswegs den Eindruck einer gezielten Inszenierung, sondern wirkte überaus spontan und authentisch. Insofern erzielte die Kanzlerin durch ihr Auftreten beim Polen-Spiel – wie schon bei ihrer scheinbaren Schlichtung im Trainerstreit drei Monate zuvor – einen unbeabsichtigten, aber mit Sicherheit nicht unerwünschten Imagegewinn.

Das Fan-Verhalten Wolfgang Schäubles bei seinen Stadionbesuchen wurde in den Medien hingegen kaum kommentiert. Jedoch sorgte der Innenminister bei seinen eigenen Mitarbeitern für Erstaunen, als er nach dem 2:0 Miroslav Kloses im Spiel gegen Ecuador mit einem breiten, gelösten Lächeln die Arme hochriss. Wie Spiegel-Redakteur Jürgen Leinemann berichtete, sei ein ‘Aufschrei der Begeisterung’ durch das Bundesinnenministerium gegangen, als die ARD bei ihrer Liveübertragung diese Szene einblendete: ‘So hatten die Beamten ihren Chef noch nicht gesehen.’ Nach dem Spiel begegnete Schäuble immer wieder Menschen, die ihn mit dem Satz ‘Ich habe Sie jubeln gesehen’ begrüßten. Dieser Überraschungseffekt lag allerdings vermutlich nicht darin begründet, dass die Öffentlichkeit etwa Schäubles Fußballinteresse anzweifelte; vielmehr ließ sein ansonsten ebenfalls eher nüchternes, verschlossenes Auftreten in der Öffentlichkeit nicht erwarten, dass der Innenminister derart aus sich herausgehen kann. Auch in seinem Fall lässt sich somit von einer unbeabsichtigt imagefördernden Verhaltensweise sprechen.

Für Angela Merkel schlug ihr fußballerischer Imagegewinn allerdings nicht umfassend durch: Trotz ihrer vielfach gewürdigten Jubelszenen musste sich Merkel auch zwei Wochen nach dem Polen-Spiel im Interview mit der ‘Sport-Bild’ den altbekannten skeptischen Fragen stellen. Die Kanzlerin musste klarstellen, dass sie auch ohne Fanschal um den Hals imstande sei, bei den Spielen der deutschen Nationalmannschaft mitzufeiern und sich nicht erst seit ihrem Jubel im Polen-Spiel für Fußball begeistere. Als ihr Gegenüber wissen wollte, welche Fußballfrage sie nicht mehr hören könne, ließ Merkel erkennen, wie sehr sie – hinter ihrer Fassade als auskunftsbereite Medienpersönlichkeit – der ständige Rechtfertigungszwang geärgert haben mag: ‘Als Politiker ist man höflich genug, keiner Frage auszuweichen. Ich finde, das Abfragen der Regeln kann man mit Beginn der Weltmeisterschaft auch für beendet erklären’.

Derweil bewies Angela Merkel auch bei ihren Stadionbesuchen nach dem Polen-Spiel Engagement als Fußballfan: sei es, wenn sie im Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Ecuador fröhlich einen Torschuss von Michael Ballack beklatschte, beim Halbfinale gegen Italien angeregt mit Bundespräsident Horst Köhler und Italiens Ministerpräsident Romano Prodi den Spielverlauf diskutierte, oder im Spiel um Platz 3 gegen Portugal Bastian Schweinsteigers 1:0 mit Standing Ovations quittierte. Den größten Enthusiasmus legte die Kanzlerin allerdings beim Viertelfinalsieg der deutschen Nationalmannschaft über Argentinien an den Tag. Den verwandelten Elfmeter von Tim Borowski bejubelte die Kanzlerin lautstark mit emporgerissenen Armen. Gelöst und freudestrahlend fiel sie WM-OK-Chef Franz Beckenbauer um den Hals, nachdem Torhüter Jens Lehmann den entscheidenden Elfmeter des Argentiniers Esteban Cambiasso gehalten und Deutschland den Einzug ins Halbfinale gesichert hatte. Beckenbauer zeigte sich von Merkels herzlicher Geste sichtlich angetan. So scherzte er kurz nach der deutschen Halbfinalniederlage gegen Italien bei einem Empfang im Bundeskanzleramt: ‘Ich hab’ das so genossen nach dem Argentinien-Spiel, die Bundeskanzlerin im Arm zu halten, und hätte das gerne noch ein zweites Mal getan. Aber die Italiener haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, und das werde ich ihnen nie vergessen.’ Angela Merkel schaffte es also mit ihren Mitteln, Eindruck in der männerdominierten Welt des Fußballs zu hinterlassen.

Zudem war bei der Übergabe des Finalballs im Kanzleramt am 6. Juli 2006 nur noch wenig von der Verkrampftheit Merkels im Umgang mit dem runden Leder zu spüren, die die ‘Stern’-Redakteurin Franziska Reich noch vor dem Turnier diagnostiziert hatte: Als unter den anwesenden 32 Kindern im Dress der WM-Teilnehmermannschaften ein Gerangel um das gold-weiße Spielgerät ausbrach, nahm die Kanzlerin den Ball kurzerhand wieder an sich und warf ihn mehrmals spielerisch in die Höhe.

Angela Merkel gelang es während der WM also bereits durch ihre Auftritte auf den Ehrentribünen und bei anderen Anlässen eindrucksvoll, die anfänglichen Unkenrufe bezüglich ihrer Fußballbegeisterung zu widerlegen. Mit ihrem Enthusiasmus zog sie schnell die Aufmerksamkeit der Medien auf sich und konnte so vor einem breiten Zuschauerkreis Korrekturen an ihrem Image vornehmen. Wolfgang Schäuble, dessen Image als Fußballfan hingegen nie ernsthaft gefährdet war, spielte bei seinen Stadionbesuchen für die Medien nur eine nachgeordnete Rolle. Gleichwohl boten sich auch für ihn, ebenso wie für Angela Merkel, während der WM Gelegenheiten, seinen Ruf als Kenner des Sports durch fachmännische Kommentare zum Spielgeschehen zu untermauern.

Arbeit zitieren:
Wachsmuth, Fabian April 2008: Die Politik spielt mit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Fußballweltmeisterschaft, Imagepolitik, Angela Merkel, Wolfgang Schäuble, Medienpolitik

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