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Pilgern als eine spezifische Form von sozialpädagogischer Einzelfallhilfe

Analysiert anhand eines konkreten Falls

Pilgern als eine spezifische Form von sozialpädagogischer Einzelfallhilfe
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Claudia Franke
  • Abgabedatum: Oktober 2005
  • Umfang: 126 Seiten
  • Dateigröße: 1.015,4 KB
  • Note: 1,6
  • Institution / Hochschule: Technische Universität Dresden Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9369-1
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9369-1 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9369-1 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Franke, Claudia Oktober 2005: Pilgern als eine spezifische Form von sozialpädagogischer Einzelfallhilfe, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Pilgern, Erlebnispädagogik, Jakobsweg, Jugendarbeit, Sozialpädagogik

Diplomarbeit von Claudia Franke

Einleitung:

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Pilgern als intensivsozialpädagogische Einzelmaßnahme. Gerade was die Umsetzung von erlebnispädagogischen Intensivmaßnahmen betrifft, scheinen der Phantasie keine Grenzen gesetzt zu sein. Besonders in den letzten Jahren haben sich vielfältige Formen von intensiver Einzelbetreuung mit erlebnispädagogischen Inhalten entwickelt. Dennoch gibt es immer wieder Kinder und Jugendliche, die von den verschiedenen erzieherischen Angeboten nicht erreicht werden. Unterschiedliche Faktoren tragen dazu bei, dass Jugendliche immer schwieriger werden, d.h. es für die Betreuer immer schwerer wird, erzieherisch Einfluss auf sie zu nehmen.

Eltern fühlen sich zunehmend mit Erziehungsaufgaben überfordert und Jugendliche verweigern sich gegenüber elterlicher Autorität. Eine permanent älter werdende Gesellschaft grenzt junge Menschen aus, weil sie sich nicht ausreichend anpassen und verlangt staatliche Sanktionen.

In der Literatur und gegenwärtigen Diskussion werden diese Kinder und Jugendliche als „schwierig“ bezeichnet. Es gibt keine eindeutige Definition, wer oder was schwierige Kinder und Jugendliche sind. Typisch für eine Vielzahl von Fällen ist, dass Jungen und Mädchen in belastenden Lebenssituationen durch ein hohes Maß an Unsicherheit, Vernachlässigung und Gewalt, Versagung und Enttäuschung geprägt sind. Bereits deren Eltern sind häufig schon in ihren Entwicklungsbedürfnissen und Lebensgrundlagen eingegrenzt worden und diese erlittene Not wird weitergegeben und realisiert sich für die Kinder in Beziehungsunfähigkeit, zerstrittenen Beziehungen, resignativem Rückzug oder hilfslosem Protest.

Auf die Frage, wie mit diesen Jugendlichen umzugehen sei, hält die öffentliche Erziehung mehrere Antworten bereit. Dabei haben sich vor allem zwei gegenüberstehende Positionen herauskristallisiert. Ein Ansatz davon sieht intensives Verständnis als Schlüssel und besondere Zuwendung als Basis einer erfolgreichen Erziehung und Bildung gerade der schwierigeren Kinder. Die konträre Haltung sieht eine Erfolg versprechende Antwort auf schwierige Kinder vor allem und zuerst in der besonderen Konsequenz, Disziplin und Strenge pädagogischer Arrangements. Nur durch systematische Ordnung und eindrückliche Struktur der äußeren Regeln und ihres konsequenten Vollzugs könne dem inneren Chaos und der Desorientierung der Kinder begegnet werden.

Inwieweit diese beiden Positionen tatsächlich Erfolg versprechend sind, kann hier nicht ausführlich erörtert werden. Tatsache ist, dass dieses Klientel besondere Aufmerksamkeit braucht. Intensität und Individualität sind dabei entscheidende Faktoren. Durch besondere Zuwendung und eine individuelle, intensive Betreuung wird der Hilfeprozess durch den Kontakt zwischen Betreuer und Jugendlichen geprägt und die Wahrscheinlichkeit, den Jugendlichen tatsächlich zu erreichen und erzieherisch zu beeinflussen, dementsprechend erhöht.

So soll die in dieser Arbeit untersuchte intensivpädagogische Wandermaßnahme zeigen, dass durch einen Betreuerschlüssel von 1:1 und ‚rund um die Uhr Betreuung’ für den Jugendlichen bei der erlebnispädagogischen Maßnahme Situationen geschaffen werden können, in denen das eigene Tun und Handeln und damit die Wirksamkeit der eigenen Handlungen und Handlungsplanung unmittelbar erkannt, reflektiert und erfahren werden können. Konkret soll damit eine Änderung des Verhaltens, ein neuer Bezug zu sich selbst und bessere Konfliktbearbeitungsfähigkeit eingeleitet werden.

Weiterhin sollen die wichtigen Wirkfaktoren der intensiven erlebnispädagogischen Maßnahme dargestellt und deren Einfluss auf den Jugendlichen herausgearbeitet werden. Vereinfacht gesagt sind das drei Bereiche:

Die gemeinsamen Erlebnisse von Jugendlichen und Betreuer.

Die aus sich selbst wirksamen naturnahem Medien der Erlebnispädagogik (geringer Lebensstandard, unberührte Natur, eigene Grenzen erfahren durch körperliche Anstrengung...).

Der Aufbau einer persönlichen Beziehung zwischen Betreuer und Jugendlichem, wo der Jugendliche so angenommen wird wie er ist und dadurch erfährt, dass es der Betreuer ernst meint und er Vertrauen und Verlässlichkeit aufbauen kann.

Auch wenn die Notwendigkeit der persönlichen Beziehung eine gewisse Gefahr der zu großen Nähe enthält, ist dieser Aspekt meiner Meinung nach der wichtigste und wirkungsvollste bei dieser Art von Projekten. Zumal dem Risiko von zu großer Nähe durch Beratung, Supervision oder Arbeit im Team begegnet werden kann. Denn betrachtet man generell die Biografien dieser schwierigen Kinder, sind diese geprägt von unzureichender Versorgung, Misstrauen, unzuverlässigen Beziehungen sowie gewalttätigen Übergriffe in privater wie öffentlicher Erziehung.

Diese Kinder brauchen am meisten einen Bezugspartner bzw. Betreuer, der ihnen etwas bietet was sie bisher nicht kannten bzw. erlebt haben und sie so akzeptiert wie sie sind, ohne gleich zu kritisieren und verändern zu wollen. Sie brauchen jemanden, der das Kind bzw. den Jugendlichen in seiner Lebensgeschichte, den prägenden Erfahrungen und dem Gewordensein versteht und den Mut hat, sich auf Aushandlungsprozesse einzulassen. Wenn der Erzieher dazu offen mit Emotionen wie Angst und Unsicherheit umgehen kann, erleichtert das den Jugendlichen den Zugang zu den eigenen Emotionen und wirkt außerdem motivierend.

Doch die beschriebenen Missstände lassen sich bei den Kindern nicht einfach durch eine erlebnispädagogische, zeitlich begrenzte Maßnahme wiedergutmachen. Untersucht man die Ursachen und betrachtet die Erklärungsgrundsätze für sozialpädagogisches Handeln, so führt das zu einer nicht neuen und im Kern banalen, aber doch immer wieder aufregenden und beunruhigenden Erkenntnis:

Schwierige Kinder werden nicht schwierig geboren, sondern das Leben hat sie dazu gemacht! Das bedeutet auch, dass mit einem geeigneten Erlebnis die persönlichen und sozialen Ressourcen dieser Kinder gefördert und wieder aufgebaut werden können. Dem Bedürfnis, erfolgreiche Überlebenschancen entwickeln zu müssen kann entgegengewirkt werden. Eine Erfolg versprechende Methode ist dafür das gemeinsame Pilgern. Entgegen dem Trend nach ständiger Steigerung im Erlebniskonsum geht es nicht darum, höher, schneller oder radikaler zu sein, sondern ein entscheidender Schlüssel liegt hier in den Faktoren Natur, Zeit und Langsamkeit.

Durch diese Einflüsse und einer Verlangsamung statt Beschleunigung, hat der Jugendliche die Möglichkeit, Kontakt, Kommunikation, Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein aufzubauen. Versuch und Irrtum spielen dabei ebenso eine wichtige Rolle, wie Überlegung und Reflexion. Erfolgreiche Strategien werden behalten und weiterentwickelt, weniger erfolgreiche verworfen und vergessen. Bei der intensiven Pilgermaßnahme sind diese Vorraussetzungen gegeben und dementsprechend werde ich in der vorliegenden Arbeit prüfen, welchen Einfluss die besagten Erlebnisse auf den Jugendlichen haben und wie dadurch ein neues Selbstbild entwickeln werden kann, was auch einen anderen Umgang mit Ängsten und Konflikten einschließt.

Gang der Untersuchung:

Zur besseren Übersichtlichkeit habe ich die Arbeit in zwei Abschnitte geteilt. Der erste einleitende Teil ist eher allgemein gehalten und widmet sich den Erziehungshilfen vorerst insgesamt und der intensivsozialpädagogischen Einzelmaßnahme im Speziellen. Dabei gehe ich ausführlich auf den erlebnispädagogischen Hintergrund ein. Des Weiteren stelle ich in diesem ersten Teil das Pilgern vor und zeige, inwieweit es als Therapie geeignet ist bzw. als Betätigungsfeld für Jugendliche.

Der zweite Teil befasst sich mit der Maßnahme im Speziellen und stellt den begangen Jacobsweg vor. Hier wird weiterhin die methodische Herangehensweise erläutert und die eingesetzten Mittel erklärt. Anschließend stelle ich anhand eines kurzen biografischen Portraits die teilnehmende Jugendliche vor, einschließlich ihren Vorstellungen und Erwartungen an das Projekt. Schließlich werte ich die Maßnahme anhand von bereits im Vorfeld aufgestellten thematischen Schwerpunkten aus.

Ich möchte darauf hinweisen, dass innerhalb der vorliegenden Arbeit in Bezug auf die Beteiligten, zum Beispiel der Jugendlichen und Betreuer, hauptsächlich die männliche Form verwandt wird. Dies geschieht nur aus Gründen der Übersichtlichkeit und des besseren Leseflusses und ist nicht auf geschlechtsspezifische Gründe zurückzuführen.

Inhaltsverzeichnis:

I. VORWORT 4
I. 1 MOTIVATION 4
I. 2 THESE 6
II. THEORETISCHE GRUNDLAGEN 10
II.1 HILFEN ZUR ERZIEHUNG 10
II.1.1 Erziehungshilfen für Jugendliche im Wandel 10
II.1.2 Erlebnispädagogischer Hintergrund 15
II.1.2.1 Geschichte und Wirkungsmodelle 16
II.1.2.2 Stellenwert der Erlebnispädagogik in der Jugendhilfe 19
II.1.3 Intensiv Sozialpädagogische Einzelmaßnahmen 23
II.1.3.1 Letzte Instanz vorm sozialen Abstieg? 23
II.1.3.2 Rechtliche Rahmenbedingungen 25
II.1.3.3 Überblick über Maßnahmengebote 27
II.1.3.4 Kritik und persönliche Bewertung 30
II.1.3.5 Weiterentwicklung und Perspektiven 35
II.2 PILGERN 39
II.2.1 Spezielles Wandern 39
II.2.2 Wandern als Therapie 40
II.2.3 Wandern als Angebot für Jugendliche 43
III. AUF DEM JACOBSWEG 47
III.1 VORSTELLUNG DES JACOBSWEGES 47
III.2 DIE MAßNAHME 51
III.3 METHODIK 53
III.3.1 Der thematische Leitfaden 53
III.3.2 Beobachtung 56
III.3.3 Befragung 63
III.4 VORSTELLUNG DER JUGENDLICHEN 65
III.4.1 Biografisches 65
III.4.2 Persönliche Erwartungen von Lisa an das Reiseprojekt 68
III.5 DURCHFÜHRUNG DES REISEPROJEKTES 71
III.6 AUSWERTUNG 74
III.6.1 Bezug zu Lisas Biografie 75
III.6.2 Lisas Einstellung zum Projekt 76
III.6.3 Verhalten in Konfliktsituationen 79
III.6.4 Einfluss der Umgebung 82
III.6.5 Beziehung zum Betreuer 84
III.6.6 Die Wirkung von positiven Erlebnissen 85
III.6.7 Lisas körperliches Befinden 87
Abschließende Betrachtung 89
LITERATURVERZEICHNIS 93
ANHANG 98
FRAGEBOGEN 98
ABSCHLIEßENDE ANTWORTEN LISAS ZUM PROJEKT 102
INTERVIEWS 104
PROTOKOLLE: TEILNEHMENDE BEOBACHTUNG 116
EIDESSTATTLICHE ERKLÄRUNG 126

Automatisiert erstellter Textauszug:

In diesem Sinne hat im Fall von Lisa zwar die Beobachtung zur Erlangung von Informationen beigetragen, kann aber nicht als systematische Beobachtung bezeichnet werden, da nicht alle wissenschaftlichen Komponenten erfüllt sind. Die direkte Beobachtung von Lisa während der Zeit der Maßnahme lässt sich wie folgt beschreiben: Lisa wurde vor der Reise in Kenntnis über die Beobachtung gesetzt, demnach fand eine offene Beobachtung statt. Wichtig ist, dass bei der Beobachtung generell vor Beginn klar ist, worauf die Aufmerksamkeit gerichtet werden soll. Sonst kann es passieren, dass gerade über die Ereignisklassen, die interessieren, in dem erhobenen Material wenig oder gar nichts enthalten ist. In dem Fall Lisa kann man von teilnehmender Beobachtung sprechen, da ich, der Beobachter, in fast alle Interaktionen von Lisa in irgendeiner Art und Weise involviert war. Es gab lediglich eine grobe Anweisung auf die Beobachtungsinhalte meinerseits und kein ausführliches Beobachtungsschema, deshalb handelt es sich um eine unstrukturierte Beobachtung. Um der Beobachtung von Lisa Richtung und Begründung zu geben, habe ich mich an das häufig zitierte Kategoriensystem zur Beobachtung von Interaktionen in kleinen Gruppen von R. F. Bales gehalten.94 Dieses ist zwar differenzierter in den Kategorien als das von mir aufgestellte [...]

4. Einfluss und Rolle der Umgebung Hier soll explizit die Natur und die Menschen im Umfeld der Jugendlichen beleuchtet werden. Wie bereits weiter oben erwähnt, ist ein wichtiges Medium beim Wandern und der Erlebnispädagogik allgemein die Natur. Durch die gezielte Untersuchung dieser Einflussgröße (vor allem bei der Jugendlichen) soll ihr Einfluss und die damit verbundenen Potentiale herausgearbeitet werden. Des Weiteren ist der Umgang mit fremden Menschen, die man während der Wanderung trifft, bedeutsam. Erwähnenswert ist, wie sich Fremden gegenüber verhalten wird, wie der Jugendliche in einer größeren Gruppe auftritt, welche Akzeptanz er dort hat, wie Lisa auf Ablehnung reagiert oder wie mit Meinungsverschiedenheit umgegangen wird. Aber auch ob und inwieweit nahe stehende Personen (die Betreuer in der ISE-Wassermühle oder Freunde) eine Rolle spielen soll hier gegebenenfalls erwähnt werden. [...]

1. Biografisches bzw. Einfluss der Biografie auf die gegenwärtige Situation Hier sollen Lisas Familie und ihre Geschichte beschrieben werden. Vor allem der Auslöser ihrer „Heimkarriere“ und die folgenden Stationen spielen eine Rolle. Weiterhin sollen Angaben zur Herkunftsfamilie gemacht werden, ob es sich um leibliche Eltern handelt und was deren Beruf/ Tätigkeit ist, ob Lisa Geschwister hat und wie das Verhältnis zu ihnen ist. Lisa hat eine sehr starke Bindung zu ihrer Familie, die teilweise auch sehr konfliktbeladen ist und großen Einfluss auf ihr Verhalten und ihre Stimmungen haben kann. Auf Grund dieser Abhängigkeit von ihrer Familie und damit ihrer Geschichte, ist es wichtig, diese genauer zu beleuchten und hier gegebenenfalls Ursachen für bestimmtes Verhalten zu suchen. [...]

Arbeit zitieren:
Franke, Claudia Oktober 2005: Pilgern als eine spezifische Form von sozialpädagogischer Einzelfallhilfe, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Pilgern, Erlebnispädagogik, Jakobsweg, Jugendarbeit, Sozialpädagogik

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