Physische Gewalt an Kindern in der Familie - Ursachen, Folgen und Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Heike Wielspütz
- Abgabedatum: Juni 2009
- Umfang: 99 Seiten
- Dateigröße: 645,7 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abt. Köln Deutschland
- Bibliografie: ca. 60
- ISBN (eBook): 978-3-8428-0312-1
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Wielspütz, Heike Juni 2009: Physische Gewalt an Kindern in der Familie - Ursachen, Folgen und Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Ursache, Diagnose, Formen, Experteninterviews, Misshandlung
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Diplomarbeit von Heike Wielspütz
Einleitung:
‚Vor allem in der ersten Zeit nach der Trennung bin ich unheimlich schnell ausgeflippt. Es gab Zeiten, manchmal zwei Wochen lang, da hat sie nur Mist gemacht. Da hat sie jeden Tag was auf den Hintern gekriegt, auch fünfmal am Tag. Ich habe einfach nicht verstanden, warum das so ist. Ich habe auch nicht darüber nachgedacht, bin viel zu schnell ausgerastet’ – Aussage einer 25-jährigen alleinerziehenden Mutter Die Erziehung eines Kindes ist eine große Herausforderung. Manche Eltern sind häufig hilflos, da sie mit ihren eigenen Gefühlen und Konflikten nicht angemessen umgehen können. An der Aussage dieser Mutter wird deutlich, wie eine Überforderung der Eltern entstehen kann. Dieses Verhalten hinterlässt tiefe Narben bei den Kindern. Die Verbundenheit eines Menschen mit anderen Menschen ist eines der zentralen und sinnstiftenden Motive innerhalb unseres Lebens.
Zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten und zu erhalten, um in ihnen emotionale Sicherheit und Geborgenheit zu erfahren, ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Die soziale Beziehung zwischen Eltern und Kindern sowie Erlebnisse in der Kindheit sind von großer Bedeutung und prägen das Selbstbild und die Identität eines Menschen. Warum wird Gewalt gerade dort angewendet, wo menschliche Wärme und harmonischer Umgang miteinander von entscheidender Bedeutung sein sollten? Enge soziale Beziehungen sind immer mit Konflikten verbunden, die gelegentlich mit verbalen Verletzungen und gewalttätigen Handlungen einhergehen können. Stresssituationen der Eltern, wie z.B. finanzielle Belastungen einhergehend mit Arbeitslosigkeit, die ohne ausreichende Verarbeitungs- und Handlungsmöglichkeiten erst zu Krisensituationen werden, können mit Gewalt gegen die Kinder zusammenhängen. Das Thema Kindesmisshandlung ist nicht neu. Viele Täter und Opfer finden jedoch nicht den Mut, darüber zu sprechen oder sich Hilfe zu holen, betroffene Kleinkinder können dies zudem noch gar nicht.
In der sozialen Arbeit werden Sozialarbeiter und Sozialpädagogen häufig mit verschieden Gewaltformen konfrontiert. Gewalt gegen Kinder kann sich in unterschiedlichen Formen zeigen, wie z.B. in psychischer und physischer Gewalt, sexuellem Missbrauch sowie in emotionaler und körperlicher Vernachlässigung. Jedes Jahr sterben in den Industrieländern 3500 Kinder an Misshandlungen. In dieser Arbeit möchte ich mich explizit mit physischer Misshandlung auseinandersetzen. Zu Beginn werde ich im ersten Teil verdeutlichen, welche Bedeutung die Familie für das Kind hat. Anschließend erläutere ich, welche unterschiedlichen Konfliktlagen in unserer heutigen Zeit in Familien bestehen, deren Verschärfung dann eventuell eine mögliche Ursache für gewalttätige Handlungen gegen das Kind sein können. Im zweiten Teil der Arbeit erkläre ich die Entstehung von Gewalt in der Familie, die Formen der Misshandlungen, die Auswirkungen und die Diagnostik von physischer Gewalt und die unterschiedlichen Folgen für die Betroffenen. Nach der Darstellung der Erscheinungsformen und Gründe für Misshandlungen in der Familie untersuche ich im dritten Teil die Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit. Dazu zählen die Vorstellung des Allgemeinen Sozialen Dienst, Hilfen zur Erziehung nach dem SGB VIII (KJHG), die Sozialpädagogische Familienhilfe, ein ambulantes Gruppenangebot und die aufsuchende Familientherapie.
Um die Arbeit, Erfahrungen und Ansichten des Jugendamtes und des Kinderschutzbundes bezüglich des Themas Misshandlung zu verdeutlichen, ergänze ich meine Arbeit durch drei Experteninterviews mit dem Kinderschutzbund (Stadt), Kinderschutzbund (ländliche Region) und dem Jugendamt (Stadt). Ziel der Arbeit ist es, die unterschiedlichen Möglichkeiten der Intervention aufzuzeigen, sowie Vor- und Nachteile, die für die Soziale Arbeit von Bedeutung sind. Im weiteren möchte ich die Folgen für die Kinder, sowie Anlässe und Ursachen, der Eltern, Kinder zu misshandeln näher erläutern. Meine Motivation ist hier, die Bedeutung der Entwicklungsgefährdung die sich für die Kinder ergibt, sowie für die daraus resultierenden Erkennungs- und Begleitungsmöglichkeiten für die Soziale Arbeit darzulegen. Eine weitere Frage der ich nachgehen werde ist, wie Mitarbeiter der Sozialen Arbeit durch Intervention im Umgang mit betroffenen Kindern und Familien, eine adäquate Begleitung und psycho- soziale Unterstützung zur Verbesserung der Lebensqualität leisten können.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einführung | 5 |
| Teil I | Ursachen von Gewalt und Misshandlungen in der Familie | 6 |
| 2. | Bedeutung der Familie für das Kind | 6 |
| 3. | Konfliktursachen und Problemlagen in heutigen Familien | 7 |
| 3.1 | Work-Life Balance | 8 |
| 3.2 | Arbeitslosigkeit | 9 |
| 3.3 | Alleinerziehende | 10 |
| 3.4 | Alkoholismus und weitere Süchte | 11 |
| 4. | Entstehungsursachen für körperliche Gewalt in der Familie | 12 |
| 4.1 | Psychopathologischer Erklärungsansatz | 12 |
| 4.2 | Soziologischer Erklärungsansatz | 14 |
| 4.3 | Sozial-situationaler Erklärungsansatz | 16 |
| 5. | Misshandlungen im spezifischen Kontext | 17 |
| 5.1 | Misshandlung durch psychisch kranke Eltern | 17 |
| 5.2 | Misshandlung durch süchtige Eltern | 18 |
| Teil II | Formen und Diagnose von Gewalt und Misshandlungen | 20 |
| 6. | Gewalt in der Familie | 20 |
| 6.1 | Definition von Aggression | 20 |
| 6.2 | Theorien zur Entstehung von Gewalt | 21 |
| 6.3 | Gewalt in der Erziehung | 22 |
| 6.4 | Definition von häuslicher körperlicher Gewalt | 25 |
| 7. | Kindesmisshandlung | 26 |
| 7.1 | Definition von Kindesmisshandlung | 27 |
| 7.2 | Physische Misshandlung | 28 |
| 7.3 | Psychische Misshandlung | 29 |
| 7.4 | Vernachlässigung | 30 |
| 7.5 | Sexueller Missbrauch | 31 |
| 8. | Folgen der körperlichen Misshandlung für das Kind | 32 |
| 8.1 | Kurzzeitfolgen | 32 |
| 8.1.1 | Somatische und psychosomatische Störungen | 32 |
| 8.1.2 | Kognitiv-emotionale Störungen | 33 |
| 8.1.3 | Störungen des Sozialverhaltens | 33 |
| 8.2 | Langzeitfolgen | 35 |
| 8.3 | Tod als Folge von Misshandlungen | 35 |
| 9. | Auswirkungen und Diagnostik physischer Gewalt | 36 |
| 9.1 | Hämatome | 37 |
| 9.2 | Verbrennungen | 38 |
| 9.3 | Frakturen | 39 |
| 9.4 | Schädelhirn- und Schütteltraumata | 40 |
| 9.5 | Innere Verletzungen | 41 |
| Teil III | Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit | 42 |
| 10. | Institutionelle Grundlagen | 42 |
| 10.1 | Rechtlicher Rahmen für Maßnahmen zum Schutz und Wohl des Kindes | 42 |
| 10.2 | Kooperation zwischen Institutionen | 43 |
| 11. | Der Allgemeine Soziale Dienst | 44 |
| 11.1 | Aufgabenfeld und rechtliche Grundlagen | 44 |
| 11.1.2 | Haltung gegenüber Kindern und Eltern | 46 |
| 11.2 | Arbeitsweise | 47 |
| 11.2.1 | Arbeitsabläufe | 47 |
| 11.2.2 | Kollegiale Beratung und Hilfeplanung | 48 |
| 11.3 | Interventionsmaßnahmen | 49 |
| 11.3.1 | Inobhutnahme als Krisenintervention bei Kindeswohlgefährdung | 49 |
| 11.3.1.1 | Formen der Unterbringung | 51 |
| 11.3.2 | Ambulante Hilfen | 53 |
| 11.3.3 | Teilstationäre Hilfen | 55 |
| 11.3.4 | Stationäre Hilfen | 55 |
| 12. | Sozialpädagogische Familienhilfe | 56 |
| 12.1 | Aufgabenfeld | 56 |
| 12.2.1 | Rahmenbedingungen und Arbeitsweise | 57 |
| 12.2.2 | Hilfeplan | 59 |
| 12.2.3 | Ablösephase und Abschluss | 59 |
| 13. | ‚Nangilima’: Ein ambulantes Gruppenangebot für Kinder, die von Gewalt in der Familie betroffen sind | 60 |
| 13.1 | Rahmenbedingungen | 60 |
| 13.2 | Zielsetzung und Konzeption | 61 |
| 13.3 | Praxiserfahrungen | 62 |
| 13.3.1 | Erreichen der Zielgruppe | 62 |
| 13.3.2 | Reden und Schweigen zum Thema Gewalt | 63 |
| 13.3.3 | Umgang mit auffälligem Verhalten | 63 |
| 13.3.4 | Elternarbeit | 64 |
| 13.4 | Zukunftsperspektiven | 65 |
| 14. | Aufsuchende Familientherapie im Kinderschutz | 66 |
| 14.1 | Zielsetzung | 66 |
| 14.2 | Rahmenbedingungen und Voraussetzungen | 66 |
| 14.3 | Arbeitsweise | 68 |
| 14.3.1 | Phasen der Familientherapie | 70 |
| 14.4 | Kooperation von Jugendamt und Therapeuten | 73 |
| 15. | Zusammenfassung und Fazit | 74 |
| 16. | Literaturverzeichnis | 76 |
| 17. | Anhang | 82 |
| 17.1 | Konzeption der Interviews | 82 |
| 17.2 | Interview mit Herrn R., Kinderschutzbund (Stadt) | 82 |
| 17.3 | Interview mit Frau L., Jugendamt (Stadt) | 87 |
| 17.4 | Interview mit Herrn P., Kinderschutzbund (Land) | 93 |
Textprobe:
Kapitel 5.1, Misshandlung durch psychisch kranke Eltern:
Für die soziale Arbeit der Jugendhilfe sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist es entscheidend, einzuschätzen, ab wann die psychische Erkrankung der Eltern für Kinder bedrohlich ist und das Wohl des Kindes nicht mehr sichergestellt werden kann. Weiterhin ist es wichtig, ob und ab wann Hilfemaßnahmen nötig werden, ob die Gefahr noch abgewendet werden kann und in welchen Fällen eine (vorübergehende) Fremdunterbringung des Kindes aus der Familie zum Schutz des Kindes nötig wird. In einer Umfrage von Walsh wurden 8.500 Personen zum Zusammenhang von Misshandlungserfahrungen und einer psychischen Krankheit der Eltern oder eines Elternteils untersucht. In der Auswertung wurde deutlich, dass Kinder, deren Eltern an einer seelischen Erkrankung leiden, 2 bis 3 Mal öfter Misshandlungsformen wie Vernachlässigung, sexuellen Missbrauch und physische Misshandlung erlebten als der Durchschnitt.
Den engsten Bezug zur körperlichen Misshandlung hatte dabei eine antisoziale Störung der Eltern. Frauen sowie Männer, die an einer psychischen Störung oder Krankheit leiden, unterliegen also einem höheren Risiko, ihre Kinder zu misshandeln. Verstärkt wird dieses Risiko durch verschiedene Einflüsse auf die Eltern wie ein junges Alter, erschwerte Lebensbedingungen, Suchtkrankheiten oder eigene Missbrauchserfahrungen. Mütter, die ihre Kinder misshandeln, leiden mehrfach unter Krankheitsbildern wie Angststörungen, Störungen der Persönlichkeit, Depressionen und selbstverletzendem Verhalten. Kurz nachdem das Kind geboren wird, ist die Gefahr bei Müttern am höchsten, eine psychische Erkrankung zu bekommen. Männer, die ihre Kinder misshandeln, leiden oft unter einem sozial-abweichenden Verhalten. Nach Oates gibt es zwei Gruppen von misshandelnden psychisch kranken Eltern: Jene, die unter schizophrenen oder affektiven Psychosen leiden, und diejenigen, die aufgrund ihrer eigenen Misshandlungserfahrungen in ihrer Kindheit an einer psychischen Krankheit leiden. Störungen, die daraus resultieren können, sind chronische Depressionen, Angststörungen, eine Borderline-Persönlichkeitsstörung sowie antisoziale Störungen. Die Entstehung von Suchtverhalten kann hinzu kommen und dient dem Betroffenen dazu, negativen Gefühle wie Hilflosigkeit, Gereiztheit und innere Leere zu unterdrücken.
Wenn Eltern psychisch krank sind, kann es in der Eltern-Kind-Beziehung zu Kommunikationsstörungen kommen. Die Sensibilität der Eltern kann beeinträchtigt sein, wodurch eine Über- und/oder Unterstimulation des Kindes entstehen kann. Wenn die gesamte Kommunikation von diesem Verhalten geprägt ist, ist es als krankhaft zu bezeichnen. Bei der Unterstimulation kann der Erwachsen nicht oder nur manchmal auf die Bedürfnisse seines Kindes eingehen, emotional ist er schwer bis gar nicht für das Kind erreichbar. Die darauf folgenden Verhaltensweisen des Kindes wie Ungeduld, Gereiztheit, Ungehorsam und Wut verursachen negative Handlungen der Eltern können die Ausgangslage für eine psychische und/oder körperliche Misshandlung darstellen. Bei der Überstimulation ist der erkrankte Erwachsene nicht in der Lage, kindliche Bedürfnisse wahrzunehmen; sein Verhalten gegenüber dem Kind wird nur aufgrund persönlicher Empfindungen ausgelebt. Somit kann eine zu extreme Zuwendung entstehen, auf die das Kind – oft erfolglos – Reaktion mit Rückzug und Abwendung reagiert. Wenn die Eltern dann aggressiv reagieren, ist das Kind gezwungen, gehorsam zu sein. Sein eigener Wille wird nicht berücksichtigt. Ein weiterer Hinweis auf eine psychische Störung ist es, wenn die Eltern sich unberechenbar, d.h. auffällig wechselhaft und inkonsequent verhalten. Dieses Verhalten wird häufig bei Menschen beobachtet, die keine emotional stabile Persönlichkeit besitzen. Es tritt mehrfach im Zusammenhang mit eigenen Misshandlungserfahrungen auf. Eine psychische Erkrankung, die phasenweise oder chronisch auftritt, bedeutet immer eine enorme Belastung für alle Familienmitglieder. Wenn das Verhalten durch die psychische Störung der Eltern sowie deren Reflexionsfähigkeit so eingeschränkt wird, dass Misshandlung und Vernachlässigung möglich sind und die Art der Interaktion krankhaft ist, dann hat dies gravierende Folgen für die psychische Entwicklung der Kinder. Dies gilt besonders, wenn die starre Rollenverteilung in der Familie dazu beiträgt, dass das Kind sich in seiner Persönlichkeit nicht entfalten kann.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842803121
Arbeit zitieren:
Wielspütz, Heike Juni 2009: Physische Gewalt an Kindern in der Familie - Ursachen, Folgen und Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit, Hamburg: Diplomica Verlag
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Ursache, Diagnose, Formen, Experteninterviews, Misshandlung



