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Der Philosoph als Staatsmann?

Vita activa und vita contemplativa im ersten Buch von Thomas Morus’ Utopia

Der Philosoph als Staatsmann?
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Ingrun Wenge
  • Abgabedatum: November 2005
  • Umfang: 119 Seiten
  • Dateigröße: 860,5 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 125
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0222-8
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8366-0222-8 P
  • ISBN (CD) :978-3-8366-0222-8 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Wenge, Ingrun November 2005: Der Philosoph als Staatsmann?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Neuzeit, Renaissance, Philosophie, Humanismus, Thomas Morus

Magisterarbeit von Ingrun Wenge

Einleitung:

Das Thema der vorliegenden Arbeit hat eine geistesgeschichtliche Tradition, die sich auf zweieinhalb Jahrtausende beläuft. Die auf den ersten Blick einfach erscheinende antithetische Gegenüberstellung von vita activa und vita contemplativa umfasst eine Vielzahl grundsätzlicher Fragen sowohl ethischer als auch politischer Art. Denn das Begriffspaar, verstanden als qualitative Unterscheidung zwischen einander ausschließenden und sich doch komplementär ergänzenden Lebensentwürfen, beinhaltet weitere begriffliche Dualismen, so etwa die Gegenüberstellung von Einsamkeit und Gesellschaft, von Arbeit und Muße, von Denken und Handeln und von Theorie und Praxis. Insofern bildet der stilisierte Dualismus vita activa / vita contemplativa ein wesentliches Modell zur Erfassung menschlichen Daseins, das ein Thema von zeitloser Relevanz ist.

Francesco Petrarcas Schrift De vita solitaria (1346–1356) kann als erstes humanistisches Prosatraktat zum Problem vita activa / vita contemplativa gelten. Als erstes Werk der Renaissance spiegelt es die Legitimierungsprobleme der humanistischen Lebensweise wider. Dabei kann Petrarca (1304–1374) als Vorreiter der neuen „frei schwebenden” Intellektuellen gelten, wie sie in Europa in den kommenden Jahrzehnten vermehrt in Erscheinung treten sollten.

Thomas Morus (1478–1535) und seine Zeitgenossen stehen zwar nicht mehr unter einem derartigen Legitimierungszwang, denn die humanistische Lebensweise hat sich im Europa des frühen 16. Jahrhunderts etabliert und bildet nicht mehr die Ausnahme. Dennoch verliert die Diskussion um vita activa und vita contemplativa keinesfalls an Relevanz; im Gegenteil, die Beziehung zwischen Theorie und Praxis und die Frage, welcher der beiden der Vorrang zukommt, beschäftigt die Humanisten sehr, und für viele manifestiert sich der Dualismus in der Differenz zwischen humanistischer Theorie und politischer Praxis. Ein Standardthema der humanistischen Literatur bildet dabei die Fragestellung, ob die neue Bildungselite ihre Gelehrsamkeit in den Dienst eines Fürsten stellen sollte. Genau diese Frage behandelt auch Thomas Morus im ersten Buch seiner Utopia (1516). Von besonderem Interesse ist sein Beitrag deshalb, weil es ihm gelingt, das tradierte Problem vita activa / vita contemplativa differenziert und in seiner ganzen Bandbreite zu diskutieren, ohne je in eine gemeinplätzliche Behandlung des Themas zu verfallen. Den Konflikt zwischen politischer Aktion und gelehrter Kontemplation dramatisiert Morus dabei anhand der Morus-Persona und der Figur Raphael Hythlodaeus.

Die in der europäischen Renaissance eifrig geführte Auseinandersetzung mit dem Thema reflektiert zunächst das homozentrische Weltbild der Humanisten. Das binäre Modell entwickelt sich in der Renaissance zu einer exklusiven und von gegenseitigem Unverständnis geprägten Opposition. Dabei wird, an tradierte Denkmuster anknüpfend, die vita contemplativa vielfach als müßig und nutzlos stigmatisiert, während umgekehrt die vita activa als unrein, profan und eitel gebrandmarkt wird. Ausgehend von der Hypothese, dass Morus im ersten Buch der Utopia den zeitlosen Widerstreit zwischen vita activa und vita contemplativa problematisiert, ergibt sich die zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit: Zu welchem Schluss gelangt Morus mit seinem Dialogue of Counsel hinsichtlich der Frage, ob und warum Philosophen in den Staatsdienst treten bzw. aus welchen Gründen sie dies unterlassen sollten? Zu welchem Ergebnis kommt Morus in der Behandlung des Problems vita activa / vita contemplativa; welche Lebensform wird als höherwertig dargestellt und mit welcher Begründung erfolgt dies? Von besonderem Interesse ist hierbei auch, welches Bild vom Philosophen mit dem ersten Buch der Utopia vermittelt wird. Dabei wird die These vertreten, dass Morus angesichts der Unvereinbarkeit von Philosophie und Realpolitik die Dialogpartner bewusst keine Einigung erlangen lässt und im Dialogue of Counsel keine endgültige Stellung bezieht, sondern vielmehr ein Dilemma konstatiert.

Gang der Untersuchung:

Um die oben skizzierte Relevanz und Tragweite des Themas aus humanistischer Sicht aufzuzeigen, muss jedoch zunächst eine begriffliche Klärung erfolgen (Kapitel 2.1), damit in einem nächsten Schritt die Besonderheiten des englischen Humanismus untersucht werden können (Kapitel 2.2). Dabei wird sich zeigen, dass die Diskussion des Themas vita activa / vita contemplativa immer auch ein Indiz für ein im Wandel begriffenes Verhältnis zwischen Macht und Geist darstellt.

In Kapitel 2.3 wird untersucht, inwiefern der Konflikt zwischen Aktion und Kontemplation für Morus’ eigene Lebenswelt bedeutsam war; schließlich hatte er mehr als nur ein akademisches Interesse an dem im Dialogue of Counsel behandelten Problem. Da es sich bei dem Thema dieser Arbeit um ein ideengeschichtlich voraussetzungsvolles Thema handelt, erscheint es angebracht, in Kapitel 3 zunächst einen Überblick über die Geistesgeschichte des dualistischen Modells zu liefern. Mit Platon (Kapitel 3.1) und Aristoteles (Kapitel 3.2) werden die antiken Quellen des Modells aufgezeigt, wobei gerade Platon bei der Analyse des ersten Buches der Utopia zentrale Bedeutung erlangt. Schon Platon zeigt das ambivalente Verhältnis des Philosophen zur Politik auf. Aber erst mit Aristoteles’ Unterscheidung zwischen bios theoretikos und bios praktikos beginnt die – bis heute anhaltende – wertende Gegenüberstellung von Geistes- und Tatmensch. In der römischen Republik findet dann ein Paradigmenwechsel statt; das kontemplative Lebensmodell des Philosophen verliert seine Daseinsberechtigung fast gänzlich. Inwieweit Cicero dieser Entwicklung gegensteuert, zeigt Kapitel 3.3 dieser Arbeit.

Mit Augustinus schließlich (Kapitel 3.4) wird ein kurzer Blick auf einen Theoretiker geworfen, der die Übernahme des antiken Denkmodells in die christliche Ethik markiert. Dabei wird deutlich, dass die Gegenüberstellung von vita activa und vita contemplativa dem christlichen Weltverständnis de facto zuwiderläuft. Mit Platon, Aristoteles, Cicero und Augustinus sind zugleich auch die wichtigsten Quellen der Renaissance-Humanisten benannt.

Vor diesem geistesgeschichtlichen Hintergrund wird in Kapitel 4 untersucht, welche Haltung Thomas Morus hinsichtlich des tradierten Widerstreits der beiden konkurrierenden Lebensentwürfe einnimmt. Bevor jedoch die Dialogpartner und ihre jeweilige Argumentationsstruktur untersucht werden, wird in Kapitel 4.1 ein kurzer Blick auf das von Morus begründete literarische Subgenre der Utopie geworfen. Hierbei zeigt sich, dass die neuzeitliche Utopie ein intellektualistisches Konstrukt ist, das den verborgenen Wunsch des Theoretikers nach einer aktiven Wirklichkeitsgestaltung reflektiert. In Kapitel 4.2 werden die semifiktionalen Dialogpartner Morus und Aegidius untersucht; Kapitel 4.3 beleuchtet mit Raphael Hythlodaeus die zentrale Figur der Utopia. Dabei wird deutlich, dass Raphael vom Autor als idealtypischer Philosoph angelegt ist, der als solcher die ursprünglichste Form der vita contemplativa repräsentiert. Auch zeigt sich, dass die Figuren bereits die Grundzüge des sich erst zur Mitte des 16. Jahrhunderts vollständig entfaltenden Gentleman-Ideals aufweisen. Da der Gentleman sich durch eine weltläufige und lebenspraktische Grundhaltung auszeichnet, ergibt sich ein starker Kontrast zwischen den Dialogpartnern, der eine wirkungsvolle Inszenierung des Konflikts zwischen vita activa und vita contemplativa ermöglicht.

In Kapitel 4.4. wird schließlich untersucht, inwieweit Morus im Dialogue of Counsel eine Bewertung der konkurrierenden Lebensmodelle vornimmt. Hier wird die These vertreten, dass Morus eine ambivalente Haltung zur diskutierten Frage der politischen Beratung hat und dass er sich einer verbindlichen Aussage bewusst enthält. Damit attestiert Morus im Dialogue of Counsel zugleich die Fremdheit des Philosophen in der Welt, die schon Platon im Gorgias und im Theaitetos behandelt.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Thomas Morus und der englische Humanismus 8
2.1 Zum Begriff des Humanismus: Schwierigkeiten einer Definition 8
2.2 Der englische Humanismus im europäischen Kontext 11
2.3 Thomas Morus: „The king's good servant, but God's first“ 19
3. Zur Geistesgeschichte von vita activa und vita contemplativa 32
3.1 Platon: Die Untrennbarkeit von Theorie und Praxis 33
3.2 Aristoteles: Das Primat der Kontemplation 38
3.3 Cicero: Philosophie als Bildungsgut 40
3.4 Augustinus: Handeln als Notwendigkeit 46
4. Vita activa und vita contemplativa im ersten Buch von Thomas Morus' Utopia 51
4.1 Die Utopie der Neuzeit: Kritik und Gegenbild 52
4.2 Die Figuren Thomas Morus und Petrus Aegidius 59
4.3 Die Figur Raphael Hythlodaeus 64
4.4 Der Dialogue of Counsel als Problematisierung des Konflikts zwischen vita activa und vita contemplativa 78
4.4.1 Im Dienste des Königs: These und Antithese 80
4.4.2 Die Morton-Episode: Ein zweifelhaftes Exemplum 83
4.4.3 Der Philosoph als Staatsmann: Platon versus Platon 86
4.4.4 Die rhetorische Strategie der Dialogpartner 90
4.4.5 Die Fremdheit des Philosophen in der Welt 94
4.4.6 Die Unvereinbarkeit von vita activa und vita contemplativa 102
5. Schlussfolgerungen 106
6. Literaturverzeichnis 109

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Thomas Morus und der englische Humanismus 8
2.1 Zum Begriff des Humanismus: Schwierigkeiten einer Definition 8
2.2 Der englische Humanismus im europäischen Kontext 11
2.3 Thomas Morus: „The king's good servant, but God's first“ 19
3. Zur Geistesgeschichte von vita activa und vita contemplativa 32
3.1 Platon: Die Untrennbarkeit von Theorie und Praxis 33
3.2 Aristoteles: Das Primat der Kontemplation 38
3.3 Cicero: Philosophie als Bildungsgut 40
3.4 Augustinus: Handeln als Notwendigkeit 46
4. Vita activa und vita contemplativa im ersten Buch von Thomas Morus' Utopia 51
4.1 Die Utopie der Neuzeit: Kritik und Gegenbild 52
4.2 Die Figuren Thomas Morus und Petrus Aegidius 59
4.3 Die Figur Raphael Hythlodaeus 64
4.4 Der Dialogue of Counsel als Problematisierung des Konflikts zwischen vita activa und vita contemplativa 78
4.4.1 Im Dienste des Königs: These und Antithese 80
4.4.2 Die Morton-Episode: Ein zweifelhaftes Exemplum 83
4.4.3 Der Philosoph als Staatsmann: Platon versus Platon 86
4.4.4 Die rhetorische Strategie der Dialogpartner 90
4.4.5 Die Fremdheit des Philosophen in der Welt 94
4.4.6 Die Unvereinbarkeit von vita activa und vita contemplativa 102
5. Schlussfolgerungen 106
6. Literaturverzeichnis 109

Textprobe:

Kapitel 4.4, Der Dialogue of Counsel als Problematisierung des Konflikts zwischen vita activa und vita contemplativa: What commoditie, strength, and consolation it is to a realme, to have honourable, wyse, and circumspect counsaylours, attendynge on the person of the chiefe governour: Contrarywise in the lacke of them, what incommodytie, debilitie, and desolation, happeneth to the realme, where the prince lacketh suche counsaylours, whom Aristotle calle his eies, his eares, his handes, and his fete.

Der Dialog im ersten Buch der Utopia, der sich mit dem Thema der politischen Beratung auseinandersetzt, wird in der Utopia-Forschung seit Hexter allgemein mit dem Terminus Dialogue of Counsel bezeichnet. Im Dialogue wird die Frage erörtert, ob ein Philosoph in den Dienst eines Königs treten sollte, um mit seinem Rat dem Herrscher zu tugendhaftem Handeln zu verhelfen. Neben dieser Frage werden im ersten Buch zwei weitere Themen behandelt.

Die Missstände in der englischen Innenpolitik sowie die außenpolitischen Praktiken europäischer Fürsten. In seiner Kritik an der Innen- und Außenpolitik stimmt Morus Raphael zu: „To be sure, my dear Raphael you have given me great pleasure, for everything you have said has been both wise and witty.” In der Frage der politischen Beratung erlangen die Dialogpartner jedoch keine Einigung. Diese Frage aber ist die zentrale. „Ihre Bedeutung wird schon daraus ersichtlich, daß sie dreimal angegangen wird und aus ihrer Diskussion die beiden anderen Themenkreise erwachsen.” Das Problem der politischen Beratung bildet also den inhaltlichen Kern des ersten Buches. Dabei kann die zur Debatte stehende Frage mit J.H. Hexter lauten: „What are the central issues bearing on whether men like Hythloday and More, concerned to better the world and knowing how it can be bettered, shall put their talents at the disposal of a ruler?” In diesem Diskussionspunkt differieren die Standpunkte erheblich: Auf der einen Seite steht Raphael, der ein politisches Engagement weit von sich weist, auf der anderen Seite stehen Morus und Aegidius, die im Dienst für den Staat eine moralische Pflicht erkennen.

Wie wir sehen werden, kulminiert die Diskussion in der These des Morus, an den Fürstenhöfen sei kein Platz für eine akademische Philosophie (philosophia scholastica); jedoch sei eine pragmatische Philosophie (philosophia civilior) ein geeignetes Mittel der politischen Einflussnahme. Diese von Morus getroffene Unterscheidung zwischen philosophia scholastica und philosophia civilior erscheint jedoch von zweifelhaftem analytischen Wert, sie verdeckt zudem das eigentliche Problem der politischen Beratung, indem suggeriert wird, eine Synthese aus abstrakter Philosophie und konkreter Politik sei realisierbar.

Was der Debatte zwischen Morus und Raphael jedoch tatsächlich zugrunde liegt, ist das antithetische Verhältnis zwischen vita activa und vita contemplativa, zwischen dem otium des Gelehrten und dem negotium des Politikers. Wie gezeigt wurde, besteht seit jeher ein Gegensatz zwischen dem Philosophen als Repräsentant des kontemplativen Lebensideals und dem Politiker, dem Repräsentanten des aktiven Lebensideals. Mit dem Dialogue of Counsel behandelt Thomas Morus den zeitlosen, aber für die Renaissance-Humanisten hochaktuellen Widerstreit zwischen Macht und Geist. Dabei steht Raphael für das athenische Menschenbild, in dem die Philosophie noch die höchste und edelste Lebensform darstellt. Morus hingegen verkörpert das römisch-patriotische Ideal, welches Philosophie nicht mehr als Daseinszweck akzeptiert, weil der Dienst an der Gemeinschaft als das höchste Gut angesehen wird. Insofern kann der Konflikt zwischen vita activa und vita contemplativa, wie er im ersten Buch der Utopia in Szene gesetzt wird, auch als ein Widerstreit zwischen dem griechischen und dem römischen Menschenbild gelten.

Im Folgenden soll weiter gezeigt werden, dass der Konflikt zwischen der Kontemplation des Philosophen und der Aktion des Politikers, anders als von der Figur Morus suggeriert, de facto unlösbar ist und dass dies dem Autor Morus auch bewusst ist. Hieraus ergibt sich als weitere These, dass Morus keine der Positionen als höherwertig darstellt. Darauf deutet schon der Umstand hin, dass Morus sich der für ein moralisches Dilemma am besten geeigneten literarischen Form, nämlich der des Dialogs, bedient. Sie ermöglicht es ihm, die dialektische Spannung zwischen vita activa und vita contemplativa zu dramatisieren, ohne dass am Ende eine der Positionen als richtig oder falsch dasteht. Es bleibt dem Leser überlassen, zu entscheiden, welche der Positionen überzeugender ist.

Arbeit zitieren:
Wenge, Ingrun November 2005: Der Philosoph als Staatsmann?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Neuzeit, Renaissance, Philosophie, Humanismus, Thomas Morus

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